25 Jahre Gewerkschaftsarchiv im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD)
Ein beruflicher und persönlicher Rückblick …

Hans-Holger Paul

Dr. Monika Wulf-Mathies und Dr. Holger Paul (mitte)

Das AdsD verfügt heute über mehr als 16 lfd. km Archivgut aus dem Bereich der Gewerkschaftsorganisationen. Damit zählt es zu den größten Gewerkschaftsarchiven der Welt. In seinen Kellern befinden sich nahezu alle Archive der deutschen DGB-Gewerkschaften, einschließlich der Altregistraturen der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) und des Deutschen Gewerkschaftsbundes selbst. Ergänzt wurden diese Bestände durch die Übernahme fast aller Archive der internationalen und europäischen Gewerkschaften, deren Laufzeit mehrfach bis in die jeweilige Gründungsphase zurückreicht. Daneben finden sich im AdsD die Nachlässe und Deposita führender Persönlichkeiten der deutschen Gewerkschaftsbewegung sowie Organisationsakten aus dem Umfeld der deutschen und internationalen Gewerkschaften.

Die ersten Verhandlungen zur Übernahme eines größeren Gewerkschaftsbestandes durch das AdsD begannen im April 1984. Damals ging es sowohl um die Sicherung des Archivguts der Gewerkschaft Nahrung-Genußmittel-Gaststätten (NGG) als auch um die Übernahme der historischen Bibliothek der Gewerkschaft. Bereits im August 1984 konnte dann der erste Hinterlegungsvertrag mit einer DGB-Gewerkschaft abgeschlossen werden. Heute lagern bis auf die Archive der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und ihrer Vorläufer die historischen Quellen aller deutschen Einzelgewerkschaften einschließlich des DGB- und DAG-Archivs im AdsD.

Der Arbeitsbereich Gewerkschaften (mit Ausnahme des 1949 gegründeten DGB-Archivs, das 1995 in das AdsD integriert wurde), die Akquisition der Bestände der Einzelgewerkschaften und deren archivische Bearbeitung wurde von Dr. Hans-Holger Paul betreut, der im Juni 2009 nach mehr als dreißigjähriger Tätigkeit für das AdsD seine berufliche Arbeit in der FES beendet.

Archiv-Nachrichten führte aus diesem Anlass mit Dr. Holger Paul ein Gespräch über seine beruflichen und persönlichen Erfahrungen in diesem Arbeitsbereich.

AN: Du hast ja schon vor der Übernahme von Organisationsbeständen Personenbestände von Gewerkschaftern akquiriert – was waren in Deinen Augen besonders wichtige Bestände?

Wichtige Personenbestände von Gewerkschaftern habe ich auch erst vor 25 Jahren übernehmen können. Einer der ersten Altfunktionäre, der mir 1984 seine persönlichen Akten für das Archiv anvertraute, war Adolf Mirkes, von 1959 bis 1976 Vorsitzender der Gewerkschaft Leder. Er war der typische Arbeiter, der sich nach und nach immer mehr Wissen aneignete und damit eine Art „Arbeiter-Intellektueller“ wurde. Mirkes hatte mit 14 Jahren als Schuhmacher in einer Fabrik angefangen, war zur gleichen Zeit Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend geworden und zwei Jahre später dem Zentralverband der Schuhmacher Deutschlands beigetreten. Mit 19 Jahren Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands Deutschland, ging er 1933 in die Illegalität und arbeitete gegen die Nationalsozialisten. Er wurde 1945 Betriebsrat, 1946 Gewerkschaftssekretär und bereits 1953 zweiter Vorsitzender seiner Gewerkschaft. Ein Jahr nach seinem Rücktritt als Vorsitzender begann er mit umfangreicher Vortragstätigkeit, systematischer historischer Arbeit und eigenen Publikationen u.a. zur Gewerkschaftsgeschichte.

Adolf Mirkes hat es verstanden, Dokumente, Materialien und Nachlassgut verschiedener Lederarbeiter und Gewerkschaftsfunktionäre zusammenzutragen und diese Materialien im Anschluss an seine Funktionärstätigkeit auch historisch auszuwerten. Insofern handelt es sich um einen sehr interessanten Bestand einer noch interessanteren Persönlichkeit.

