Für zehn Pfennig Gewerkschaft

Christine Bobzien

"Der Landarbeiter" 1909

Vor genau 100 Jahren hatten deutsche Landarbeiter erstmalig die Möglichkeit, für 10 Pfennig ihres kärglichen Wochenlohnes Rechtsschutz, Krankenunterstützung und ein gewerkschaftliches Bildungsangebot in Anspruch zu nehmen. Fast 5.000 Guts-, Wald- und Weinbergarbeiter, Melker und sonstige landwirtschaftlich Beschäftigte nutzten die Chance und traten bis Ende des Jahres 1909 in die Gewerkschaft ein.

Gründe gab es genug. Arbeiter auf dem Lande waren auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch in vielen Punkten nahezu rechtlos. Weil Landarbeiter und Gesinde 1869 von der Gewerbeordnung ausgenommen worden waren, galt das Streikverbot für sie im Wesentlichen weiter, das Koalitionsrecht wurde unverändert durch ein Gewirr von regionalen Sonder- und Ausnahmebestimmungen eingeschränkt und patriarchalische Bindungen wirkten ungebrochen fort. Auch das Bildungsniveau der Landbevölkerung im Deutschen Reich war trotz der vor Ende des 19. Jahr­hunderts weitgehend abgeschlossenen Alphabetisierung immer noch sehr niedrig.

Bereits 1873 war auf dem „Fünften Congress der Sozial-demokratischen Arbeiterpartei“ in Eisenach gefordert worden, „der Congress möge [..] über die Gründung einer Gewerkschaft [..] der [..] Landarbeiter Beschlüsse fassen“1. Auch Otto Braun, später langjähriger sozialdemokratischer Ministerpräsident von Preußen, engagierte sich für eine Landarbeiterorganisation2.

Aber erst Jahrzehnte später ließen sich diese Pläne verwirklichen: Das im April 1908 verabschiedete Reichsvereinsgesetz erschwerte es nunmehr der staatlichen Obrigkeit, eine Gewerkschaft als „politische Vereinigung“ zu brandmarken und zu verbieten. Aus heutiger Sicht beeindruckt uns vielleicht mehr noch, dass das Gesetz erstmalig auch Frauen das Recht zugestand, einer solchen politischen Vereinigung beizutreten.

Die Generalkommission der Gewerkschaften lud zum 21. und 22. Februar 1909 Vertreter der

Aus dem Bestand: GGLF-Hauptvorstand im AdsD

Landarbeiterschaft, der Gewerkschaften und der SPD in das Berliner Gewerkschaftshaus am Engelufer. Die Sitzung leitete Carl Legien; der SPD-Parteivorstand war durch seinen damaligen Sekretär und späteren Reichspräsidenten, Friedrich Ebert, vertreten. Die 60 Delegierten beschlossen die Gründung des „Verbandes der Land-, Wald- und Weinbergsarbeiter und –arbeiterinnen Deutschlands“, erarbeiteten eine Satzung und legten den Beitrag für Mitglieder (als ein bewusst „niederschwelliges Angebot“) auf 10 bis 25 Pfennig fest.

Drei Jahre später benannte sich der junge Verband, der sich „die allseitige Förderung der wirtschaftlichen und geistigen Interessen seiner Mitglieder“3 auf seine Fahnen geschrieben hatte, in „Deutscher Landarbeiter-Verband (DLV)“ um.

Der DLV begriff Rechtsschutz als Kernaufgabe. 1912 vertrat der beauftragte Verbandssyndikus bereits weit über 600 Rechtsstreitfälle seiner Mitglieder. Die Verbandszeitschrift „Der Landarbeiter“ berichtete regelmäßig über exemplarische Urteile, die Gesetzeslage sowie über die Gewerkschaftspolitik des DLV. Die Zeitschrift propagierte aber auch eine rationalere und gesündere Lebensführung: Mehrere Beiträge verdammen exzessiven Schnapsgenuss und dessen Verabreichung an Kinder. Andere Artikel machen mit den Grundlagen der menschlichen Hygiene vertraut. So sollten sich Landarbeiterinnen nicht darauf beschränken „alle Sonntage einmal notdürftig den Hals [..] und die Füße nur an hohen Feiertagen“ zu waschen“4. Auch Gebrauch und Nutzen der neuerdings „für einige Groschen erhältliche[n]“ Zahnbürste wird eingehend bechrieben und illustriert.

 

Aufkleber aus dem Bestand: GGLF-Hauptvorstand im AdsD

Am 2. Mai 1933 wurde der DLV als freie Gewerkschaft von den Nationalsozialisten aufgelöst und sein Vermögen beschlagnahmt. Erste Wiedergründungen fanden in Deutschland 1946 und 1947 auf regionaler oder Landes­ebene statt. Im Juli 1949 schlossen sich die Gewerkschaften der amerikanischen, britischen und französischen Zone in Hannoversch Münden zur Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft (GGLF) zusammen.

