Willi Eichler und der SPD-Bezirk Mittelrhein in der frühen Nachkriegszeit

Ernesto Harder

Willi Eichler in seiner kölner Wohnung, 1950

Vor 60 Jahren1, im Sommer 1947, wurde Willi Eichler zum Vorsitzenden der SPD im Bezirk Mittelrhein gewählt. Der Bezirk hieß damals noch „Obere Rheinprovinz“ und wurde ab dem Bezirksparteitag Ende Mai 1948 in „Mittelrhein“ umbenannt.2 Eichler entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg vom ausgeschlossenen Vorsitzenden einer sozialistischen Splittergruppe, des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK), zum Architekten des Godesberger Programms von 1959. Unmittelbar nach dem Eintritt Eichlers in die SPD Ende 1945, setzte er sich mit aller Kraft für den Wiederaufbau der SPD ein, wurde im Mai 1946 in den ersten Parteivorstand gewählt und nahm mit dem Vorsitz des SPD-Bezirks eine weitere Schlüsselstellung ein.3
Diesen erfolgreichen Start in der SPD hatte sich Eichler selbst ermöglicht – bereits im Herbst 1945 reiste er durch Deutschland und hielt Vorträge vor der sich wieder versammelnden SPD-Basis, führte eine Vielzahl an Gesprächen mit Sozialdemokraten und Gewerkschaftern und erlangte einen herausragenden Ruf. „Menschen wie er, die über politische Überzeugungskraft und Erfahrung sowie eine umfassende Bildung verfügten, waren nach zwölf Jahren der Unterdrückung und erzwungenen politischen Abstinenz in Deutschland nicht sehr häufig.“4 Eichler war damit eine von mehreren profilierten Persönlichkeiten, die eine maßgebliche Rolle beim Aufbau der SPD nach 1945 spielen sollten.

Eichlers Vorgänger im Amt des Bezirksvorsitzenden war Robert Görlinger, einer der zentralen Wiederaufbau-Architekten der AWO in der Nachkriegszeit, aber auch der SPD in Köln und der angrenzenden Region.5 Die SPD Oberrhein wies mit ihren Protagonisten der frühen Nachkriegszeit, zu denen auch Heinz Kühn6 zu zählen ist, eine Besonderheit auf: eine starke Mischung von „Einheimischen“ und „Remigranten“, also politischen Exilanten, die Deutschland nach der Regierungsübernahme durch die Nazis verlassen mussten, um der Verhaftung zu entgehen und die so bald wie möglich zurück kamen, um ihren Beitrag beim Wiederaufbau zu leisten.7

Die Verfolgungen durch die Nazi-Diktatur und die Erfahrung des Exils sind prägende Erfahrungen dieser Generation. Die zeitnahe Rückkehr nach Deutschland nach Kriegsende machten diese Männer jedoch zu zentralen Figuren des Wiederaufbaus der SPD im Bezirk Mittelrhein. Robert Görlinger kam im Juli 1945 zurück nach Köln. Er hatte Deutschland im März 1933 verlassen, wurde im Mai 1941 im besetzten Frankreich verhaftet und war im Mai 1945 aus dem KZ Sachsenhausen von den Briten befreit worden. Heinz Kühn entging der bevorstehenden Verhaftung, indem er ebenfalls im März 1933 Deutschland verließ. Er verbrachte die Zeit der Nazi-Diktatur im Exil in Prag und Brüssel, bis er im Dezember 1945 nach Köln kam, um gemeinsam mit Willi Eichler für die „Rheinische Zeitung“ zu arbeiten und die SPD vor Ort wieder aufzubauen. Eichler wurde nach Köln gebeten, um als Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“ zu arbeiten. Eichler hatte sich im Exil als Vorsitzender des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) und als Journalist einen Namen gemacht.