Ganz ähnliches gilt übrigens für Wilhelm Werner, der ebenfalls bereits 1954 Sekretär der Gewerkschaft Textil-Bekleidung wurde und von 1966 bis 1990 Bezirksleiter der GTB Baden-Württemberg war. Im Gegensatz zu Adolf Mirkes hat er weniger publiziert, dafür aber die gesamte historische Überlieferung der Tarifarbeit seiner Gewerkschaft systematisch gesammelt und zusammengetragen, er hat also im Kleinen eine sehr wichtige Archivfunktion übernommen. Seine umfassende Arbeit spiegelt sich sowohl im Nachlass wie im Organisationsbestand der GTB Baden-Württemberg wider.

AN: Gab es Gewerkschafter, die Dich besonders beeindruckt haben?

Dr. Holger Paul

Hier sticht eine Persönlichkeit besonders hervor, weil sie viele Fähigkeiten in sich vereint hat, wobei diese Persönlichkeit eckig und kantig war: Heinz Kluncker, der langjährige Vorsitzende der Gewerkschaft ÖTV. Was viele nicht wissen: Heinz wurde bereits mit sechs Jahren Mitglied der sozialistischen „Kinderfreunde“, seine Familie von den Nazis verfolgt. Nach seiner Handlungsgehilfen-Prüfung wurde er zum Arbeitsdienst verpflichtet und 1943 als Infanteriesoldat eingezogen. Kurz nach der Invasion in der Normandie desertierte er und begab sich in amerikanische Gefangenschaft. Direkt nach dem Krieg war er zunächst SPD-Parteisekretär, ab 1949 studierte er an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg und wurde nach erfolgreichem Studienabschluss 1952 als erster Volontär überhaupt in der ÖTV-Hauptverwaltung eingestellt. Heinz war nicht nur ein äußerst erfolgreicher Gewerkschaftsfunktionär, er verband großes taktisches Geschick mit absolut konsequenter Argumentation und schlüssigem Handeln. Er war menschlich integer und scheute sich nicht, seine ganzen Emotionen in die Waagschale zu werfen. Unter seiner Führung durfte ich den ersten großen ÖTV-Streik im Februar 1974 als ganz junger Ehrenamtlicher mitmachen. Gewerkschaftspolitisch eher konservativ, bot er oft Möglichkeiten der inhaltlichen Auseinandersetzung, da ging es oft hoch her, er nahm aber jede Kollegin, jeden Kollegen mit ihren/seinen Argumenten ernst, egal ob Krankenschwester oder Busfahrer oder mich, der ich aus seiner damaligen Sicht ein radikaler Student war. Es machte Freude mit ihm zu streiten, zu ringen und zu gewerkschaftlich vertretbaren Kompromissen zu kommen. Er achtete stets den gewerkschaftlichen Widerpart, die Arbeitgeberseite, was er aber hasste, war Tricks und Klüngelei und vor allem mangelnde Ehrlichkeit. Tarifautonomie, Tarifverhandlungen und Streik gehörten für ihn zusammen: Wenn die Arbeitgeber nicht zu Kompromissen bereit waren, zögerte er nicht, mit diesem Instrument zu drohen und die Arbeitgeberseite in die Defensive zu bringen. Er konnte Massen mobilisieren und den KollegInnen Selbstbewusstsein und Selbstachtung vermitteln, eine seltene Gabe!

Ansonsten haben mich immer wieder ganz viele (oft auch ungelernte) Arbeiterinnen und Arbeiter als Gewerkschafter (vor allem in der Bildungsarbeit) beeindruckt, ihre Fähigkeiten (Kreativität, Lernfähigkeit, Ausdauer), die sie in Tarifauseinandersetzungen und Arbeitskämpfen entwickeln konnten.

AN: Wie konnten die Gewerkschaftsorganisationen davon überzeugt werden, dass das AdsD der geeignete Aufbewahrungsort für ihre Archive ist?

Bei den Gewerkschaftsbeständen spielten verschiedene Momente zusammen:

Erstens waren die kleinen Gewerkschaften kaum dazu in der Lage, ihre Altakten nur annähernd geordnet aufzuheben. Das war oft lange Zeit egal, bei Jubiläen wurde es ihnen aber immer wieder bewusst, wenn sie vergeblich in einem Haufen ungeordneter Akten ganz bestimmte Materialien suchten. Geld für die Beschäftigung eines Archivars zu fordern, wäre hier illusionär gewesen.

