Zur Verabschiedung von Professor Dr. Michael Schneider

Ilse Fischer

v.l.n.r. Dr. Meik Woyke, Prof. Dr. Michael Schneider, Anne Schneider, (Dr. Ursula Bitzegeio), Dr. Anja Kruke

Mit dem Erreichen des 65. Lebensjahres beendet Professor Dr. Michael Schneider am 30. Juni 2009 seine Tätigkeit als Leiter des Archivs der sozialen Demokratie. Seine Nachfolgerin wird ab 1. Juli Dr. Anja Kruke.

Als Michael Schneider vor zehn Jahren, im Februar 1999, seine Tätigkeit aufnahm, hatte er gerade seine umfangreiche Studie „Unterm Hakenkreuz. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1933 bis 1939“ beendet, die noch im gleichen Jahr erschien. Als Historiker der Arbeiterbewegung mit langjähriger Erfahrung in Forschung und Lehre brachte er neue Impulse in die Arbeit des Archivs ein.

Michael Schneider wurde am 22. Juni 1944 in Landsberg/Warthe geboren, verbrachte Kindheit und Jugend in Berlin und Düsseldorf, wo er nach dem Besuch des Neusprachlichen Gymnasiums 1963 das Abitur ablegte. Anschließend nahm er an der Universität Köln das Studium der Germanistik und Geschichte auf, das er 1968 mit der Ersten Philologischen Staatsprüfung abschloss. Von 1969 bis 1971 arbeitete er an einem Forschungsprojekt über einen Vergleich von Weimarer Republik und Bundesrepublik Deutschland bei Professor Dr. Helmut Hirsch mit. 1971 wurde Michael Schneider wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Sozial- und Zeitgeschichte des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung. Nach der Promotion 1974 zum Thema „Unternehmer und Demokratie“ an der Universität Bremen nahm er zusätzlich zu seiner Arbeit am Forschungsinstitut der FES auch eine umfangreiche Lehrtätigkeit auf: Von 1975 bis 1995 war er Lehrbeauftragter am Seminar für Politische Wissenschaft der Universität Bonn. 1982 habilitierte sich Michael Schneider mit der Forschungsarbeit „Die Christlichen Gewerkschaften. Ihre Entwicklung in Deutschland von den Anfängen bis heute“. Im Juni 1995 wurde er zum Honorarprofessor an der Universität Bonn ernannt. Hinzu kamen Forschungsaufenthalte an der University of Michigan, Ann Arbor (1987, 1991), und an der University of Berkeley (1998).

Forschungen zur Geschichte der Gewerkschaften und der Arbeiterbewegung wurden zum zentralen Thema von Michael Schneiders wissenschaftlicher Arbeit. Nach Publikationen über das Arbeitsbeschaffungsprogramm des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in der Zeit der Weimarer Republik (1975) folgten Studien zur Aussperrung (1980), eine Geschichte des Kampfes um Arbeitszeitverkürzung (1984) und die „Kleine Geschichte der Gewerkschaften“, die einen Überblick von den Anfängen der Gewerkschaften in Deutschland bis zur Gegenwart bietet (1989, 2000). Neben zahlreichen Fachbeiträgen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Sammelbänden, u.a. über die Rolle der Gewerkschaften in der Endphase der Weimarer Republik, über ihre konjunkturpolitischen Vorstellungen und das Verhältnis von Gewerkschaften und Sozialdemokratie, über den gewerkschaftlichen Widerstand und die politische Arbeit im Exil während der NS-Zeit befasste sich Michael Schneider auch mit Forschungen zur Demokratiegeschichte, u.a. mit dem Konflikt um die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik (1986) und den großen Auseinandersetzungen in der Geschichtswissenschaft, z.B. dem „Historikerstreit“ oder der „Goldhagen-Debatte“. Von 1985 bis 1990 war er Mitglied im Editorial Board der Zeitschrift "International Labor and Working-Class History" (Yale University). Seit 1992 war er mit Dieter Dowe Herausgeber der Reihe „Politik- und Gesellschaftsgeschichte“ des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung und ab 1995 Mitglied in der Redaktion des „Archivs für Sozialgeschichte“. Seit 1995 gehörte Michael Schneider als Vertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung dem Vorstand der Internationalen Tagung der Historiker und Historikerinnen der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung (ITH/Linzer Konferenz) an.

