Ilse Fischer

Hannah Arendt beim „Europäischen Gespräch“ in Recklinghausen

Zu Hannah Arendt, die vor 100 Jahren, am 14. Oktober 1906, bei Hannover geboren wurde, sind nur wenige Dokumente im Archiv der sozialen Demokratie vorhanden. Die Unterlagen, die sich im DGB-Archiv des AdsD befinden, werfen jedoch ein durchaus charakteristisches Licht auf die Persönlichkeit der bedeutenden Politikwissenschaftlerin und Philosophin.

Hannah Arendt kam 1961 auf Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes zum 10. „Europäischen Gespräch“ in die Engelsburg nach Recklinghausen. Diese Veranstaltungsreihe war vom DGB im Rahmen der Ruhrfestspiele initiiert worden und hatte 1950 mit der Diskussion zum Thema „Der Arbeiter in der Kultur der Gegenwart“ begonnen. Vertreter von Kultur und Wissenschaft, Journalisten und Politiker diskutierten im Lauf der Jahre über sehr unterschiedliche gesellschaftliche Fragen. Schon 1960 hatte man versucht, Hannah Arendt als Teilnehmerin zu gewinnen, doch in diesem Jahr musste sie wegen zahlreicher anderer Termine die Einladung ablehnen. („Gerade dem Gewerkschaftsbund neinsagen zu muessen, tut mir besonders leid – wie mich auch eine Aufforderung von Ihnen besonders gefreut hat.“ 1) Ein Jahr später kam sie nach Recklinghausen, obwohl es auch 1961 Terminschwierigkeiten gab. Im April schrieb sie an die Veranstalter: „Allerdings kann ich mich im Moment noch nicht binden. Ich bin gerade im Begriff, nach Israel zu fliegen, um dort dem Eichmann-Prozess beizuwohnen. Kein Mensch weiss, wie lange der Prozess dauern wird. Falls er um die Zeit, die für Sie in Frage kommt, gerade zuende geht, muss ich in Israel sein.“2

Im Mittelpunkt des „Europäischen Gesprächs“ 1961, das am 8. Juli von dem stellvertretenden DGB-Vorsitzenden Bernhard Tacke eröffnet wurde, stand das Thema „Sachverstand und Politik in der Demokratie“. Zu den Teilnehmern zählten u.a. Alfred Grosser (Universität Paris), Lindley Fraser (BBC London), Altiero Spinelli (Rom), Eugen Kogon (TH Darmstadt) und Otto Stammer (FU Berlin). Hanna Arendt war es, die verschiedenen Presseberichten zufolge in die etwas akademische Diskussion eine temperamentvollere Note brachte, als sie das Wort vom „bornierten Sachverständigen“ in die Debatte warf3. Der Sachverständige habe seinen Sachverstand mit der untersten Stufe der Urteilskraft, mit der Dreingabe des „Common sense“ bezahlt, er glaube an „Richtigkeiten“, an das was man „schwarz auf weiß“ besitze. Von daher käme die Überheblichkeit der Bürokratie. „Das Gegenteil zum Sachverstand“, so zitierte die „Recklinghäuser Zeitung“ Hannah Arendt, „sei nicht der politische Wille, sondern die Einsicht, die Rundumsicht. Die Entscheidung, die der Politiker trifft, erwachse ihm nicht aus dem Sachverstand, sondern aus seiner Einsicht, die alle Standpunkte in Betracht zieht, ohne den eigenen zu verlieren.“ Wörtlich habe sie ausgeführt: „Wenn der Sachverstand in der Politik losgelassen wird, ohne Einsicht des Staatsmannes und gesunden Menschenverstand des Staatsbürgers, dann glaube ich, daß dies der Demokratie und der Freiheit sehr wohl den Garaus machen könnte.“4 Erstaunlich unterschiedlich war die Wiedergabe der Tagungsverhandlungen in der Presse. Während sich manche Berichte auf ein knappes Resumee der Tagung beschränkten, äußerte sich etwa die „Stuttgarter Zeitung“ kritisch über die Mängel der Diskussion. Das Einleitungsreferat von Otto Stammer sei „eine für den normalen Menschen durch das Uebermaß der Fachausdrücke kaum verständliche wissenschaftliche Vorlesung“ gewesen, die von Eugen Kogon erst „ins Deutsche übersetzt“ werden musste. Außerdem hätten „bis ins Persönliche gehende Streitigkeiten“ manchmal zu einer „weitgehenden Lähmung der Gesprächsleitung“ geführt, worauf dann „darauflosdiskutiert“ worden sei, ohne die Begriffe des Sachverstands und des Politischen vorab zu klären.5 Einig waren sich erstaunlich viele Blätter über die klärende Wirkung von Hannah Arendts Eingreifen in die Diskussion. So brachte „Der Mittag“ das Fazit auch anderer Pressestimmen auf den Punkt: „Schade, dass Frau Arendt nicht das einleitende Grundsatzreferat übertragen worden war. Es wäre sicher weniger systematisch und komplex ausgefallen, aber ihre pragmatische Art hätte wohl radikal (tatsächlich an der Wurzel) angesetzt: nicht bei den Institutionen und den Formeln, sondern an der Basis, ohne die Demokratie nicht funktionieren kann, auch nicht in den Rationalisierungs- und Sachzwängen der Moderne.“6

Einige Dokumente zu Hannah Arendt sind anlässlich einer am 20. Oktober 2006 stattfindenden Veranstaltung der Friedrich Ebert-Stiftung: „Leidenschaftlich: Hannah Arendt. Zum 100. Geburtstag“ zu sehen. In einer Präsentation des Archivs der sozialen Demokratie und der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung werden Texte und Publikationen von und zu Hannah Arendt vorgestellt .

Hannah Arendt, Primärliteratur der Bibilothek der Friedrich-Ebert-Stiftung


1 An Berhard Tacke, 11.3.1960, AdsD, DGB-Bundesvorstand, Abteilung Allgemeine Bildung, 5/DGAV000211.

2 An Heinz Küppers (DGB-Bildungsreferent), 1.4.1961, ebenda, 5/DGAV000213.

3 Neue Rhein-Zeitung, 11.7.1961, ebenda, 5/DGAV000213.

4 Recklinghäuser Zeitung, 10.7.1961.

5 Stuttgarter Zeitung, 11.7.1961. Ähnlich kritisch auch: Welt der Arbeit“,14.7.1961, Frankfurter Rundschau, 11.7.1961.

6 Der Mittag, 13.7.1961.