Mario Bungert

„Julius Moses – Schrittmacher der sozialdemokratischen Gesundheitspolitik in der Weimarer Republik“

Julius Moses (l.) mit seinem Kommilitonen Louis Gube, 1888Unter diesem Titel präsentierte das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin und Bonn eine Ausstellung, die Leben und Wirken dieses nach 1945 nahezu in Vergessenheit geratenen sozialdemokratischen Politikers in den Mittelpunkt stellte.1 Es galt drei Fragen zu beantworten: Wer war dieser Julius Moses? Was waren Inhalte und Ziele seiner politischen Tätigkeit? Hat sein Handeln, haben seine politischen Ziele heute noch irgendeine Bedeutung?

Herkunft und Jugend

Julius Moses wurde am 2. Juli 1868 als Sohn des in bescheidenen Verhältnissen lebenden Schneiders Isidor Moses und seiner Frau Pauline, geb. Levin, in Posen geboren. 1880 zog Julius Moses zu seinem kinderlos gebliebenen Onkel Moritz, der in Greifswald zu einigem Wohlstand gekommen war. Hier studierte er nach dem Besuch des Gymnasiums Medizin. Über seine Greifswalder Zeit schrieb Moses später: „Ich habe während dieser Zeit nie etwas von judenfeindlicher Gesinnung meiner Kameraden mir gegenüber zu spüren bekommen. Nie! Greifswald hatte immer eine freigesinnte Bürgerschaft, und auch zu meiner Zeit dokumentierte es sich darin, dass es im Reichstag stets durch liberale Abgeordnete – vielfach bekannte Professoren der Universität – vertreten war.“ Im Juli 1892 promovierte er mit der Dissertation „Die Bluterkrankheit – Haemophilie“.

Stark an Geschichte und Literatur interessiert, verfasste Moses neben seinem Studium Theater-Rezensionen. „Für diesen Beruf brachte ich nichts mit als Gottvertrauen und jugendliche Schnellfertigkeit der Worte. Wie viele junge Schriftsteller, die noch nichts produziert haben, fing auch ich mit der Theaterkritik an. Es war gewissermaßen der Eintritt in das öffentliche Leben.“

Politische Standortsuche

Die Gymnasial- und Studienjahre erlebte Julius Moses in einem liberalen politischen Umfeld. Sein Onkel Moritz war ein überzeugter Anhänger der liberalen Fortschrittspartei. Er ließ sich von seinem Neffen täglich aus der „Berliner Volkszeitung“, dem Sprachrohr des demokratischen Flügels des deutschen Liberalismus, vorlesen. Ende der 1880er Jahre studierte Moses das damals populäre „Politische ABC-Buch“ von Eugen Richter, der zu jener Zeit gerade von den Fortschrittlern zu den Freisinnigen gewechselt war.

Unmittelbar nach Beendigung seines Studiums zog es den politisch interessierten jungen Mann in die Hauptstadt Berlin, wo er sich als Arzt niederließ. 1895 wurde Moses zum ersten Mal politisch aktiv: Er hielt auf der Feier des Deutsch-Freisinnigen Arbeitervereins die Festrede zur Erinnerung an die Märzrevolution 1848. Moses wurde schließlich zur treibenden Kraft bei der Gründung eines Komitees zur Errichtung eines Denkmals für die Märzgefallenen. In einem Aufruf des Komitees betonte er 1898 „dass in einer denkmalswütigen Zeit, in der man jedem, auch dem unbedeutendsten Spross aus dem Hohenzollernhause, ein Denkmal setzt, auch das Volk seinerseits den Männern, die ihr Leben im Kampfe um die Freiheit des Volkes gelassen, ein Denkmal schuldet“.

1896 heiratete Julius Moses Gertrud Moritz, die Tochter eines Berliner Unternehmers. 1897 wurde der Sohn Erwin, 1898 der Sohn Rudi und 1900 die Tochter Vera geboren. 1913 trennten sich Julius und Gertrud Moses, die eine Scheidung allerdings ablehnte.

Nach Jahren der Standortsuche, die mit zunehmenden Enttäuschungen über die mangelnde politischeJulius Moses, 1907 Konsequenz der Liberalen verbunden war, führte Moses’ politischer Weg über die Freisinnige Vereinigung schließlich 1912 in die Reihen der deutschen Sozialdemokratie. Seine Enttäuschung über die Politik der Freisinnigen verarbeitete Moses in einer für ihn typischen – ironischen – Weise: 1910 gab er eine Flugschrift mit dem Titel „Was hat der Blockfreisinn bisher für den Fortschritt in Deutschland geleistet? Eine offene Antwort auf eine offene Frage“ heraus. Schlug der Leser diese Broschüre auf, wurde er mit einer klaren Antwort konfrontiert – mit leeren Seiten.