Zweitens entschlossen sich auch größere Gewerkschaften bei stagnierenden und später abnehmenden Einnahmen dazu, auf ein eigenes Archiv zu verzichten und sich nach anderen Aufbewahrungsmöglichkeiten umzusehen.

Drittens war es dem DGB-Archiv trotz zeitweiligem Aufschwung bis in die achtziger Jahre hinein nicht gelungen, sich als Archivbetreuungszentrum zu etablieren. Demgegenüber konnte das AdsD relativ rasch durch Erschließungsprojekte und Ausstellungen eine hohe Akzeptanz in der Archivlandschaft und im Umfeld von Partei und Gewerkschaften gewinnen.

Viertens gelang es sicherlich, durch vielfältige persönliche Kontakte und die Ansprache als Gewerkschaftskollege, eine Menge Reserven gegenüber dem Wissenschaftsbetrieb und den Wissenschaftlern schrittweise abzubauen. Es ging am Anfang darum, Vertrauen zu schaffen: Im Gewerkschaftsbereich des AdsD sitzt einer von uns, der zwar Wissenschaftler ist, aber weiß, was unsere Anforderungen an ein Archiv sind: z. B. rascher Service und professionelle Dienstleistung, aber auch unorthodoxe Hilfe. Gleichzeitig gehörte dazu natürlich auch die klassische Archivaufgabe, den Funktionären, Kolleginnen und Kollegen zu vermitteln, dass sie selbst Geschichte geschrieben haben und täglich als handelnde Subjekte neu schreiben, gestalten und dass es eine Geschichtsschreibung „von unten“ nur geben kann, wenn man auch die Quellen dafür sichert.

Fünftens, und das war am Anfang das Schwierigste: Diese Archivierung und Erschließung kann es auf Dauer nicht zum Nulltarif geben. Hier war wichtig, besonders dort, wo die Finanznot groß war, zumindest die Akten durch Grobordnung benutzbar zu machen; darüber hinaus ging es darum, gemeinsam nach Drittmitteln zu suchen, ansonsten durch Streckung und flexible Gestaltung von Projekten Aktenordnung und -verzeichnung möglich zu machen. Auch der Einsatz beträchtlicher Summen kann tragbar erscheinen, wenn er auf mehrere Jahre verteilt wird, wenn man Zwischenergebnisse abliefern kann, und wenn man bereits in der Zeit bis zur Aktenerschließung Serviceleistung erbringt. Darüber hinaus konnten wir vielen Gewerkschaften auch vermitteln und anhand praktischer Beispiele beweisen, was sie mit erschlossenem Archivgut alles machen können: z.B. in welcher Tarifrunde von Seiten der Arbeitgeber schon einmal diese oder jene Argumentation eingesetzt wurde und wie man ihr damals begegnet ist. Das bedeutet: professioneller Service ist Grundbedingung.

Was bleibt, ist klassische Öffentlichkeitsarbeit: Infostände auf Kongressen, möglichst gemeinsam mit dem Archivar, Archivbeauftragten oder auch Geschichtsarbeitskreis der jeweiligen Gewerkschaft, Erläuterung der Archivarbeit in Vorstandssitzungen, auf Tagungen, Hilfe bei der Suche nach Referenten, Autoren für Publikationen etc.

Schließlich war und ist wichtig, dass wir Terminzusagen einhalten, das gilt für Projektfristen ebenso wie für Anfragen.

Der Rest ist eigentlich ein Selbstläufer: Kommunikation unter den Gewerkschaftskolleginnen und Kollegen hat sich zu einem Propaganda- und Unterstützungsfaktor entwickelt.

AN: Gab es von Seiten der Gewerkschaften oder von einzelnen Gewerkschaftern anfänglich Bedenken, ihre Akten in ein parteinahes Stiftungsarchiv zu geben?