Der ISK entstand 1926 als eigenständige Partei und Nachfolgeorganisation des Internationalen Jugendbundes (IJB – 1917/18 gegründet) als Reaktion auf den Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD. Beide Organisationen wurden von Leonard Nelson gegründet, einem Göttinger Philosophie-Professor, der seine neukantianischen Lehren in ihnen umsetzte. Seine Lehren beinhalteten einen ethisch begründeten Sozialismus, der antiklerikal, antimarxistisch und demokratiekritisch geprägt war. Nelson war Mentor Willi Eichlers, der als Privatsekretär für ihn arbeitete, bis er 1927, nach dem Tod Nelsons, zu dessen Nachfolger wurde.8

Wichtigstes Handlungsfeld Eichlers im ISK war neben den Alltagsaufgaben des Vorsitzenden die journalistische und publizistische Arbeit. Der ISK brachte zahlreiche Publikationen sowie auch eigene Zeitungen heraus, veröffentlichte Schriftenreihen und führte Verlage. Für die geringe Größe der Organisation ist die publizistische Aktivität des ISK überproportional groß gewesen. Verantwortlich dafür war der journalistisch begabte Autodidakt Willi Eichler.9

Willi Eichler, der Vorsitzende des ISK

Am 26. Januar 1946 bereitete sich Willi Eichler vor, seine Wohnung in Welwyn Garden in der Nähe Londons zu verlassen. Nach über 12 Jahren des Exils10 ging es nun zurück nach Deutschland. Als Vorsitzender des ISK hatte sich Eichler im November 1933 gezwungen gesehen, Nazi-Deutschland verlassen. Zu gefährlich war die Situation für den Vorsitzenden der kleinen Organisation geworden, die nie mehr als 300 Mitglieder hatte, aber im gesamten Reichsgebiet in den verschiedenen Organisationen der Arbeiterbewegung sehr aktiv war. Während der Weimarer Republik spielte die politische Bildungsarbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine zentrale Rolle bei den ISK-Aktivitäten. Der ISK ging davon aus, dass in jedem Menschen Weisheit und politische Führungsqualitäten steckten, die mit der richtigen Ausbildung, Konzentration und Disziplin ans Tageslicht gebracht werden könnten. Darüber hinaus waren Eichler und die ISK-Mitglieder publizistisch sehr aktiv. Alle Mitglieder mussten sich sowohl praktisch als auch theoretisch weiterbilden und sich in den Organisationen der Arbeiterbewegung engagieren. An der Basis der verschiedenen Organisationen waren die ISK-Leute auf Grund ihrer Fähigkeiten in der Regel gern gesehen. Die Ansprüche an die Mitglieder und insbesondere an die Führungsebene im ISK waren sehr streng. Zum Beispiel war der Konsum von Fleisch, Tabak und Alkohol untersagt, um den Geist zu disziplinieren und den Körper zu stärken. Auf Grund dieser Anforderungen haftete dem ISK ebenso wie seiner Vorgängerorganisation, dem Internationalen Jugendbund (IJB), häufig der Ruf einer Sekte an, was u.a. zum Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD 1925 führte.

In den beginnenden 1930er Jahren konzentrierten sich Eichler und der ISK auf den Kampf gegen den Nationalsozialismus, da sie früh die Gefahr ahnten, die von Hitler ausging. Im Gegensatz zu vielen größeren Organisationen der Arbeiterbewegung ging der ISK nicht davon aus, dass es sich bei dem „Nazi-Spuk“ um eine Erscheinung handelte, die bald in sich zusammenbrechen würde. Insbesondere warben Eichler und der ISK für die Schaffung einer Einheitsfront gegen Hitler und die Nationalsozialisten. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Herausgabe einer eigenen Tageszeitung mit dem Titel „Der Funke“, die ab 1932 in Berlin erschien. Die Veröffentlichung einer täglichen Ausgabe war für eine so kleine Gruppierung eine große organisatorische Herausforderung. Nach der Übernahme der Nazis gingen die ISK-Mitglieder in den Widerstand. „Hitler bedeutet Krieg“, war die Parole, die der ISK auf vielfältige Weise verbreitete. Im deutschen Reich wurde ein Widerstandsnetz aufgebaut, das bis 1938 bestand; im Exil wurden Zeitschriften und Flugschriften gegen die Nazis veröffentlicht und gedruckt, um sie nach Deutschland einzuschmuggeln. Auch wurde Geld gesammelt und verdient, um die illegale Widerstandsarbeit innerhalb Deutschlands zu finanzieren. Dazu betrieben die ISK-Mitglieder u.a. vegetarische Restaurants z.B. in Paris, bis zur Besetzung der Wehrmacht, und auch in London, wohin die Exil-Leitung des ISK mit Willi Eichler nach Kriegsbeginn 1939 ihren Sitz verlegte.

