Christoph Stamm

Den Menschen durch Bildung mündig machen. Der bayerische Sozialdemokrat Waldemar von Knoeringen 1906 - 1971

Mit einem Festakt erinnern die bayerische Landtagsfraktion der SPD, die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Georg-von-Vollmar-Akademie am 10. Oktober 2006 im Münchner Maximilianeum an Waldemar von Knoeringen, der am 6. Oktober 1906 geboren wurde. Im Anschluss an den Festakt wird unter dem oben genannten Titel im Kreuzgang des Landtags eine Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung eröffnet, die im Archiv der sozialen Demokratie erarbeitet wurde.

Waldemar von Knoeringen, 1959 © AdsDWaldemar Freiherr von Knoeringen war einer der herausragenden deutschen Sozialdemokraten des 20. Jahrhunderts – nicht nur unter bayerischen Aspekten. Am 6. Oktober 1906 wurde er auf Gut Rechetsberg bei Weilheim (Oberbayern) als Sohn einer Familie des katholisch-schwäbischen Uradels geboren. Aus wirtschaftlichen Gründen machte Knoeringen ganz unstandesgemäß eine Lehre bei der AOK Rosenheim, bei der er bis 1927 arbeitete. 1923 schloss er sich dem (Arbeiter-)Touristenverein „Die Naturfreunde“ an, 1926 der SPD. Seit 1928 in München ansässig, widmete der rednerisch begabte Knoeringen sein Leben dem Kampf für die freiheitliche und soziale Demokratie und der Abwehr des Nationalsozialismus im „Reichsbanner Schwarz-Rot- Gold“ und der „Eisernen Front“ (bestehend aus Reichsbanner, Arbeitersportverbänden und freien Gewerkschaften). Ein langer Brief an seinen Großvater aus dem Jahr 1932, in dem er sein Engagement für die Sozialdemokratie begründete, zeigt, dass Knoeringen die „blutrünstigen Reden“ der Nationalsozialisten „von der Nacht der langen Messer, von den Massenerschießungen, dem Aufhängen aller Gegner, diese grenzenlose Verherrlichung der Barbarei und des Mordes“ sehr ernst nahm. Er gehörte zu denjenigen, die am 9. März 1933 bereit waren, das Münchner Gewerkschaftshaus mit Waffengewalt gegen die SA zu verteidigen. Die SPD-Führung ließ es jedoch nicht auf einen Bürgerkrieg ankommen, über dessen Ausgang sie sich angesichts der Kräfteverhältnisse keine Illusionen machte.

Von den Nationalsozialisten wurde Knoeringen 1933 zusammen mit seiner Verlobten und späteren Ehefrau Juliane Astner ins Exil getrieben. Im Auftrag des Exilparteivorstands der SPD (Sopade) unterstützte er als „Grenzsekretär“ den Widerstand von illegal gegen das nationalsozialistische Regime arbeitenden SPD-Mitgliedern in Oberbayern und Schwaben, zunächst von Österreich, dann von der Tschechoslowakei (Sudetenland) aus. Dabei sammelte er wie die anderen Grenzsekretäre unzensierte Informationen über die Situation im Reich, die im Ausland in den „Deutschland-Berichten der Sopade“ verbreitet werden. In ähnlicher Funktion wie für die Sopade arbeitete Knoeringen auch für die – nach ihrer Programmschrift so genannten - Gruppe „Neu Beginnen“. Diese wollte als verdeckt arbeitende Kaderorganisation die bestehenden Parteien der deutschen Arbeiterbewegung, insbesondere Kommunisten und Sozialdemokraten, zusammenführen und mit neuem revolutionär-sozialistischen Kampfgeist erfüllen. Diese doppelte Loyalität führte in den folgenden Jahren zu schwierigen Situationen und Konflikten.

1938 musste das Ehepaar Knoeringen nach Frankreich flüchten und wurde vom Deutschen Reich ausgebürgert. In Paris beteiligte sich Waldemar von Knoeringen an den – im wesentlichen erfolglosen – Bemühungen um einen Zusammenschluss der verschiedenen sozialistischen Exilgruppen und an der Ausarbeitung der programmatischen Schrift „Der kommende Weltkrieg“.

Ab August 1939 in Großbritannien, betrieb Knoeringen zusammen mit Fritz Eberhard (Hellmut von Rauschenplat), Richard Löwenthal, Karl Anders und Maria Jahoda und anderen Emigranten von Oktober 1940 bis Juni 1942 den „Sender der Europäischen Revolution“, der sich an die Arbeiter im deutschen Sprachraum richtete. Der Sender stellte seine Arbeit ein, als seine inhaltliche Unabhängigkeit durch die Forderungen der britischen Kriegspropaganda bedroht wurde. Knoeringen glaubte an die Chance, dass durch intensive politische Bildung die Basis für ein demokratisches Nachkriegsdeutschland gelegt werden könnte. Auch auf sein Drängen hin fassten die britischen Behörden antifaschistische Kriegsgefangene in speziellen „Re-education“-Lagern zusammen. Ab Sommer 1944 organisierte er selbständige Rundfunksendungen von Kriegsgefangenen für die Heimat und für die noch kämpfenden deutschen Truppen, und 1945/46 war er Dozent im Kriegsgefangenen-Schulungslager Wilton Park.