Mit der Übernahme der Leitung des Archivs der sozialen Demokratie sah sich Michael Schneider mit neuen Aufgaben konfrontiert. Nicht nur die alltäglichen Anforderungen, die sich bei der Leitung einer mehr als 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umfassenden Abteilung ergaben, ließen eine Fortsetzung der Forschungsarbeit in dem bisherigen Umfang nicht mehr zu. Die zahlreichen Projekte des Archivs und seine angemessene Vertretung in der deutschen und internationalen Archivlandschaft verlangten einen entsprechenden Zeit- und Arbeitseinsatz. Michael Schneider selbst sah darin eine Aufgabe, der er sich mit dem gleichen Engagement widmete wie zuvor der historischen Forschung.

Prof. Dr. Richard J. Evans

Zu seinen konzeptionellen Zielen zählten die Verbesserung der Öffentlichkeitswahrnehmung des AdsD und die Stärkung seiner Bedeutung als Akteur der politischen Bildung. In diesem Zusammenhang sind zahlreiche Projekte des Archivs in den letzten zehn Jahre zu sehen, die von Michael Schneider initiiert oder durch wesentliche Impulse und Anregungen gefördert wurden. Dazu zählte der Ausbau der Internetpräsenz des Archivs einschließlich der Einstellung von Findmitteln auf die Internetseiten des AdsD, die Herausgabe eines Internet-Newsletters, die Übernahme digitaler Dokumente und die Spiegelung von Websites – letzteres ein Projekt, mit dem das AdsD anregend auch für andere Archive wurde. Eine stärkere Vernetzung des Archivs mit dem Historischen Forschungszentrum (dessen Leitung Michael Schneider im Februar 2008 zusätzlich übernahm) und der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung wurde vor allem in den letzten Jahren betrieben. Dazu gehörte die Beteiligung des Archivs an dem gemeinsamen Portal Arbeiterbewegung und die Verlinkung zwischen den Internetseiten des AdsD und der Bibliothek.

Zu einem regelrechten Erfolgsmodell wurden die historisch-politischen Wanderausstellungen des AdsD. Sie geben für ein breiteres Publikum visuell und didaktisch aufbereitete Einführungen z.B. zum Verhältnis von SPD und Gewerkschaften, zu Widerstand, Verfolgung und Exil von SPD und Gewerkschaften in der NS-Zeit, zur sozialdemokratischen Programmatik, zur Gründung der Sozialdemokratie in der DDR und zu einzelnen Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung. Dank eines unkomplizierten Montage- und Produktionssystems sind sie ohne großen Aufwand in Museen, Schulen und öffentlichen Einrichtungen einsetzbar. Auch die für das Ausland produzierten Ausstellungen zu Willy Brandt zählen dazu.

Prof. Dr. Friedhelm Boll

Nicht zuletzt als Ergebnis der eigenen langjährigen Forschungserfahrung förderte Michael Schneider verstärkt die Herausgabe von Publikationen, Dokumentationen oder Editionen, die von Broschüren über das Archiv und seine Bestände bis zu eigenständigen Akteneditionen reichten. Zu den großen Aktenakquisitionen während seiner Amtszeit zählten u.a. die Übernahme des Johannes-Rau-Archivs und zuletzt des Fotoarchivs von Jupp Darchinger. Aus der Fülle der neu erworbenen Fotos hat Michael Schneider gemeinsam mit Dieter Dowe 2008 den Band „Helmut Schmidt. Fotografiert von Jupp Darchinger“ herausgegeben.

In den letzten Jahren wurden auch dringend erforderliche Maßnahmen für den Erhaltungszustand der Archivbestände eingeleitet, darunter die Umstellung auf Archivfolien, säurefreie Mappen und Archivboxen sowie ein Restaurierungsprojekt für einen der ältesten Bestände des AdsD, den Bestand „Frühzeit der Arbeiterbewegung“. Neben der Forcierung der Kassation von Archivalien gelang es Michael Schneider in seiner Amtszeit auch, einen zusätzlichen Magazinraum durchzusetzen, was allerdings mit einer Verkleinerung der Tiefgarage der FES verbunden war – ein Umstand, der bei den Archivmitarbeiterinnen und –mitarbeitern zwar Freude, bei anderen FES-Kolleginnen und Kollegen aber nicht unbedingt Begeisterung auslöste ...

