40 Jahre Archiv der sozialen Demokratie (AdsD)

Harry Scholz

Prof. Dr. Michael Schneider

Anlässlich des 40. Jahrestages der Gründung des AdsD und der Verabschiedung des langjährigen Archivleiters Prof. Dr. Michael Schneider veranstaltete das Archiv am 17. Juni in Bonn eine Fachtagung mit mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Unter der Moderation von Dr. Anja Kruke, der neuen Archivleiterin des AdsD, erhielten alle deutschen Archive der politischen Stiftungen die Gelegenheit, ihre Arbeit, Bestände und Projekte vorzustellen. Es sollten Bedeutung und Rolle der Archive der politischen Stiftungen in der bundesdeutschen Gesellschaft und ihre Funktion in der deutschen Archivlandschaft aufgezeigt und kritisch diskutiert werden.

Ausgehend von der Würdigung des AdsD als ungedrucktes Gedächtnis der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung für die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) durch Dr. Roland Schmidt, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der FES, dankte Prof. Dr. Robert Kretzschmar in seiner Funktion als Vorsitzender des Verbandes deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) anschließend in seinem Grußwort dem AdsD, das den VdA in seiner Arbeit stets unterstützt und in den letzten beiden Jahren in den Arbeitskreisen Berufsbild und Tarif an maßgeblicher Stelle verdienstvolle Beiträge geleistet habe.

Kretzschmar betonte, dass die zentrale Aufgabe der Archive politischer Stiftungen, repräsentiert in der Fachgruppe 6 des VdA, darin liege, die Entscheidungsprozesse innerhalb der politischen Parteien selbst sowie deren Rolle in der Regierungsverantwortung in Bund und Ländern transparent zu machen. Durch ihre archivalischen Überlieferungen von Parteien, Verbänden und politischen Mandatsträgern sind die Stiftungsarchive für die historisch-politische Forschung und Bildungsarbeit aus der bundesdeutschen Archivlandschaft nicht mehr wegzudenken.

Dass die Stiftungsarchive neben ihrer nationalen archivarischen Verbands- und Gremienarbeit auch für die internationale Interessenswahrnehmung archivischer und archivarischer Anliegen von großer Bedeutung sind, stellte Dr. Günter Buchstab in seiner Funktion als langjähriger Vorsitzender der Fachgruppe 6 des VdA (Archive der politischen Parteien, Stiftungen und Verbände) und „Gründungsvater“ der Section of Archives and Archivists of Parliaments and Political Parties (SPP) im International Council on Archives (ICA) heraus.

Den Reigen der Stiftungsarchive, die sich mit ihrer Arbeit anschließend vorstellten, eröffnete Dr. Monika Fassbender, Leiterin des Archivs des Liberalismus (ADL) der Friedrich-Naumann-Stiftung. Das AdL konnte in diesem Jahr einen Erweiterungsbau des Archivs eröffnen. Neben den nationalen Bestandszuwächsen bei den Gliederungen der FDP sind inzwischen auch Zunahmen bei den Überlieferungen der internationalen Liberalismusorganisationen sowie den entsprechenden Personenbeständen zu verzeichnen. Mit dem Erweiterungsbau stehen nun bessere Rahmenbedingungen bei der Sicherung, Magazinierung und Aufbereitung für die historisch-politikwissenschaftliche Forschung zur Verfügung.

Dr. Roland Schmidt, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der FES

Dr. Christoph Becker-Schaum vom Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung skizzierte als „Gründungsarchivar“ der Grünen die Schwierigkeiten bei der Gründung des Archivs und stellte insbesondere die individuellen Eigenheiten von Personen und Kleinstorganisationen im Kontext der Neuen sozialen Bewegungen heraus, die zum Überlieferungsprofil des Archivs Grünes Gedächtnis gehören. Diese im Archiv in ihrer jeweiligen archivalischen Überlieferung abzubilden, sei bis in die Gegenwart eine Herausforderung geblieben.

In den Sektionssitzungen des Nachmittags stellte zunächst Dr. Jochen Weichold das Archiv Demokratischer Sozialismus der Rosa-Luxemburg-Stiftung als jüngstes der Stiftungsarchive vor. Weichold umriss in seinem Beitrag Aufbau, Tektonik und Bestandszuwächse im vergangenen Jahrzehnt.

