Bestände im AdsD aus den „neuen“ Bundesländern
Das Depositum Günter Hauthal / Dokumente zur Geschichte der Sozialdemokratie in Altenburg

Ilse Fischer

Nach der Wende 1989 und dem Zustandekommen der Deutschen Einheit bemühte sich das AdsD, noch in Privatbesitz befindliche Unterlagen und Dokumente zur Geschichte der Sozialdemokratie in den neuen Bundesländern zu recherchieren. Es gelang tatsächlich, eine Reihe von Beständen und einzelnen Dokumenten zu übernehmen. Dass nicht eine Fülle von Materialien aus der Zeit vor 1946 noch vorhanden war, hing natürlich damit zusammen, dass Jahrzehnte der SED-Diktatur gerade an ehemaligen Sozialdemokraten und deren Familien nicht spurlos verübergegangen waren. Zudem waren auch viele Unterlagen aus der sozialdemokratischen Tradition des Kaiserreichs und der Weimarer Republik bereits in Archive der DDR überführt worden.

Sozialdemokratische Silvesterzeitung von 1900 © AdsD

So stellten sich dem AdsD zunächst zwei Aufgaben: Es galt Aktengut zu sichern, das in den Umbruchjahren entstanden und durch organisatorische Instabilitäten der Übergangszeit und die Fluktuation innerhalb des Kreises der damals politisch Aktiven möglicherweise in Gefahr war, verloren zu gehen. Es galt zugleich, Kontakte zu knüpfen und das Archiv der sozialen Demokratie als den geeigneten Aufbewahrungsort für die innerhalb der sozialdemokratischen Parteigliederungen der neuen Länder nun entstehenden Registraturen bekannt zu machen. Zu den ersten größeren Beständen, die vom AdsD übernommen wurden, zählten die Akten der SPD-Fraktion in der Volkskammer und die Akten der Sozialdemokratischen Partei in der DDR – SDP/SPD-Vorstand aus den Jahren 1989/90.

Protokollbuch Franz Meuschke © AdsD

Zu den Beständen, die im Laufe der Jahre unter eher untypischen Umständen aus Privatbesitz in das AdsD gelangten, zählt das Depositum Günter Hauthal, das sowohl persönliche Unterlagen des Hinterlegers wie auch eine Sammlung von wertvollen Dokumenten zur Geschichte der Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung in Altenburg enthält.

Günter Hauthal, 1925 in Liebschwitz bei Gera als Sohn eines Lokomotivheizers geboren, interessierte sich nach eigenen Angaben schon als Schüler für Geschichte und Heimatkunde. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den er als Soldat erlebte, schloss er sich im August 1945 der KPD an und wurde im April 1946 SED-Mitglied. 1951 zum Fachlehrer für Geschichte an das Institut für Lehrerbildung in Altenburg berufen, fand er dort in der regionalhistorischen Forschung bald sein eigentliches Betätigungsfeld. Er wurde 1955 Leiter des „Arbeitskreises zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung im Kreis Altenburg“, die später als Geschichtskommission der Kreisleitung der SED fortgesetzt wurde. In den folgenden Jahren recherchierte Hauthal Quellen zur Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung, gestaltete Ausstellungen und schrieb nach einem Geschichtsfernstudium seine Staatsexamensarbeit über die Novemberrevolution in Altenburg. 1974 promovierte er über die Arbeiterbewegung im Land Sachsen-Altenburg 1890 – 1917. In den Jahren 2002/3 gab der Verfasser das Ergebnis seiner Forschungen in neuer Form im Selbstverlag unter dem Titel „Aus der Geschichte des Herzogtums Sachsen-Altenburg. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Entstehung des Freistaates Sachsen-Altenburg (1919). Zugleich eine Geschichte der Sozialdemokratie im Lande Sachsen-Altenburg ...“ heraus. Nach 1989 widmete sich Hauthal weiter der Erforschung der Altenburger Geschichte, u.a. durch Monographien über „400 Jahre Druckerei zu Altenburg. 1594-1994“ (1996), einem Band mit biographischen Beiträgen über Menschen aus dem Altenburger Land („Für eine gerechtere und friedvolle Welt“, 2005) oder einem Beitrag über Altenburg zwischen 1933 und 1945, erschienen anlässlich des 60. Jahrestages der Besetzung Altenburgs durch Truppen der alliierten Siegermächte.1

Stets auf der Suche nach historisch relevantem Material, stieß er im Frühjahr 2003 auf eine Sammlung mit rund 1400 Kriegsbriefen, geschrieben zwischen 1939 und 1943 von Soldaten an ihren ehemaligen Lehrer, den Heimatkundler Rudolf Behr, und die NSDAP-Ortsgruppe in Liebschwitz/Elster. Behr gab während des Zweiten Weltkriegs sog. „Heimatbriefe“ heraus, auf die sich die aus Liebschwitz und Umgebung stammenden Soldaten bezogen. Eine Auswertung dieses ungewöhnlichen Fundes, der einerseits den Einfluss der NS-Propaganda auf die jungen Männer zeigte, andererseits aber auch spontane Äußerungen über den Charakter des Krieges enthielt, erschien 2006.2

