Friedhelm Boll
(Schriftleiter des Archivs für Sozialgeschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung)

Joseph Ratzingers Weitsicht in der Versöhnung mit Polen

Zwei Dokumente von Joseph Ratzinger

Das AdsD präsentiert zwei interessante Autografen des heutigen Papstes aus dem Jahr 1968, als Willy Brandt es erstmals wagte, seine Partei öffentlich auf die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze festzulegen (einer der Autografen befindet sich im Besitz des AdsD, der andere in Privatbesitz von Dr. Manfred Seidler. Vgl. dazu jetzt: Friedhelm Boll, „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“. 40 Jahre deutsch-polnische Verständigung, Gesprächskreis Geschichte, Heft 68, Bonn 2006) . Joseph Ratzinger galt damals nicht zu Unrecht als progressiv. Dies bestätigt sein Eintreten für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze zu einem Zeitpunkt als die deutschen Bischöfe ebenso wie die CDU/CSU noch weit von derartigen Positionen entfernt waren. Die Autografen befinden sich im Bestand des Bensberger Kreises, der vom AdsD verwahrt wird.

Joseph Ratzingers genauere Kenntnis der polnischen Kirche und seine Freundschaft mit einigen ihrer Vertreter dürfte bis in die Zeit des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) zurückgehen. Bereits als 35jähriger Konzilstheologe konnte er viele Erfahrungen mit der Weltkirche sammeln. Bis dahin hatte es kaum Kontakte zwischen deutschen und polnischen Bischöfen gegeben, wohl aber heftige Fehden wegen der Besetzung der ehemals deutschen Bistümer. Nun führten Vertreter beider Seiten während des Konzils mehrfach direkte Gespräche miteinander. Ratzinger wird ohne Zweifel von diesen Kontakten gewusst haben, wenn er nicht sogar als Beauftragter des Kölner Kardinals Frings mitbeteiligt war.

Die Initiative der polnischen Bischöfe und die Resonanz in Deutschland

Ignacy Jeż, 2005 Was sich zwischen deutschen und polnischen Bischöfen abgespielt hat, schilderte der einzige noch lebende polnische Bischof aus der Konzilszeit, Ignacy Jeż, anlässlich einer Berliner Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung im Oktober 2005 so 1: Er sei drei Jahre im KZ Dachau inhaftiert gewesen. Anschließend habe er über Deutsche nichts anderes gehört als das, was die kommunistische Propaganda in Polen sagte. Nämlich, dass man mit Deutschen nicht sprechen könne. Erst zum Konzil hätten polnische Bischöfe ins Ausland reisen und deutsche Bischöfe treffen dürfen.

„Und auf einmal erleben wir eine Atmosphäre, die ganz anders ist. Auf einmal kann man mit den deutschen Bischöfen sprechen, und man kann mit ihnen sprechen wie mit Brüdern. Sie sagen zu uns Brüder, wir sagen zu ihnen Brüder. Also: das Klima, diese Atmosphäre, die herrschte, auch in der zweiten, dritten, vierten Session des Konzils, das hat diesen Brief eigentlich sehr bestimmt.“

Den Geist dieser ganz außerordentlichen konziliaren Atmosphäre, den auch Ratzinger mehrfach beschrieben hat, nutzte insbesondere der Breslauer Erzbischof Kominek, um seine schon des längeren ventilierte Idee einer Vergebungsgeste gegenüber Deutschen zu realisieren. Auf Grund vielfältiger Kontakte nach Deutschland hatte er beim polnischen Episkopat den Vorschlag eines Briefes an die deutschen Bischöfe lanciert, sie 1966 zur Tausendjahrfeier nach Polen einzuladen. Der Brief, der stark in der katholisch-nationalpolnischen Tradition verfasst war, enthielt den berühmten Satz:

„In diesem allerchristlichsten und zugleich menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu Ihnen in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“

Egon Bahr war erstaunt, ja erschreckt angesichts des Mutes der Bischöfe eines kommunistischen Landes. - Dieser Brief muss als theologische wie diplomatische Meisterleistung angesehen werden: Zu den Milleniumsfeiern 1966 hatte die polnische Kirche große Messen und Wallfahrten, landesweite Gebetswochen und vielfältige Erinnerungsveranstaltungen unter freiem Himmel geplant, zu denen nun auch die deutschen Bischöfe eingeladen wurden. Die Erneuerung der christlichen Wurzeln des Landes sollte gleichzeitig seine katholische Identität und seine tausendjährige Zugehörigkeit zum lateinischen Westen unter Beweis stellen. Dass dies nicht leere Worte waren, sollte durch die Vergebungsgeste der polnischen Seite, durch die Anwesenheit der deutschen Bischöfe in Polen und durch eine großzügige deutsche Geste der Anerkennung der aktuellen polnischen Realität und seiner Grenzen unterstrichen werden. Primas Wyszynski wollte damit einen schweren Schlag gegen den Kommunismus landen. Dieser Schlag war mit den deutschen Bischöfen jedoch nicht abgesprochen; der im Ton herzliche Antwortbrief überging die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze mit Schweigen, so dass Wyszynskis Kalkül scheiterte.

