Uneins – aber einig?
Zur Geschichte des Verhältnisses von SPD und Gewerkschaften

Eine Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum 100. Jahrestag des „Mannheimer Abkommens“ von 1906

Mario Bungert

August Bebel (x) und Carl Legien (xx) in Heidelberg 1906 © AdsD

Das Verhältnis von SPD und Gewerkschaften war und ist nie frei von Spannungen gewesen. Beispielhaft sei erinnert an die Diskussionen innerhalb der frühen Arbeiterbewegung zwischen reformistisch orientierten Gewerkschaftern und den in revolutionären Strategien verhafteten Parteitheoretikern über den einzuschlagenden politischen Kurs in der Auseinandersetzung mit dem kaiserlichen Obrigkeitsstaat. Teil dieses Konfliktes war die Frage nach der Rolle der beiden Organisationen, war die Frage, wer auf Seiten der Arbeiterbewegung die Richtlinien der Politik bestimmt – die Partei oder die Gewerkschaften. Dieser Konflikt fand – formal – seine Lösung mit dem 1906 geschlossenen „Mannheimer Abkommen“, das die grundsätzliche Gleichberechtigung beider Organisationen festschrieb. Doch auch die Vereinbarung von Mannheim konnte letztlich die Differenzen nicht aus der Welt schaffen. So kam es in der Weimarer Zeit wiederholt zu heftigen Konflikten zwischen der SPD als einer nun koalitions- und kompromissbereiten Volks- und Regierungspartei auf der einen sowie den Gewerkschaften als traditionelle Vertretung der Arbeitnehmerschaft auf der anderen Seite. Auch die Anfang der dreißiger Jahre innerhalb der Freien Gewerkschaften geführte Diskussion über eine parteipolitisch neutrale Vereinigung der verschiedenen gewerkschaftlichen Richtungsverbände zur Stärkung der Gewerkschaftsarbeit in wirtschaftlichen Krisenzeiten und als Schutzmaßnahme vor der drohenden nationalsozialistischen Gefahr führte aufseiten der Sozialdemokratischen Partei zu erheblichen Verstimmungen.

Ansicht des "Rosengartens", Tagungsort des SPD-Parteitags 1906 © AdsD

Nach 1945 haben sich die verschiedenen Richtungsgewerkschaften aufgrund ihrer historischen Erfahrung zu Einheitsgewerkschaften zusammengeschlossen. Sie sind parteipolitisch unabhängig, wenngleich die Programmatik von Gewerkschaften und SPD in einer Reihe von wesentlichen Bereichen nach wie vor von den selben Grundwerten und Zielen geprägt geblieben sind. Auf der politischen Bühne stehen sie sich daher personell wie inhaltlich nach wie vor äußerst nahe. Dies heißt natürlich nicht, dass das Verhältnis zwischen SPD und Gewerkschaften nach 1945 frei von Spannungen gewesen wäre. Erinnert sei an die heftigen Auseinandersetzungen um die Wiederbewaffnung und die Notstandsgesetze, den Streit über die richtige Form der Arbeitszeitverkürzung und – aktuell – über den richtigen Weg, den durch die tiefgreifenden Wandlungsprozesse der Globalisierung ausgelösten Problemen zu begegnen.

Das Historische Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung hat die Verabschiedung des „Mannheimer Abkommens“ vor hundert Jahren zum Anlass genommen, eine Wanderausstellung zu entwickeln, die auf 28 Bildtafeln das durchaus wechselvolle Verhältnis von SPD und Gewerkschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart nachzeichnet.

Doch was hatte es mit dem „Mannheimer Abkommen“ auf sich? Was veranlasste den SPD-Parteitag 1906 dazu, die Gleichberechtigung von Partei und Freien Gewerkschaften festzuschreiben?

