Ilse Fischer
Von der Philosophie der Physik zur Ethik des Widerstandes.
Zum Nachlass Grete Henry-Hermann im Archiv der sozialen Demokratie

Eine Reihe von Beständen enthalten Unterlagen, die man wohl kaum im Archiv der sozialen Demokratie vermutet. Ein Beispiel dafür ist der Nachlass der Physikerin, Philosophin und Pädagogin Grete Henry-Hermann. Sie war Mitarbeiterin des Göttinger Philosophen und Sozialisten Leonard Nelson und stand im Gedankenaustausch mit führenden Physikern ihrer Zeit. Carl Friedrich von Weizsäcker nannte ihre Forschungen 1936 den "ersten positiven und unbestreitbaren Beitrag zur Aufklärung der erkenntnistheoretischen Folgerungen der Quantenmechanik".1 Doch eine Karriere im nationalsozialistischen Deutschland kam für Grete Henry-Hermann aus politischen und ethischen Gründen nicht in Frage. Ihr Nachlass im Archiv der sozialen Demokratie gibt in erster Linie Einblick in die wissenschaftliche Arbeit, während sich Belege ihrer politischen Tätigkeit eher vereinzelt in verschiedenen Beständen des Archivs finden.

Grete Hermann wurde am 2. März 1901 in Bremen als drittes von sieben Kindern einer bürgerlich-protestantischen Familie geboren. Nach dem Abitur erwarb sie zunächst die Lehrbefähigung für Lyzeen und Mittelschulen und studierte anschließend Mathematik, Physik und Philosophie in Göttingen und Freiburg. 1925 promovierte sie bei der bekannten Göttinger Mathematikerin Emmy Noether und legte außerdem die Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen ab. Zugleich befasste sie sich intensiv mit philosophischen Fragen. Von 1925 bis 1927 war Grete Hermann als Privatassistentin des Göttinger Philosophen Leonard Nelson tätig . Nelsons Ziel war die Fortentwicklung der kritischen Philosophie Kants in der Tradition von Jakob Friedrich Fries und die konsequente Umsetzung der philosophischen Lehren in die politische Praxis durch die Ausarbeitung einer Ethik, die vor allem für politisches Handeln gelten sollte. Grete Hermann engagierte sich später auch in dem 1926 von Nelson gegründeten Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) . Der ISK, zu dessen führenden Mitgliedern Willi Eichler und Minna Specht zählten, vertrat einen ethisch fundierten Sozialismus. In der Praxis spielten politische Bildungs- und Aufklärungsarbeit, politisches Engagement und hohe Anforderungen an die persönliche Lebensführung eine besondere Rolle. Nach Nelsons Tod 1927 gab Grete Hermann gemeinsam mit Minna Specht aus dessen Nachlass den Band "System der philosophischen Ethik und Pädagogik" (1932) heraus, setzte aber auch ihre eigenen Forschungen fort. Als für den ISK Anfang der 1930er Jahre die Bekämpfung des Nationalsozialismus in den Vordergrund rückte, trat Grete Hermann in die Redaktion der ab Januar 1932 herausgegeben Tageszeitung "Der Funke" ein. Zentrales Anliegen des ISK war in dieser Zeit die Bildung einer Einheitsfront aller gegen den Nationalsozialismus eingestellten Kräfte, insbesondere eine Verständigung von SPD, KPD und Gewerkschaften in dieser Frage.