Willi Eichler, der Exil-Journalist

In London wurde weiter publiziert; der ISK wollte zeigen: „es gibt auch andere“11 – Deutsche, die gegen den Krieg und den nationalsozialistischen Terror sind. Zeitungen und Flugblätter informierten über den weltweiten Kampf gegen den Faschismus und das „Dritte Reich“ Adolf Hitlers. Ab Dezember 1941 gab Eichler zum Beispiel die in der regel alle 14 Tage erscheinende Zeitschrift „Europe Speaks“ heraus, die eingehende Berichte aus dem europäischen Widerstand brachte.12 Die Informationen erhielt Eichler meistens von einem ISK-Kontaktmann, der in der Schweiz und im unbesetzten Frankreich ein Unterstützungsnetzwerk für den Widerstand aufgebaut hatte und so auch in der Lage war, exklusive Informationen über den Widerstand gegen Hitler und die Kriegshandlungen der Nazis zu sammeln und an Eichler weiterzugeben. Eichler bediente mit diesen Informationen vom Festland öffentliche Organe wie Rundfunk und Presse sowie einen ausgesuchten Leserkreis. Der Informationsfluss, der wegen der kriegsbedingten Ausfälle der Postzustellung zeitweise aussetzte, aber bis zum Kriegsende dennoch anhielt, verschaffte Eichler in London durch die Exklusivität seiner Informationen eine privilegierte Position, die er geschickt nutzte. Damit gewann er Einfluss auf die politische Diskussion und erlangte Bekanntheit als Journalist.13

Willi Eichler und sein Weg in die SPD

Sitzung des SPD-Parteivorstandes in Bonn, 1958 (v.l.n.r.) Wilhelm Mellies, Erich Ollenhauer, Herta Gotthelf, Max kukil, Willi Eichler, Fritz Heine

Um im Exil stärker auf die britische Öffentlichkeit und Administration einwirken zu können, intensivierte der ISK unter Willi Eichler seine Bündnisarbeit mit anderen Exil-Organisationen der deutschen Arbeiterbewegung, insbesondere in der „Union Deutscher sozialistischer Exilorganisationen“. Dort wurden gemeinsam mit der Exil-SPD unter Erich Ollenhauer und mit anderen kleinen sozialistischen Organisationen wie Neu Beginnen und der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) Pläne für die Zukunft Deutschlands als demokratischer Staat und für den Aufbau und Charakter einer gemeinsamen Sozialdemokratischen Partei entwickelt. Bei dieser Zusammenarbeit entstanden starke personelle Bande zwischen den Exilanten der verschiedenen Organisationen; so verband zum Beispiel Eichler seit London eine enge Freundschaft mit dem späteren SPD-Vorsitzenden Erich Ollenhauer.

Zum Ende des Krieges hatte der ISK bis auf einzelne Mitglieder in Deutschland keine bestehenden Organisationsstrukturen mehr. Außerhalb Deutschlands waren die Mitglieder in der ganzen Welt zerstreut. Eichler reiste von August bis Oktober 1945 nach Deutschland, was keine Selbstverständlichkeit war, sondern Eichlers besondere Privilegien und sein Ansehen in der Administration der Alliierten belegt. In Deutschland besuchte er ISK-Mitglieder in verschiedenen Städten aber auch viele Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Dabei wurde auch über die zukünftige Struktur des ISK diskutiert und Eichler stellte fest, dass eine eigene kleine Organisation außerhalb der SPD nach den Erfahrungen der zwölf Jahre Nazidiktatur keinen Sinn haben konnte. Insbesondere nach der produktiven Zusammenarbeit in London war es naheliegend, gemeinsam unter dem Dach der SPD zu agieren, um den Wiederaufbau Deutschlands zu gestalten und eine Wiederholung der erlebten Katastrophen zu verhindern. Man beschloss daher, „trennende Gesichtspunkte zurückzustellen und der sich neu-bildenden SPD beizutreten.“14 Im August 1945 trafen sich Eichler und Kurt Schumacher in Hannover. Eichler stellte für die Aufnahme des ISK in die SPD folgende Bedingungen: „...wir wollen eigene Zeitschriften, einen eigenen Verlag, eigene Schulen haben und einen irgendwie organisatorischen Rahmen, in dem wir praktische Erziehung durchführen können… “.15 „Schumacher zeigte volles Verständnis für (die) … Forderungen und versprach, sie auf jedem sich konstituierenden Parteitag als berechtigt zu verteidigen.“16 Mit dieser Zusage im August-Gespräch war es für Eichler klar, dass der ISK in der SPD aufgehen würde. So geschah es Ende 1945 – der ISK wurde offiziell aufgelöst und seine Mitglieder wurden aufgerufen, der SPD beizutreten, soweit das nicht bereits geschehen war.