Emanzipation des Judentums! – Gegen Antisemitismus!

Um die Jahrhundertwende widmete sich Moses verstärkt jüdischen Angelegenheiten und dem Kampf gegen den Antisemitismus. Rückblickend bezeichnete er diesen Zeitabschnitt als seine „jüdische Periode“.

In einem Vortrag vor dem „Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens“ rief Moses 1902 die Juden zur Überwindung der Lethargie, zu mehr Selbstachtung und zur Selbsthilfe durch verbesserte Organisation auf. 1906 wandte er sich in scharfen Worten gegen die Pogrome in Russland und die Untätigkeit der europäischen Regierungen: Wenn es sich nicht um Juden handelte, so wäre man gleich mit dem „europäischen Gewissen“ bei der Hand, um Gelegenheit zum Eingreifen zu gewinnen. „Man schütze vor, sich wegen der Judenmetzeleien nicht in die inneren Angelegenheiten Russlands zu mischen, zumal die dortigen Juden russische Untertanen seien... Kann es einen größeren Wahnwitz geben?“

Im Mittelpunkt der von Julius Moses von 1902 bis 1910 herausgegebenen Wochenzeitung „General-Anzeiger für die gesamten Interessen des Judentums“ stand die Bekämpfung des Antisemitismus. Von bürgerlichen jüdischen Kreisen wurde das von Julius Moses herausgegebene Blatt wegen seiner Haltung im Reichstagswahlkampf 1903 als „Berliner jüdisches Sozialistenorgan“ bezeichnet und deren Redakteure als eine „kleine Clique Berliner Brauseköpfe“ beschimpft. Die Zeitung hatte am Vorabend der Wahl die jüdischen Wähler aufgefordert, „selbst, wenn sie sonst der sozialdemokratischen Richtung fernstehen“, auch sozialdemokratische Kandidaten zu unterstützen, um dadurch die Wahl von Antisemiten zu verhindern.

Daneben beschäftigte Julius Moses sich intensiv mit jüdischer Literatur, verlegte u.a. das illustrierte jüdische Witzblatt „Der Schlemiel“ und gab Gedichtsammlungen jüdischer Autoren heraus.

Im Vorwort seiner Anthologie „Hebräische Melodien“ schrieb er: Der „Eintritt der Juden in die europäische Kultur war der Beginn einer neuen Revolution, die noch in unsere Tage hineinragt.“ Die Juden seien „emsige Mitarbeiter an einer neu emporsteigenden Kulturepoche“.

Im Sommer 1907 veröffentlichte Moses den Sammelband „Die Lösung der Judenfrage. Eine Rundfrage, veranstaltet von Dr. Julius Moses“, der die Bekämpfung des Antisemitismus zum Thema hatte. Beiträge dazu verfassten u.a. Eduard Bernstein, Rainer Maria Rilke und Thomas Mann.

Von der „Gebärstreik“-Debatte zum Kampf gegen den § 218

Die Erfahrungen aus seiner täglichen Praxis im Berliner Norden führten Julius Moses den Zusammenhang zwischen dem Kinderreichtum der Proletarierfamilien und deren sozialer Notlage vor Augen und ließen ihn zu einem der stärksten Befürworter der Geburteneinschränkung werden. So hielt er zahlreiche Vorträge über „wichtige Fragen des Geschlechtslebens“ ab. Durch eine Verfügung des Berliner Polizeipräsidenten wurde schließlich die Teilnahme von Frauen an diesen Veranstaltungen untersagt. Über eine dieser Veranstaltungen berichtete Moses später: „Die Frauen, die demselben [Vortrag] überaus zahlreich zugeströmt waren, wurden von zwei Zerberussen in Gestalt von Schutzleuten am Betreten des Lokales behindert. Drinnen im Saale aber waltete der Leutnant mit einem Kriminalbeamten seines Amtes als Sittenrichter. Der wahrscheinlich auch der Polizei bekannten Tatsache, dass es zweierlei Geschlechter gibt, durfte nicht Erwähnung getan werden.“

