Es weihnachtet sehr... – eine Lithographie von Ilse Schütze-Schur

Peter Pfister


Ilse Schütze-Schur: Ohne Titel
Originallithographie, Handdruck (39,6 x 32,3 cm)

Geschaffen wurde diese Lithographie von der Künstlerin Ilse Schütze-Schur (1868-1923). Der um 1920 gestaltete Druck wurde von ihr im Handdruckverfahren hergestellt.1

Ilse Schütze-Schur wurde am 21. August 1868 als Ilse Schütze in Berlin-Charlottenburg geboren. Nach einem Aufenthalt in München, wo sie künstlerischen Unterricht nahm und dort auch einige Zeit als Künstlerin tätig war, kehrte sie nach Berlin zurück. 1901 trat sie dem „Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin" (VdKKB) bei und wurde 1909 Lehrerin für Graphik und Malerei an dessen Zeichen- und Malschule. Sie war Mitglied im Deutschen Lyceum-Club, einer Unterorganisation des Bundes Deutscher Frauen (BDF) und vergrößerte dort ihren künstlerischen Wirkungskreis. Von 1893 bis 1921 war sie nahezu jährlich bei der "Großen Berliner Kunstausstellung" mit ihren Werken vertreten.2

Wie viele andere Künstler ihrer Zeit betätigte sie sich auf dem Gebiet der Kunst und des Kunsthandwerks. Sie schuf Graphiken, Druckgraphiken sowie Farbdrucke und gestaltete Bucheinbände und Buchillustrationen. Darüber hinaus entwarf sie Buntglasfenster und Vorhängescheiben, aber auch Wandschirme, Möbelstücke, Einlegearbeiten usw. Blieb sie kunsthistorisch betrachtet bei dem Kunsthandwerk den traditionellen bzw. dekorativen Kunstrichtungen treu, so wandte sie sich bei ihren graphischen Arbeiten bald dem Expressionismus zu. Sowohl künstlerisch als auch im Hinblick auf die sozialkritischen Anklänge in ihrem graphischen Werk lässt sich der Einfluss von Käthe Kollwitz deutlich ablesen.3

Ihr gesellschaftskritisches Engagement zeigte sich nicht nur in ihrem frühen Eintreten in verschiedene Verbände der Frauenbewegung. Seit der Hochzeit mit dem Schriftsteller, Dichter und Kunstkritiker Ernst Schur 1905 war sie mit sozialdemokratischem Gedankengut in Kontakt getreten und schuf ausdrucksstarke Werke für verschiedene sozialdemokratische Publikationen.4 Besonders anschaulich lässt sich dies an der Gestaltung der Illustrationen für verschiedene Maifestzeitungen verfolgen – ein Engagement, dem sie bis zu ihrem Tode publizistisch treu blieb.5

Dennoch gehörten zum Spektrum ihres Wirkens stets auch andere, zeitgenössich-gefällige „unpolitische“ Motive.6 Die hier vorgestellte Lithographie ist zu einer Zeit von der Künstlerin geschaffen worden, in der sie sich schon dem Expressionismus zugewandt hatte. Hier ist dieser künstlerische Einfluss jedoch nicht auszumachen. Sie gestaltete dieses Werk offenbar für ein weihnachtliches Kinderbuch, auf dessen Einband wir uns diese Szene vorstellen dürfen.7 Ilse Schütze-Schur bediente sich häufig der Technik des Holzschnitts und der Radierung. Bei dem hier gezeigten Bild griff sie jedoch auf ein Verfahren zurück, das Alois Sennefelder (1771 – 1834) um 1897 entwickelt hatte. Er nannte es zunächst „Steindruck“ und fand später den Begriff „chemischen Druckerey“.8 Grundlage für dieses revolutionäre Flachdruckverfahren war Senefelders Erkenntnis, dass fettige Stoffe und Wasser sich abstoßen. Er hatte erkannt, dass die Buchstaben einer bedruckten Buchseite, wenn das Blatt durch verdünntes Gummiwasser gezogen und anschließend mit dünner Ölfarbe betupft wird, das Gummiwasser abstoßen und die Ölfarbe anziehen. Ein auf diese so präparierte Buchseite gepresstes, weißes Blatt übernahm die an den Buchstaben haftende Farbe seitenverkehrt.9

Die Übertragung dieses Verfahrens auf eine polierte Steinplatte ließ ihn schließlich erkennen, dass auch hier nur die vorher mit seiner fetthaltigen Farbe bezeichneten Bereiche die Gummiwasserlösung abstießen, die später aufgebrachte Druckerfarbe aber annahmen. Die nur mit Gummiwasser behandelten Bereiche stießen die Druckerfarbe ihrerseits ab und blieben weiß. Senefelder konnte auf diese Weise seitenverkehrte Abdrucke der Steinzeichnung in beliebiger Anzahl herstellen, ohne dass das Druckergebnis sich verschlechterte oder der Druckstock verschlissen wurde.10
Ganz anders verhielt es sich bei den bisherigen Druckverfahren wie der Radierung, dem Kupfer- oder Stahlstich sowie dem Holzschnitt. Hier war die Anzahl der Drucke durch den Verschleiß des Druckstockes, also der Druckplatte selber, begrenzt.

