Michael Oberstadt
„Ziel der Arbeiten ist es, soviel wie möglich der alten Substanz zu retten und wieder sichtbar zu machen ...“
Das ver.di-Projekt des AdsD

Das genannte Zitat konnte man im Juni diesen Jahres in einer Hamburger Tageszeitung lesen. Es geht in dem Artikel „DAG-Haus verwandelt sich in Brahms-Kontor“ um das Gebäude des ehemaligen DAG-Bundesvorstands. Bau des späteren Sitzes des DAG-Bundesvorstandes in Hamburg, 1929/1930Die Gewerkschaft ver.di restauriert mustergültig den Gebäudekomplex der DAG in Hamburg, der in seinen Anfängen aus dem Jahre 1903 stammt. Der Artikel weiter: „... eines der ungewöhnlichsten Bauvorhaben in der Stadt“.

Schon vor einem Jahr, im Juni 2004, entschloss sich ver.di ebenfalls zu einem ungewöhnlichen Projekt – zu einem Archivprojekt. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft vereinbarte mit dem AdsD, sich an den Personal- und Sachkosten zur Erschließung der Altakten der ver.di-Gründungsgewerkschaften großzügig finanziell zu beteiligen. Es geht dabei um die Aktenbestände der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), der Industriegewerkschaft Medien (IG Medien) und der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV). Es sind nur vier der fünf Quellgewerkschaften genannt, weil die fünfte, die Deutsche Post-Gewerkschaft (DPG), vor der Fusion ein eigenes Projekt mit den AdsD zur Erschließung ihrer Akten förderte. Mit der Ordnung und Verzeichnung und Vorlage der Findmittel ist dieses Projekt erfolgreich beendet worden.

Durch den Umzug von vier Vorstandsverwaltungen aus Gewerkschaftshäusern in Düsseldorf, Hamburg und Stuttgart nach Berlin im Laufe des Fusionsprozesses zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di wurden sehr große Aktenmengen bewegt. Das AdsD konnte diesen Prozess begleiten und zur Sicherung der wesentlichen Altakten beitragen. Als unverzichtbare Quelle zur Geschichte der Bundesrepublik wird das Schriftgut dauerhaft erhalten und bildet die Grundlage für die Erforschung des gewerkschaftlichen Kampfes für die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Verfolgt man das oben genannte Zitat, geht es in einem zweiten Schritt um das „Sichtbarmachen“. Das „Sichtbarmachen“ der vom AdsD gesicherten Aktenmengen ist das Ziel des ver.di-Projektes. Die Ordnung und Verzeichnung der Altakten, die Eingabe der Erschließung in die Archivdatenbank mit der Software FAUST 5 und die Vorlage von gedruckten Findbüchern, nicht zu vergessen die technische Bearbeitung des Archivguts, wird uns in den nächsten Jahren beschäftigen.

Das Projekt hat im August 2004 begonnen und eine Laufzeit von sechs Jahren. Begonnen wurden die Arbeiten mit dem DAG-Bestand. Dies lag auf der Hand, weil gleichzeitig ein Berliner Forschungsprojekt zur Geschichte der DAG 1949-2001 in die Förderung der Hans-Böckler-Stiftung aufgenommen wurde und sich der größte Teil des Bestandes in einem sehr unstrukturierten Zustand befand. Die wissenschaftliche Nutzung der Archivalien folgte so unmittelbar der Erschließung.

Eine besondere Herausforderung bezüglich der Rekonstruktion von gewerkschaftlichem Handeln stellt ohne Zweifel das Schriftgut des unmittelbaren Fusionsprozesses bis zur Gründung der neuen Gewerkschaft ver.di dar. Aufgrund der Überlieferungslage ist die Erstellung einer plausiblen Binnengliederung für diese Aktengruppe und deren Verzeichnung mit einem erhöhten Arbeitsaufwand verbunden. Aber die Hängeregistraturen des Projektbüros Neustrukturierung der DAG dürften für die Erforschung dieses Prozesses besonders aussagekräftig sein und in der Zukunft eine herausragende Bedeutung erlangen. Der Umfang der zu bearbeitende Aktenmenge der DAG beträgt 450 lfm.

Mit der Bearbeitung eines zweiten Aktenbestandes, der Altakten der Industriegewerkschaft Medien, wurden die Erschließungsarbeiten fortgesetzt. Diese Archivalien spiegeln ein frühes Beispiel einer Gewerkschaftsfusion in der Bundesrepublik wider, nämlich die Entstehung der IG Medien aus der Industriegewerkschaft Druck und Papier und der Gewerkschaft Kunst. Der zweite Teil des Namens der IG Medien – Druck und Papier, Publizistik und Kunst – deutet die berufliche Vielfalt der organisierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an. Trotz ihres jungen Namens ist die IG Medien eine Gewerkschaft mit einer langen Tradition, ist doch ihre älteste Vorläuferorganisation, der Verband der Deutschen Buchdrucker, bereits im Jahre 1866 gegründet worden.

Die Erschließung der Akten der ÖTV hat mit dem Bestand Hauptabteilung III Polizei begonnen. Die ÖTV gab erst 1978 ihre ablehnende Haltung zur Aufnahme der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in den DGB auf und empfahl den in der ÖTV organisierten Beschäftigten der Polizei des Bundes und der Länder den Eintritt in die GdP. Insofern kommt diesen Akten, die bis 1945 zurückgehen, eine besondere Bedeutung zu.
Nach der Erfassung mit der Archivsoftware FAUST 5 erfolgt die technische Bearbeitung der Akten. Alle Akteneinheiten der Projekt-Bestände werden in schadstofffreie und alterungsbeständige Archivmappen und Archivboxen umgebettet.

Ein weiteres Arbeitsfeld im Bereich der ÖTV-Akten ist die Sichtung, Bewertung und Kassation des Altakten der ÖTV und deren schrittweise Übernahme in das AdsD. Momentan ist dieses Aktengut, auf nummerierten Paletten in Umzugskartons verpackt, zwischengelagert in der Halle 2 des Berliner Westhafens. Hier geht es darum, das nicht archivwürdige Aktengut auszusondern. An dieser Stelle sei vermerkt, dass sich in den Beständen der ver.di-Gründungsgewerkschaften Sammlungsgut wie Fotos, Plakate, Flugblätter, sowie einzelne Traditionsfahnen erhalten hat.

Das Projektteam besteht gegenwärtig aus den Kolleginnen und Kollegen Katharina Böhm, Sabina Huppertz, Peter Köwing (zeitweise), Mike Zuchet und Michael Oberstadt.