Nachlass-Splitter Johann Hinrich Schmalfeldt (1881 – 1889)

 

Aufenthaltsverbot Schmalfeldts durch die Landespolizeibehörde Schleswig 1881
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Johann Hinrich Schmalfeldt, Zigarrenmacher, geb. am 28. November 1850 in Neritz (Kreis Storman), trat 1870 in Hamburg in den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) ein. Nach seiner Wanderschaft ließ er sich 1875 in Ottensen nieder, wo er Mitglied im Allgemeinen Deutschen Cigarrenarbeiterverein wurde. Während des „Sozialistengesetzes“ („Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“) teilte Johann Hinrich Schmalfeldt das Schicksal vieler Sozialdemokraten, die aus ihren Wohnorten ausgewiesen bzw. denen jahrelang der Aufenthalt an bestimmten Orten untersagt wurde. Damit erreichte der Verfolgungsdruck auf die als „vaterlandslose Gesellen“ abgestempelten Sozialdemokraten im Kaiserreich seinen Höhepunkt. Unmittelbaren Vorwand für das Gesetz bildeten zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm I., mit denen die Sozialdemokratie unberechtigterweise und gezielt in Verbindung gebracht wurde. Auf Druck der preußischen Regierung wurde 1880 auch über Hamburg und die angrenzenden Gebiete der „Kleine Belagerungszustand“ verhängt. Im Oktober 1881 wurde auch Johann Hinrich Schmalfeldt der Aufenthalt im Hamburgischen Staatsgebiet und zahlreichen Stadtkreisen und Kirchspielvogteibezirken, darunter Altona, Blankenese, Pinneberg, Wedel, Reinbek, Wandsbek und Lauenburg, mit der üblichen Begründung untersagt, er sei eine „Person, von welcher eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung zu besorgen ist“. Schmalfeldt verließ vorübergehend seine Heimat, wanderte nach Amerika aus, kehrte jedoch schon 1882 wieder zurück. Die Ausweisungsbescheide wurden ihm Jahr für Jahr erneut zugestellt, der letzte am 1. Oktober 1889 (das Gesetz endete schließlich am 1. Oktober 1890).

Für viele Sozialdemokraten seiner Generation war diese Erfahrung mit der Staatsmacht ein prägendes Erlebnis. Im Rückblick galten die Jahre unter dem „Sozialistengesetz“, aus denen die Partei letzten Endes gestärkt hervorging, als die „heroische Zeit“ der deutschen Sozialdemokratie. So ist auch denkbar, dass Schmalfeldt das nun in den Besitz des AdsD gelangte Konvolut mit Ausweisungsbescheiden1 selbst in der jetzt vorliegenden Form binden und mit Lederrücken und der Goldprägung „Zum Andenken an das Sozialistengesetz“ versehen ließ.

Johann Hinrich Schmalfeldt war während seines Lebens politisch und gewerkschaftlich außerordentlich aktiv. U.a. unterstützte er Tabakarbeiterstreiks in Hamburg und kandidierte bei den Reichstagswahlen 1890 im Wahlkreis 19 (Geestemünde) gegen den ehemaligen Reichskanzler Otto von Bismarck, den Initiator des „Sozialistengesetzes“ und einst mächtigsten Gegner der Sozialdemokratie, unterlag jedoch in der Stichwahl.2 1892 übersiedelte Schmalfeldt nach Bremerhaven, wo er zunächst ein Tabakgeschäft, später eine Gastwirtschaft betrieb. Von 1895 bis 1933 war er in Bremerhaven Stadtverordneter, befasste sich mit der gewerkschaftlichen Organisation der Seeleute, war von 1903 – 1907 Reichstagsabgeordneter, seit 1904 Firmenträger des Verlags der „Bremer Bürgerzeitung“, ab 1917 USPD-Mitglied, ab 1922 wieder Mitglied der SPD. Als ihm in der NS-Zeit die Ehrenbürgerwürde aberkannt wurde, protestierte der inzwischen Sechsundachtzigjährige gegen diese Herabsetzung seiner Verdienste um die Stadt. Ein Jahr später, am 30.12.1937, verstarb er in Bremerhaven.

Am 6. August 1949 informierten Oberbürgermeister und Magistrat der Stadt den Sohn des Verstorbenen, Fritz Schmalfeldt, über die Aufhebung des NS-Beschlusses und die Wiederzuerkennung des Ehrenbürgerrechts.3

Ausführliche biographische Angaben zu Johann Hinrich Schmaldfeldt finden sich in: Biographisches Lexikon der ÖTV und ihrer Vorläuferorganisationen / Rüdiger Zimmermann. - [Electronic ed.]. - Bonn: Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, 1998. - 2550 Kb, Text.
Gekürzte Fassung erschien 1996 im Verl: Frankfurt am Main, Union Dr. und Verl.-Anst. u.d.T.: 100 Jahre ÖTV .


1 AdsD, Nachlass Johann Hinrich Schmalfeldt, 1/HSBA000001.

2 Vgl. Bremerhavener Bürgerzeitung, Nr. 18. 1./2. Mai 1964. AdsD, Nachlass Johann Hinrich Schmalfeldt, 1/HSBA000001.

3 Ebenda.