Wyszynskis katholische Staatsidee Polens kollidierte selbstverständlich mit der Sicht der kommunistischen Regierung, die zwar stets auf ihre Selbstständigkeit pochte, aber ihr Land auf Grund der Ost-West-Spaltung und des deutschen Revisionismus untrennbar an der Seite der Sowjetunion sah. Ein positives Eingehen der deutschen Bischöfe auf die Hoffnung ihrer polnischen Brüder hätte ganz ohne Zweifel deren Position als wahre Interessenvertreter Polens gestärkt und die deutsch-polnische Verständigung zu einer Sache der Christen gemacht. Aber dazu war es 1965/66 offenbar noch zu früh.

Parallel zum polnischen Bischofsbrief diskutierte die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine berühmte Denkschrift ihrer Kammer für Öffentliche Verantwortung, in der die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis zu den östlichen Nachbarn grundlegend beschrieben wurde. Ohne die Grenzfrage direkt zu behandeln, stellte die Denkschrift jedoch erstmals klar, dass an eine Wiederherstellung der deutschen Gebietshoheit in den Grenzen von 1937 nicht zu denken sei. Außerdem wurde kritisiert, das die deutsche Politik vielfältige Illusionen über die 1945 eingetretenen Gebietsverluste nähre. Die von führenden Vertretern der EKD (u.a. von Richard von Weizsäcker) verfasste Denkschrift wurde in fast allen kirchlichen Gremien bis auf die Gemeindeebene aufs heftigste diskutiert. Im Oktober letzten Jahres berichtete Wolfgang Huber, der aktuelle Ratsvorsitzende der EKD, dass der Posteingang seines damaligen Vorgängers Landesbischof Lilje über ein halbes Jahr zu drei viertel aus wütenden Protestbriefen gegen die Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bestanden habe.

Der Bensberger Kreis

Diese kirchlichen Diskussionen und deutsch-polnischen Kirchenkontakte haben der Neuen Ostpolitik Willy Brandts innergesellschaftlich den Boden bereitet. Der „Mut zu unangenehmen Wahrheiten“ wuchs, wie Egon Bahr mehrfach festgestellt hat. Dazu hatte eine Initiative katholischer Intellektueller einen großen Beitrag geleistet, der sich Joseph Ratzinger freudig anschloss. Enttäuscht über die mangelhafte Antwort der deutschen Bischöfe auf die revolutionäre Versöhnungsgeste der polnischen Seite kamen 1966 in Bensberg bei Köln einige katholische Repräsentanten zusammen, die eine eigenständige Antwort an die polnischen Katholiken verfassten. Niemand hatte sie zu diesem Schritt berufen, niemand beauftragt, keine katholische Institution stand hinter Ihnen. Schon allein dies war ein absolutes Novum in der Nachkriegsgeschichte. Vielfach vergessen ist, dass unter den Initiatoren und ersten Mitgliedern dieses „Bensberger Kreises“ sich weit stärker ehemalige Gründungsmitglieder der CDU wie Walter Dirks und Eugen Kogon sowie reformorientierte CDU-Mitglieder wie Professor Paul Mikat oder auch der Bundestagsabgeordnete Alois Mertes zusammenfanden, als etwa Sozialdemokraten. Aus eigenem Antrieb und auf Drängen von Kardinal Döpfner wurden auch immer wieder Vertreter der katholischen Vertriebenenverbände zur Mitarbeit eingeladen. Im Ergebnis stellt sich jedoch heraus, dass kein CDU-Politiker und auch nicht die organisierten Heimatvertriebenen bereit waren, das Memorandum zu unterschreiben.

Im Bensberger Memorandum wurde ausführlich zur Geschichte Polens und zu den polnischen wie den deutschen Vertriebenen Stellung genommen. Die entscheidende Passage formulierte der ehemalige Verfassungsrichter Professor Ernst-Wolfgang Böckenförde, als er die Erkenntnis zum Ausdruck brachte, „daß wir die Rückkehr dieser Gebiete in den deutschen Staatsverband nicht mehr fordern können.“ Als das Memorandum im Frühjahr 1968 erschien, wurde es sofort von Willy Brandt aufgegriffen, der nun für seine Partei die Anerkennung der Oder-Neiß-Grenze in Aussicht stellte.

Das Engagement Joseph Ratzingers

Ratzingers engagierte Zustimmung zum Bensberger Memorandum ist beeindruckend und legt Zeugnis von seinen positiven Empfindungen für die deutsch-polnische Aussöhnung und für Polen ab.

„Im Übrigen bin ich dankbar und glücklich, daß endlich eine solche Initiative ergriffen wird, auf die ich seit langem gewartet habe“, schrieb er am 1.3.1968 an Manfred Seidler .2

Ganz offenbar steht hinter diesem Satz die Enttäuschung über die mangelhafte Antwort der deutschen Bischöfe und die Hoffnung auf eine auch politisch greifbare Versöhnung zwischen diesen beiden Nachbarvölkern.

