Harry Scholz

Das Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) als archivarische Aus- und Weiterbildungsstätte Berufsausbildung und Praktika

In seinem mehr als 30jährigen Bestehen hat das AdsD einer Reihe von Praktikantinnen und Praktikanten Einblicke in die archivische und archivarische Praxis vermittelt. Bei den Praktikanten handelte es sich zunächst ausschließlich um Studentinnen und Studenten von Universitäten, die im Rahmen ihres Studiums, vornehmlich in den Fachbereichen Geschichte und Politikwissenschaften, Kenntnisse über die archivische Praxis als Grundwerkzeug für ihre wissenschaftliche Ausbildung benötigten. Ein weiteres Motiv lag bei diesem Interessentenkreis darin, erste berufspraktische Erfahrungen im Hinblick auf den späteren beruflichen Einstieg zu sammeln, das eine oder andere Mal ergab sich daraus auch ein studentischer Werkvertrag (Aushilfe) zur Finanzierung des Studiums.

Seit Beginn der 1990er Jahre haben sich die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten ausdifferenziert: Gab es für die archivarische Aus- und Weiterbildung bis 1990 in der Bundesrepublik Deutschland lediglich die zentrale verwaltungsinterne Ausbildungsstätte in Form der Archivschule Marburg, die sich zu diesem Zeitpunkt in der Primärausbildung ausschließlich am Bedarf der staatlichen Archive des Bundes und der Länder ausrichtete und in der Weiterbildung lediglich ein- bis mehrtätige Fortbildungsveranstaltungen zu archivischen Einzelthemen anbot, so wurde mit der Gründung der Fachhochschule Potsdam (FH) im Zuge der Deutschen Einheit erstmals ein Hochschulstudium angeboten, das sich einem breiten Interessentenkreis öffnete. Die FH führt einerseits die fachliche Tradition der zentralen Archivausbildungsstätte „Franz Mehring“ der DDR weiter und versuchte andererseits ein neues Modell einzuführen, das unter der Bezeichnung „Fachbereich ABD“ die zentralen Kenntnisse aus Archiven, Bibliotheken und Dokumentationseinrichtungen in einem grundständigen Fachhochschulstudium mit Diplomabschluss (FH) integrativ vermittelt.1 Mittlerweile bietet der Fachbereich neben dem grundständigen Studium auch ein postgraduales Fernstudium zum Dipl.-Archivar (FH) an. Damit erweiterte sich auch der Interessentenkreis für Praktika im AdsD. Studierende der FH Potsdam absolvierten nunmehr regelmäßig ebenfalls Praktika im AdsD in der Größenordnung von 8 Wochen bis zu einem halben Jahr.2

Nahm die Zahl der Praktikanten im AdsD aus dem Hochschul- bzw. Fachhochschulbereich bereits kontinuierlich zu, so entstand eine zusätzliche Dynamik durch den 1998 durch den Gesetzgeber auf den Weg gebrachten neuen dualen Ausbildungsgang zur/zum Fachangestellten für Medien und Informationsdienste (FAMI) mit den Fachrichtungen Archiv, Bibliothek, Dokumentation, Bildagentur und medizinische Dokumentation. Das AdsD entschloss sich, ebenso wie die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, frühzeitig, als Ausbildungsstätte von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Im Zeitraum von 2000-2003 wurde die erste FAMI-Auszubildende mit der Fachrichtung Archiv erfolgreich ausgebildet. Seit 2004 befindet sich eine weitere Auszubildende, die im Februar diesen Jahres bereits die Zwischenprüfung abgelegt hat, im AdsD.

Mit der FAMI-Ausbildung im AdsD und dem hiermit verbundenen enormen Anstieg an Praktikumswünschen von FAMI-Ausbildungsbetrieben insbesondere aus den Bereichen der Bibliotheken und IuD-Einrichtungen (Information und Dokumentation), zeigte sich sehr bald, dass die bisherige Praxis der Praktikantenbetreuung im AdsD nicht mehr „en passant“ erfolgen konnte. FAMI-Ausbildung und Praktika wurden zusammengefasst, damit beide Bereiche koordiniert und archivfachlich dem jeweiligen Kenntnisstand der Praktikanten angepasst werden können.

