Sabine Kneib

Beamter unter Ebert, Hindenburg und Hitler: Otto Meissner - Der Nachlass Otto Meissner im AdsD

Zu den Beständen, die man nicht im Archiv der sozialen Demokratie vermutet, gehört der Nachlass eines Staatssekretärs, der von 1919-1945 das Berliner Präsidialamt leitete und damit unter Friedrich Ebert, Paul von Hindenburg und Adolf Hitler diente: Otto Meissner - eine der „merkwürdigsten Hintergrundfiguren Deutschlands in der Zeit von 1919 bis 1945“.1 Sein Nachlass gelangte zusammen mit dem seines Sohnes, des Reiseschriftstellers Hans-Otto Meissner, in das AdsD. Dieser war in den sechziger Jahren Mitglied der SPD.

Otto Meissner und Friedrich Ebert (v.r.n.l.), 2.8.1919Der im Jahr 1880 im elsässischen Bischweiler geborene Otto Meissner begann nach Jurastudium und Promotion seine Karriere als Hilfsrichter in Straßburg und bewarb sich 1908 in den Dienst der Kaiserlichen Generaldirektion der Eisenbahnen in Elsass-Lothringen. 1911 wurde er zum Kaiserlichen Regierungsrat befördert. Im Ersten Weltkrieg zum Deutschen Eisenbahn-Verwaltungsrat nach Bukarest und später zur Gesandtschaft nach Kiew kommandiert, stieg er zum Gesandten auf. Nahezu zeitgleich mit seiner Ernennung im Januar 1919 musste er allerdings vor den einmarschierenden Bolschewiki fliehen.

In Deutschland, das inzwischen Republik geworden war, begann Otto Meissners Karriere umgehend nach seiner Ankunft in Berlin im Büro des neuen Reichspräsidenten, des Sozialdemokraten Friedrich Ebert: Zunächst ernannte ihn Ebert zum Geheimen Regierungsrat. Genau ein Jahr später übernahm Meissner die Leitung des Büros des Reichspräsidenten mit der Amtsbezeichnung „Ministerialdirektor“. Im Jahr 1923 erhielt er den Titel eines Staatssekretärs. Nach dem Tod Friedrich Eberts 1925 blieb Meissner unter Paul von Hindenburg weiter Chef der Kanzlei des Reichspräsidenten. Als Hitler nach der Reichskanzlerschaft griff, reichte Meissner wohl zunächst ein Rücktrittsgesuch ein, ließ sich dann aber zum Bleiben bewegen. Adolf Hitler beauftragte ihn nach dem Tode Hindenburgs 1934 mit der Führung der Präsidialkanzlei und versetzte ihn 1937 in den Rang eines Reichministers. Im selben Jahr wurde ihm, der nicht Parteimitglied2 war, das goldene Parteiabzeichen der NSDAP verliehen. Otto Meissner führte nun den Titel „Chef der Präsidialkanzlei des Führers und Reichkanzlers“. Als solcher nahm er noch im März 1945 die Gratulation seiner Mitarbeiter zum 65. Geburtstag entgegen.

Nach Kriegsende wurde Meissner verhaftet und musste mehrfach als Zeuge in den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen aussagen. In einem der Nürnberger Folgeprozesse gegen die Mitglieder des Auswärtigen Dienstes und der Ministerialbürokratie, dem „Wilhelmstraßenprozess“ gegen Ernst von Weizsäcker, Wilhelm Stuckart, Richard Walter Darré und andere, zählte Meissner dann selbst zu den Angeklagten. Seine Verteidigung, die er gemeinsam mit seinem Anwalt Fritz Sauter erarbeitete, stützte sich einerseits auf die Behauptung, Meissners Amt habe nach Hitlers Machtergreifung einen fast ausschließlich repräsentativen Charakter gehabt. Andererseits bot sie zahlreiche Zeugenaussagen auf, durch welche die mäßigenden, hilfreichen oder sogar lebensrettenden Handlungen Meissners belegt werden sollten, für die er nach eigener Darstellung seine Stellung benutzt hatte. Im Frühjahr 1949 endete der Wilhelmstraßenprozess mit einem Freispruch für Otto Meissner.