Willi Eichlers Rückkehr nach Deutschland

Anlass zur Rückkehr nach Deutschland war das Angebot Ende 1945, den Posten als Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“ in Köln zu übernehmen. Heinz Kühn, mit dem Eichler bereits seit längerer Zeit einen regen Briefwechsel pflegte, war bereits vorausgegangen und war Auslandsredakteur geworden. Die Nähe der „Rheinischen Zeitung“ zur Arbeiterbewegung hatte Tradition, war doch schon Karl Marx Redakteur einer Zeitung gleichen Namens gewesen; überdies hatte das unmittelbare Vorgängerorgan, die „Rheinische Zeitung“, bis 1933 als Presseorgan der Kölner Sozialdemokratie fungiert. So wurde die Neugründung der Zeitung durch die führenden Kölner Genossen Robert Görlinger und Hans Böckler mit dem Büro Schumacher in Hannover abgesprochen. Es war dann auch die rechte Hand Böcklers, das ehemalige ISK-Mitglied Werner Hansen, der Willi Eichler als Chefredakteur vorschlug.17 Für Eichler war die Verknüpfung von Journalismus und politischer Parteiarbeit sehr attraktiv, waren dies doch seine Hauptaktivitäten im ISK gewesen. Auf Grund der guten Kontakte zu den britischen Behörden erlangte er eine Einreisegenehmigung in die britische Besatzungszone im Rheinland. Die Zustände im zerstörten Köln werden am besten vom gebürtigen Kölner Heinz Kühn beschrieben: „Es war ein bedrückendes Erlebnis, diese beinahe unvorstellbare Trümmerwüste … zu sehen.“18

Willi Eichler, der Kölner Journalist

Eichler zog in die Petersbergstraße 73 in Klettenberg und begann sofort mit der Arbeit. Im Februar erhielt die Zeitung die Freigabe durch die britische Besatzung. Am 2. März 1946 kam die erste Ausgabe der „Rheinischen Zeitung – Tageszeitung für die Schaffenden am Rhein“ heraus, fast auf den Tag genau 13 Jahre, nachdem die Nazis sie Ende März 1933 verboten hatten.19

Willi Eichler schrieb, wie bei fast jeder Ausgabe, die er als Chefredakteur herausbrachte, den Leitartikel:

„Von all den Verbrechen, die das Naziregime an anderen Völkern und an dem eigenen begangen hat, ist wahrscheinlich das größte, daß man dem Volk zwar Zuckerbrot und Peitsche – je nach Laune der Diktatoren – zukommen ließ, daß aber niemals und in keiner Weise wirkliche Aufklärung und freie Kritik gestattet war. Ohne eine frei sich bildende öffentliche Meinung bleibt jeder Staat und auch jede andere Gemeinschaft ein bloßer Sklavenhaufen, innerhalb dessen alles Mögliche an ‚Aufbauarbeit’ erreicht werden mag – nur nicht eine Demokratisierung des öffentlichen Lebens. Ohne diese aber kann das deutsche Volk weder nach innen noch nach außen hin ein vollwertiges Glied in der Gemeinschaft der Völker werden… Einer solchen Aufgabe von Pressefreiheit widerstreitet es nur scheinbar, wenn unser Blatt, die „Rheinische Zeitung“, eine Richtungszeitung ist, eine sozialdemokratische Zeitung, also eine Presse, deren Mitarbeiter sich bereits ein bestimmtes politisches Weltbild erarbeitet haben, den Sozialismus. Auf diesen sind wir „festgelegt“, und wir werden (ihn) von uns aus nicht immer von neuem in Zweifel ziehen. Wohl aber werden wir auf jeden ernsten Gegner dieser Auffassung eingehen, der sie mit Gründen angreift.“

