Der Nachlass der Reichstagsabgeordneten Clara Bohm-Schuch im AdsD

Ilse Fischer

Clara Bohm-Schuch, um 1920

2007/08 konnte der Nachlass Clara Bohm-Schuch übernommen werden. Schon im Hinblick auf die geringe Zahl der von Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten überlieferten Nachlässe aus der Zeit der Weimarer Republik bedeutet die Übernahme dieses kleinen, aber gehaltvollen Bestandes eine willkommene Ergänzung. Vor allem aber ermöglichen die Unterlagen nun eine intensivere Erforschung der Biographie von Clara Bohm-Schuch.

Clara Bohm (1879-1936) wurde in Stechow/Havelland geboren. Sie stammte aus einer kinderreichen Kleinbauernfamilie, besuchte zunächst die Dorfschule und arbeitete anschließend als Dienstmädchen, dann als Verkäuferin in einer Bäckerei. Nach dem Besuch einer Handelsschule in Berlin war sie in verschiedenen Stellen als Buchhalterin und Sekretärin tätig. Clara Bohm-Schuch interessierte sich früh für soziale Fragen; 1903 wurde sie Leiterin der Kinderschutzkommission in Berlin-Rixdorf. Als sie sich 1904 in einer Berliner Textilarbeiterinnen-Versammlung an der Diskussion beteiligte, soll die Referentin des Abends, Rosa Luxemburg, auf sie aufmerksam geworden sein. Von 1904-1908 war Bohm-Schuch Vorstandsmitglied des „Vereins für Frauen und Mädchen der Arbeiterklasse“ in Berlin; 1908, nach dem Inkrafttreten des neuen Vereinsgesetzes gehörte sie auch offiziell der SPD an und wurde rasch eine begehrte Rednerin auf Versammlungen und Parteiveranstaltungen. Seit 1905 war sie mit dem Kaufmann Willy Schuch verheiratet.1

 

Während des Ersten Weltkriegs verfasste Clara Bohm-Schuch eine Broschüre über „Die Kinder im Weltkriege“2, mit der sie auf die soziale Not in der Arbeiterschaft aufmerksam machte. Sie arbeitete zeitweise für den Verband der Gemeindearbeiter in Berlin und beteiligte sich im Oktober 1918 mit anderen Sozialdemokratinnen an dem Aufruf „Die Frauen und der Friede“, in dem zu einer raschen Beendigung des Kriegs aufgerufen wurde. Im November/Dezember 1918 war Clara Bohm-Schuch kurze Zeit Angestellte des Vollzugsrats der Deutschen Republik. Am 19. Januar 1919 wurde sie als Abgeordnete für den Wahlkreis 18 (Arnsberg) in die Verfassunggebende Nationalversammlung gewählt; ab 1920 gehörte Clara Bohm-Schuch dem Deutschen Reichstag an, wo sie u.a. das Amt einer Schriftführerin im Reichstagspräsidium übernahm. Der Schwerpunkt ihrer politischen und parlamentarischen Arbeit galt Fragen des Mütter- und Kinderschutzes, des Erziehungswesens und der Berufsausbildung. Sie war Mitglied im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss für die Schuldfragen des Weltkriegs; den Versailler Friedensvertrag lehnte sie leidenschaftlich ab.

Von 1919 bis 1922 übernahm Clara Bohm-Schuch als Nachfolgerin von Marie Juchacz die Redaktion der sozialdemokratischen Zeitschrift für Frauen „Die Gleichheit“. Innerhalb der Sozialdemokratie und deren Umfeldorganisationen übte sie zahlreiche weitere Funktionen aus: Sie gehörte dem Reichsausschuss für sozialistische Bildungsarbeit an, dem Vorstand der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde, war im Hauptausschuss der Arbeiterwohlfahrt vertreten und zeitweise Mitglied des SPD-Bezirksvorstandes von Berlin. Besonders enge Kontakte bestanden zur Arbeiterjugend, für die sie als Rednerin auf zahlreichen Veranstaltungen sprach. Gerade im kulturellen Bereich war der Name Clara Bohm-Schuch in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung ein Begriff: Sie verfasste zahlreiche Gedichte und literarischer Skizzen; die Texte ihrer Lieder dienten als feierliche Begleitung zu Parteitagen und Festveranstaltungen („Ich warte Dein“).3

Brief von Clara Bohm-Schuch an Hermann Müller vom 7.6.1928

Die Machtübertragung an die Nationalsozialisten und der Terror im Frühjahr 1933 bedeuteten den tiefsten Einschnitt in ihrem Leben. Im Reichstag übergab Clara Bohm-Schuch dem nationalsozialistischen Reichstagspräsidenten und preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring einen Bericht über die Misshandlung der sozialdemokratischen Berliner Stadtverordneten Marie Jankowski und anderer Personen durch die SA. Im August 1933 fand in Clara Bohm-Schuchs Wohnung eine Hausdurchsuchung statt. Sie wurde verhaftet, in das berüchtigte Polizeigefängnis am Alexanderplatz verschleppt und anschließend zwei Wochen in dem Frauengefängnis Barnimstraße eingesperrt. Auch später wurde sie immer wieder durch Hausdurchsuchungen und Vorladungen drangsaliert. Clara-Bohm Schuch starb am 6. Mai 1936 in Berlin. Die Trauerfeier am 12. Mai 1936, die im Krematorium des Friedhofs Baumschulenweg stattfand, wurde zu einer eindrucksvollen Demonstration gegen die nationalsozialistische Diktatur, zu der sich Tausende ehemaliger Mitglieder und Anhänger der Sozialdemokratie einfanden.4

Der schriftliche Nachlass von Clara Bohm-Schuch ist (wohl nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Hausdurchsuchungen in der Zeit der NS-Diktatur) nur zum Teil überliefert. Er umfasst neben Unterlagen zur Arbeit im Untersuchungsausschuss für die Schuldfragen hauptsächlich Korrespondenz, darunter einen umfangreichen Briefwechsel mit dem sozialdemokratischen Partei- und Fraktionsvorsitzenden Hermann Müller und anderen Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen (u.a. Walter G. Oschilewski, Anna Blos), zum Teil sind auch Clara Bohm-Schuchs eigene Schreiben erhalten (Briefe an Hermann Müller und an den Ehemann Willy Schuch). Umfang: ca. 0,7 lfm.


1 Zur Biographie vgl. u.a.: Marie Juchacz: Sie lebten für eine bessere Welt. Lebensbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts, Hannover 1971, S. 93-98; Renate Bäuerlein: Clara Bohm-Schuch, geb. Bohm, in: Frauenmosaik. Frauenbiographien aus dem Bezirk Treptow-Köpenick, Berlin 2001, S. 61-71.

2 Clara Bohm-Schuch: Die Kinder im Weltkriege, Berlin 1916.

3 Clara Bohm-Schuch: Gedichte, Berlin 1932.

4 Vgl. „Neuer Vorwärts“, Nr. 154, 24.5.1936.