Auch der Vorstand der Exil-SPD hatte seinen Sitz nach London verlegt. Bei den ursprünglich von der SPD abgespaltenen Gruppen, der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) und der Gruppe „Neu Beginnen“ kam es unter dem Eindruck des gemeinsamen Emigrantenschicksals und der Erschütterung über den Hitler-Stalin-Pakt einerseits sowie der Erfahrungen mit der britischen parlamentarischen Demokratie andererseits zu einer Wiederannäherung der von der SPD abgespaltenen Gruppen an die SPD: SAP, ISK und „Neu Beginnen“ schlossen sich mit ihr im März 1941 in der „Union deutscher sozialistischer Organisationen in England“ zusammen. Einigendes Band war der Wille zum Wiederaufbau Deutschlands im Sinne eines freiheitlich-demokratischen Sozialismus. Auch die Programmatik von „Neu Beginnen“ veränderte sich in diese Richtung. Im Dezember 1945 lösten sich die Exilgruppen auf und bildeten die „Vereinigung deutscher Sozialdemokraten in Großbritannien“.

Im April 1946 nach Deutschland zurückgekehrt, wirkte Knoeringen in der bayerischen Verfassunggebenden Landesversammlung mit. Als in der ab Dezember 1946 amtierenden bayerischen Koalitionsregierung unter Hans Ehard (CSU) die SPD-Programmatik nicht durchzusetzen war, führte Knoeringen, jetzt Landesvorsitzender seiner Partei (bis 1963), die SPD im September 1947 in die Opposition. Unter seiner maßgeblichen Beteiligung arbeitete die SPD 1948 den „Aufbauplan A“ aus, in dessen Mittelpunkt der Wohnungsbau stand.

Als Beitrag zur Sicherung der Demokratie durch eine umfassende politische Bildung gründeten Knoeringen und die bayerische SPD 1948 die „Georg-von-Vollmar-Schule“ in Kochel am See, deren Ausrichtung Knoeringen bestimmte. In mancher Hinsicht fühlte sich Knoeringen als Nachfolger des namengebenden, 1922 verstorbenen großen bayerischen SPD-Führers Georg von Vollmar.

Bei der Landtagswahl im November 1950 wurde die SPD nach Anzahl der Stimmen stärkste Partei in Bayern, erreichte aber nicht die Mehrheit der Sitze. In einer Koalition mit der CSU und dem BHE konnte die SPD unter Knoeringen als Fraktionsvorsitzendem die Kommunalgesetze und die neuen Gemeinde- und Landkreisordnungen mit der Volkswahl der Bürgermeister und Landräte zu ihren Erfolgen rechnen. Nach der Landtagswahl 1954 gelang es Knoeringen, eine Viererkoalition von SPD, FDP, Bayernpartei und BHE mit Wilhelm Hoegner (SPD) als Ministerpräsidenten gegen die CSU zusammenzuschmieden. Positive Ergebnisse der Viererkoalition im Sinne Knoeringens waren vor allem die Errichtung der Akademie für Politische Bildung in Tutzing und der Landeszentrale für Heimatdienst (später: für politische Bildungsarbeit) sowie die gezielte Forschungsförderung (u.a. Ansiedlung des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik in München).

Ab September 1957 in der Opposition, betrieb die SPD dennoch nicht Obstruktion, sondern half mit bei der Verabschiedung des bayerischen Lehrerbildungsgesetzes. Sie strebte außerdem die Abschaffung der konfessionell getrennten Volksschulen an. 1968 kam es nach jahrelangem Ringen in dieser Frage zu einem Kompromiss, der für die Volksschule die Gemeinschaftsschule als Regelfall vorsah. Es gehörte zu Knoeringens politischen Stil, darauf zu achten, dass bei allen Auseinandersetzungen nicht dauerhaft gesellschaftliche Gräben aufgerissen wurden.

