„Gebrochene Schriften“ in der Sammlung Flugblätter und Flugschriften des AdsD – Geschichte, Entwicklung und optische Schrifterkennung (OCR) von Frakturschriften

Peter Pfister

Noch heute begegnen wir an einigen Stellen der Fraktur, einer Schrift, die vielfach noch unter der Bezeichnung „Deutsche Schrift“ bekannt ist. Diese altertümlichen Zeichen werden jedoch zumeist nur noch für Werbezwecke verwandt mit dem Ziel, die traditionsreiche Vergangenheit eines Produkts zu verdeutlichen. 1 Dass die Fraktur nicht nur eine Werbeidee sondern eine weitverbreitete Schrift war, wird deutlich, wenn man sich mit älteren Druckwerken befasst. Gerade heute, im Zeitalter des Internets, stellen immer mehr Archive und Bibliotheken Teile ihrer Bestände mittels OCR (Optical Character Recognition) ins World-Wide-Web. Bei Antiqua-Schriften erzielt die OCR schon lange gute Ergebnisse. Doch es erhebt sich zunehmend die Frage, ob und wie die gebrochenen Schriftarten optisch erkannt und für das Internet recherchierfähig gemacht werden können.

Bereits 1998 hatte das Archiv der sozialen Demokratie begonnen, verschiedene Sammlungen, darunter die Sammlung Flugblätter und Flugschriften, über Datenbanken im Internet zur Recherche bereit zu stellen. Da gerade diese Sammlung mit einer Volltextrecherche angeboten wird, musste dringend eine Lösung bei der OCR von Frakturschriften gefunden werden, denn viele Exemplare der umfangreichen Flugblatt- und Flugschriftensammlung des AdsD sind in dieser gebrochenen Schrift gedruckt.

1. Die Entstehung von Fraktur

Abb. 1: Karolingische Minuskel, um 805

Nachdem um die Mitte des 12. Jahrhunderts in Frankreich ein neuer Baustil entstanden war, der sich deutlich von der Formensprache der Romanik distanzierte, hatte sich auch die Schrift verändert. War anstelle des festungsähnlichen „Bollwerks des Glaubens“ nun eine filigrane Baukunst getreten, die in ihrer Ausrichtung enorm in die Höhe strebte, so wurde auch die Schrift höher und schmaler.2 Mit dem „Aufbrechen“ des romanischen Bogens zum Spitzbogen wurden auch die Rundungen der karolingischen Minuskel gebrochen (Abb. 1).3 Diese Stilform, die später von Vertretern der italienischen Renaissance abschätzig als „gotisch“ bezeichnet wurde,4 verbreitete sich schnell nach Deutschland, England sowie nach Spanien und Böhmen (Abb. 2). Blieb die gotische Schrift oder Textura, wie sie aufgrund ihrer bildhaften Erscheinung genannt wird, hauptsächlich liturgischen Werken vorbehalten,5 so veränderte sich in den übrigen Schriften das Schriftbild hin zu einer runderen und breiteren Buchstabengestaltung. Wahrscheinlich durch einen Künstler aus Schwabach bei Nürnberg wurde hieraus Ende des 15. Jahrhunderts die Schwabacher Schrift entwickelt, welche sich im deutschen Raum im Zeitalter der Reformation großer Beliebtheit erfreute (Abb. 3).Unter Maximilian I., dem die Schwabacher Schrift zu derb und zu volkstümlich erschien,6 entstand schließlich die Fraktur, die sich durch eine feinere Auszeichnung der Buchstaben und durch eine höhere Brechung der Rundungen auszeichnete. Hatte sich die Schwabacher Schrift nicht zuletzt dadurch entwickelt, dass die Textura zu schwer zu schreiben und zu lesen war,7 so bildete sich bei der Fraktur ein neuer Schrifttypus heraus. Die einzelnen Buchstaben waren deutlicher von einander zu unterscheiden und erhielten darüber hinaus ihre charakteristische Verzierung (Abb. 4).

Abb. 2: Gotische Schrift (Textura), 13. Jhd.
Abb. 3: Schwabacher, 16. Jhd.)
Abb. 4: Fraktur, 1514

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr die Frakturschrift ihre vielleicht größte Blüte, da verschiedene Schriftkünstler sich ihrer annahmen und die unterschiedlichsten Frakturschriftarten entwarfen.