1913 war Moses einer der Exponenten in der sog. Gebärstreik-Debatte. Diese Auseinandersetzung wurde öffentlich vor allem von der Sozialdemokratie ausgetragen. Auf Versammlungen der sozialdemokratischen Wahlvereine Berlins hatte Julius Moses ausgeführt: „Der Arbeiter ist angesichts der heutigen Verhältnisse nicht in der Lage, eine derartig große Kinderzahl zu ernähren. Die Frau geht körperlich dabei zugrunde. ... Ich will, dass die Arbeiter auch in der heutigen Zeit schon eine bessere Existenz führen. Ich sehe in der Enthaltung der Kinderzeugung keineswegs ein soziales Allheilmittel, aber es ist eins der Mittel, das wir anzuwenden haben, um die heutige Lage der Arbeiter zu bessern und die Bourgeoisie zu schädigen.“

Die Führung der SPD wandte sich allerdings gegen einen solchen „Gebärstreik“. So führte Rosa Luxemburg im Auftrag des Parteivorstands auf einer Versammlung in der Berliner Hasenheide aus, dass das Proletariat darauf bedacht sein müsse, „möglichst viele Kämpfer zu haben. Nur so wird es möglich sein, den Klassenkampf zum besseren Ziele zu führen. Eine Besserung im heutigen Staat ist lediglich auf gewerkschaftlichen Gebieten zu erzielen. Nur durch Massenaktion wird der Befreiungskampf des Proletariats siegreich sein können.“ Der deutsche Generalstab hegte übrigens ähnliche Befürchtungen, da er negative Auswirkungen auf die Zahl der Rekruten vorhersah.

1913 lernte Moses Elfriede Nemitz kennen, die Tochter seiner späteren Parlaments- und Parteivorstandskollegin Anna Nemitz. Ab 1916 waren Elfriede Nemitz und Julius Moses Lebensgefährten. 1920 wurde die Tochter Lotte geboren, 1925 folgte der Sohn Kurt.

Als gesundheitspolitischer Sprecher der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion setzte sich Julius Moses in den zwanziger Jahren mit besonderem Nachdruck für die Abschaffung bzw. Novellierung des Abtreibungsparagraphen 218 ein. „Die Sozialdemokratie lehnt den Abtreibungsparagraphen, trotz ihrer grundsätzlichen Gegnerschaft gegen die Abtreibung, ab, weil sie der Überzeugung ist, dass eine soziale Krankheitserscheinung – und das ist die Abtreibung – nicht durch das Strafgesetz geheilt werden kann. Die sogenannte Abtreibungsseuche ist eine Folge des sozialen Elends des Proletariats.“

„Wir fordern ein Ministerium für Volksgesundheit“

Während des Ersten Weltkriegs war Julius Moses der USPD beigetreten, die sich – ausgehend vom Streit um die Bewilligung der Kriegskredite – von der SPD abgespalten hatte. Seit 1919 gehörte Moses der Parteileitung der USPD an, ab 1922 war er Mitglied des Parteivorstands der wiedervereinigten Sozialdemokratie. Vor seiner Wahl in den USPD-Vorstand führte Moses 1919 aus: „Ich sage, der Geist allein ist es, der entscheidet. Nicht das Programm und nicht die Taktik. In einer Zeit, die so schnell lebt wie die heutige, da erschweren wir uns selbst unsere Arbeit mit allzu vielen Programmen und Resolutionen. – Wer nicht mit der Zeit geht, über den fegt der Zeitensturm hinweg.“

Unmittelbar nach Ende des Weltkriegs entwickelten Sozialdemokraten und Sozialhygieniker zusammen mit dem Verband der Hausarztvereine ein gesundheitspolitisches Programm für die neue Weimarer Republik. In der Eingabe an die „Volksbeauftragten der Deutschen Republik“ zur Schaffung eines mit weitreichenden Vollmachten ausgestatteten Reichsgesundheitsministeriums kam die Entschlossenheit zum Ausdruck, der Gesundheitspolitik im Prozess der gesellschaftlichen Modernisierung eine zentrale Rolle zukommen zu lassen. In der Petition hieß es u.a.: „Bei späteren Ausgaben für das Ministerium ist zu berücksichtigen, dass die Unkosten für die Gesunderhaltung und Krankheitsheilung eines Volkes sich durch Steigerung und Wiederherstellung seiner Leistungsfähigkeit reichlich bezahlt machen.“ In seiner Antwort räumte das Ministerium des Innern zwar die Wichtigkeit eines Reichsgesundheitsministeriums ein, es hielt aber eine Umsetzung dieses Vorschlags „in so kurzer Zeit“ nicht für realistisch.

