Bärbel Richter

Das Herbert-Wehner-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie der FES

Herbert Wehner, 1960  © AdsDHerbert Wehner, so wird berichtet, hatte kein Interesse daran, sein Leben autobiographisch zu überliefern. Eine Zeitlang soll er sogar daran gedacht haben, seine eigenen Unterlagen zu vernichten – ein Vorhaben, das er glücklicherweise nicht verwirklichte. Wehner gehört zweifellos zu den Persönlichkeiten der deutschen Zeitgeschichte und der Geschichte der Sozialdemokratie, die auch in Zukunft immer wieder im Mittelpunkt kontroverser Diskussionen stehen werden. Von den Forschungen Hartmut Soells über den jungen Wehner1, den Publikationen Reinhard Müllers zu Wehners Rolle im Moskauer Exil2 und der Untersuchung von Michael F. Scholz zu Wehners Jahren in Schweden3 bis hin zu der jüngst erschienen Biographie von Christoph Meyer4 gibt es zahlreiche Veröffentlichungen, die sich mit seiner Person befassen, wobei nicht nur die Akzente im Hinblick auf Wehners Biographie unterschiedlich gesetzt wurden, sondern auch die Urteile über seine politische Rolle unterschiedlich ausfielen.

Leben und Werk

Herbert Wehner, der vor 100 Jahren, am 11. Juli 1906, geboren wurde, kam nach eigenen Angaben aus einer "richtigen" Arbeiterfamilie. Als der Vater, ein Schuhmacher, gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs eingezogen wurde, versuchte die Mutter zwar die Familie mit Näharbeiten zu ernähren; ihre schwere Krankheit zwang Herbert Wehner jedoch schon früh, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Neben der Schule musste er bei Bauern und Handwerkern arbeiteten, nahm aber trotzdem noch privat Lateinunterricht, da er hoffte, später einmal ein Lehrerseminar besuchen zu können. Zur Seminarvorschule konnte er allerdings – bis zum Ausbruch des I. Weltkrieges – nur ein Jahr gehen. Seine Fähigkeiten und hervorragenden schulischen Leistungen brachten ihm jedoch 1921 ein Stipendium für eine dreijährige Ausbildung zum Verwaltungsdienst ein, die er erfolgreich absolvierte.

Auf der Suche nach der Verwirklichung seiner politischen Ideale schloss er sich in der Folgezeit verschiedenen politischen Gruppierungen an: so der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und der Roten Hilfe Deutschland (RHD); außerdem wurde er Mitarbeiter der Zeitschrift „Fanal“ . In der KPD, in die er der 1927 eintrat, machte er schnell Karriere. 1930, mit erst 24 Jahren, errang er bereits ein Mandat für den Sächsischen Landtag. In Berlin arbeitete er ab 1931 als Sekretär in unmittelbarer Nähe des KP-Vorsitzenden Ernst Thälmann. 1933 musste Herbert Wehner in die Illegalität gehen. Ab Mitte 1934 unterstützte er imHerbert Wehner, Erich Ollenhauer, Carlo Schmid (v.r.n.l.), 1954  © AdsD Saargebiet die Agitation der KPD gegen den Anschluss des Saarlandes an das NS-Reich bei der Saarabstimmung 1935. Über Prag, wo er verhaftet und in die Sowjetunion abgeschoben wurde, und nach vorübergehender Rückkehr in den Westen, ging Wehner 1937 auf Befehl der Parteiführung nach Moskau, wo er sich wegen „Verletzung der Konspiration“ in einem Untersuchungsverfahren zu verantworten hatte. Dort lebte er bis 1941 mit anderen kommunistischen Funktionären und Emigranten im legendären Hotel Lux . In dieser „Menschenfalle“, in der nächtliche Verhaftungen, lähmende Angst, gegenseitiges Misstrauen und Denunziation an der Tagesordnung waren, schrieb auch Wehner seine Rechtfertigungen und Berichte. 5 Das Verfahren gegen ihn wurde 1939 eingestellt. Sein Verhalten in diesen Jahren gehört zu den umstrittensten und in der Forschung besonders intensiv diskutierten Abschnitten seiner Biographie.

Wehner blieb während seiner Moskauer Zeit Mitarbeiter der Komintern und bekam 1941 den Auftrag, die Untergrundarbeit der Partei in Deutschland zu reorganisieren. Zunächst sollte er jedoch in Schweden Kontakt mit den dortigen KP-Genossen aufnehmen. Im Verlauf dieser Aktivitäten wurde er im Februar 1942 in Stockholm verhaftet und wegen Spionage für eine ausländische Macht vor Gericht gestellt. Im gleichen Jahr wurde er unter dem Vorwurf des Verrats aus der KPD ausgeschlossen. Nach einer zweieinhalbjährigen Haft- und Internierungszeit konnte er ab 1944 zunächst als Arbeiter in einer Viskosefabrik, dann als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in einem Archiv in Schweden arbeiten. 1946 verließ er zusammen mit seiner zweiten Frau, Charlotte Burmester, Schweden und ging nach Hamburg.