Deutlich wird Eichlers ausgeprägtes Demokratieverständnis und sein Anspruch, sowohl Journalist als auch Richtungspolitiker zu sein.20

Neben seiner Arbeit in der „Rheinischen Zeitung“ brachte er ab 1946 bis zu seinem Tod 1971 die Zeitschrift „Geist und Tat“ heraus. Sie ist in der Tradition der älteren ISK-Zeitschriften gehalten und veröffentlichte gerade in den ersten Jahren inhaltliche Beiträge zum Marxismus-Verständnis inner- und außerhalb der SPD – der Schwerpunkt lag in der Theoriediskussion über die Ausprägung des demokratischen Sozialismus. Die Zeitschrift stand zwar auch Autoren offen, die nicht im ISK gewesen waren, aber in der Regel kamen die Artikel aus den Reihen der ehemaligen ISK-Mitglieder.

Willi Eichler, der SPD-Politiker der frühen Nachkriegszeit

Parallel zu seinen journalistischen Bemühungen begleitete Eichler den Aufbau der SPD in Westdeutschland. Er hielt regelmäßigen Kontakt zum Büro Schumacher in Hannover, half bei den Vorbereitungen zum ersten SPD-Parteitag und beteiligte sich daran vom 9. bis zum 11. Mai 1946. Auf diesem ersten Parteitag wurde Eichler in den Parteivorstand gewählt. 258 Delegierte aus den Westzonen kamen nach Hannover – Eichler erhielt 178 Stimmen.21

Auch lokale Belange kümmerten ihn, nicht nur als Kölner Journalist und Chefredakteur einer Zeitung, die zugleich Themen aus Köln und Bonn aufnahm. So unterstützte Eichler die Bemühungen der Kölner Genossen, die Stadtverwaltung zu entnazifizieren.22

Zahlreiche Anfragen brachten Eichler, kaum dass er in Deutschland angekommen war, in die neu entstehenden SPD-Unterbezirke, -Kreise und Arbeitsgemeinschaften im Bezirk Mittelrhein, aber auch in andere Regionen Westdeutschlands, in denen er Reden zu den Grundsätzen des demokratischen Sozialismus hielt.23 Häufig hielt er auch Reden in der Öffentlichkeit zur aktuellen politischen Situation, zum Beispiel zur Innenpolitik: „Über zwei Dutzend Länder, fünf Zonen, ein Volk, ein Reich?“, am 23.2.1947 in Köln-Müheim.24 Aber auch außenpolitische Vorträge werden von Eichler gehalten, wie etwa zu den Themen „Deutschland und Europa“ oder „Deutschland von England aus gesehen“. Ein besonderes Anliegen war Eichler die Gewinnung der jungen Generation für die Sozialdemokratie. Dabei ging es Eichler vor allem um die Demokratisierung der Jugend, die unter der Nazi-Diktatur aufgewachsen war und am stärksten unter ihrem Einfluss gestanden hatte. Darüber hinaus war Eichler der Kontakt und die enge Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften wichtig – die Rolle eines Kontaktmanns zu den Gewerkschaften nahm er auch im Parteivorstand der SPD wahr.

Willi Eichler, der Vorsitzende der SPD-Mittelrhein

Spätestens Ende 1946 sprang Eichler gelegentlich in Vertretung des Bezirksvorsitzenden Robert Görlinger als Redner im Bezirk ein. Eichler bemühte sich schon als Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“ den Funktionärskreis im Bezirk zu reorganisieren und zu koordinieren. Er bewirkte eine engere Zusammenarbeit zwischen der Redaktion und den Parteifunktionären, um eine wirksame Unterstützung der Zeitschrift im Wahlkampf zu ermöglichen, insbesondere für die Kommunalwahl im Oktober 1946 und die Landtagswahl im April 1947. Aber auch außerhalb der Wahlkämpfe setzte sich Eichler für eine „hieb- und stichfeste Berichterstattung über das politische und soziale Geschehen innerhalb unseres Bezirks“ ein.25 Dazu versuchte er die Funktionäre zu animieren, regelmäßig Berichte über die Parteiaktivitäten an die Redaktion zu schicken. Die regelmäßige Berichterstattung war bereits im ISK ein Instrument, das dazu gedient hatte, die Mitglieder zu einer systematischeren politischen Arbeit zu führen. Damit wurde Eichler einer der Protagonisten des Bezirks, insbesondere im ersten Landtagswahlkampf in NRW, nach dem Eichler als Abgeordneter in den ersten Landtag einzog.26