Mit dem organisatorischen Aufschwung der Gewerkschaften, d.h. dem Durchbruch zur Massenbewegung, und vor allem mit den sozialen Erfolgen, die sie in der zweiten Hälfte der 1890er Jahre erkämpften, wurde das – scheinbar – so harmonische Unterordnungsverhältnis von Partei und Gewerkschaften zum Problem. Ein neues Selbstbewusstsein setzte sich in den Gewerkschaften durch. Sie stellten die zentrale sozialdemokratische Zukunftserwartung – den „notwendigen“ Zusammenbruch des Kapitalismus – in Frage. Die Gewerkschaften wünschten – so der Vorsitzende der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, Carl Legien, 1899 auf dem Frankfurter Gewerkschaftskongress – eine ruhige Entwicklung. Die SPD-Führung trug dieser neuen Lage behutsam Rechnung, erhob aber weiterhin den Anspruch der Führungsrolle im Kampf um die Befreiung der Arbeiterklasse; denn dies sei ein politischer Kampf. Der SPD-Parteivorsitzende August Bebel rückte ab von seiner früheren Ansicht, Gewerkschaften seien nur die „Rekrutenschule“ der Partei. Die Bereitschaft, die Verdienste der Gewerkschaften bei der Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiterschaft anzuerkennen, folgte dem Wunsch, sich auch weiterhin der – nun selbstbewusster gewordenen – Gewerkschaftsmitglieder als Wählerreservoir zu versichern. Und umgekehrt brauchten die Gewerkschaften die SPD zur parlamentarischen Vertretung ihrer sozialpolitischen Forderungen. Nach und nach setzte sich die Erkenntnis durch: Beide – Gewerkschaften und SPD – waren aufeinander angewiesen, wenn es um die Verbesserung der Lage der Arbeiterschaft ging.

August Bebel (stehend) auf dem Mannheimer Parteitag, 1906 © AdsD

Zu einer vorläufigen Klärung des Verhältnisses von SPD und Freien Gewerkschaften kam es in der sogenannten Massenstreikdebatte. Der Internationale Sozialistische Kongress in Amsterdam hatte 1904 den politischen Massenstreik als äußerstes Mittel akzeptiert, um bedeutende gesellschaftliche Veränderungen durchzuführen oder sich Anschlägen auf die Rechte der Arbeiter zu widersetzen. Allerdings gab es auch innerhalb der Mitgliedsparteien der Zweiten Internationale größte Vorbehalte gegen den Einsatz dieses Mittels. Letztlich wurde der Massenstreik als kleineres Übel dem Generalstreik vorgezogen, barg dieser doch bei einem Scheitern größte Gefahren für den Bestand der Organisation. Andererseits verlieh vor allem die Erkämpfung des allgemeinen Wahlrechts in Belgien und Schweden durch das Mittel des Massenstreiks der Vorstellung einer offensiven Politik zur Durchsetzung der sozialdemokratischen Forderungen Plausibilität.

Das Problem des politischen Massenstreiks drohte sich zum Sprengsatz für SPD und Gewerkschaften zu entwickeln. Die Gewerkschaften, die die Hauptlast dieser offensiven Strategie zur Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts hätten tragen müssen, fürchteten um den Ausbau ihrer Organisationen und um ihre politische Stellung. So forderte Gewerkschaftsführer Theodor Bömelburg auf dem Kölner Gewerkschaftskongress im Mai 1905: „Um unsere Organisationen auszubauen, dazu bedürfen wir in der Arbeiterbewegung Ruhe [...] Wenn wir dafür sorgen, dass die Arbeiterorganisationen stärker und stärker werden, können wir ruhigen Mutes der Zukunft entgegensehen.“ Die Delegierten wiesen dem gemäß „alle Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreiks eine bestimmte Taktik festlegen zu wollen“, zurück.

Das Parteitagsplenum im "Rosengarten", 1906 © AdsD

Die SPD hingegen beschloss wenige Monate später auf ihrem Parteitag in Jena 1905, dass der politische Massenstreik in zentralen Konfliktsituationen eine Handlungsmöglichkeit sei. Durch die Haltung der Gewerkschaften war die Diskussion des Massenstreiks auch für die Parteiführung zu einer prinzipiellen Frage geworden: zur Machtfrage innerhalb der Arbeiterbewegung. Die vielbeschworene Einheit von SPD und Gewerkschaften drohte zu zerbrechen.