Der ISK hatte sich frühzeitig auf die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und den Aufbau einer konspirativen Organisation vorbereitet und gehörte bald zu den besonders aktiven Gruppen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Grete Hermann hielt mit Gruppenmitgliedern, die durch ihre illegale politische Betätigung ständiger Gefahr ausgesetzt waren, philosophische Kurse ab, in denen über die zu verteidigenden politischen und ethischen Werte und den Sinn des Widerstandes gegen das NS-Regime gesprochen wurde. Diese Kurse, so urteilte Grete Henry-Hermann später, "gingen tiefer und waren lebendiger als wohl alle Unterrichtsarbeit, wie ich sie sonst in meinem Leben geleistet habe."2 Doch diese Form der politisch-philosophischen Arbeit war nur ein Teil des Lebens von Grete Hermann. Gleichzeitig setzte sie ihre wissenschaftliche Arbeit fort. Sie unterhielt einen Briefwechsel mit Carl Friedrich von Weizsäcker (der sich im Nachlass erhalten hat) und verfügte über Kontakte zu Werner Heisenberg, Niels Bohr und anderen führenden Mathematikern und Naturwissenschaftlern. Im Sommer 1934 ging sie nach Leipzig, wo Werner Heisenberg ein Seminar mit mehreren renommierten Physikern veranstaltete, unter denen sich auch Carl Friedrich von Weizsäcker befand. Im Mittelpunkt von Grete Hermanns Forschungen stand das Problem der Kausalität und die Frage, ob die moderne Physik des 20. Jahrhunderts die Grundprinzipien der kantischen kritischen Philosophie widerlegt habe. Die aus dieser Diskussion hervorgegangenen Überlegungen veröffentlichte sie 1935 unter dem Titel "Die naturphilosophischen Grundlagen der Quantenmechanik" - eine Publikation, die in der physikalischen Forschung große Beachtung fand. 1936 erhielt sie für ihre Arbeit über "Die Bedeutung der modernen Physik für die Theorie der Erkenntnis" den Preis der Avenarius-Stiftung in Leipzig.

Unter den Bedingungen des NS-Regimes war eine wissenschaftliche Laufbahn für Grete Hermann jedoch nicht vorstellbar. Die Verfolgungswelle, von der die ISK-Gruppen seit 1935/36 betroffen waren, bedrohte auch sie. Sie emigrierte zunächst nach Dänemark, wo Minna Specht eine Schule für Kinder aus dem von den Nationalsozialisten beschlagnahmten Landerziehungsheim Walkemühle eingerichtet hatte. 1938 ging sie nach England. Im Exil war sie führendes Mitglied der Londoner ISK-Gruppe. Sie arbeitete an dem ISK-Organ "Sozialistische Warte" mit, beteiligte sich an der programmatischen Diskussion über den demokratischen Neuaufbau Deutschlands und gehörte dem im März 1941 geschaffenen Exekutivkomitee der "Union deutscher sozialistischer Organisationen in Großbritannien" an, zu der sich Sozialdemokraten und die sozialistischen Gruppen Neu Beginnen, SAP (Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands) und ISK zusammengeschlossen hatten.

Nach dem Krieg kehrte Grete Henry-Hermann nach Deutschland zurück. Sie wirkte am Aufbau der Pädagogischen Hochschule in Bremen mit, deren Leitung sie 1947 übernahm. Von 1950 - 1966 war sie Professorin für Physik und Philosophie. Daneben engagierte sie sich in der bildungspolitischen Arbeit von SPD und Gewerkschaften, war Leiterin der pädagogischen Hauptstelle der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und gehörte von 1954 bis 1966 dem Deutschen Ausschuss für Erziehungs- und Bildungswesen an. Von 1961 bis 1978 war sie Vorsitzende der Philosophisch-Politischen Akademie, einer ursprünglich von Leonard Nelson initiierten Gründung, die nach dem Krieg neu belebt und fortgeführt wurde.

Grete Henry-Hermann starb am 15. April 1984 in ihrer Heimatstadt Bremen.

Der Nachlass im Archiv der sozialen Demokratie (0,60 lfm) enthält u.a. persönliche Dokumente, einen Briefwechsel mit Carl Friedrich von Weizsäcker und anderen Wissenschaftlern (1933 - 1978) sowie Korrespondenz mit Minna Specht (1936/37) und Gustav Heckmann (1933; 1952 - 1984).

Fussnote 1: Zit. nach: LÚna Soler / Alexander Schnell: Grete Henry-Hermanns Beiträge zur Philosophie der Physik, in: Susanne Miller / Helmut Müller im Auftrag der Philosophisch-Politischen Akademie (Hrsg.): In der Spannung zwischen Naturwissenschaft, Pädagogik und Politik. Zum 100. Geburtstag von Grete Henry-Hermann, Bonn 2001, S. 20. Zurück

  Fussnote 2: Zit. nach Susanne Miller: Kritische Philosophie als Herausforderung zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus, in: Sabine Lemke-Müller: Ethik des Widerstands. Der Kampf des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) gegen den Nationalsozialismus, Bonn 1996, S. 42. Zurück