Während seiner gesamten Zeit als Abgeordneter (bis 1932) gehörte Moses zu denjenigen, die frühzeitig auf die Gefahren des Rechtsextremismus hinwiesen. So wandte er sich bereits als Mitglied des parlamentarischen Untersuchungsausschusses über die Kriegsschuldfrage und die Ursachen des Zusammenbruchs im Jahre 1918 gegen die von völkisch-nationalistischen Kreisen aufgebrachte Legende von der angeblichen „Drückebergerei“ der Juden im Weltkrieg. Julius Moses in Erwiderung antisemitischer Bemerkungen des Kommissionsvorsitzenden Philipp (DNVP): „Ich habe nur zwei Söhne. Beide Söhne haben jahrelang in den schwersten Kämpfen gestanden ... Ich fühle mich also auch persönlich gekränkt, wenn solche Äußerungen kommen.“

Im Dienst von Partei und Reichstagsfraktion

Julius Moses mit Tochter Lotte und Sohn Kurt im Sommer 1927 in Swinemünde1920 wurde Julius Moses – noch für die USPD – in den Reichstag gewählt. Er war dort einer der profiliertesten Vertreter einer sozialdemokratischen Sozial- und Gesundheitspolitik. Welch prägende Wirkung Julius Moses’ auf Diskussion und Programmatik der SPD in der Weimarer Republik hatte, lässt sich an den Jahrbüchern der SPD ablesen. Die von der Sozialdemokratie in der Mittelpunkt ihrer Gesundheits- und Sozialpolitik gestellten Themen sind die von Moses bearbeiteten Felder, wie die Hebung der Volksgesundheit durch Verbesserung der Lebens-, Arbeits- und Wohnverhältnisse oder wie die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Aber auch auf dem Gebiet der Wissenschaftspolitik und Forschungsförderung war Julius Moses aktiv. Für ihn war die Förderung der Wissenschaft ein „lebendiger Teil der staatlichen und volksgemeinschaftlichen Fortentwicklung des sozialen Fortschritts“. Nachdem Moses 1928 aufgedeckt hatte, dass eine stark antisemitisch gefärbte Arbeit von Ludwig Schemann mit Mitteln der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, des Vorläufers der Deutschen Forschungsgemeinschaft, finanziert worden war, kam es zu einer Reform der Wissenschaftsförderung in Deutschland. Julius Moses selbst wurde in den Hauptausschuss der Notgemeinschaft entsandt.

Als Reichstagsabgeordneter entwickelte Moses zahlreiche Initiativen, die er u.a. in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Der Kassenarzt“ propagierte. Diese lösten Debatten mit konservativen ärztlichen Standesvertretern aus. So warb Moses nachdrücklich für den Ausbau der sozialen Krankenversicherung und eine vorbeugende Gesundheitspflege. Daneben setzte er sich für eine starke Rolle des Hausarztes bei der gesundheitlichen Versorgung und Betreuung ein.

Als Mitglied des Reichsgesundheitsrats warnte Moses vor der ärztlichen „Experimentierwut am Menschen“. Anlass waren Experimente mit einem Impfverfahren gegen Tuberkulose, die 1930 in Lübeck 246 Säuglingen durchgeführt wurden und in deren Verlauf 75 der Kinder starben. Im nachfolgenden gerichtlichen Untersuchungsverfahren war Julius Moses als Gutachter tätig. Moses im Oktober 1930: „75 Kinder sind bisher in Lübeck der Experimentierseuche zum Opfer gefallen. Ich rufe alle zum Kampfe gegen die Kurpfuscherei auf, die unter dem Deckmantel der Wissenschaft an Kranken und Gesunden begangen wird, gegen die pfuscherischen Experimente, die den Namen ‚Wissenschaft’ schänden und ihre soziale und ethische Sendung sabotieren.“

Auf die gesundheitlichen Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit machte Julius Moses 1931 in der Denkschrift „Arbeitslosigkeit: Ein Problem der Volksgesundheit“ aufmerksam. Er führte in seiner Denkschrift aus, dass praktische Sozialhygiene gleichbedeutend mit einer Politik sei, die der Bevölkerung ausreichende Einkommen, gesunde Wohnungen sowie billige und zweckentsprechende Ernährung und Kleidung sichere. „Unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen ist die praktische Sozialhygiene, dass heißt die Politik auf gesundheitliche Sicht, notwendiger als die theoretische ‚Volksaufklärung’“. Sie werde allerdings dort scheitern, wo „die praktische Allgemeinpolitik antisozial ist“.