Das vergleichsweise günstige Flachdruckverfahren der Lithographie war somit gegenüber dem Hochdruckverfahren des Holzschnitts und dem Tiefdruckverfahren der Stiche und Radierungen als reines Reproduktionsmittel von Vorteil.11 Anfangs glaubte man sogar, es würde den Hoch- und Tiefdruckverfahren den Rang ablaufen oder diese gar verdrängen.12

Die Wende brachten die Expressionisten, die sowohl die Lithographie als auch die Radierung, die Stiche und den Holzschnitt für ihre ausdrucksstarken Werke nutzen. Ihnen kam es auf die spezifische Eigenschaft des jeweiligen Druckverfahrens an, da eine Lithographie, ein Holzschnitt oder eine Radierung ihren jeweils eigenen Charakter in der Wirkung erzielten.13
Noch heute werden die verschiedenen Druckverfahren in der Kunst gleichberechtigt angewandt, wobei sich die Lithographie insbesondere bei den nicht künstlerisch verwandten Druckverfahren durchgesetzt hat.14

Das AdsD verfügt in seinen Beständen mehrere Lithographien, Holz- und Linoleumschnitte sowie Radierungen im Original von Ilse Schütze-Schur, die hier angesehen werden können .

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1 Möglicherweise handelt es sich um eine Illustration des Gedichtes „Knecht Ruprecht“ von Theodor Storm. Allein schon die erste Zeile des Gedichtes „Von drauß’ vom Walde komm ich her; ich muss Euch sagen, es weihnachtet sehr!“ drängt sich bei der Betrachtung des Bildes nahezu auf. Vgl. Storm, Theodor: Knecht Ruprecht, in: Storm, Theodor: Sämtliche Gedichte in einem Band, Hrsg. von Dieter Lohmeier, Frankfurt/M. 2002, S. 128.

2 Zur Würdigung ihres künstlerischen Schaffens vgl. Pfister, Peter: Ilse Schütze-Schur – eine vergessene sozialdemokratische Künstlerin des frühen 20. Jahrhunderts, http://www.fes.de/archiv/internet/schuetze-i.htm, Bonn, 2003.

3 Darüber hinaus sind die Arbeiten der deutschen Jugendbewegung um Wilhelm Geißler sicherlich vorbildhaft gewesen. Vgl. Pfister, Peter: a.a.O.

4 Sie entwarf u.a. Illustrationen für die sozialistische Wochenschrift „Die neue Gesellschaft“, die von den Sozialdemokraten Heinrich und Lily Braun herausgegeben wurde. Vgl. Pfister, Peter: a.a.O.

5 Beispielsweise gestaltete sie für die Mainummer der „Arbeiter-Jugend“ von 1920 das Titelbild. Darüber hinaus illustrierte sie Werke ihres Mannes, der journalistischer Mitarbeiter der „Sozialistischen Monatshefte“ und der „Neuen Welt“ war und Gedichte für „Die Gesellschaft“ verfasste. Vgl. Pohl, Klaus Dieter: Allegorie und Arbeiter, Osnabrück 1986, S. 369f., sowie Pfister, Peter: a.a.O.

6 Vgl. Schütze-Schur, Ilse: Bunte Blumen aus dem Kindergarten, Duisburg o.J., und Schütze-Schur, Ilse: Fürs Kleinste das Feinste!, Duisburg o.J. Beide Werke sind zwischen 1910 und 1923 erschienen und zeigen Illustrationen aus verschiedenen Schaffensperioden der Künstlerin. Bei diesen einfühlsamen, für Kinder entworfenen Illustrationen ist keine künstlerische Entwicklung zu erkennen, obwohl sie aus verschiedenen Schaffensperioden der Künstlerin stammen.

7 Vgl Kipker, Kerstin: Von drauß’ vom Walde komm ich her... Die schönsten Weihnachtsgedichte, o. O., 1997. Dort befindet sich auf dem Einband eine vergleichbare Szenerie.

8 Senefelder, Alois: Vollständiges Lehrbuch der Steindruckerey, München 1818, S. 26 und 27. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde durch Freunde und Unterstützer Senefelders die Bezeichnung „Lithographie“ eingeführt. Vgl. Dolmen, Walter: Die Lithographie, Köln 1982, S. 20.

9 Die ersten Umdruckverfahren auf Flachdruckbasis gelangen Senefelder um das Jahr 1797. Da er aber selber das Jahr 1798 als Datierung der Erfindung der Lithographie angibt, ist eine auf das Jahr genaue Festlegung nicht möglich. Vgl. Weber, Wilhelm Aloys Senefelder. Erfinder der Lithographie, in: Grimm, Claus [Hrsg.]: Von Senefelder zu Daumier, Paris 1988, S. 14 sowie Senefelder, Alois, a.a.O., S. 27.

10 Senefelder benutzte Solenhofer Kalkschiefer als Druckstein. Vgl. Senefelder, Alois, a.a.O., S. 37.

11 Obwohl gerade der Holzschnitt bis weit in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts als bevorzugtes Reproduktionsmittel für Abbildungen in Zeitungen gewählt wurde. Vgl. Der Holzschnitt. Monatsschrift zur Pflege und Förderung des Holzschnitts, Nr. 17, Dezember 1926, S. 3-4.

12 In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts schuf Henri Daniel Plattel (1803 – 1889) das beredte Werk „Kupferstich und Lithographie raufen“ und thematisierte sehr anschaulich die Kontroverse um die Lithographie in der Druckkunst. Vgl. Grimm, Claus [Hrsg.]: Von Senefelder zu Daumier, Paris 1988, S. 32.

13 Vgl. Adhémar, Jean; Cogniat, Raymond: Europäische Graphik im 20. Jahrhundert, Paris und Hamburg o. J., S. 26ff.

14 So basiert beispielsweise der Offset-Druck auf dem Druckverfahren der Lithographie.