Im Rückblick: 16. Tagung des Internationalen Archivrats (ICA) in Malaysia 2008

Rudolf Schmitz

Die Petronas Towers in Kuala Lumpur, Malaysia

Vom 21. bis 27. Juli 2008 veranstaltete der Internationale Archivrat zum zweiten Mal seinen Kongress, der alle vier Jahre stattfindet, in einem asiatischen Land. Malaysia und sein Nationalarchiv erwiesen sich dabei als glänzende Gastgeber. Das betrifft sowohl die perfekte Organisation der riesigen Veranstaltung mit über 170 Vorträgen, Workshops und Meetings als auch den unermüdlichen Einsatz der großen Schar von Helferinnen und Helfern, die immer freundlich Rat erteilten, Hilfe anboten und es verstanden, jedem sonstigen Missmut mit einem Lächeln zu begegnen. Das weitläufige Kongresszentrum Kuala Lumpurs, in direkter Nachbarschaft der berühmten Petronas-Zwillingstürme, bildete den großzügigen Rahmen der Veranstaltung.

Bei der Eröffnung des Kongresses hob Minister Shafie hervor, dass der Vielvölkerstaat Malaysia als Muster friedlicher Koexistenz unterschiedlicher Ethnien gelten könne. Dass dies auch als ständige Aufgabe malaysischer Politik begriffen wird, machte die Ressortbezeichnung des „Ministers of Unity, Cultures, Arts and Heritage“ deutlich. Der hohe Stellenwert, der in vielen, besonders den jungen asiatischen Ländern den Archiven zuerkannt wird, denen wie in Malaysia oft auch die Pflege der nationalen Gedenkstätten anvertraut ist, spiegelte sich auch im Motto des Kongresses wieder: „Archives, Governance & Development. Mapping Future Society“. In dieser emphatischen Sicht sind Archive als Bewahrer des kulturellen Erbes eines Staates und seiner Gesellschaft nicht nur ein Eckpfeiler der Informationsgesellschaft und ein zentrales Gestaltungselement nationaler Identität. Die Archive sind auch ein wesentlicher Teil demokratischer Kultur, die den Bürgern eines Landes politisches und administratives Handeln transparent, nachvollziehbar und auch kritisierbar machen.

Kongressteilnehmer

Aber all dies werden sie auch zukünftig nur sein können, insoweit sie sich den Herausforderungen, die mit der digitalen Revolution der Kommunikationsmittel verbunden sind, stellen und sie meistern. So war denn auch das alles beherrschende Thema des Kongresses der Umgang mit den immer vielfältiger werdenden Formen digitaler Überlieferungen, und zwar in allen archivischen Bereichen von der Erfassung bis zur Bereitstellung. So wurden denn auch in den unterschiedlichsten Zusammenhängen immer wieder Fragen der Standardisierung von Dateiformaten, Methoden des Einpflegens von Metadaten, die Zertifizierung besonderer Archivformate und die Vorzüge unterschiedlicher Wege der Langzeiterhaltung von digitalem Material diskutiert. Dabei zeigten sich durchaus große Unterschiede, und zwar in Abhängigkeit von dem Stellenwert, den das e-Government im jeweiligen Land behauptet. Kanada hat nach einigen schmerzlichen Erfahrungen ein ehrgeiziges Programm: „Recordkeeping Regime in the Government of Canada“ aufgestellt. Chinas Beiträge vermittelten den Eindruck, als sei die komplette Verwaltung schon auf elektronische Aktenführung umgestellt. Die ostasiatische Teilgliederung des ICA SARBICA stellte sich mit dem Konzept „Development of e-Government and Digital Records Management“ vor, und Australien behauptete wie schon seit Jahren seine Vorreiterrolle in vielen Bereichen der digitalen Archivierung.