Noch im selben Jahr trat er der SPD bei. 1949 kandidierte er erfolgreich für den Deutschen Bundestag. Berühmt und immer wieder zitiert ist in diesem Zusammenhang sein ursprünglicher Einwand, dass man ihm, dem ehemaligen Kommunisten, in diesem Fall "die Haut vom lebendigem Leibe abziehen“ werde, und Schumacher geantwortet habe, er (Wehner) werde das schon aushalten. Herbert Wehner gewann bei allen Bundestagswahlen für den Wahlkreis Harburg das Direktmandat. Er hatte während seiner parlamentarischen Tätigkeit eine Reihe von Funktionen inne. Als Vorsitzender des Ausschusses für gesamtdeutsche Fragen (1949-1966) und Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen (1966-1969) in der Großen Koalition blieb eine zukünftige Wiedervereinigung Deutschlands ein zentrales Anliegen seiner Politik. Auch der Einsatz für die Kriegsgefangenen war ihm wichtig; 1950 wurde er deutscher Berater in Kriegsgefangenenfragen bei der Generalversammlung der UNO, 1952 Teilnehmer der Sitzung der Kriegsgefangenenkommission der UNO in Genf. Durch seine Mitarbeit in der Gemeinsamen Versammlung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und die dort geknüpften Kontakte zu Jean Monnet wurde die SPD Gründungsmitglied des Aktionskomitees für die Vereinigten Staaten von Europa.

Herbert Wehner, 1966  © AdsD1969 übernahm Herbert Wehner für seine Partei das Amt des Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag, das er bis zu seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik 1983 ununterbrochen inne hatte. Ab 1949 gehörte Wehner dem SPD-Landesvorstand Hamburg an. 1952-1982 war er Mitglied des SPD-Parteivorstandes bzw. -Präsidiums, in der Zeit von 1958-1973 stellvertretender Parteivorsitzender der SPD. Er verhalf dem Godesberger Programm (1959) durch seine Unterstützung zum Durchbruch und entwickelte den Deutschlandplan der SPD entscheidend mit. Seine berühmt gewordene Rede im Bundestag vom Juni 1960 veränderte die außenpolitischen Grundsätze der SPD, v.a. im Hinblick auf die Anerkennung des westlichen Verteidigungsbündnisses. Zu seinen Aufgaben innerhalb der SPD gehörte auch die innerparteiliche Neuorganisation .

Neben anderen Auszeichnungen erhielt Wehner 1984 die Ehrendoktorwürde der Universität Jerusalem. Die Freie und Hansestadt Hamburg nahm ihn 1986 in die Reihe ihrer Ehrenbürger auf. 1979 verstarb Herbert Wehners zweite Frau Charlotte Wehner, 1983 heiratete er ihre Tochter und seine langjährige vertraute Mitarbeiterin Greta Burmester, die ihn bis zu seinem Tod am 19.1.1990 aufopfernd pflegte.

Für seine Zeitgenossen und seine Parteifreunde blieb Wehner bis zu seinem Tod eine Persönlichkeit mit vielen, oft irritierenden Facetten – erinnert sei nur an das immer wieder thematisierte Verhältnis zu Willy Brandt, Wehners Rolle als „Zuchtmeister“ der SPD-Bundestagsfraktion, seine Kontakte zu Erich Honecker, seine oft unberechenbaren Temperamentsausbrüche, aber auch die Bewunderung vieler Sozialdemokraten für „Onkel Herbert“, auf dessen strategische Weitsicht und Entscheidungskompetenz sie vertrauten.

Geschichte und Struktur des Nachlasses

Der Nachlass Herbert Wehner wurde in den Jahren 1990 - 1995 dem AdsD von Greta Wehner übergeben. Der Bestand spiegelt nahezu den gesamten politischen Werdegang Herbert Wehners nach 1946 wider. Aus der Zeit davor sind nur Einzelstücke im Bestand vorhanden. Die Archivalien des Herbert-Wehner-Archivs im AdsD werden mit Mitteln des Deutschen Bundestages verzeichnet. Das Findbuch umfasst bisher zwanzig Bände, denen jeweils ein Personenregister beigefügt ist.