Dies war im wesentlichen in den ersten Jahren der Fall. Was uns bei der Aktenakquisition half, war die Tatsache, dass wir gleich zu Beginn die Altakten der vom Image her eher als rechts im Gewerkschaftsspektrum eingeschätzten NGG übernehmen konnten und kurz danach bereits die Archivalien der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), die in der gewerkschaftsöffentlichen Meinung eher dem linken Spektrum zugeordnet wurde. Reserven gab es sehr lange auch deshalb, weil viele Gewerkschafter die Friedrich-Ebert-Stiftung mit der SPD absolut gleichsetzten und wenig über die Bandbreite der Aktivitäten unserer Stiftung wussten. Dies galt für christliche Gewerkschaftsfunktionäre ebenso wie für Linke jenseits der SPD. Hier haben wir im Laufe der Jahre regelmäßig Überzeugungsarbeit leisten müssen. Übrigens: Absurde Vorurteile, dass SPD-Vorstandsmitglieder in die Akten eines Hinterlegers oder einer hinterlegenden Organisation im Archiv hineinschauen würden, waren uns bereits in den achtziger Jahren selbst innerhalb der SPD-Gliederungen in Nordrhein-Westfalen entgegengeschlagen. Solche Begehren hat es allerdings in der Geschichte des AdsD nie gegeben.

Zumindest im Gewerkschaftsbereich sind die Reserven heute nur noch marginal. Skepsis besteht heute im wesentlichen bei kleinen, meist linken Gruppierungen der Gewerkschaftsbewegung, die sich in der Tradition der Rätebewegung oder KPO verorten. Allerdings haben wir zumindest im Bereich der früheren innergewerkschaftlichen Opposition der IG Metall in Baden-Württemberg, wie der sog. Plakat-Gruppe durch Nachlass-Akquisition eine Ersatzüberlieferung sichern können. Dies war mir wichtig, denn diese Gruppen, die punktuell oder regional historisch zeitweise Bedeutung erlangten, gehören auch zur Gewerkschaftsbewegung, ihre historische Überlieferung sollte also auch gesichert werden.

AN: Was war das erste größere Projekt zur Erschließung von Gewerkschaftsbeständen und wie wurde es finanziert?

Neben kleineren Spenden und Projekten war das die Erschließung des historischen Archivs der IG Metall. Das Verzeichnungsprojekt konnten wir gerade noch am Ende des Förderschwerpunkts „Archive“ bei der Stiftung Volkswagenwerk platzieren. Hier half sicherlich auch die gesellschaftliche Bedeutung der IG Metall. Darüber hinaus hatten wir in der Vergangenheit positive Projektergebnisse bei der Stiftung vorlegen können. Positiv für unser Archiv kam hinzu, dass es uns gelang, den Vorstand der IG Metall für eine großzügige Beteiligung der Gewerkschaft bei der Ausstattung des Archivs mit Regalanlagen, Boxen und Mappen für die umfangreichen Archivalien zu gewinnen. Hier halfen langjährige Kontakte und die umfangreiche archivwissenschaftliche Beratung des IG Metall-Vorstands bei der Einrichtung eines eigenen Archivs in den Jahren davor. Das Projekt konnte erfolgreich abgeschlossen werden. Der Bestand wird seitdem von Seiten der IG Metall, vor allem aber von Forscherinnen und Forschern in immer größerem Umfang genutzt. Innerhalb der Gewerkschaften und besonders der IG Metall hatte das Projekt eine hohe Werbefunktion, es wurde termingerecht und professionell durchgeführt, hier muss ich unserem Team ausdrücklich danken. Aber auch in der Archivlandschaft konnten wir das Projekt bekannt machen. Damit bekam es fast eine „Dominofunktion“, Reserven wurden abgebaut, wir konnten die Bedeutung von Archivprojekten erläutern; nach und nach akquirierten wir kleine und große Projekte und konnten so unser Team erweitern und aufbauen. Heute arbeiten 17 Kolleginnen und Kollegen im Team (wenn auch die Mehrheit befristet), wir bilden aus und konnten dann den FAMIS eine (wenn auch am Anfang befristete) Stelle anbieten.

AN: Was sind inhaltlich besonders wichtige Teile der Gewerkschaftsarchive?