2. Die Entwicklung der Frakturschrift im frühen 20. Jahrhundert

Abb. 5: Beispiel einer vorgeschlagenen Harmonisierung von Fraktur und Holzschnitt

Im Zeitalter des Historismus, in dem vergangene Stilarten nachempfunden und eklektizistisch vermischt wurden, findet sich auch eine Vielzahl an Schriftarten, die in ihrer Formgebung vergangene Epochen der Schriftkunst zitieren. Doch beschränkte sich die Schriftkunst nicht nur auf reine „Nacherzählung“ sondern die vergangene Schriftform wurde – wie im Historismus üblich – gleichzeitig „verfeinert“. Es wurde also nicht so wie im Mittelalter geschrieben sondern so, wie man sich die Schrift des Mittelalters in ihrer idealen Form vorstellte (Abb. 5).8
Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, wenn man die besondere Vorliebe für die Fraktur allein aus der historistischen Kunstbetrachtung heraus beleuchten würde. Die Fraktur wurde auch als „Deutsche Schrift“ verstanden und kann daher auch als Zeichen verstärkten „Nationalbewusstseins“ betrachtet werden.9 Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine Diskussion über neue Schriftformen ein. Der Schriftkünstler Fritz Hellmuth Ehmcke (1878-1965) bemängelte noch 1925 die „kulturelle Erschöpfung“ des 19. Jahrhunderts, die dazu geführt habe, dass man den „geläufigen historischen Schriftformenschatz ausplünderte und für allerlei Kunststücke missbrauchte“.10 Neue Wege ging Ende des 19. Jahrhunderts der Maler und Graphiker William Morris (1834-1896), indem er die Handarbeit gegenüber der maschinellen Fertigung vorzog. Er ließ neue Schriften schneiden und druckte seine Bücher mit der Handpresse. Bereits 1893 forderte er, dass die Schriftart sich erkennbar an dem Inhalt des Textes orientieren solle und bereitete damit den Weg für eine große Zahl von Schriftkünstlern.11 Auch die Wiederentdeckung des Holzschnitts förderte die Entwicklung von neuen Fraktur-Typen. Gerade im Hinblick auf die besondere Wirkung von Holzschnitten wurde über verschiedene Schriftarten nachgedacht, die geeignet waren, in besonderer Weise mit dem abgebildeten Schnitt zu harmonieren (Abb. 5).12

Auch wenn sich im frühen 20. Jahrhundert immer mehr Künstler mit unterschiedlichen Versionen der Antiqua befassten, blieb die Fraktur eine feste Größe im gedruckten Wort. Besondere Bedeutung kommt hier dem Jugendstil zu, der durch seine florale und dekorative Formgebung eine Brücke zwischen der Fraktur und der Antiqua darstellte.13

Es war jedoch keine künstlerische Entwicklung, die in Deutschland das Ende der Frakturschriften herbeiführte sondern deren Ende besiegelten die Nationalsozialisten. Am 3. Januar 1941 wurde festgestellt, dass die gotische Schrift keine deutsche Schrift sei. Sie wurde als „Schwabacher Judenletter“ bezeichnet und verboten.

3. Die Fraktur unter den Nationalsozialisten

Es war ein interner Erlass, unterzeichnet von dem NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann, der am 3. Januar 1941 verkündete: „Die gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. [...] Am heutigen Tage hat der Führer in einer Besprechung mit Herrn Reichsleiter Amann und Herrn Buchdruckereibesitzer Adolf Müller entschieden, dass die Antiqua-Schrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei.“14 Mit diesem Erlass wurde eine frühere nationalsozialistische Ansicht verworfen, welche die Antiqua-Schrift als „nicht arisch“ bezeichnete und die gotischen Lettern als Deutsche Schrift herhob.15

Historisch gesehen ist beides falsch. Wie bereits beschrieben, entstand die gotische Schrift in Frankreich. Die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg in Mainz sowie die spätere große Verbreitung der Schwabacher und der Fraktur im deutschsprachigem Raum brachte den gebrochenen Schriften die italienische Bezeichnung „Lettera Tedesca“ ein – „Deutsche Schrift“. Da in dem Erlass jedoch die tatsächlich nicht deutsche Gotische Schrift mit der wiederum deutschen Schwabacher gleichgesetzt wurde, verboten die Nationalsozialisten somit die erste gebrochene Schrift, die tatsächlich auf deutschem Boden entstanden ist - die Schwabacher - als „undeutsch“.