Die GGLF blieb die kleinste unter den 16 DGB-Gründungsgewerkschaften. Zu den organisationspolitischen Hindernissen durch ländliche Strukturen kamen mit den Wirtschaftswunder-Jahren die rasante Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland als Industrienation und später der Wandel zu einer Dienstleistungsgesellschaft, in deren Folge die Bedeutung der Landwirtschaft allmählich zurücktrat. Umweltpolitische Probleme wie das Waldsterben traten als neue Themen hervor.

Durch die deutsche Wiedervereinigung wuchs 1990 das Organisations­gebiet der GGLF schlagartig um 44 %, ihre Mitgliederzahl gar um 200 %5. Die Schwestergewerkschaft GLNF hatte in Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und Staatsforsten einen im Westen unvorstellbaren Organisationsgrad innegehabt. Gleichzeitig aber mit dem Ringen um allseitig taugliche Gewerkschaftsstrukturen musste die vereinigte GGLF den Kampf gegen den rapiden Schrumpfungsprozess und die daraus resultierende Arbeitslosigkeit in der Landwirtschaft der ehemaligen DDR aufnehmen. Dieser doppelten Belastung war die chronisch finanzschwache GGLF nicht lange gewachsen und hielt bald Ausschau nach einem rettenden Kooperationspartner.

Als sich die GGLF im Oktober 1995 an das Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung wandte mit der Bitte, ihre Altakten in dessen Obhut zu nehmen, stand bereits fest, dass sich die GGLF zum Jahresende auflösen würde. Aus ihrer Fusion mit der IG Bau-Steine-Erden (BSE) entstand am 1. Januar 1996 die neue IG Bauen–Agrar–Umwelt (BAU).

Wenige Tage vor Auflösung der GGLF erhielt das AdsD die Möglichkeit, die Altakten in der GGLF-Hauptverwaltung in Kassel in Augen­schein zu nehmen. In dieser hektischen Übergangs­phase hatten viele Gewerkschafter/innen ihre Büros bereits verlassen oder bereiteten unter Zeitdruck den Umzug in die neue Organisation vor. So kam es, dass sich das AdsD vor die Aufgabe gestellt sah, innerhalb weniger Stunden und auf engstem Raum die gesamte Hinter­lassenschaft der früheren GGLF, d.h. den Inhalt von mehreren hundert Umzugskartons zu be­gutachten, um hierunter archivwürdiges Material festzustellen und in das AdsD nach Bonn zu überführen. Akten waren vielfach mit ganzen Handbibliotheken, Zeitschriften- und Drucksachenlagern vermischt. Eine Begehung von Kellern und Dachböden ergab Restfunde von Akten, die dürftige Hinweise auf weit ältere um­fassendere Registraturen lieferten, welche aber offenbar bereits zu einem viel früheren Zeitpunkt vernichtet worden waren.

Durch einen Kraftakt konnten immerhin 85,00 Regalmeter GGLF-Quellen gerettet, wenig später in den Magazin­räumen des AdsD in Bonn aufgestellt und in eine rudimentäre Ordnung gebracht werden. Von da an waren sie (wenn auch eingeschränkt) für die Forschung nutzbar.

2006 schloss die IG BAU einen Vertrag mit dem AdsD über die Erschließung des GGLF-Archivs. Hierdurch konnten im Rahmen eines großzügig geförderten Projektes die Altregistraturen und historischen Unterlagen durch das AdsD archivwissenschaftlich strukturiert, vollständig geordnet und verzeichnet sowie technisch bearbeitet werden.

Zum hundertsten Geburtstag der Landarbeitergewerkschaft stehen nun 60,00 lfm Archivalien der GGLF mit einer Laufzeit von 1949 bis 1995 (sowie Sammlungsgut ihrer Vorläufer ab 1910) für die Forschung bereit, wobei der Schwerpunkt der Bestandsüberlieferung in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts liegt.


 

1Protokoll über den fünften Congress der Sozial-demokratischen Arbeiterpartei – abgehalten zu Eisenach, am 23., 24., 25., 26. und 27. August 1883, Leipzig 1873

2 Rainer Fattmann: In schwierigem Gelände: Landarbeiterschaft und Landarbeitergewerkschaften – Zur Geschichte der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft (GGLF) und ihrer Vorläuferorganisationen, MSS 2008

3 Statut des Deutschen Landarbeiter-Verbandes: beschlossen Ende Dezember 1912 von der ersten Generalversammlung des Verbandes, Berlin, 1913

4 Der Landarbeiter, 5. Jahrgang. S. 90

5 Hermann Hunger: Weichenstellungen – Jahre der Entscheidung für die GGLF, Frankfurt am Main, 2000