Demzufolge wurde die Funktion eines Ausbildungs- und Praktikumbeauftragten des AdsD eingerichtet, dessen Aufgaben darin liegen, die Praktikumsbetreuung durch die Kolleginnen und Kollegen in den einzelnen Funktionsbereichen des Archivs sicherzustellen, mit der Bibliothek wechselseitige Praktikumabschnitte einzurichten sowie die Formalia mit der Personalabteilung und dem Betriebsrat der FES abzuklären. Hinzu kommt die inhaltliche Vorbereitung auf Zwischen- und Abschlussprüfungen der FAMIs. Durch die Mitgliedschaft des Ausbildungs- und Praktikantenbeauftragten im AdsD im FAMI-Prüfungsausschuss des Regierungsbezirks Köln, im überregionalen FAMI-Berufsbildungsausschuss für NRW sowie durch die Übernahme der Funktion als stellvertretender Vorsitzender beim VdA-Arbeitskreis „Ausbildung Fachangestellte“ (AK FAMI VdA) fand eine zunehmende Formalisierung der Rahmenbedingungen für die Ausbildung im AdsD statt, die sicherstellen sollte, dass neben der Vermittlung zentraler archivischer Kenntnisse und der innerbetrieblichen Besonderheiten des speziellen Archivtyps auch die berufsschulischen Inhalte der FAMI-Ausbildung im Hinblick auf die Vorbereitung für die Zwischen- und Abschlussprüfungen entsprechende Berücksichtigung finden.

Die Ablaufstruktur der Praktika im AdsD sieht generell eine zentrale Tätigkeit vor, in der Regel die Bearbeitung eines Archivbestandes bei einer festen Betreuungsperson, sowie zeitlich vorgegebene Hospitanzen in möglichst vielen Funktionsbereichen des Archivs (Nachlässe und Deposita, Organisationsüberlieferungen SPD und Gewerkschaften, Willy-Brandt-Archiv, digitale Sammlungen wie Flugblätter und -schriften, Fotos, Plakate, Film, Video, Ton). Hinzu kommen Informationen (Einführungen) in die Arbeit der Bibliothek, des Betriebsrates und der gewerkschaftlichen Vertrauensleute sowie generell über Aufbau und Funktion der Friedrich-Ebert-Stiftung und ihrer Abteilungen.

Parallel hierzu werden der Praktikantin/dem Praktikanten Zeitfenster eingeräumt, in denen sie sich mit den zentralen archivischen und archivtypologisch übergreifenden Grundlagen vertraut machen können. Zu diesem Zweck wurde in Zusammenarbeit mit der Ausbildungs- und Praktikantenbeauftragten des Archivs für christlich demokratische Politik (ACDP) der Konrad-Adenauer-Stiftung ein gemeinsamer Fragenkatalog erarbeitet, der grundlegende Fragen zu Archivterminologie, archivischen Erschließungspraxis, Archivrecht, Bewertung, Bestandserhaltung, Archivgesetze, Archivsprengel etc. umfasst. Dieser Fragenkatalog liegt seit 1998 auch der zuständigen Berufsschule, dem Joseph DuMont-Berufskolleg in Köln vor und wird seitens der Berufsschullehrer im Berufsschulunterricht berücksichtigt.

Seit 2003 hat sich der Interessentenkreis für Praktika im AdsD nochmals erweitert. Zunehmend etabliert sich das AdsD auch als Praktikumstätte für Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 und 12 im regionalen Umfeld, die im Rahmen einer zweiwöchigen Berufsorientierung den Arbeitsalltag in Archiven kennen lernen möchten. Hierbei ist der Betreuungsaufwand der Kolleginnen und Kollegen im Archiv besonders hoch, da keine fachlichen Vorkenntnisse vorhanden sind.

Praktikanten im Zeitraum 2001-2005

Schule 3

FAMIs 4

Fachhoch-
schule (FH)5

Universität 6

Sonstige 7

Jahrespraktikanten (gesamt)

2001

 

3

 

1

2

6

2002

 

3

 

1

 

4

2003

3

2

1

1

 

7

2004

1

3

 

2

 

6

2005

2

2

1

3

1

9

Praktikanten aus den Bereichen:

6

13

2

8

3

32 (2001-2005)

2006

(zugesagt)

2

4

3

Im Zeitraum von 2001-2005 wurden insgesamt 32 Praktikantinnen und Praktikanten im AdsD betreut. Für das laufende Jahr 2006 sind bisher 9 Praktika zugesagt. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass künftig mit einer weiteren Zunahme an Praktikumwünschen aus den Bereichen der FAMIs, Schüler und universitären Studenten zu rechnen ist. Der hohe Anteil an Praktikanten aus dem universitären Bereich basiert hauptsächlich auf den begrenzten beruflichen Perspektiven im wissenschaftlichen Hochschulbereich. Die vergleichsweise geringe Zahl an Fachhochschülern liegt darin begründet, dass der Trend nach Auslandspraktika insbesondere im englischsprachigen Ausland stark angewachsen ist. So lässt sich für einige Absolventen der FH Potsdam feststellen, dass diese nach dem Studium im Ausland, zumindest temporär, beruflich Fuß fassen konnten.