Wegen seines offenen Auftretens gegen den aufkommenden Nationalsozialismus wurde Moses zunehmend zum Ziel wütender und diffamierender Angriffe der NS-Presse, die bis in die NS-Herrschaft andauern sollten. So war 1941 im „Kleinen Kulturspiegel des heutigen Arzttums“ zu lesen: „Dr. Moses, dieser jüdische Zyniker, der sich in seinem Sicherheitsrausch gar nicht genug überschlagen konnte in sadistischer Herabwürdigung unserer Ideale – das war der Mann, das war der Arzt der sozialdemokratischen Parteien!“

„Die Zukunft liegt dunkel vor mir...“ – Unter dem Hakenkreuz

Die nationalsozialistische „Machtergreifung“ hatte auch für Julius Moses einschneidende Folgen: Die finanzielle Situation verschlechterte sich rapide. Nur durch Zuwendungen von Verwandten und Näharbeiten von Elfriede Nemitz konnte sich die Familie über Wasser halten. 1935 wurde ein weiteres Zusammenleben aufgrund der Nürnberger Rassegesetze unmöglich. Julius Moses musste die gemeinsame Wohnung verlassen und ein Zimmer in einem sogenannten Judenhaus beziehen.

Familie und der treu zu ihm stehende Freundeskreis waren ihm lange Halt und Zuversicht.Seit den 20er Jahren war Julius Moses Mittelpunkt eines politisch-persönlichen Freundeskreises. Zu den engsten und treuesten Freunden, die auch während der NS-Zeit zu Moses standen, gehörte der ehemalige Reichstagspräsident Paul Löbe. Der Sozialdemokrat Wilhelm Keil berichtete in seinen Erinnerungen: „Um ihn [Löbe] versammeln sich regelmäßig die zahlreichen alten Reichstagskollegen, Freunde und Freundinnen, und berichten, was sich auf dem Gebiet der Maßregelungen und persönlichen Verfolgungen ereignet hat. Julius Moses, der engste Intimus, fehlt natürlich nicht. Sein Humor hat einen Beisatz von Galgenhumor bekommen.“

Am 2. Juli 1938 feierte Moses seinen 70. Geburtstag, der ihm noch einmal Mut machte. „Fast kann ich es selbst nicht glauben, aber Tatsache ist, dass 51 Personen bei mir gewesen sind und mir persönlich Glückwünsche ausgesprochen haben. 58 Briefe und Karten sind bei mir eingegangen, und 21 Freunde haben mir telefonisch gratuliert.“ Der frühere „Vorwärts“-Redakteur Lepère hatte zu diesem Anlass einen Artikel verfasst, so wie er im inzwischen verbotenen „Vorwärts“ veröffentlicht worden wäre.

1936 stellte Julius Moses einen Erinnerungsband für seinen damals elfjährigen Sohn Kurt zusammen, der sich gleichzeitig als politischer Rechenschaftsbericht liest. Moses in der Einleitung: „Dein Vater wird für Dich zum späteren Verständnis der Artikel und der Arbeiten so eine Art von Selbstbiographie dazu niederschreiben, die Du noch nicht so ganz verstehen wirst, und das Sammelwerk wird daher auch den Titel führen: ‚Ich gebe meinen Kindern Rechenschaft’.“

Aber auch die Demütigungen, denen er sich ausgesetzt sah, hielt er diesem Band fest: „Nach den gesetzlichen Vorschriften habe ich zum 1. Januar 1939 den zusätzlichen Vornamen Israel angenommen, heiße also jetzt Julius Jacob Israel Moses. Gleichzeitig erhalten vom 1. Jan. 1939 ab alle deutschen Juden eine Kennkarte als Ausweis, die sogenannte Judenkarte. Zu diesem Zweck musste das Bild der Polizei eingereicht werden.“ [...] „Hier der ‚Judenstern’, der sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstückes fest aufgenäht zu tragen ist. Zu dem Begriff der ‚Öffentlichkeit’ sind für die Juden besondere Erklärungen gegeben worden. So müssen die ‚Judensterne’ von den Kindern während des ganzen Unterrichtes getragen werden, wie auch im Tempel von allen Besuchern, so dass die Rabbiner, Cantore etc., kurz die ganze Gemeinde den Judenstern im Tempel sichtbar zu tragen hat. Auch dies ist ‚Öffentlichkeit’ (der Gottesdienst), auch Ärzte u. Schwestern u. Pfleger im jüdischen Krankenhaus auf ihren weißen Mänteln haben sie zu tragen, alle Juden des Arbeitsdienstes etc.“

Julius Moses hatte sich nie Illusionen über den verbrecherischen Charakter des NS-Regimes gemacht. Das Ausmaß dieser Verbrechen hatte sich aber kaum jemand vorstellen können.

