Rudolf Schmitz

Das „Politische Internet-Archiv“ – Ein DFG-gefördertes Projekt zur Erfassung, Erschließung und Sicherung von Websites politischer Parteien und ihrer Parlaments-Fraktionen

Das Internet als Medium der politischen Kommunikation

klicken zum VergrößernSeit Ende 1996 sind alle Parteien in der Bundesrepublik mit eigenen Internetangeboten im Web präsent. Damit erhalten die neuen Möglichkeiten, die diese Informationstechnologie bietet, zunehmend Bedeutung in der Öffentlichkeitsarbeit politischer Organisationen, aber auch bei der Konzeption ihrer politischen Arbeit. Im Zuge dieser Entwicklung werden konventionelle Formen der Darstellung und Kommunikation immer stärker durch Internetangebote ergänzt oder sogar ersetzt. Dies geschieht auf allen Ebenen. Das betrifft den Bürgerbrief von Abgeordneten ebenso wie das Organigramm der Geschäftsstelle einer Landtagsfraktion und reicht bis hin zu zentralen Dokumenten der programmatischen Diskussion wie dem so genannten 'Schröder-Blair-Papier', das eben nie ein Papier war, sondern authentisch nur im Internet veröffentlicht wurde. Innerparteiliche Auseinandersetzungen, programmatische Debatten und vor allem Wahlkämpfe finden inzwischen auch und gerade im Internet statt.

Auch auf der Ebene der SPD-Ortsvereine wird das neue Medium intensiv genutzt. Die Ergebnisse etwa der oft mit großem Aufwand betriebenen Spurensuche zur eigenen Geschichte werden häufig nicht mehr als Broschüren veröffentlicht, sondern ins Internet gestellt. Parteieigene Zeitungen und Pressedienste werden vielfach nur noch in elektronischer Form veröffentlicht und über das Internet zugänglich gemacht. Und Kandidaten stellen sich ihren Wählerinnen und Wählern über eine eigene Homepage vor, die mit Texten, Bildern, Filmen und Tondokumenten Informationen zur Person, zum Wahlkreis, zum Ortsverein und Kreisverband sowie zu den jeweils aktuellen politischen Fragen bietet.

klicken zum VergrößernBereits im April 2000 stellt der damalige SPD Generalsekretär, Franz Müntefering, in seinem Thesen-Papier "Demokratie braucht Partei" fest: „Die Verbreitung des Internet als Massenmedium verändert jetzt in nur wenigen Jahren die Bedingungen der politischen Kommunikation radikal. [...] Wir werden das Internet als den zentralen Weg der innerparteilichen Kommunikation aufbauen.“ Müntefering prognostizierte, dass die Parteien in Kürze mit Hilfe des Internets Mitglieder gewinnen würden, sie über das Internet über aktuelle Fragen informieren und dort neue Beteiligungsformen für die politische Diskussion etablieren würden. Insbesondere aber werde es möglich sein, „einen eigenständigen, dem Medium gerechten Wahlkampf [zu] führen“. Darüber hinaus wolle man „die Potentiale des Netzes zum Dialog mit Interessierten, auch jenseits der Partei, zur Mobilisierung von Sachverstand, zur politischen Ansprache derer, die nicht in festen Strukturen arbeiten wollen, produktiv nutzen. [...]“. Dafür wolle man eine „komplett neue Angebotsstruktur im Netz aufbauen“. 1

Ähnliche Aussagen finden sich auch bei anderen Parteien.

Archivierung von Webpräsenzen und die Frage der „Spiegelung“

Die Bedeutung, die den Internet-Auftritten der politischen Parteien zukommt, ist also evident. Als erstes öffentliches Archiv in Deutschland und als eines der ersten in Europa stellte sich das AdsD bereits ab 1999 den Herausforderungen, die mit der Archivierung der neuen Quellengattung Internet verbunden sind. Dazu mussten und müssen auf den unterschiedlichsten Gebieten neue Verfahren entwickelt werden, die es erlauben, die Archivierung des Internet mit einem vertretbaren technischen und zeitlichen Aufwand zu betreiben. Dabei soll natürlich die Authentizität der neuen Quellengattung erhalten bleiben. Die Links und Downloads, die animierten Gifs, Flashs und JavaScripte müssen auch in archivierter Form funktionsfähig bleiben. Mit einem Wort, das Internet muss in einer Form erfasst („gespiegelt“) werden, dass es auch in zehn oder zwanzig Jahren noch so benutzt werden kann, als wäre man heute im Internet. Zusätzlich müssen neue Möglichkeiten der Recherche und der Langzeitsicherung geschaffen werden. Und es müssen Lösungen gefunden werden, wie man die so archivierten Daten der Benutzung zugänglich machen kann. Erst die Lösung dieser Probleme unter den Aspekten der Authentizität, der Recherchierfähigkeit, Langfristigkeit und Benutzbarkeit eröffnet die Möglichkeit zum Aufbau eines Internet-Archivs.

Seit September des letzten Jahres werden diese Anstrengungen in Kooperation mit den Archiven von fünf politischen Stiftungen verstärkt weitergeführt und von der DFG als eigenes Projekt gefördert. 2 Die Koordination der Projektarbeit liegt beim AdsD. Im Verlauf einer zweijährigen Projektarbeit sollen nicht nur neue Internet-Archive entstehen, sondern auch modellhafte Verfahren entwickelt werden, die von anderen Archiven übernommen werden können.