Waldemar von Knoeringen, Erich Ollenhauer und Herbert Wehner bei der Wahl des Parteivorsitzenden in Stuttgart, 1958 © AdsDIn der Frage des Verhältnisses zwischen Land und Bund sprach sich Knoeringen 1948/1949 für Bayern als Bestandteil eines föderativen Bundesstaates aus und lehnte damit die Lösung eines lockeren Staatenbundes ab. Andererseits betont er die Eigenständigkeit der durch Wahlen legitimierten Länderparlamente und Landesregierungen. Es war für ihn selbstverständlich, dass in einem Bundesstaat Bund und Länder in einer wechselseitigen Treuepflicht stehen und beide sowohl Rechte als auch Pflichten gegenüber dem Ganzen haben. Zur Verknüpfung der Arbeit der SPD auf Landesebene mit der Parteiarbeit auf zentraler bzw. Bundesebene nahm Knoeringen Funktionen als Mitglied des Parteivorstands (1948-1968), als stellvertretender Parteivorsitzender (1958-1962) und als Vorsitzender verschiedener Ausschüsse wahr, die dem Parteivorstand zugeordnet waren. Im November 1964 wurde Knoeringen in die „Regierungsmannschaft“ des Kanzlerkandidaten Willy Brandt für die Bundestagswahl 1965 berufen.

Waldemar von Knoeringen erkannte, dass die an die Politik gestellten Herausforderungen zur Sicherung der freiheitlichen und sozialen Demokratie durch die Entwicklung der Atomkraft, durch Rationalisierung und Automatisierung im Wirtschaftsleben neue Dimensionen erreichten. Reden, Kongresse, die „Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Akademiker“ und Veröffentlichungen wie „Revolution in der Politik“ und waren Instrumente, mit denen Knoeringen in den 1950er Jahren der SPD, den Politikern und der Bevölkerung insgesamt diese Herausforderungen bewusst machen wollte. Die „Entschließung 100“ des Münchner SPD-Bundesparteitags 1956 mit dem Titel „Die Zweite Industrielle Revolution“ ging weitgehend auf Vorarbeiten Knoeringens zurück. Für ihn stand außer Frage, dass die SPD über ihr traditionelles gesellschaftliches Milieu hinauswachsen musste, wenn sie die „Funktionsintelligenz“, aber auch die Jugend zur Umsetzung ihrer Ziele gewinnen wollte. Innerhalb der Partei war er bei denen, die eine umfassende programmatische Erneuerung vorantrieben. Mit der Verabschiedung des „Godesberger Programms“ von 1959 beschritt die SPD den Weg zur modernen Volkspartei.

Knoeringen war von der Rentabilität von Investitionen in Bildung und Wissenschaft überzeugt. Abgesehen vom volkswirtschaftlichen und technologischen Gewinn schaffen sie nach seiner Auffassung die Voraussetzungen, mit deren Hilfe sich der Einzelne die Basis für selbstbestimmtes politisches Handeln erarbeiten kann. Innerhalb und außerhalb entsprechender Gremien der SPD förderte Knoeringen zahlreiche Projekte, durch die vor allem die Rahmenbedingungen für Bildung, Wissenschaft und Forschung auf Bundesebene verbessert werden sollten (Wissenschaftsrat, Deutscher Bildungsrat).

Ab 1962 zog sich Knoeringen schrittweise von politischen Ämtern zurück. In der politischen Diskussion und der politischen Bildungsarbeit blieb er aber aktiv. Mit der Denkschrift „Mobilisierung der Demokratie. Ein Beitrag zur Demokratiereform“, 1966 zusammen mit u.a. Peter Glotz herausgegeben, rief Knoeringen zur Bewahrung der innerparteilichen Demokratie im Geiste eines „demokratischen Realismus“ auf. Nach Umstrukturierung und Umbenennung der Georg-von-Vollmar-Schule in „Georg-von-Vollmar-Akademie“ im Jahr 1968 fungierte Knoeringen als ihr Direktor.

Waldemar von Knoeringen starb am 2. Juli 1971. Er wurde im Grab Georg von Vollmars auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt. Mit Knoeringen verlor die SPD einen ihrer wichtigsten intellektuellen Impulsgeber und Mitstreiter für eine Modernisierung Bayerns.

1981 stiftete die Georg-von-Vollmar-Akademie e.V. den „Waldemar-von-Knoeringen-Preis“ für Verdienste auf den Gebieten von Politik, Wissenschaft, Journalismus und Kunst, die in der Tradition der Arbeiterbewegung und der Ziele des demokratischen Sozialismus stehen.

Der Nachlass Waldemar von Knoeringen im AdsD umfasst 32,40 lfd.m. aus den Jahren 1942-1985 und ist durch ein detailliertes Findbuch erschlossen .

Literatur: Hartmut Mehringer, Waldemar von Knoeringen. Eine politische Biographie. Der Weg vom revolutionären Sozialismus zur sozialen Demokratie, München u.a. 1989; Emil Werner, Waldemar von Knoeringen 1906-1971, hrsg. v. d. Georg-von-Vollmar-Akademie, München 1981; Waldemar von Knoeringen. Reden und Aufsätze, Hrsg.: SPD-Landesverband Bayern, München 1981.