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Heiner Lindner: „Um etwas zu erreichen, muss man sich etwas vornehmen, von dem man glaubt, dass es unmöglich sei“. Der Internationale Sozialistische Kampf-Bund (ISK) und seine Publikationen

Reihe Gesprächskreis Geschichte, Heft 64, hrsg. Von Dieter Dowe. Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung), Bonn 2006

Kostenloser Bezug beim Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Godesberger Allee 149, D-53175 Bonn
E-Mail: Doris.Fassbender@fes.de

Nach der 2003 erschienen ungekürzten Online-Ausgabe der „Sozialistischen Mitteilungen“, die 1939 bis 1948 vom SPD-Parteivorstand im Exil und in den ersten Nachkriegsjahren herausgegeben worden waren (http://library.fes.de/sozialistische-mitteilungen/ ) Link, stellt die Friedrich-Ebert-Stiftung nun eine weitere Online-Edition ins Netz, die Zeitschrift „Renaissance“, herausgegeben vom Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK) 1941 im Londoner Exil: http://library.fes.de/isk/ Link. Zwei weitere ISK-Pressekorrespondenzen, „Germany speaks“ und „Europe speaks“, werden noch folgen.

Die von Heiner Lindner bearbeitete und mit einem Einführungsband versehene Periodika-Edition enthält nicht nur die ungekürzten Texte aller Nummern und Nebennummern dieser Presseorgane; sie bietet dem Leser zugleich detaillierte Informationen über Personen, Institutionen und andere Presseorgane und – besonders hilfreich - in vielen Fällen eine Auflösung der Initialen oder Pseudonyme, mit denen einzelne Autoren ihre Pressebeiträge gezeichnet haben. Die mit Literaturverzeichnis und Personenregister 270 Seiten umfassende Einführung in die publizistische Arbeit des ISK im Exil ist in gedruckter Form erhältlich.

Der Autor beleuchtet darin kritisch die philosophischen und politischen Lehren des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) und seines Gründers Leonard Nelson (1882 – 1927), stellt dem aber die außerordentlichen Leistungen vieler ISK-Mitglieder und -Anhänger im Kampf gegen den Nationalsozialismus gegenüber. Nach Nelsons Tod (1927) wurde Willi Eichler (1896-1971) Führer des ISK. Unter seiner Leitung vollzog sich frühzeitig die Umstellung des ISK auf die Illegalität. Fritz Eberhard (1896-1982), bei dem zwischen 1933 und 1937 die Hauptverantwortung für die Widerstandsarbeit des ISK im Deutschen Reich lag, schrieb später über die Motive des ISK-Widerstandes: „Ziel [unserer] Arbeit war, anderen zu zeigen, es gibt Menschen, die zum Dritten Reich Nein sagen – andere zu ermutigen, nachzudenken, sich nicht anzupassen. Illegale Arbeit dieser Art war auch für uns selber notwendig, zur Erhaltung unserer Selbstachtung, damit wir, wenn das Dritte Reich zu Ende war [...] reinen Gewissens neue politische Arbeit aufnehmen konnten. [...] Wir [haben] illegale Arbeit getan, überzeugt, dass das unsere Pflicht ist.“ (Zit. nach S. 55)

Lindner schildert detailliert die publizistische Tätigkeit des ISK in der NS-Zeit, die in der Herausgabe von zahlreichen Flugblättern, Broschüren und Presseorganen bestand. Nicht nur die von Willi Eichler in Paris herausgegebenen „Reinhart-Briefe“ wurden in bis zu 1000 Exemplaren nach Deutschland eingeschleust, auch für die anderen Publikationserzeugnisse bestand ein feinmaschiges Vertriebssystem. René Bertholet (1907-1962) baute ein Netz von Kontakten zwischen der Schweiz und dem unbesetzten Teil Frankreichs auf, das bald durch ein Kommunikationsnetz in den besetzten Gebieten ergänzt wurde. Zahlreiche ISK-Mitglieder unternahmen lebensgefährliche Kurierreisen.

Im zweiten Teil seiner Arbeit analysiert Heiner Lindner inhaltliche Konzeption und Themen der im Londoner Exil herausgegebenen Zeitschrift „Renaissance“, die Ende 1941 britischen Restriktionen zum Opfer fiel. Die Zeitschrift richtete sich nicht nur an deutsche Exilanten in Großbritannien, sondern auch an das britische Publikum sowie an Flüchtlinge aus anderen Ländern, die sich in England aufhielten. Eine Reihe von Beiträgen war in englischer Sprache verfasst. Inhaltlich befasste sich die Zeitschrift mit Hitlers Angriff auf die Sowjetunion ebenso wie mit der detailreichen Analyse der „deutschen Wirtschaftshegemonie“ in Frankreich oder Nachrichten aus dem „Dritten Reich“. Auch Fragen einer künftigen Nachkriegsordnung wurden bereits erörtert.

Mit „Germany speaks“ brachte der ISK einen englischsprachigen Nachrichtendienst heraus, hauptsächlich um die in Deutschland und den besetzten Ländern gesammelten Informationen auch in englischer Sprache verfügbar zu machen und sie zur Verwendung an englische Zeitungen weiterzugeben. Ab März 1942 erschien die Pressekorrespondenz als „Europe speaks“, d.h. die Informationen wurden nun verstärkt auch auf die Situation in den von Deutschland besetzten Ländern ausgedehnt. Eine Auflistung der bis jetzt ermittelten Exemplare und verschiedenen Ausgaben von „Germany Speaks“ und „Europe speaks“ (zu dem auch eine USA-Ausgabe gehörte) ergänzt die Angaben im Einführungsband. Eine Auswertung dieser Pressedienste, die eine Fülle von Informationen über die Stimmungslage der Bevölkerung, das Verhalten der NS-Organe, die Aktionen von Widerstandsgruppen oder alltägliche Formen der Verweigerung, über die Situation von Kriegsgefangenen und Deserteuren oder die Wirkung britischer Radiosendungen enthalten, machen sie zu einer herausragenden, wenn auch noch wenig genutzten Quelle für die NS-Zeit. Die Möglichkeit der Volltext-Recherche, die durch die Publikation der Pressorgane nun gegeben, bzw. bald gegeben sein wird, dürfte die Nutzung wesentlich erleichtern und befördern.