Schließlich legte Hauthal auch seine eigenen Lebenserinnerungen in mehreren Bänden nieder (Bd. 1: „Aus meiner Kindheit“, Bd. 2: „In der Lehrerbildungsanstalt Schwarzburg und im Reichsarbeitsdienst (1941 bis 1943), B. 3: „Als junger Soldat von 1943 bis 1945. Vom Kriegsglück begünstigt“.3

Brief von Carl Rößler, 12.1.1919 © AdsD

Seit Anfang der 1990er Jahre übergab Günter Hauthal die historische Sammlung zu Altenburg in mehreren Teillieferungen dem AdsD. Sie enthält neben zahlreichen Broschüren, Flugblättern, Einzelzeitungen und Fotos auch einige Originalkorrespondenzen, die aus einem Nachlass-Splitter des Altenburger Sozialdemokraten Franz Meuschke (1884 – 1968) stammen. Über Meuschke berichtete Hauthal aus der Erinnerung, dass er ein „streitbarer Sozialdemokrat“ war. Doch war sein politisches Leben ebenso wie das seines sozialdemokratischen Freundes Hugo Lauschmann, der 1944 in das KZ Buchenwald verschleppt worden war, nach 1946 „wie abgebrochen“. Aus dem Bestand von Franz Meuschke stammen z.B. handschriftliche Protokolle der SPD-Stadtratsfraktion in Altenburg 1923/24, tagebuchartige Aufzeichnungen Meuschkes über die Tätigkeit des Arbeiterausschusses der DEA Rositz von 1919 sowie über Betriebsratsangelegenheiten des Unternehmens in den Jahren 1919-1920. Auch Briefe von Carl Rößler, dem Sekretär des Fabrikarbeiterverbandes in Altenburg, der vor 1910-1917 auch SPD-Vorsitzender war, sind in diesem kleinen Bestand enthalten.

Darüber hinaus enthält das Depositum viele wertvolle Einzelstücke. Dazu zählen regionale und überregionale sozialdemokratische Silvester- und Maizeitungen aus der Zeit vor 1914 und der Weimarer Republik, Flugblätter und Wahlunterlagen zu Landtags- und Reichstagswahlen in Altenburg aus verschiedenen Jahren sowie Extra-Blätter der Altenburger Landes-Zeitung mit Wahlergebnissen. Darüber hinaus finden sich dort seltene Broschüren, z.B. der Bericht des Landesvorstandes, des Kreisbildungsausschusses und der Landtagsfraktion der sozialdemokratischen Partei des Herzogtums Sachsen-Altenburg an den Parteitag in Altenburg vom Juni 1914, einzelne Jahresberichte und Protokolle der Altenburger SPD, der Jahresbericht des „Genossenschaftsheims Goldner Pflug“ von 1927/28 oder eine Broschüre der USPD gegen die Kleinstaaterei, herausgegeben nach den Landtagswahlen 1920. Andere Raritäten, wie die „Arbeitsordnung der Wollgarn-Fabrik der Firma Schulze. Co in Altenburg“ von 1910 sind ebenso vertreten wie Verbotsausgaben der Ostthüringer Volkszeitung vom April 1933, die Kopie eines Referats über „Die politische Lage und die Aufgaben der Freien Gewerkschaft, auf der 1. Vollsitzung der Betriebsräte in Altenburg, 8.5.1945“ oder einige Ausgaben von „Der Genosse“, Rundbrief der SED, Kreisvorstand Altenburg aus den Jahren 1948/49.

Der Bestand ist zur Zeit noch nicht verzeichnet, auf Wunsch jedoch für die Benutzung zugänglich.


1 Vgl. Günter Hauthal: Aus der Geschichte des Herzogtums Sachsen-Altenburg. Von der mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Entsehung des Freistaates Sachsen-Altenburg (1919). Zugleich auch eine Geschichte der Sozialdemokratie im Lande Sachsen-Altenburg mit Tatsachen und Vorgängen, die heute häufig umgangen werden, Altenburg, 5 Bde, Altenburg 2002-2003; ders.: 400 Jahre Druckerei zu Altenburg 1594 – 1994. Von der „Fürstlich Sächsischen Officin“ zur „Druckerei zu Altenburg GmbH“, Altenburg 1996; ders.: Für eine gerechtere und friedvolle Welt. Biographische Notizen über Menschen aus dem Altenburger Land, 1. Aufl. Altenburg 2005; ders.: Im Altenburger Land zwischen 1933 und 1945. Anlässlich des 60. Jahrestages der Besetzung des Altenburger Landes durch Truppen der alliierten Siegermächte. Tatsachen und Vorgänge in unserer Heimat vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg – eine Chronik, 1. Aufl., Altenburg 2005.

2 Erinnerung und Mahnung. Ein nicht alltäglicher Fund. Aus 1387 im Zweiten Weltkrieg geschriebenen Briefen von 265 Soldaten, aus Lebenserinnerungen und Berichten von Nachkommen der ländlichen Schulgemeinde Liebschwitz/Elster (1939-1947), Altenburg 2006, AdsD, Depositum Günter Hauthal, 1/GHAB, dort auch die Vorbereitungsbände zur Auswertung.

3AdsD, Depositum Günter Hauthal 1/GAB.