Es ist schon vielfach darüber spekuliert worden, was den Sinneswandel zu Lasten der gebrochenen Schrift herbeiführte. Einerseits wird angenommen, dass der Grund für das Verbot in der Verbreitung von Printmedien in den von den Nationalsozialisten überfallenen Ländern zu sehen ist, da die Fraktur dort nicht überall gelesen werden konnte. Da aber nicht anzunehmen ist, dass beispielsweise öffentliche Aushänge in Fraktur gedruckt wurden – schließlich wählte man dafür auch nicht die deutsche sondern die jeweilige Landessprache – ist diese Argumentation wenig stichhaltig. Schlüssiger erscheint dagegen die Annahme, dass es in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine von den nationalsozialistischen Vorstellungen unabhängige europäische Bewegung gab, die gebrochenen Schriften zugunsten einer einheitlichen Antiquaschrift zu verdrängen, der sich die Nationalsozialisten notgedrungen anschlossen.16

Die Bezeichnung „Schwabacher Judenletter“ lässt jedoch noch einen weiteren Schluss zu: In dem Erlass ist die Rede von dem „Buchdruckereibesitzer Adolf Müller“, der an der Entscheidung mitwirkte. Dieser war Direktor des Zentralverlages der NSDAP und somit verantwortlich für den Druck des „Völkischen Beobachters“. Möglicherweise hat Müller herausgefunden, dass die Fraktur des „Völkischen Beobachters“ auf einen Künstler namens Lucian Bernhard (1883-1972) zurückging.17 Bernhard jedoch, der in der Hauptsache als herausragender Plakatkünstler gefeiert wurde, war Jude. Es ist durchaus denkbar, dass diese Entdeckung zum Anlass genommen wurde, alle gebrochenen Schriften als „jüdischen Ursprungs“ zu verbieten (Abb. 6 und 7). 18

Abb. 6: Völkischer Beobachter von 1934 mit der
Überschrift in Extrafetter Bernhard-Fraktur

Abb. 7: Völkischer Beobachter vom April 1941, drei
Monate nach dem Schrifterlass in Antiqua

 

4. Die Lesbarkeit und Besonderheiten in der Schriftsetzung

Heutzutage wird in den Schulen Fraktur nur noch in Ausnahmefällen behandelt und gelehrt. Vielen bereitet es Mühe, die verschnörkelten Buchstaben zu entziffern, insbesondere wenn man die Buchstaben nicht aus dem inhaltlichen Kontext heraus entschlüsseln kann, wie bei Eigennamen, Abkürzungen usw. Es mag da schon seltsam anmuten, dass die Fraktur früher gerade wegen ihrer guten Lesbarkeit geschätzt wurde. Bis heute gelten bei der Fraktur tatsächlich einige Regeln in der Rechtschreibung, die sie von der Antiqua positiv abheben.

So existieren bei der Fraktur verschiedene Formen des Buchstaben „s“, der sich je nach Stellung innerhalb des Wortes verändert. Am Ende eines Wortes wird das „s“ ähnlich der Antiqua geschrieben, in der Mitte des Wortes wird es gestreckt und ist für den modernen Leser schnell mit einem kleinen „f“ zu verwechseln. Die Anwendung des „Schluss-s“ hat jedoch enorme Vorteile, lassen sich doch so zusammengesetzte Worte rascher erkennen und besser deuten. Darüber hinaus haben sich in der Fraktur verschiedene Buchstabenkombinationen entwickelt, die in bestimmter Folge als ein zusammenhängendes Zeichen gedruckt wurden. Zu diesen Zeichen, den Ligaturen, zählen Buchstabenkombinationen wie zum Beispiel „st“, „ft“, „ti“ und „sz“.19
Diese Ligaturen werden natürlich bei einer Nahtstelle von zusammengesetzten Wörtern wieder aufgelöst, wodurch sich die Wortzusammensetzung deutlich erkennen lässt. Der Grund für die Entstehung von Ligaturen ist nicht nur in deren harmonischen Gesamteindruck innerhalb des Wortes zu suchen sondern auch in der Druckökonomie, da sich Ligaturen gegenüber auseinander geschriebenen Buchstaben platzsparend auswirken.

