Wolfgang Gröf

Das „Archiv Johannes Rau“ im AdsD

Am 8. Juni 2006 konnte das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung einen der bedeutendsten Neuzugänge der letzten Zeit verzeichnen. Im Zusammenhang mit der Auflösung des „Büros Bundespräsident a.D. Johannes Rau“ in der Friedrichstraße 83, Berlin-Mitte, wurde der umfangreiche persönliche Nachlass von Johannes Rau übernommen. Die Sicherung und Erschließung dieser Unterlagen hat bereits begonnen.

Günter Grunwald, Geschäftsfüher der FES und Ministerpräsident Johannes Rau, 1982 © AdsDJohannes Rau (geb. 16.01.1931 in Wuppertal-Barmen, gest. 27.01.2006 in Berlin), 1952 bis 1957 Mitglied der Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) von Gustav Heinemann, wurde 1957 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Der Werdegang vom Wuppertaler Stadtverordneten (1964-1978) und Oberbürgermeister (1969-1970) zum Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland (1999-2004) umfasst zugleich die Biografie eines herausragenden deutschen Politikers, der als „Bürgerpräsident“ im Gedächtnis bleiben wird. Als nordrhein-westfälischer Landtagsabgeordneter (1958-1999), Landesminister für Wissenschaft und Forschung (1970-1978), Vorsitzender der Landtagsfraktion (1967-1970) sowie des SPD-Landesverbands (1977-1998) und insbesondere während seiner zwanzigjährigen Amtszeit als Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen (1978-1998) hat Johannes Rau maßgeblich die Geschicke dieses großen Bundeslandes bestimmt. Der Friedrich-Ebert-Stiftung war Johannes Rau in seiner Funktion als ihr langjähriger stellvertretender Vorsitzender besonders eng verbunden.

Der christlich geprägte Sozialdemokrat hatte sich früh in der Bekennenden Kirche engagiert. Von 1965 bis 1999 war er Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland und von 1966 bis 1974 Präsidiumsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Ab 1968 gehörte er dem Parteivorstand der Bundes-SPD an, war Mitglied des Parteipräsidiums (1978-1999), von 1982 bis 1999 stellvertretender Vorsitzender der SPD und 1987 Kandidat für das Amt des Bundeskanzlers. Nach einer erstmaligen Kandidatur im Jahre 1994 für das höchste staatliche Amt, wurde Johannes Rau am 23. Mai 1999 in der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt.

Unter Berücksichtigung des kurzen Zeitraums, der zwischen einer ersten Sichtung des Nachlasses „vor Ort“, in verschiedenen Räumlichkeiten im „Büro des Bundespräsidenten a.D. Johannes Rau“ (und in Kellerräumen des Gebäudes in der Berliner Friedrichstraße), der Sicherung des Transports nach Bonn und der gerade beginnenden Eingliederung in das AdsD liegt, ist eine präzise Bestandsbeschreibung derzeit noch nicht möglich. Darüber ließe sich nach Erstellung einer detaillierten, thematisch und formal archivarischen Ansprüchen gerecht werdenden Bestands-Übersicht berichten.

Indessen lassen sich schon jetzt einigen Angaben zur Zusammensetzung des Bestandes machen: Das „Archiv Johannes Rau“ hat den beträchtlichen Umfang von ca. 180 lfm; es enthält außerdem persönliche Erinnerungsstücke, kleinere Fotosammlungen und sonstige Dokumente. Die Akten selbst, teilweise vom Wuppertaler Domizil des Bundespräsidenten a.D. in das Berliner Büro verlagert, bergen in großem Umfang allgemeine und persönliche Korrespondenz. Daneben ist der Bestand geprägt von weiteren persönlichen und biografischen Unterlagen, Sachakten, Materialsammlungen und Dokumentationen zu zahlreichen Themen und Ereignissen, u.a. zu Mitgliedschaften, Schirmherrschaften und Auszeichnungen. Teils gesondert abgelegt, teils aber (einschließlich des Kontextes in Form von Korrespondenzen) aus dem gesamten Aktengut noch herauszufiltern und zusammenzuführen, ist ein Teilbestand „publizistische Tätigkeit“ (Manuskripte, Artikel, Reden, Interviews). Umfangreiche Kondolenzen (auch Kondolenzbücher) bilden den Abschluss des Nachlasses. Dieser wird künftig einen unschätzbaren Fundus zur politischen Vita des großen Sozialdemokraten, Ministerpräsidenten und „Bürgerpräsidenten“ sowie zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland darstellen.

Das „Archiv Johannes Rau“ im AdsD hat eine Laufzeit von (ca.) 1950 bis 2006 und unterliegt besonderen Benutzungsbedingungen.