Rudolf Schmitz (m)

Auch ein verändertes archivarisches Selbstverständnis kam in vielen Beiträgen zum Ausdruck. So wurde intensiv an der zünftigen Unterscheidung von Archivaren, Bibliothekaren und Dokumentaren zugunsten eines nutzerorientierten informationswissenschaftlichen Ansatzes gerüttelt. Auch die in vielen Nationalarchiven diskutierte Ausweitung des ursprünglichen Archivierungsauftrags verdankt sich der zunehmenden digitalen Generierung des potentiellen Archivguts. So stellten die niederländischen Kollegen ein Konzept vor, das sich nicht damit begnügt, in herkömmlicher Weise nur staatliches Handeln zu dokumentieren, sondern das beansprucht, den gesellschaftlichen Wandel in seinen zentralen Bereichen zu wiederzuspiegeln.

Nicht nur im Vergleich zu den großen Delegationen von Ländern wie Australien und Kanada nahm sich die deutsche Teilnehmerzahl doch sehr bescheiden aus. Waren selbst die Niederlande mit einer Gruppe von dreißig Archivaren und Archivarinnen vertreten, zählte die deutsche Delegation gerade sieben Mitglieder. Der Internationalismus in Deutschland tut sich scheinbar etwas schwer in Zeiten der Globalisierung. Immerhin wurde das AdsD durch zwei Kollegen repräsentiert. Der verantwortliche Archivar für das Willy-Brandt-Archiv, Harry Scholz, stellte sich in der Sektion der Parlaments- und Parteiarchivare zur Wahl in den Vorstand und Rudolf Schmitz war als Verantwortlicher des Webarchivierungsprojekts im AdsD vom Steering Committee des SPP gebeten worden, Verfahren und Grundsätze der Archivierung dieser komplexen Quellengattung in einem eigenen Workshop vorzustellen und zu erläutern. Das AdsD hat als erstes Archiv in Deutschland und als eines der ersten in Europa bereits 1999 damit begonnen, die Webpräsenzen der SPD und ihrer Fraktionen in den Parlamente zu archivieren. Auf der Bonner Tagung der SPP 2006 waren Richtlinien zur Webarchivierung verabschiedet worden, die mittlerweile auch im Anhang des Tagungsbandes erschienen sind; dieser steht auch im Internet zur Verfügung .

Blick ins Plenum

Wegen der großen Zahl der Anmeldungen bat der Generalsekretär des ICA noch im Vorfeld des Kongresses zweimal darum, doch eine erheblich größere Zahl von Teilnehmern als ursprünglich geplant zum Workshop zuzulassen. Eröffnet wurde der Workshop durch eine kurze Einführung des Präsidenten der Sektion der Parlaments- und Parteiarchivare. Anschließend präsentierte Dieter Schlenker von der UNESCO die Auswertung einer Bestandsaufnahme zur Webarchivierung in den UN-Gliederungen mit dem Ergebnis, dass bisher kaum Verfahren zur Sicherung des Internets entwickelt und umgesetzt wurden, die archivischen Ansprüchen genügen. Rudolf Schmitz stellte dann den Tagungsband zur Bonner SPP-Tagung vor und erläuterte die dort beschlossenen Richtlinien zur Webarchivierung.

Im zweiten Teil des Workshops erläuterte Schmitz die im Zuge des Spiegelungsprojektes im AdsD entwickelten Verfahren zur Erfassung, Erschließung, Bereitstellung und Langzeitsicherung. Zum Schluss skizzierte er die Möglichkeiten einer datenbankgestützten Bearbeitung und Bereitstellung.

In der abschließenden Diskussion wurden vor allem Verfahren zur Identifikation der unterschiedlichen Versionen eines Dateityps (Subtypes) sowie wie Fragen der Langzeitsicherung erörtert.

Nach der großen Resonanz, die der Workshop gefunden hat, wird innerhalb der SPP diskutiert, die Webarchivierung zu einem eigenen Projekt auch des ICA zu machen. Dazu wird man sich aber noch über einzelne Modalitäten verständigen müssen.

Überzeugt werden konnte offensichtlich bereits jetzt Ian Wilson, der neugewählte Präsident des ICA. Er nannte die Webarchivierung in seiner Abschlussrede ausdrücklich eine der zentralen Aufgaben zukünftiger Archivarbeit.