Sam Watson (1898-1967), Gewerkschafter und Vorstandsmitglied der britischen Labour Party, und Willi Eichler auf dem Parteitag in Düsseldorf, 1948

Eichlers Schritt zum Vorsitz des SPD-Bezirks war zu diesem Zeitpunkt schon nahe liegend, betrachtet man die vielseitigen Aktivitäten seines Vorgängers Robert Görlinger, der ebenfalls in den Landtag eingezogen war und in der Kölner Kommunalpolitik eine zentrale Rolle spielte. Auf dem Bezirksparteitag in Bonn im Sommer 1947 wurde Eichler zum ersten Vorsitzenden gewählt – zweiter Vorsitzender wurde der Bonner Franz Heinen,27 der bereits vor dem Krieg Stadtverordneter für die SPD in Bonn gewesen war und nach dem Krieg wieder der SPD beigetreten war. An dieser personellen Kombination zeigt sich die Besonderheit beim Bezirksvorstand Mittelrhein – die Mischung aus Einheimischen und Exilanten wie Heinen und Eichler.

Besonders betonenswert bei Eichlers Vorsitz ist seine Bereitschaft und Fähigkeit, sowohl innerhalb der Partei als auch in der Öffentlichkeit in ganz Westdeutschland über alle bedeutenden politischen Themen seiner Zeit zu referieren und zu diskutieren. Dabei sprach er auch unbequeme Themen an, die andere außen vor ließen. Bezeichnend dafür ist die Rede Eichlers, die er auf dem Bezirksparteitag erstmals mit dem Namen Mittelrhein vom 29./30. Mai 1948 gehalten hat. Die Rede, die seine Wiederwahl zum Vorsitzenden einleitete, enthält ein Bekenntnis zur Demokratie und eine Abrechnung mit dem damals allgegenwärtigen Besatzungsstatut:

„Die Demokratie, soviel ist sicher, … selbst in der Form, wie sie sich in Westdeutschland präsentiert, von Ostdeutschland gar nicht zu reden, ist gewiß ein liberalerer, ein zivilisierterer, ein menschenwürdigerer Zustand als das Dritte Reich. … Unserer Demokratie fehlt die Grundlage. Sie ist ein Haus, bei dessen Bau wir uns zunächst um die Dachziegel und die Dachrinnen bemühen, obwohl wir noch keinen Keller gebaut und keine Ahnung haben, woher wir die Bausteine für das erste Stockwerk nehmen sollen. Und dazu kommt noch eines. Selbst wenn wir diese Demokratie besser einrichten wollten, können wir das gar nicht. Denn es gibt in Deutschland niemand, der ohne Druck, ohne Befehl und ohne ein Interventionsrecht politisch handeln könnte. Die Besatzungsmächte haben praktisch über jede einzelne Tat der Deutschen die Kontrolle nicht nur, sondern auch das Einspruchsrecht. Und da kommen wir zu einem Versuch, daß wir uns etwas einreden, was nicht da ist. Wir reden davon, daß Nordrhein-Westfalen sich eine Verfassung gibt, daß Bayern das getan hat. Da stehen einige Grundrechte garantiert. Sie sind in Wahrheit nicht garantiert. Jeder Offizier der Besatzungsmacht kann sie brechen. Alles steht nur auf dem Papier. Es ist in Wirklichkeit eine Sammlung von frommen Wünschen und das ist kein Zustand für eine Demokratie.“28

Eichler machte mit einfachen Worten auf grundsätzliche Probleme aufmerksam, in diesem Fall auf das allgemeine Demokratiedefizit des Besatzungsstatuts, ohne freilich zu verkennen, dass diese Situation im Vergleich mit dem NS-Staat Reich eindeutig als Fortschritt zu bezeichnen war. Es ist auffallend, mit welcher Leichtigkeit Eichler die politische Einflussnahme der Alliierten darstellte und dabei kritisierte – er prangerte die Defizite an und ignorierte eventuelle nachteilige Konsequenzen für die eigene Person.