Julius Moses (1. Reiche rechts) auf einem Treffen anlässlich des 60. Geburtstags von Anna Nemitz, Januar 1933Ein jüdischer Leidensgenosse berichtete nach dem Kriege: „In unserem Hause wohnte der ehemalige Reichstagsabgeordnete Dr. med. Julius Moses, der in der Weimarer Republik eine große Rolle gespielt hat. Wir hatten uns während des Naziregimes angefreundet. Eines Tages kam er in unsere Wohnung, um mir etwas zu zeigen. Es war ein Originalschreiben eines sozialdemokratischen Parteifunktionärs, der als Soldat an der Ostfront stand und tollkühn genug war, diesen Brief durch die Feldpost an den ehemaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe zu schicken. Von Löbe kam er an Dr. Moses. In diesem Brief berichtete der Schreiber, dass russische Kriegsgefangene in versiegelten Waggons ohne jede Nahrung oder Getränk tagelang unterwegs gewesen und beim Ausladen tot waren. Ferner war er Augenzeuge, wie in einer russischen Kleinstadt jüdische Frauen Gräber ausschaufeln mussten, vor die sie sich dann mit ihren Kindern aufstellen mussten und dann erschossen wurden. Beim Vorlesen brach Moses in Weinen aus und konnte vor Erschütterung nicht weiter lesen.“

Im Sommer 1942 wurde Julius Moses nach Theresienstadt deportiert. Ein Mithäftling berichtete später: „Ich fand [im Lager Theresienstadt] Dr. Moses als sogenannten ‚prominenten Häftling’, mit 10 Herren ein Zimmer teilend, auf dem Boden liegend, nur notdürftig mit einer Decke zugedeckt, sehr unter nagendem Hunger leidend, aber voller Hoffnung auf eine baldige bessere Zukunft.“

Julius Moses starb am 24. September 1942 in Theresienstadt.

„...bedeutende Schrittmacherdienste für die Reform des Gesundheitswesens...“
(Willy Brandt über Julius Moses, 1975)

Nach dem Zweiten Weltkrieg drohten Leben und Lebensleistung Julius Moses’ in Vergessenheit zu geraten. Sein schriftlicher Nachlass hatte, versteckt im Kohlenkeller von Anna Nemitz, die NS-Zeit überdauert. Vor allem dem steten Bemühen seines Sohnes Kurt Nemitz ist es zu danken, dass Julius Moses und sein Wirken wieder in das Blickfeld der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, aber auch der historischen Forschung geraten sind.

Zu den Verdiensten von Julius Moses gehören u.a. das Eintreten für eine vorbeugende Gesundheitspflege, die Betonung der Bedeutung des Hausarztes, der Kampf gegen Experimente an Menschen und das Bemühen um eine Reform des § 218. In einem Brief an seinen Sohn Kurt über seine Veröffentlichungen zum Gesundheitswesen schrieb Julius Moses 1935 „...ich lese selber noch mit größtem Vergnügen alle diese Artikel durch, auch die Lektüre dieser Artikel gewährt mir heute mehr denn je eine innere Genugtuung, dass ich weithin sichtbar in der Öffentlichkeit solche Anschauungen zu vielen Problemen niederlegen durfte und niedergelegt habe, Probleme, die nicht nur der Vergangenheit angehören, sondern auch in späteren Zeiten noch erörtert werden, zum Teil Ewigkeitswert haben.“


1 Vgl. dazu: Michael Schneider (Hrsg.): Julius Moses. Schrittmacher der sozialdemokratischen Gesundheitspolitik in der Weimarer Republik. Vorträge anlässlich der Ausstellungseröffnung am 15. Dezember 2005 in der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin (Gesprächskreis Geschichte, Heft 65), Bonn (-Bad Godesberg) 2006. Literaturhinweise zu Julius Moses S. 89 ff. Kostenloser Bezug beim Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Godesberger Allee 149, D-53175 Bonn, Tel. 0228-883473, E-Mail: Doris.Fassbender@fes.de