Dr. Renate Höpfinger, Leiterin des Archivs für Christlich-Soziale Politik der Hanns-Seidel-Stiftung, betonte in ihren Ausführungen, dass für die Überlieferungen christlich-sozialer Politik in ihrem Hause personenbezogene Bestände in Form von Nachlässen und Deposita, letztere verstanden als Überlieferungsform noch lebender Personen, zentrale Bedeutung haben. Insbesondere Ausstellungen spielten in diesem Zusammenhang eine zunehmend wichtigere Rolle hinsichtlich der Wahrnehmung und Wertschätzung des Archivs innerhalb der eigenen Stiftung sowie nach außen für die politisch handelnden Akteure der CSU.
Problematisch sei, dass die Arbeit für Ausstellungen vor dem Hintergrund knapper personeller und materieller Ressourcen die eigentliche Archivarbeit zumindest temporär stark bebeinträchtigen.

Im Anschluss wurde das Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung, wiederum durch seinen langjährigen Leiter Dr. Günter Buchstab, vorgestellt. Buchstab stimmte seiner Vorrednerin zu, dass die politisch-historische Bildungsarbeit für die Archive der politischen Stiftungen zunehmend von zentraler Bedeutung ist. Hierdurch würden die Interessen des Archivs bei den politischen Entscheidungsträgern der politischen Stiftungen selbst und den Hinterlegern – Parteien, Verbänden und Personen – besser Gehör finden, als dies durch die eigentliche Archivarbeit je gelingen könne. Dieses Dilemma gelte für alle politischen Stiftungsarchive.

 

 

In der abschließenden Sektionssitzung referierte zunächst Dr. Hans-Holger Paul über das AdsD, seine Geschichte als ältestes Archiv der politischen Stiftungen, seine Akquisitionspolitik und nicht zuletzt über seine Funktion als Motor jüngster Web- und Digitalisierungsprojekte, die im Verbund mit den anderen Stiftungsarchiven oder solitär in der Archivwelt auf große Aufmerksamkeit gestoßen seien.

Auf die besondere gemeinsame Geschichte von Archiv und Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, die beide lange Zeit eine Abteilung waren und erst mit wachsender Größe und der damit verbundenen Bedeutung seit den 80er Jahren in zwei eigenständige Abteilungen aufgeteilt wurden, ging Dr. Rüdiger Zimmermann in seiner Funktion als Leiter der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung ein. Beide, Archiv und Bibliothek, bilden das gedruckte und ungedruckte Gedächtnis der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung mit den Schwerpunkten Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung im gemeinsamen Überlieferungsprofil. Die Bibliothek als wissenschaftliche Spezialbibliothek genieße in diesem Zusammenhang national wie international bezogen auf ihr Sammlungsprofil und dank intensiver Digitalisierungsprojekte, gefördert u.a. durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), einen hervorragenden Ruf.

In seinem Schlusswort stellte der langjährige Leiter des AdsD, Prof. Dr. Michael Schneider, die Gemeinsamkeiten in der Aufgabe, Zielsetzung und Überlieferungsbildung der politischen Stiftungsarchive heraus. Diese hätten sich national wie international eine sehr gute Reputation in der archivischen Fachöffentlichkeit erarbeitet und seien als quellenspezifische Überlieferungsträger für politische Entscheidungsprozesse und Handlungsabläufe der Parteien für die historische und politikwissenschaftliche Forschung unentbehrlich. An dieser Stelle bedankte sich Prof. Schneider bei allen politischen Stiftungsarchiven für die sehr gute, langjährige Zusammenarbeit. Die parteiübergreifende Solidarität in der Wahrung gemeinsamer archivischer Interessen vor dem Hintergrund stets knapper werdender finanzieller Mittel bei den Zuwendungsgebern der politischen Stiftungen sie hierbei beispielgebend.

Das AdsD wird in seiner Schriftenreihe „ Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie“ die Beiträge der Fachtagung zum Archivtag 2009 in Regensburg veröffentlichen.