Ratzingers Einwände gegen bestimmte theologische Argumente, die von J. B. Metz ins Memorandum geschrieben worden waren, hatte Seidler als Vertreter des Bensberger Kreises als eine nur bedingte Zustimmung aufgefasst und bei Ratzinger nachgefragt. Die Antwort lautete: „[...] selbstverständlich war es in meinem Sinn, meine Unterschrift unter das Bensberger Memorandum, so wie es ist, zu setzen, denn die Zustimmung zu seinem Wollen ist mir wichtiger als die Ablehnung der ideologisch verfremdete Theologie, die ohnedies für die Sache keine Rolle spielt.“3 Nicht auf das theologische Beiwerk sondern auf die Sache, auf Polen und auf die Versöhnung kam es ihm an .

Aus Ratzingers Engagement für die Sache lässt sich ein weiteres Moment schließen. Das Bensberger Memorandum hatte erstmals in aller Öffentlichkeit auf den Umstand hingewiesen, dass die in den ehemals deutschen Gebieten angesiedelten, oft selbst aus dem Osten vertriebenen Polen wenig Vertrauen in ihre Zukunft hatten. Die Seelsorge stand hier vor besonderen Problemen, da die kirchenrechtliche Zugehörigkeit der ehemals deutschen Bistümer zu Polen ungeklärt, die Bischöfe nur apostolische Administratoren waren. Daher forderten die Autoren auch eine kirchenrechtliche Neuregelung und die Anerkennung der polnischen Westgrenze durch den Vatikan. Auch hier sperrte sich Kardinal Döpfner, wie H. J. Stehle ausführlich beschrieben hat. Dennoch erfolgte die Neuregelung der Bistumsgrenzen bereits unmittelbar nach dem Vollzug der Neuen Ostpolitik Willy Brandts. So wie der Dialog der Kirchen der Ostpolitik vorgearbeitet hat, so hat der Abschluss des Warschauer Vertrages im Dezember 1970 und die 1972 erfolgte Ratifizierung der Neuregelung der Bistumsgrenzen durch den Vatikan den Weg geebnet. Ohne die Ostverträge wäre die kirchliche Anerkennung der polnischen Westbistümer und damit die Festigung der dortigen Seelsorge nicht möglich gewesen. Willy Brandt hatte sich für diese Neuregelung der Bistumsgrenzen im Sinne Polens anlässlich eines persönlichen Besuchs bei Papst Paul VI. im Sommer 1970 in Rom persönlich eingesetzt. Erst als dies geklärt war, kam es zu vertrauensvollen Beziehungen zwischen deutschen und polnischen Bischöfen, die 1978 im ersten Besuch des polnischen Primas in Deutschland und wenig später in der Unterstützung Karol Wojtyłas bei der Papstwahl mündeten. Hiermit dürfte die Freundschaft zwischen Wojtyła und dem kurz zuvor zum Kardinal erhobenen Ratzinger einen wichtigen Höhepunkt erreicht haben.

Vergleicht man die intern dem Bensberger Kreis übermittelte Ablehnung Kardinal Döpfners mit der Zustimmung Ratzingers so wird deutlich, wie stark Döpfner sich auf außenpolitisch diplomatische und auf innerkirchlich machtpolitische Argumente stützte, Ratzinger jedoch auf die Kraft des polnischen Katholizismus und die der christlichen Versöhnung. Neben dem zu erwartenden Konflikt mit den organisierten katholischen Heimatvertriebenen und drohenden innerkirchlichen Auseinandersetzungen, wie sie die EDK 1965 erlebt habe, hob Döpfner ein anderes damals weit verbreitetes Argument gegen das Memorandum hervor. Er schrieb, „daß die politische Führung Polens (und des ganzen kommunistischen Ostblocks) im Grunde nicht an einer echten Versöhnung des polnischen Volkes mit dem deutschen Volk interessiert ist.“ Daher riet er dem Bensberger Kreis, das Memorandum am besten gar nicht oder erst dann zu veröffentlichen, wenn eine Übereinkunft mit den (organisierten) Heimatvertriebenen erreicht sei.4 Ratzinger hingegen besaß den größeren Weitblick. Er sah schon damals, dass deutsche Gesten der Versöhnung die Situation der polnische Kirche stärken und sie ermutigen könne, sich gegen die von kommunistischer Seite ständig wiederholte antideutsche Propaganda zu wehren und antideutsche Ressentiments abzulegen. Dazu hat die Ostpolitik Willy Brandts wichtige Grundlagen gelegt. In diesem Sinne zogen 1968 Willy Brandt und Joseph Ratzinger an einem Strang.


1 Die Dokumentation einer gemeinsam mit der katholischen und der evangelischen Akademie in Berlin und dem Deutschen Historischen Institut Warschau durchgeführten Veranstaltung zum 40. Jahrestag der kirchlichen Versöhnungsinitiativen von 1965 wird in den nächsten Tagen veröffentlicht werden.

2 AdsD, Bestand Bensberger Kreis (Karl-Heinz Koppe).

3 Privatbesitz Dr. Manfred Seidler.

4 Brief an Manfred Seidler vom 5.2.1968, AdsD, Bestand Bensberger Kreis (Karl-Heinz Koppe).