Willi Eichler war nicht nur im Bezirk Mittelrhein eine politische Galionsfigur der frühen Nachkriegszeit, die zentral am Wiederaufbau der SPD beteiligt war. Neben seiner Mitgliedschaft im ersten nordrhein-westfälischen Landtag von 1947 bis 1948 war er von 1948 bis 1949 Mitglied des Frankfurter Wirtschaftsrats und 1949 bis 1953 Mitglied des Deutschen Bundestages. 1952 bis 1958 fungierte Eichler als eines der besoldeten Mitglieder des SPD-Parteivorstandes und danach als hauptamtliches Vorstandsmitglied der Friedrich-Ebert-Stiftung. Eichler hat am Entwurf und der Durchsetzung des Godesberger Programms der SPD entscheidend mitgearbeitet. Mit dem Godesberger Programm von 1959 vollzog die SPD den Schritt zur Volkspartei. Willi Eichler hat damit deutliche Spuren in der deutschen Sozialdemokratie hinterlassen.

Willi Eichler war mit Susanne Miller verheiratet und starb am 17. Oktober 1971 in Bonn.

Ernesto Harder lebt und arbeitet in Bonn. Als Politikwissenschaftler promoviert er über die politische Biographie Willi Eichlers .


1 Willi Eichler, * 7. Januar 1896 in Berlin; † 17. Oktober 1971 in Bonn.

2 Mit der Umbenennung 1948 wurden keine Grenzen verschoben. Der ehemalige Bezirk Obere Rheinprovinz beinhaltete vor der Zerschlagung der SPD durch die Nazis 1933 auch die Gebiete Saar und Koblenz. Nach dem Krieg entsprachen die neuen Grenzen des SPD-Bezirks denen der britischen Besatzungszone im Rheinland. Siehe Jahrbuch der SPD 1946 und 1948.

3 Vgl. hier und im Folgenden: Lemke-Müller, Sabine: Ethischer Sozialismus und soziale Demokratie; S. 206 ff.

4 Ebd. S. 207.

5 Robert Görlinger (* 29. Juli 1888 in Ensheim; † 10. Februar 1954 in Köln) war vor der Machtübernahme der Nazis AWO-Geschäftsführer in Köln und Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion und damit Gegenspieler Adenauers. Nach der Zeit der Emigration kam er zurück nach Köln und wurde 1945 – 1947 der erste Vorsitzende der SPD-Oberrhein. 1948-1949 und 1950-1951 war er der erste sozialdemokratische Oberbürgermeister Kölns. Von 1946 bis 1949 war er der erste Vorsitzende der AWO nach Ende des Zweiten Weltkrieges. 1946 bis 1948 war er Mitglied des Zonenbeirates. 1946/47 gehörte Görlinger denbeiden ernannten Landtagen von Nordrhein-Westfalen an, anschließend war er bis zum 3. September 1949 Mitglied des ersten gewählten Landtages. Dem Deutschen Bundestag gehörte er seit der ersten Bundestagswahl 1949 bis zu seinem Tode an.

6 Heinz Kühn (* 18.2.1912; † 12.3.1992) war zur Zeit der Weimarer Republik mit 16 Jahren in der Sozialistischen Arbeiterjugend "Falken" und später in der Sozialistischen Studentenbewegung, im "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" und in der SPD. 1933 versuchte Kühn zunächst einen illegalen Parteiapparat mit aufrechtzuerhalten, musste aber noch im gleichen Jahr emigrieren. 1946 ging er als außenpolitischer Redakteur zur "Rheinischen Zeitung" in Köln. 1948 rückte er in den Düsseldorfer Landtag ein. Bei der Landtagswahl 1966 trat er als Spitzenkandidat der SPD an und wurde Ministerpräsident in Düsseldorf, was er bis 1978 blieb.