Die Übersicht der Praktika im AdsD von 2001 – 2005 verdeutlicht, dass die Ausbildungs- und Praktikumsbetreuung im AdsD eine feste Größe geworden ist. Zwei Kollegen des AdsD sind außerdem regelmäßig mit Lehrveranstaltungen an der Archivschule Marburg und beim Fachbereich Informationswissenschaften an der FH Potsdam vertreten.

Diese organisierte Form der Ausbildungs- und Praktikumbetreuung hat hinsichtlich der Förderung des eigenen archivarischen Nachwuchses im AdsD auch dazu geführt, dass eine Reihe von (befristeten) Stellen mit ehemaligen Praktikanten besetzt werden konnte.8 Dass im AdsD auch Raum für Innovationen und Anregungen ist, die sich aus dem heutigen Stand der archivarischen Ausbildung ergeben, zeigt die AG Archivarbeit, eine Arbeitsgruppe, die zur Optimierung der Aus- und Weiterbildung und zur Erarbeitung eines Leitfadens für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Auszubildende und Praktikanten von zwei jungen Kolleginnen initiiert wurde.

Perspektivisch lässt sich feststellen, dass im AdsD auch in Zukunft die Anzahl an Praktikanten/Praktikantinnen weiter auf hohem Niveau bleiben, wenn nicht sogar noch steigen, wird. Inzwischen steht zusätzlich eine Kollegin als Ausbilderin zur Verfügung, die voraussichtlich ab August dieses Jahres eine weitere FAMI-Auszubildende bzw. einen FAMI-Auszubildenden verantwortlich betreuen wird. Als Fazit kann konstatiert werden, dass der Bereich der Aus- und Weiterbildung ein wesentliches Instrument zur eigenen Nachwuchsförderung ist. Das Engagement im Ausbildungsbereich ermöglicht es aber auch, an der Gestaltung von archivischen Aus- und Weiterbildungsinhalten mitzuwirken. So werden Vertreter des AdsD im neu gegründeten Arbeitskreis Ausbildung beim Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) vertreten sein. Dieser wird erstmals in der Geschichte des deutschen Archivwesens laufbahnübergreifende Aus- und Weiterbildungsinhalte des Archivwesens mit der tariflichen Einbindung verknüpfen.

 


1 Inzwischen wurde die Bezeichnung „Fachbereich ABD“ an der FH Potsdam in „Fachbereich Informationswissenschaften“ umgewandelt und spiegelt bereits die im Zuge des Bolognaprozesses zu verändernde Struktur hin zum europaweit anerkannten Master- und Bachelorstudienabschlüssen mit modularem Charakter wider.

2 Die Studienordnung der FH Potsdam (Fachbereich ABD/Informationswissenschaften) sieht mehrere Praktika vor: Im Grundstudium acht Wochen im Hauptfach (Archiv), nach dem Vordiplom ein ganzes Praxissemester (sechs Monate) im Hauptfach sowie im Hauptstudium 8 Wochen im Nebenfach (Bibliothek oder Dokumentation). Die Praktika können „gestückelt“ werden, d.h. mehrere Praktika können an unterschiedlichen ABD-Einrichtungen absolviert werden.

3 Schülerpraktikanten, in der Regel 14-tägig, berufsvorbereitendes Praktikum, 10. und 12. Klasse.

4 Fachangestellte für Medien und Informationsdienste, Fachrichtungen Archiv, Bibliothek, Dokumentation, medizinische Dokumentation, Vorbereitung auf die Zwischenprüfung, in der alle Fachrichtungen abgeprüft werden.

5 Fachhochschule Potsdam (FH), 4 – 24 Wochen, Praxisanteil während des Studiums (Grundstudium 8 Wochen, Hauptstudium 24 Wochen, kann aufgeteilt werden).

6 Universität, Fachbereiche Geschichte und Politikwissenschaften.

7 Sonstige: Amtshilfe (z.B. Einführung in FAUST), Umschüler, Orientierungspraktika für Arbeitslose u.a.

8 Im Augenblick sind im AdsD fünf ehemalige Praktikantinnen/Praktikanten weiterführend beschäftigt.