Auch in dem sich anschließenden Spruchkammerverfahren in München ging es um Beweise für Mitwisserschaft, Beteiligung oder Verantwortung – grundsätzlicher aber um die Kürzung der Pension und die Rückerstattung eingezogenen Besitzes. Ein Schuldeingeständnis gab Otto Meissner nicht ab, und auch die Frage, ob er gewusst hatte, was den bereits verurteilten Häftlingen drohte, deren Überstellung ins Gestapo-Gefängnis er durch seine Unterschrift abzeichnete, konnte nicht abschließend geklärt werden.3 Neben der Arbeit am Prozess verfasste Meissner 1950 seine Autobiographie „Staatssekretär unter Ebert – Hindenburg – Hitler: Der Schicksalsweg des deutschen Volkes von 1918 – 1945, wie ich ihn erlebte“ und legte auch sie dem Gericht vor. Diese von einem Rezensenten als „Bekenntnisse eines Briefträgers“4 belächelte Geschichtsdarstellung sollte diskret darauf hinweisen, dass Meissner eher Zuträger als Urheber gewesen sei.5 Das Urteil der Hauptkammer München vom 2.5.1951 stufte Otto Meissner als Belasteten (Gruppe II) ein, was u.a. den Einzug von 30 Prozent des Privatvermögens zur Folge hatte. Die Berufung wurde abgewiesen, das Verfahren 1952 ad acta gelegt.

Mit dem Abschluss des Verfahrens endete auch die politische Geschichte des Staatssekretärs unter drei sehr unterschiedlichen Vorgesetzten. Mit der Regierung des neuen Staates wollte Meissner nichts zu tun haben und verweigerte sogar die Beantwortung einer Anfrage aus dem Bundeskanzleramt, da die Bundesregierung nicht auf die Pensionsforderungen der ehemaligen Reichsbeamten eingehe.6 Otto Meissner starb am 27.5.1953 in München.

Sein Nachlass im AdsD enthält Dokumente aus seiner beruflichen Laufbahn wie beispielsweise Zeugnisse, Ernennungen und dienstliche Anweisungen des Reichspräsidenten. Erhalten blieb auch eine kleine Materialsammlung, die anlässlich des Staatsbesuchs mit Hitler in Rom 1938 entstanden ist. Der größte Teil des Nachlasses stammt aber aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Es handelt sich hierbei vielfach um Schriftsätze und vervielfältigte Gerichtsprotokolle aus den Nürnberger Prozessen, dem Wilhelmstraßenprozess sowie Korrespondenzen, die im Zusammenhang mit den Prozessen geführt wurden. Aus dem Privatleben Otto Meissners sind zudem die Briefwechsel des Ehepaares Meissner sowohl aus der Zeit der Entsendung nach Bukarest und Kiew als auch aus der Haftzeit in Nürnberg erhalten geblieben.

Seit Ende 2005 ist der Nachlass Otto Meissners auch über Datenbank und Findbuch zu recherchieren. Nach der Bearbeitung hat der Bestand Otto Meissner einen Umfang von 2,3 lfm. Laufzeit: 1898 – 1953 (1961).


1 Nachruf, „Stuttgarter Nachrichten“, 29.5.1953.

2 M. war bis 1925 Mitglied der DDP, kein Eintritt in die NSDAP.

3 vgl.: Nl. O.M., 66; vgl. auch: ebd., Briefwechsel Meissners mit E. Lüdtke 1949, 86.

4 so Erich Dombrowski in der „FAZ“, AdsD, Slg. P.; vgl.: „Stuttgarter Nachrichten“, 29.5.1953.

5 „diskrete und vornehme Rechtfertigung en passant“, „Der Spiegel“, 22.11.1950.

6 Nl. O.M., Schreiben Otto Meissners an Geilenberg, 7.4.1950.