7 Vgl hierzu Hüttenberger, Peter: „Nordrhein Westfalen und die Entstehung seiner parlamentarischen Demokratie, S. 100.

8 Siehe dazu Link, Werner: Die Geschichte des IJB und des ISK, Marburg, 1964.

9 Eichler hatte nicht studiert, er war gelernter Kalkulator.

10 Eichler war im November 1933 aus Nazi-Deutschland über das Saarland geflüchtet. Nachdem er zunächst in Paris im Widerstand aktiv war und v.a. publizistisch, musste er im April 1938 Frankreich verlassen und kam über Luxemburg im Januar 1939 nach London. Vgl.: Lemke-Müller, Sabine: Ethischer Sozialismus – Soziale Demokratie, S. 100 ff. und S. 137 ff.

11 Dertinger, Antje: Der treue Partisan; S. 45.

12 Vgl.: Röder, Werner: Die deutschen sozialistischen Exilgruppen in Großbritannien; S. 46.

13 Siehe Klär, Karl-Heinz: Zwei Nelson-Bünde; S. 347.

14 Lemke-Müller, Sabine: Ethischer Sozialismus und soziale Demokratie; S. 187.

15 Willi Eichler; zitiert in: Lemke-Müller, Sabine: Ethischer Sozialismus und soziale Demokratie; S. 188.

16 Otto Bennemann; zitiert in Ebd.

17 Vgl.: Fuchs, Peter: Das schnelle Ende der sozialdemokratischen Presse in Köln; in: Sozialdemokratie in Köln, S. 273 ff.

18 Heinz Kühn an seine Frau Marianne Kühn, zitiert in: Düding, Dieter: Heinz Kühn 1912 - 1992: eine politische Biographie; S. 104.

19 Vgl.: Fuchs, Peter: Das schnelle Ende der sozialdemokratischen Presse in Köln, in: Sozialdemokratie in Köln, S. 277 ff.

20 Konsequenter Weise verließ Eichler die Zeitung 1951, nachdem die Fusion mit einer anderen Zeitung, dem Rhein-Echo, und damit eine politisch neutrale Ausrichtung der Zeitung angesteuert wurde.

21 Siehe Osterroth, Franz / Schuster, Dieter: Chronik der deutschen Sozialdemokratie, Bd. 2; S. 73.

22 Brief Eichlers an Fritz Heine im Büro Schumacher in Hannover vom April 1946: Beschreibung der Vorgehen der Genossen in Köln gegen naziverseuchte Stadtverwaltung – Besetzen der leitenden Stadtverwaltungsposten angestrebt aber auch erschwert durch Einschüchterungen der Verwaltung. Im Archiv der sozialen Demokratie; Bestand Willi Eichler, Box 108.

23 Vgl. hier und im Folgenden: Archiv der sozialen Demokratie, Bestand Willi Eichler 1946-1947, Box 108, 109.

24 Einladung Eichlers zur Informationsreihe in Köln-Mülheim des Bezirks Obere Rheinprovinz, vom 3. Januar 1947; Archiv der sozialen Demokratie, Bestand Willi Eichler 1946-1947, Box 109.

25 Zitat Willi Eichler in einem Rundschreiben an die Funktionäre des Bezirks der Sozialdemokratischen Partei Obere Rheinprovinz. Ohne Datum. Die Erwähnung eines Wahlkampfes lässt die zeitliche Nähe zur Kommunalwahl im Oktober 1946 oder zur ersten Landtagswahl im April 1947 vermuten. Archiv der sozialen Demokratie, Bestand Willi Eichler 1947, Box 109.

26 Die Wahl war für die SPD allerdings kein Erfolg – die SPD erhielt nur 64, die CDU 92, KPD 28 und das Zentrum 20 Sitze. 37,5 Prozent der gültigen Stimmen entfielen auf die CDU, 32 Prozent auf die SPD, 14 Prozent auf die KPD, 9,8 Prozent auf das Zentrum, 5,9 Prozent auf die FDP, 0,8 Prozent auf sonstige Parteien und unabhängige Kandidaten.

27 Zu diesem Parteitag liegen kaum Informationen vor. Das Bezirks-Archiv ging verloren. Im Eichler-Bestand ist jedoch ein Protokoll zu finden mit dem 5. August 1947 im Briefkopf, aus dem allerdings nicht das Datum des Parteitages selbst hervorgeht. Archiv der sozialen Demokratie, Bestand Willi Eichler 1947, Box 109.

28 Archiv der sozialen Demokratie, Bestand Willi Eichler 1948, Box 4.