Sicherlich sind die Tarifakten eine wichtige und bedeutende Überlieferung der jeweiligen Gewerkschaft, wobei bemerkenswert ist, dass z.T. hier mehr Aktengut aufgehoben wurde als bei der allgemeinen Vorstandsüberlieferung. Insgesamt stellt die Tarifarbeit ja auch bei fast allen Organisationen das Kerngeschäft dar, insofern war es logisch, dass hier die meisten Akten aufgehoben wurden. Darüber hinaus ist es aber auch bemerkenswert, dass die Akten in ihren ganzen Breite und Vielfalt sehr deutlich belegen, wie bedeutend die Rolle die Gewerkschaften beim Wiederaufbau nach 1945 war, wie sehr sie am Gestaltungsprozess der Bundesrepublik, besonders als Sozialstaat, mitgewirkt haben. Ohne die organisierte Arbeitnehmerschaft lebten wir heute in einer anderen, weil unsozialeren Republik. Ähnliches, wenn auch nicht in diesem Ausmaß, gilt für den Prozess der deutschen Einigung, wobei von dieser Überlieferung erst Teile archivisch gesichert und inhaltlich erschlossen sind.

Für beide Bereiche gilt, dass wir noch offensiver auf die Substanz unserer Gewerkschaftsakten hinweisen müssen, damit vor allem junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich in Zukunft mehr mit diesem Archivgut auseinandersetzen.

AN: Wie ist der Gedanke entstanden, auch internationale Verbände und Berufssekretariate hier zu archivieren?

Hier hatten wir ja schon vor meiner Zeit kleinere Bestände übernehmen können. Gleichwohl hielten wir uns erst zurück, weil es hieß, das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam sammelt internationale Gewerkschaftsakten. Als uns dies zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr bestätigt wurde, haben wir eine kleine Offensive gestartet. Was uns half, war die enge Kooperation mit dem Gewerkschaftsbereich der beiden Internationalen Abteilungen der FES: Es fing an mit Rüdiger Sielaff und setzte sich systematisch fort mit Erwin Schweißhelm und Uwe Optenhögel. Sie waren allesamt geschichtsbewusst, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, und sie ließen sich von uns für Archivangelegenheiten sensibilisieren. In den besten Zeiten gelang es uns, regelmäßig alle Kolleginnen und Kollegen der Stiftung, die mit Gewerkschaftsprojekten befasst waren, regelmäßig an einen Tisch zu bekommen und uns wechselseitig zu informieren und wenn möglich zu unterstützen.

Wir als Archivbereich haben davon profitiert: Wir konnten anlässlich von Treffen der Internationalen Abteilungen mit den Gewerkschaftsvertretern, internationalen Sekretären oder Generalsekretären Archivführungen machen und Akquisitionsgespräche führen. Als die ersten größeren Archive im AdsD waren, trat der oben beschriebene Dominoeffekt wieder auf: So gelangten letztlich nahezu die Archive aller internationalen und europäischen Gewerkschaftsorganisationen in das AdsD. Seit Rainer Gries in der Bibliothek auch in diesem Sektor aktiv ist, gibt es hier auch eine konstruktive Kooperation. Mit Unterstützung der internationalen Gewerkschaftskoordination konnten wir auch regelmäßig Übersichten über die bei uns lagernden Archiv- und Bibliotheksbestände in deutsch und englisch veröffentlichen.

AN: Zu den Akquisitionen gehören ja auch Unterlagen von Betriebsräten (z.B. aus der „Maxhütte“) – wie kam das zustande?

Das hatte mit der ungewöhnlich starken Position der Betriebsräte, ihrer Bereitschaft um ihren Betrieb zu kämpfen und wenn nötig, ihn auch selbst weiterzuführen zu tun. Insofern war das eine Ausnahmesituation, verstärkt noch dadurch, dass in der Region wenig andere Arbeitsplätze existierten, mit dem Untergang der Maxhütte für viele Arbeitslosigkeit angesagt war und auch die Bayrische Landesregierung zumindest zeitweilig an einer Fortführung des Betriebes sehr interessiert war. Wegen der Ausnahmesituation und aufgrund guter Kontakte bestand die Möglichkeit, die Akten dauerhaft zu übernehmen und der Forschung zur Verfügung zu stellen: Das erste Mal, als es um die Sicherung der Überlieferungen der alten Maxhütte ging, das zweite Mal, als auch die Rettung der Neuen Maxhütte misslang. Wir haben von verschiedener Seite Unterstützung bekommen: von Udo Achten, der die Bewegung der Betriebsräte kontinuierlich begleitete und sie durch eine Ausstellung unterstützte, vor allem aber durch Manfred Leiss, langjähriger Arbeitsdirektor, der im Auftrag des Konkursverwalters mit der Abwicklung der Maxhütte befasst war. Wir haben übrigens die Übernahme-Verträge, was bei Betriebsratsakten unerlässlich ist, mit beiden Seiten, der Arbeitgebervertretung und dem verantwortlichen Betriebsrat, abgeschlossen.