5. Frakturschriften in der Sammlung Flugblätter und Flugschriften des AdsD

Die Sammlung Flugblätter und Flugschriften des Archivs der sozialen Demokratie (AdsD) der Friedrich-Ebert-Stiftung umfasst Flugblätter, Flugschriften und Tarnschriften unterschiedlicher politischer, kultureller und sozialgeschichtlicher Herkunft. Die Laufzeit umfasst den Zeitraum von 1790 bis heute. Der ältere, aus der Zeit vor 1945 stammende Teil dieser Sammlung bietet für die wissenschaftliche Forschung unveröffentlichtes Quellenmaterial nationaler und internationaler Provenienz. Dieser als überregional bedeutsames Kulturgut anzusehende Bestand enthält u.a. dichte Überlieferungen für die Revolution 1848/49, die Pariser Commune 1871, die Zeit des Sozialistengesetzes 1878-1890, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik (mit den Schwerpunkten Revolutionsunruhen des Jahres 1918, Kapp-Lüttwitz-Putsch vom März 1920, Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold 1924-1933, Eiserne Front und Präsidialkabinette 1930-1932). Für die Zeit des Nationalsozialismus bietet die Sammlung eine Vielzahl von Überlieferungen, u.a. mit dem Schwerpunkt SPD im Exil (SOPADE) mit einer nahezu lückenlosen Sammlung an Tarn- und illegalen Kampfschriften zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Die überwiegende Anzahl der Flugblätter und Flugschriften aus dieser Zeit sind in Fraktur gedruckt. Beachtlich ist neben der hohen quellenhistorischen Bedeutung dieser Exemplare die Vielzahl an unterschiedlichen Frakturtypen. Durch die zum Teil sehr dichte Überlieferung von historischen Flugblättern und Flugschriften ab 1790 kann somit auch die Entwicklung der Fraktur recht anschaulich nachgezeichnet werden. Besonders interessant sind die Exemplare des frühen 20. Jahrhunderts, zeigen sie doch nicht selten eine Vielzahl von unterschiedlichen Schrifttypen innerhalb desselben Flugblattes (Abb. 8). Diese Vermischung von verschiedenen Schrifttypen ist bis heute bei Flugblättern und Flugschriften recht verbreitet und zeigt dabei die Umsetzung der einst von William Morris erhobenen Forderung.

Im Gegensatz zu anderen Drucksachen beinhalten viele Flugblätter nur kurze und prägnante Aussagen, die durch die Anwendung unterschiedlicher Schriftarten noch besonders hervorgehoben werden. Beachtlich ist dabei die gleichzeitige Anwendung von unterschiedlichen Frakturtypen in Verbindung mit Jugendstilschriften und verschiedenartiger Antiqua. Darüber hinaus befinden sich in der Sammlung auch Flugblätter, die komplett in Jugendstilschrift gehalten sind (Abb. 9).

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund die Verbindung zwischen der Wahl der Schriftart und der politischen sowie gesellschaftlichen Auffassung der Auftraggeber. Aus heutiger Sicht scheint die Annahme naheliegend zu sein, dass sich in besonderer Weise die konservativen Parteien in ihren Flugblättern der Fraktur bedienten. Die Sammlung Flugblätter und Flugschriften des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert Stiftung zeigt jedoch ein anderes Bild. Wurde der Jugendstil seit seinem Entstehen Ende des 19. Jahrhunderts in der akademischen Kunstbetrachtung äußerst kontrovers diskutiert und sogar abgelehnt, so waren es vielfach die konservativen Auftraggeber, die sich der Schriftschöpfungen des Jugendstils bedienten (Abb. 10).

Bei diesem Flugblatt gibt es noch eine weitere Besonderheit: Das Flugblatt der rechtskonservativen „Deutschnationalen Volkspartei“ erscheint in seiner Volltextausprägung zwar in Fraktur, aber der Blickfang, die Überschrift, ist in einer Jugendstil-Schrift gestaltet. Dort, wo auf die Sozialdemokratie geschimpft wird, erscheint der Druck des Wortes „Sozialdemokratie“ in einer fein verzierten gotischen Variante. Dem Leser wird somit die vermeintliche „Rückständigkeit“ der Sozialdemokratie gegenüber der „Deutschnationalen Volkspartei“ auch durch die Wahl der Schrift vor Augen geführt (Abb. 10).