In Vorbereitung auf das DFG-Projekt konnten sowohl für die Erfassung von Internetpräsenzen als auch für die Präsentation der archivierten Web-Seiten gemeinsame methodische Ansätze gefunden werden, die neben der Ähnlichkeit der Aufgabenstellung die eigentliche Grundlage für die enge Kooperation zwischen den Archiven bilden.

Beispiel Bundestagswahl 2005

klicken zum VergrößernDer Beschluss zur Herbeiführung von Neuwahlen und der anschließende Wahlkampf bildeten einen Focus, in dem die gesamte politische, wirtschaftliche und soziale Situation der deutschen Republik zum Ausdruck kam. Der Niederschlag dieser Ereignisse im Internet ist für Politikwissenschaftler und Historiker also eine unkonventionelle, aber äußerst interessante Quelle. Und in keinem Medium dokumentieren sich Strategien und Schwerpunkte, taktische Änderungen und Reaktionen auf neue Entwicklungen während des Wahlkampfes so prompt und unmittelbar wie im Internet.

Um mit der Archivierung aller relevanten Webseiten den Wahlkampf der SPD möglichst umfassend zu dokumentieren, wurden vom Archiv zwei Strategien verfolgt. Zum einen wurden über einen längeren Zeitraum hinweg durch ein automatisiertes Verfahren die Webseiten der SPD auf Bundesebene in festen Intervallen wenn auch nur mit einer geringen Linktiefe erfasst. Zum anderen wurden in der letzten Woche vor der Wahl in umfassender Weise alle am Wahlkampf der SPD beteiligten Webpräsenzen gespiegelt und archiviert. Dazu gehörten neben den Seiten der SPD mit ihren zahlreichen Sonderseiten wie „mitmachen.de“, „steuerreform.de“, „spd-podcast.de“ und „die-falsche-wahl.de“, auch die Websites der 299 Direktkandidaten der SPD, die bis auf wenige Ausnahmen ebenfalls archiviert werden konnten.

Insgesamt waren 370 verschiedene URLs aufzunehmen. Um die große Menge an Daten möglichst zeitnah zum Wahltermin erfassen zu können, wurden für die Spiegelungen mehrere Computer eingesetzt, deren jeweilige Daten erst nach Abschluss des Prozesses zusammengeführt wurden.

Benutzung des Internet-Archivs

Erschlossen werden die archivierten Websites einmal durch die Verzeichnung in der Archiv-Datenbank Faust, so dass der Benutzer die Recherchemöglichkeiten der Datenbank nutzen und von dort die jeweiligen Website aufrufen kann, ferner über einen Index, der die Recherche in den archivierten Textseiten selbst erlaubt, die dann über das Rechercheergebnis auch direkt angesteuert werden können. Das Rechercheergebnis wird gewichtet; die Suchworte selbst werden in den jeweiligen Ergebnisseiten markiert.

klicken zum VergrößernZusätzlich bietet das AdsD seinen Benutzern die Möglichkeit über eine strukturierte HTML-Seite gezielt einzelne Kreisverbände, Ortsvereine oder auch Arbeitsgemeinschaften und Personen, sofern sie mit einer eigenen Homepage in den archivierten Seiten vertreten sind, aufzurufen. Von hier aus können auch die Links – etwa vom Landesverband zu einem Ortsverein –, die in den archivierten Seiten nicht mehr funktionieren oder schon im Original defekt waren, überbrückt werden. Die Zugänge über die strukturierte Seite und über den Index werden den Benutzern auf einem eigenen Server im Intranet des Archivs angeboten.

Ob und in welcher Form das Internet-Archiv zu einem späteren Zeitpunkt auch über das Internet selbst zugänglich gemacht werden soll, ist noch nicht entschieden. Bisher ist der Zugang nur im Intranet des Archivs möglich. Allerdings bieten wir schon jetzt auch im Internet detaillierte Informationen über Fortschritte und Probleme, die mit der Archivierung von Webpräsenzen verbunden sind, an. Unter: http://www.fes.de/archiv/spiegelung/default.htm werden das Projekt, seine Methoden sowie die beteiligten Personen und Institutionen vorgestellt. Dort hat man auch die Möglichkeit, sich für den öffentlichen Workshop anzumelden, der am 7. Februar 2006 in der FES stattfinden wird, und zu dem die Bezieher/Leser des Newsletters natürlich besonders herzlich eingeladen sind.


1 [URL: http://archiv.spd.de/events/demokratie/muentefering.html]

2 Dazu gehören neben dem Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung das Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung, das Archiv für Christlich-Soziale Politik der Hanns-Seidel-Stiftung, das Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung und das Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung. Vgl. dazu auch Rudolf Schmitz: Aufbau und Struktur eines Internet-Archivs, in: Der Archivar, 4, 2004; S. 318-320; ders. : Archiving the web sites of political parties in Germany - a joint project of the archives of political foundations funded by the DFG : "archives of the present", 2. Dezember, Archivo di Stato di Milano / Rudolf Schmitz. - [Electronic ed.]. - Bonn : Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2004. - 55 KB, PDF-File. Electronic ed.: Bonn : FES Library, 2004. - Title only online available; Michael Hansmann: Erfahrungen und Stand des DFG-Projektes im Archiv für Christlich-Demokratische Politik – Zwischen Begeisterung und Frust – Eine Zwischenbilanz, in: VdA-Mitteilungen 30, Sankt Augustin 2005, S. 39 – 47.