Darüber hinausgehend haben wir wenige Betriebsratsakten. Hier wären vielleicht noch die Altakten der Betriebsräte der Ford-Werke Köln und verschiedene Betriebsratsakten der Betriebsräte bei den Gewerkschaften zu erwähnen.

AN: Was sind Deiner Meinung nach wichtige Ziele für die Zukunft hinsichtlich der Gewerkschaftsbestände

Eigentlich die klassischen Archivaufgaben:

Erstens gilt es, die Schere zwischen nicht erschlossenem Archivgut und verzeichneten Archivalien weiter zu verringern. Wir sind hier in unserem Betreuungsbereich auf einem guten Weg. Konkret bedeutet das die Fortsetzung von Erschließungsprojekten und vor allem kreativ zu überlegen, wie wir das Archivgut der Organisationen, die aufgrund ihrer Finanzsituation definitiv Probleme haben, einen eigenen Beitrag zur Erschließung zu leisten, dennoch ordnen und verzeichnen können. Neuerdings führen wir gemeinsam mit der Hans-Böckler-Stiftung, unserer Internationalen Abteilung in der FES und der EFFAT (Europäische Föderation der Gewerkschaften des Lebensmittel-, Genussmittel-, Landwirtschafts- und Tourismussektors) ein Verbundprojekt durch, bei dem jede Seite einen Beitrag zur Aktenerschließung und zur Geschichtsschreibung der Organisation (einer mehrsprachigen Broschüre und einer umfangreichen Studie) leistet. Die Durchführung solcher Projekte eröffnet sicherlich neue Möglichkeiten.

Zweitens sollte die Aktenakquisition Routinecharakter bekommen, d.h. dort, wo Verträge existieren, sollten hinterlegende Organisation und unser Team regelmäßige Übernahmen vereinbaren und nachhalten. Das klappt bei vielen, vor allem den großen Gewerkschaften, wir müssen es bei den kleinen z.T. noch durchsetzen.

Drittens geht es um die Arrondierung unserer Bestände, vor allem die Akquisition des Nachlassgutes ehemaliger führender Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen, die nicht immer unkompliziert ist. Wir sollten prüfen, ob der eine oder andere Nachlass von Wissenschaftlern, die sich ganz in den Dienst der Gewerkschaftsbewegung gestellt haben, ebenfalls übernommen werden kann, zumindest, wenn reichlich substantielles Material vorliegt. Dort, wo uns noch eine Organisation aus dem Umfeld der Gewerkschaften fehlt, sollten wir uns um ihre Akten bemühen, entsprechendes sollte für die kleinen Gruppierungen am Rande der Gewerkschaften gelten.

Viertens sollten wir unsere Öffentlichkeitsarbeit nach innen in die Stiftung, aber auch nach außen in die Archivwelt und die Gewerkschaften und ihr Umfeld weiter vorantreiben. Es bieten sich Kooperationsprojekte an, wie zum Beispiel mit dem Bereich der Internationalen Gewerkschaftskooperation. Hier sind erste Schritte bereits eingeleitet. Das sollte intensiviert werden.

Bei allen genannten Aufgaben ist die Arbeitsgruppe auf einem guten Weg. Wenn von Seiten der Archivführung und Stiftungsleitung weiterhin Wohlwollen signalisiert wird, bin ich mir sicher, dass unser Team gemeinsam mit seinem neuen Leiter Michael Oberstadt in Zukunft eine äußerst erfolgreiche Archivarbeit machen wird.

Das Gespräch führte Ilse Fischer