Abb. 8: Acht unterschiedliche Schriftarten auf einem Flugblatt (1919) Abb. 9: Jugendstilschrift mit Initiale des Buchstaben „B“ auf einem Flugblatt (1918) Abb. 10: Jugendstilschrift auf einem Flugblatt der Deutschnationalen Volkspartei (1919)

 

6. Optische Fraktur-Schrifterkennung (OCR) von historischen Flugblättern

Zwischen April 1998 und März 2000 wurde im AdsD ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt zur Digitalisierung und inhaltlichen Erschließung der historischen Flugblätter und Flugschriften des AdsD durchgeführt. Ziel dieses Projektes war die Bereitstellung datenbankgestützter Recherchemöglichkeiten für die Flugblattsammlung.20

Zur Digitalisierung und Konvertierung der Volltexte der Dokumente wurde eine handelsübliche OCR-Software verwandt, welche bei Antiqua-Schriften auch gute Erkennungsraten erzielte. Bei Fraktur jedoch war eine OCR-Erkennung der Texte nicht möglich. Aus diesem Grunde konnten bisher auch nur die Exemplare in die Datenbank aufgenommen werden, welche in Antiqua gedruckt sind. Alle in Fraktur gedruckten Flugblätter und Flugschriften – also nahezu alle Werke, die vor 1941 erschienen sind – konnten bisher keine Berücksichtigung finden.
Um diese Probleme zu lösen, beteiligte sich das AdsD an dem durch die Europäische Gemeinschaft geförderten Projekt „METAe“, in dem neben einer automatisierten Layoutanalyse von historischen Druckwerken auch eine Fraktur-taugliche OCR-Software hergestellt wurde.21 Diese OCR Software, die unter bestimmten Vorraussetzungen auch als Einzelsoftware angeboten wird, ist in der Lage, Frakturschriften automatisiert zu erkennen.22
Automatisiert heißt in diesem Zusammenhang, dass die Software nicht mehr „trainiert“ werden muss. Bisherige OCR-Software war unter Einschränkungen schon seit einiger Zeit in der Lage, Frakturtexte zu erkennen. So konnte bei Büchern, die nur einen Schrifttypus aufwiesen, eine Erkennung durchgeführt werden, indem jeder Buchstabe der Frakturschrift einmal einem Antiqua-Schriftzeichen der Software zugeteilt, also „trainiert“ wurde. Eine Erkennungsrate von über 95% war auf diesem Wege möglich. Wenn sich aber der Schrifttypus innerhalb eines Werkes änderte, so konnten diese Veränderungen nur in einem äußerst begrenzten Rahmen der Software zugeordnet werden. Eine OCR war in diesen Fällen nur sehr eingeschränkt, in den meisten Fällen überhaupt nicht möglich.23

Da gerade die historischen Flugblätter eine Vielzahl von unterschiedlichen Frakturfonts innerhalb eines Textes aufweisen, war eine OCR bisher ausgeschlossen. Die neue Fraktur-OCR der Firma Abbyy hingegen vermag mehrere Schriftarten der Fraktur zu erkennen, ohne dass die einzelnen Fonts „trainiert“ werden müssen. Grundlage für eine taugliche OCR sind verschiedene „Wörterbücher“, die in die Software eingearbeitet wurden. Ohne diese wäre eine OCR nicht durchführbar, da das Programm die erkannten Buchstabenfolgen mit denen aus dem „Wörterbuch“ vergleicht.

Da sich im Laufe der Zeit die deutsche Sprache verändert hat, mussten neben den Hauptsprachen wie Deutsch, Englisch, Französisch, usw. auch verschiedene Wörterbücher aus bestimmten Epochen der deutschen Sprache in die Software eingebunden werden. Die Software verfügt somit über Wörterbücher zu 34 Hauptsprachen und 5 Sprachen zur Erkennung von europäischen Dokumenten aus dem 17. bis 20. Jahrhundert.