Dr. Rüdiger Zimmermann, Prof. Dr. Michael Schneider

Ein Schwerpunkt von Michael Schneiders Arbeit lag in der Erschließung neuer Zielgruppen für das Archiv, z.B. durch die Abhaltung von Workshops oder Spezialführungen für Lehrer(innen) oder Schüler von Leistungskursen in Geschichte, durch die Information neuer Mitarbeiter der FES und die Betreuung von Auslandsgruppen. Auch bei der Beratung beim Aufbau neuer Archive, z.B. in der Mongolei und in Tansania, leistete das AdsD Hilfestellung in unterschiedlicher Form.

Eine besondere Rolle spielte die Intensivierung der fachlichen Kontakte. Konkret hieß dies, dass verstärkt Tagungen und Workshops für das archivische Fachpublikum abgehalten wurden, dass sich das AdsD an Veranstaltungen wie z.B. dem Tag der offenen Tür der Archive beteiligte und vor allem, dass sein Leiter für eine stärkere Präsenz des Archivs bei nationalen und internationalen Tagungen und Verbänden Sorge trug – durch eigene Vortrags- und Publikationsaktivitäten wie durch die Entsendung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Dazu zählten vor allem die Archivtage des VdA (Verein deutscher Archivarinnen und Archivare), die IALHI-Tagungen (International Association of Labour History Institutions) und der ICA (International Council on Archives), dessen Vorstand Michael Schneider von 2004 bis 2008 angehörte. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Intensivierung des Erfahrungsaustauschs mit den Archiven der anderen politischen Stiftungen.

Festschrift zur Würdigung des wissenschaftlichen Lebenswerk von Prof. Dr. Michael Schneider

Am 16. Juni 2009 verabschiedete das Historische Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung Michael Schneider mit einem Festvortrag von Professor Dr. Richard J. Evans zum Thema „’Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft’. Zur Diskussion um Anpassung und Widerstand in der deutschen Arbeiterschaft 1933 – 1945“. Nach einer Würdigung des wissenschaftlichen Lebenswerks von Professor Dr. Michael Schneider durch Professor Dr. Friedhelm Boll und Professor Dr. Beatrix Bouvier wurde die aus diesem Anlass erschienene Festschrift „ Solidargemeinschaft und Erinnerungskultur im 20. Jahrhundert. Beiträge zu Gewerkschaften, Nationalsozialismus und Geschichtspolitik“ vorgestellt, die von Ursula Bitzegeio, Anja Kruke und Meik Woyke herausgegeben wurde (Bonn : J.H.W. Dietz Nachf. 2009, Reihe: Politik- und Gesellschaftsgeschichte 84 ). Dr. Rüdiger Zimmermann, Leiter der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, präsentierte als Online-Edition unter dem Titel "Interessenvertretung - Emanzipation - Gerechtigkeit" eine Auswahl von Veröffentlichungen Michael Schneiders zur nationalen und internationalen Gewerkschaftsgeschichte und zur Lage der Arbeiter im "Dritten Reich". Am 17. Juni fand eine Tagung zum vierzigjährigen Bestehen des Archivs der sozialen Demokratie statt, auf der die Leiter der Archive der politischen Stiftungen sowie AdsD und Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung ihre Archive vorstellten, archivische Fachfragen diskutierten und sich vom Leiter des Archivs der sozialen Demokratie verabschiedeten.

Unter der Leitung von Michael Schneider hat das AdsD eine Phase des Ausbaus und der Konsolidierung erfahren und wird auf dieser Basis sicher auch die Herausforderungen der Zukunft bestehen können. Zu den Erfolgen des letzten Jahrzehnts hat nicht nur das große persönliche und fachliche Engagement seines Leiters beigetragen. Auch durch seinen Arbeitsstil, seine Aufgeschlossenheit für innovative Vorstellungen und sein freundliches Zugehen auf Kollegen und Kolleginnen innerhalb und außerhalb des Hauses hat das AdsD als Partner in der Archivlandschaft und als dienstleistende Institution zweifellos an Zuspruch gewonnen.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für die Michael Schneider sich trotz seines großen Arbeitspensums immer Zeit für ein Gespräch nahm, denen er mit Anregungen, mit fachlichem und menschlichem Rat, zur Seite stand, begleiten ihn mit allen guten Wünschen in den neuen Lebensabschnitt.

Zur Online-Edition der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Michael Schneider: http://library.fes.de/inhalt/digital/schneider/