Die Dichte der historische Überlieferung zu den einzelnen Abschnitten von Wehners politischer Karriere ist sehr unterschiedlich. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit als Bundestagsabgeordneter. Dort finden sich Unterlagen über alle Bereiche des politischen Tagesgeschäfts, aber auch zahlreiche Hinweise auf politische Analysen Herbert Wehners, die z.T. in sehr dichter Form im Briefwechsel einzelnen Korrespondenzpartnern finden. Neben diesen in großem Umfang überlieferten Korrespondenzen mit Einzelpersonen gibt es weitere umfangreiche Korrespondenzen zu verschiedenen Anlässen und mit unterschiedlichen Korrespondenzpartnern, die seit den 50er Jahren überliefert sind.

Benutzung: Für die Einsicht in das Herbert-Wehner-Archiv ist grundsätzlich eine Genehmigung von Frau Greta Wehner erforderlich, die über das Archiv der sozialen Demokratie eingeholt werden kann.

Barbara.Richter@fes.de

Herbert Wehner-Dokumente in anderen Beständen des AdsD

Nicht allein im Herbert-Wehner-Archiv findet sich umfangreiches Material von (und auch über) Herbert Wehner. So gibt es im Bestand der SPD-Bundestagsfraktion ab der 1. Wahlperiode Akten des „Büros Herbert Wehner“, ebenso beim Bestand des SPD-Parteivorstandes die des „Sekretariats Herbert Wehner“. Darüber hinaus finden sich selbstverständlich in zahlreichen anderen Nachlässen und Deposita Hinweise auf Herbert Wehner als Korrespondenzpartner. Bei einer Recherche in der Archiv-Datenbank „FAUST“ ergaben sich allein in den bis jetzt elektronisch erfassten Verzeichnungen und Findmitteln zu Nachlässen und Deposita 792 Fundstellen zu Herbert Wehner, in der elektronisch erfassten Verzeichnung aus der Abteilung SPD-Parteivorstand 1672. Diese Angaben entsprechen natürlich nicht dem tatsächlichen Umfang der in den Beständen des Archivs enthaltenen Wehner-Dokumente. Abgerundet wird das Bild über Herbert Wehners Wirken durch die 7 lfd.m. umfassende Presse-Dokumentation in der „Sammlung Personalia“ sowie durch zahlreiche Hinweise in der Flugblattsammlung und in anderen audiovisuellen Sammlungen im AdsD.

Ehrendes Gedenken und Veranstaltungen

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat 1986, aus Anlass des 80. Geburtstags von Herbert Wehner, einen Sonderfonds eingerichtet, aus dem Herbert-Wehner-Stipendien vergeben werden. Ziel dieses Fonds ist die Förderung von wissenschaftlichen Arbeiten mit Bezug zu den wichtigsten Arbeitsgebieten und Wirkungsfeldern Herbert Wehners, u.a.: Parlamentarismus, Deutschlandpolitik, Parteiorganisationen, Deutsch-Israelische Beziehungen sowie Arbeiterbewegung und Kirchen.

An Herbert Wehner, dessen Grab sich auf dem Bad Godesberger Burgfriedhof befindet, wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Wehner Zeit seines Lebens verbunden war, jedes Jahr durch eine Kranzniederlegung am Todestag erinnert. Zum 90. Geburtstag Wehners veranstaltete die Friedrich-Ebert-Stiftung ein Kolloquium des „Gesprächskreises Geschichte“.
Am 11.7.2006 findet in der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Vortragsveranstaltung zum 100. Geburtstag statt.

Weiterführendes zu Herbert Wehner:

Publikationen von Herbert Wehner im Katalog der Bibliothek der FES

Publikationen über Herbert Wehner im Katalog der Bibliothek der FES

Rezensionen:
- Reinhard Müller: Herbert Wehner, Moskau 1937
- Friedemann Bedürftig: Die Leiden des jungen Wehner

Weitere Veranstaltungen zum 100. Geburtstag von Herbert Wehner

 


 

1 Hartmut Soell:Der junge Wehner. Zwischen revolutionärem Mythos und praktischer Vernunft, Stuttgart 1991.

2 Müller, Reinhard: Die Akte Wehner : Moskau 1937 bis 1941, Berlin 1993; ders.: Herbert Wehner, Moskau 1937, Hamburg 2004.

3 Scholz, Michael F.:Herbert Wehner in Schweden 1941 – 1946 (Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 70), München 1995.

4 Meyer, Christoph: Herbert Wehner. Biographie, München 2006 .

5 Wilhelm von Sternburg: So mitleidlos wie seine Zeit. Wehner und sein Jahrhundert: http://www.frankfurter-hefte.de/ausschnitt/thema_06_06.html . Vgl. auch „Wehner 100“, Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 6/2006 (neben dem Beitrag von Sternburgs „Gespräch mit Hartmut Soell: Abgründe und Verdienste – Wehner zwischen Moskau und Bonn“, S. 28 – 34; Susanne Miller: Ein gewisser Mythos, S. 42f.