Bei der Erkennung muss die Schriftart des zu erkennenden Dokumentes angegeben werden (Automatic, Typewriter, Dot Matrix Printer und Gothic). Der irreführende Begriff „Gothic“ bezieht sich dabei auf die Frakturschriften. Ferner ist die Auswahl der entsprechenden Sprachen bzw. Wörterbücher zwingend notwendig. Gespeichert werden die OCR-erkannten Dokument wahlweise im MS-Word-Format, HTML, RTF, PPT, usw.

Seit Sommer 2005 ist diese Software erfolgreich im AdsD im Einsatz (Abb. 11 und 12). Je nach Qualität, Erhaltungszustand und Beschaffenheit der Vorlage sind – auch bei unterschiedlichen Frakturschriftarten in einem Text – Erkennungsraten von über 98 % möglich. In der Summe betrachtet liegt die Erkennungsrate zwischen 70 und 90 %, was in der Hauptsache mit dem Erhaltungszustand des zu erkennenden Flugblattes zusammenhängt.

Abb. 11: Flugblatt (1848)
in Frakturschrift
Abb. 12: Das gleiche Flugblatt nach der OCR mit
Finereader 7.0 Fraktur als PDF gespeichert

 

Mangelhaft bis ungenügend erkannt werden Schwabacher und Schriften des Jugendstils. Für die Jugendstilschrift eignet sich eine handelsübliche OCR-Software für Antiqua. Bei der OCR der Schwabacher gibt es noch keine befriedigende Lösung. Diese Schrift ist jedoch in den Flugblättern des Bestandes der Sammlung Flugblätter und -schriften eher selten anzutreffen.

 

Abbildungsnachweis

- Abb. 1-3: Universitätsbibliothek Innsbruck

- Abb. 4: Universität Leipzig

- Abb. 6-7: Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn

- Abb. 5: Universitäts- und Landesbilbliothek Bonn

- Abb. 8-12: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung

 


1 Häufig anzutreffen sind diese Schriftzeichen u.a. bei den Namen von Gaststätten, Getränken und Tageszeitungen.

2 Wann genau die gotischen Schriftzeichen entstanden sind, lässt sich nicht mehr genau feststellen. Es wird vermutet, dass sie mit dem Bau der gotischen Kathedrale Nôtre-Dame (Mitte des 12. Jahrhunderts) in Frankreich entstanden ist. Vgl. Kapr, Albert: Fraktur. Form und Geschichte der gebrochenen Schrift, Mainz 1993, S. 13.

3 Das Aufbrechen der Rundungen gab auch schließlich der Fraktur (= Bruch) ihren Namen. Vgl. Schauer, Kurt Georg: Deutsche Buchkunst, Hamburg 1963, S.14f.

4 Wortführer war der italienische Maler, Bildhauer und Chronist Gorgio Vasari (1511-1574). Aufgrund seines Unverständnisses für die französische Baukunst wählte er die sachlich unzutreffende Bezeichnung „Gotik“ und wollte damit wahrscheinlich auf die für ihn „barbarisch“ wirkende Formgebung anspielen. Vgl. Scheffler, Karl: Der Geist der Gotik, Leipzig 1921, S. 51ff.

5 Zu den bekanntesten Werken, welche in gotischer Schrift oder Textura geschrieben wurden, zählt die Mitte des 15. Jahrhunderts von Johann Gutenberg gedruckte Bibel.

6 Vgl. Kapr, Albert a.a.O., S. 24.

7 Einer der Ursprünge für die Entstehung der Schwabacher Schrift war die „Verrundung“ der Textura durch handschriftlich gefasste Texte (gotische Bastarda) Vgl. Cronus, Ernst, Kirchner, Joachim: Die gotischen Schriftarten, Leipzig 1928 S. 3ff.

8 Es herrschten neben der Frakturschrift auch in Anlehnung an die klassische Antike eine Vielzahl an Antiquaschriften vor. Auch die karolingische Minuskel wurde von einigen Künstlern als Grundlage ihrer Schriftkunst verwendet. Vgl. Ehmcke, Fritz Hellmuth: Schrift. Ihre Gestaltung und Entwicklung in neuerer Zeit. Hannover 1925, S. 6.