Nicht minder heftig wurde um die von der Zweiten Internationale 1889 beschlossene Maifeier gestritten. Sollte sie wirklich am 1. Mai begangen werden, was von Arbeitgebern als unerlaubtes Fernbleiben von der Arbeit gewertet wurde, oder sollte sie in die arbeitsfreie Zeit verlegt werden, um damit Repressalien der Unternehmer zu vermeiden? Nicht zuletzt auf Druck der Gewerkschaften wurde die Maifeier in Deutschland in den Jahren um die Jahrhundertwende auf den ersten Sonntag im Mai gelegt. Hatte die SPD zunächst noch davon geredet, dass dort, „wo die Möglichkeit zur Arbeitsruhe vorhanden ist, die Arbeit am 1. Mai ruhen“ solle, so erklärte der SPD-Parteitag in Bremen im September 1904 die Maifeier durch Arbeitsruhe als verpflichtend: Dies sei Bestandteil des „sozialdemokratischen Glaubensbekenntnisses, das die Massen Jahr für Jahr ablegen und mit dem sie ihre Solidarität ausdrücken wollen“. – Ein Beschluss, der auf scharfe Ablehnung von Gewerkschaftsseite stieß.

Die Resolution zum Politischen Massenstreik, das sog. Mannheimer Abkommen © AdsD

Im Vorfeld des Mannheimer Parteitags von 1906 kam es in der sozialdemokratischen Presse zum Teil zu scharfen, oft auch persönlich gefärbten Angriffen auf die Haltung der Gewerkschaftsführung in der Frage des Massenstreiks und der Maifeier. Auf Vorhaltungen der Gewerkschaften erklärte der Parteivorstand, dass man die freie Meinungsäußerung der Parteipresse nicht beschränken dürfe.

Auch auf dem Parteitag selbst, der vom 23.-29. September 1906 im Mannheimer „Rosengarten“ stattfand, wurde die Debatte um Massenstreik und Maifeier zunächst mit großer Schärfe geführt und ein „Fußfall vor der Generalkommission“ strikt abgelehnt. Aus den konkreten Problemen war eine grundsätzliche Frage geworden: die Frage nach dem Verhältnis von Partei und Gewerkschaften. Erst in einer Nachtsitzung am Rande des Parteitags einigte sich eine Kommission unter der Leitung von August Bebel und Carl Legien auf eine gemeinsame Erklärung, mit der dieser Konflikt beigelegt wurde. In der Resolution wurde grundsätzlich die Gleichberechtigung von Gewerkschaften und Partei festgeschrieben; zugleich wurden gegenseitige Konsultationen im Falle eines bevorstehenden Generalstreiks vereinbart.

Bebel vor der Abstimmung über die Resolution zum Massenstreik: „Ich betrachte es als einen ungeheuren moralischen Gewinn, wenn nach dieser Richtung hin endlich zwischen Partei und Gewerkschaften volle Einigkeit und Frieden herrscht.... Dieser moralische Gewinn ist so groß, [...] dass die Genossen ihre Bedenken fallen lassen und dem Amendement zustimmen sollten, damit ein möglichst einstimmiger Beschluss zustande kommt.“

Es blieb jedoch dabei: Die Partei erhob weiterhin den Anspruch einer grundsätzlichen Gesellschaftsveränderung, während die Gewerkschaften für die Verbesserung der Lebensbedingungen auf dem Boden der gegebenen Verhältnisse kämpften. Und so wurde auch in der Folgezeit weiter um den Stellenwert der gewerkschaftlichen Arbeit gestritten.

Die Parteilinke um Rosa Luxemburg drängte darauf, die Gewerkschaften wieder an die SPD anzubinden. Auch der Vertreter des Parteizentrums Karl Kautsky wies eindringlich auf die Grenzen der gewerkschaftlichen Arbeit hin. Die Gewerkschaften ihrerseits setzten sich kritisch mit den Verelendungs- und Revolutionserwartungen der Partei auseinander und betonten die positiven Erfolge ihrer eigenen Arbeit.

Faktisch zeigte sich allerdings in den folgenden Jahren und Jahrzehnten, dass die SPD weiterhin auf die Unterstützung der Gewerkschaften angewiesen war, wenn es um die außerparlamentarische Flankierung und bald auch um die innerparlamentarischen Entscheidungsprozesse ging.

Die Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung ist vom 18. Dezember 2006 bis zum 2. Februar 2007 in der Galerie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu sehen.

Ein Katalog zur Ausstellung liegt gleichfalls vor.

Anfragen wegen des Verleihs der Ausstellung sind zu richten an: petra.wilke@fes.de