9 Auch die Gotik wurde lange als deutsche Kunst angesehen und viele gotische Kathedralen verdanken ihren Weiterbau im 19. Jahrhundert dieser verfälschten Ansicht. Der Bezeichnung „Deutsche Schrift“ hat sich aus dem Begriff „Gotik“ herausgebildet und stammt ebenfalls aus Italien. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass sich diese Bezeichnung nicht auf den geographischen Raum unseres heutigen Deutschlands bezog sondern auf den gesamten deutschsprachigen Raum des 15. Jahrhunderts. Dazu zählten Teile Frankreichs, die Schweiz, Österreich, Böhmen, usw. Vgl. Schneider, Wolf: Der Kölner Dom, Hamburg 1991, S. 141f.

10 Ehmcke, Fritz Hellmuth a.a.O., S. 5.

11 Vgl. Morris, William: Das ideale Buch in: Morris, William S. [Hrsg.]: Das ideale Buch. Aufsätze und Vorträge, Göttingen 1986, S. 69f.

12 Vgl. Schrift und Bild in : Der Holzschnitt. Monatshefte zur Pflege und Förderung des Holzschnitts, Nr. 82-83, Stuttgart 1932, S. 11ff.

13 Vgl. Rieger-Baurmann, Roswitha: Schrift im Jugendstil in: Hermand, Jost [Hrsg.]: Jugendstil, Darmstadt 1992, S. 216. Ein bekanntes Beispiel für eine Jugendstil-Schrift ist der von Peter Behrens entworfen Schriftzug „Dem deutschen Volke“ auf dem Reichstagsgebäude in Berlin.

14 Das Original befindet sich heute im Bundesarchiv Koblenz unter der Signatur NS 6/334.

15 Vgl. Stuckel, Eva-Maria, Die Geschichte der Typographie (Typografie) in der Neuzeit, http//www.intro-online.de/typographie.html.

16 Vgl. Kapr, Albert a.a.O. S. 81ff.

17 Lucian Bernard wurde als Emil Kahn am 15. 3.1883 in Stuttgart geboren und nahm 1905 den Namen Lucian Bernhard an. Seine im „Völkischen Beobachter“ verwendete „Bernhard-Fraktur Extrafett“ wurde 1921 von der Bauerschen Gießerei in Frankfurt am Main hergestellt. Vgl. Kapr, Albert a. a. O. S. 182f.

18 Der Begriff „Judenlettern“ war in dem Erlass diffamierend gemeint, ist aber auch sachlich unzutreffend. Die Schriftsetzer waren im 15. Jahrhundert wie alle Handwerker in Zünften organisiert. Nur wer den Zünften beitrat, dürfte sein Handwerk auch selbständig ausüben. Eine Mitgliedschaft war jedoch ausschließlich den Christen vorbehalten.

19 Das „sz“ (ß) ist die einzige Ligatur, die in unsere heutige Schriftsetzung übergegangen ist. Darüber hinaus hat sich ihre Form nahezu erhalten. Denn nur im ß ist das gelängte „s“ und das runde „z“ in seiner aus der Fraktur bzw. Schwabacher stammenden Grundform noch erhalten.

20 Zu weiteren Informationen zu dem Projekt siehe Scholz, Harry u. Spoden, Jutta: Erschließung und Digitalisierung der Flugblatt- und Flugschriftensammlung im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD), Bericht über ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstütztes Pilotprojekt in: Der Archivar, Mittelungsblatt für das deutsche Archivwesen 52. Jg., Heft 4, 1999, S. 327 – 329.

21 Die Projektleitung lag bei der Universität Innsbruck. Ziel war neben der automatischen Erkennung der Layout-Struktur von Printmedien auch die technische Lesbarkeit unterschiedlichster Frakturtypen. Genau auf diesen Teil des Projektes, die Erkennung der Frakturschriften, bezog sich die Mitarbeit des AdsD. Durch den reichen Schatz an unterschiedlichsten Flugblättern mit einer Vielzahl unterschiedlicher Fraktur-typen, konnte die Fraktur-OCR durch das Archiv der sozialen Demokratie hinreichend getestet werden.

22 Weitere Informationen zu der Software siehe unter http://www.ABBYY.com.

23 Tests an Flugblättern mit verschiedenen Frakturschriftarten hatten ergeben, dass jede Software die OCR abbrach und „sich aufhängte“, wenn mehrere Buchstaben der selben Bedeutung aber in einer verschiedenen Frakturart eingegeben wurden, obwohl die Hersteller mehr als 1500 zu trainierenden Zeichen angaben.