Hartwig Schlaberg
Vom Umgang mit Tondrähten, Glas-Schallplatten und Geisterbildern – seit mehr als 25 Jahren besteht der Arbeitsbereich „Ton-, Film- und Videoarchiv“ im Archiv der sozialen Demokratie

Von allen Abteilungen des Archivs war im Ton-, Film- und Videoarchiv von Anfang an am meisten Improvisation angesagt. „Learning by doing“ könnte man die Arbeitsweise nennen, die schließlich neben dem Aufbau umfangreicher Sammlungen zur Sicherung und Konservierung zahlreicher Raritäten und Kostbarkeiten aus der Frühzeit der Film- und Ton-Geschichte führte. Betritt man die Arbeitsräume im Untergeschoss der FES, so wird der Blick sofort von einer verwirrenden Vielzahl altertümlicher Geräte gefesselt – Tonbandgeräte und Plattenspieler, die es längst in keinem Medien-Fachgeschäft mehr zu kaufen gibt. Auch ein „Volksempfänger“ mit der angehängten Original- Warnung: "Das Abhören ausländischer Sender ist ein Verbrechen gegen die nationale Sicherheit unseres Volkes. Es wird auf Befehl des Führers mit schweren Zuchthausstrafen geahndet" erinnert den Besucher daran, dass Sendung und Empfang von Nachrichten eine eminent politische (und sehr gefährliche) Angelegenheit sein konnte.

Tonarchiv im AdsD

Dagegen erschließen sich die Schätze des Filmarchivs erst auf den zweiten Blick. Behälter mit Filmrollen ebenso wie natürlich auch die Tonbänder, Schallplatten und Videoaufnahmen stapeln sich auf 1070 qm unsichtbar für den Besucher im Magazin. Der Aufbau eines Filmarchivs begann sukzessive ab ca. 1978. Den bedeutendsten Bestand, nämlich ein umfangreiches Kontingent von rund 250 SPD-Filmen, erhielt das AdsD 1983. Darunter befinden sich filmgeschichtliche „Highlights“ wie zwei kurze Filme über das „Leichenbegräbnis“ von Paul Singer (1911) und die Beerdigung August Bebels aus dem Jahr 1913 (auf dem in sekundenlangen Sequenzen die Trauergäste, u.a. Rosa Luxemburg und Karl Kautsky zu sehen sind). Auch Aufnahmen von der Ersten Arbeiterolympiade 1925 („Die neue Großmacht“) finden sich im Filmarchiv, ebenso einige Reichsbanner-Filme oder Film-Materialien zu Friedrich Ebert, die allerdings aus verschiedenen Filmen zusammengestellt wurden. Dazu gehören frühe Dokumente spontaner Filmaufnahmen wie z.B. eine Szene nach Eberts Tod, in der Menschen auf der Straße zu sehen sind, die nach Extrablättern mit der Todesnachricht greifen. Wie dieses Material, so handelt es sich dabei häufig um Szenen von wenigen Sekunden, wobei Ort und genauer Zeitpunkt nicht immer bekannt sind. Eine Sichtung und Bearbeitung der Filme war erst möglich, nachdem ein ausrangierter Filmschneidetisch als Schenkung für das AdsD aufgetrieben werden konnte. Die technische Ausrüstung wurde noch 1998 vorsichtig als "semiprofessionell" umschrieben. Eine inhaltliche Verzeichnung der Filme setzte ab 1983 ein.

Mit den historischen Filmen aus der Vorkriegszeit übernahm das AdsD ein nicht ungefährliches Erbe. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Nitrofilme (selbstentzündlich), die erst im Schwimmtest mit Hilfe von Trichloräthylen identifiziert werden mussten. Sie wurden im Bundesfilmarchiv in Koblenz restauriert und danach im Original bzw. als 1:1 Kopie wieder vom AdsD-Filmarchiv übernommen. Diese wertvolle Sammlung historischer Filme wurde in den folgenden Jahren durch eigene Bemühungen, Recherchen und Ankäufe des Archivs noch wesentlich erweitert, so dass heute etwa 6000 Filme hier archiviert werden.

Viele dieser alten Filmdokumente sind allerdings nach wie vor restaurierungsbedürftig. Im Augenblick findet eine Sicherung im wesentlichen in Form von Abtastungen auf Video statt, wobei sich allerdings schon jetzt abzeichnet, dass diese Video-Dokumente bald erneuert werden müssten. Hinzu kommt, dass Film-Abtastungen hauptsächlich nur von dem Material, das durch Benutzer häufig nachgefragt wird, vorhanden sind. Eine umfassende Restaurierung der Originalfilme konnte aus finanziellen Gründen bis jetzt noch nicht in Angriff genommen werden. Arbeitsaufwändig, aber dringend erforderlich wäre es, in den kommenden Jahren regelmäßiger als bisher möglich die Filme durchzuspulen, verrostete Dosen auszutauschen und Papierkissen mit Konservierungsmittel einzulegen.

Neben häufigen kleineren Lieferungen mit Filmen wurde 1998 eine weitere größere Lieferung übernommen. Dabei handelte es sich vor allem um ARE-Filme der SPD, überwiegend Wahlkampf- und Propaganda-Filme, an denen das AdsD auch die Rechte übernehmen konnte, sowie um Gewerkschaftsfilme. Im Bestand des Filmarchivs befinden sich allerdings auch Fragmente und Ausgangs-Materialien, die nicht freigegeben sind und somit nur unter bestimmten Umständen eingesetzt werden dürfen. Etwa um 1965 endet die filmische Überlieferung der SPD, von da an wurde auf Video umgestellt. Ein großer Teil des seit den 1980er Jahren entstandenen Video-Materials wurde von den Kollegen im Film- und Videoarchiv des AdsD selbst aufgenommen. So wurden seit 1982 regelmäßig von allen SPD-Bundesparteitagen Video-Aufzeichnungen gemacht – ein großer Vorzug für die Benutzer, denn an diesen Aufnahmen besitzt das AdsD die Rechte.

Seit Mai 1979 werden im AdsD täglich Fernseh-Sendungen oder Dokumentationen zu politischen und historischen Themen aufgezeichnet. Die ersten Videos sind bereits schadhaft, sie lösen sich auf. Bei späteren Aufnahmen sind noch keine gravierenden Fehler feststellbar. Wie die Filme, so müssten auch sie ab und zu durchgespult werden, damit keine Geisterbilder (Durchmagnetisierung) entstehen. Mit Blick auf die Haltbarkeit lässt sich trotz aller Einschränkungen feststellen, dass Filme immer noch das dauerhafteste Medium sind, denn bei Sicherungsmaßnahmen wie der Digitalisierung bestehen nicht nur Probleme mit den wechselnden Systemen, auch die später erforderlichen Konvertierungen führen zu Bild- und Tonfehlern u.U. bis hin zu Datenverlusten.

Auch das Tonarchiv des AdsD geht ursprünglich in wesentlichen Teilen auf Bestände aus dem ehemaligen SPD-Archiv zurück, die 1986 übernommen wurden. Viele der Tonbandaufzeichnungen waren – wie schon die Filme – zum Teil in einem desolaten Zustand. Manche waren so ausgetrocknet, verschimmelt und verklebt, so dass sie nicht mehr abspielbar waren. Auf Anraten eines Experten wurden sie über ein selbstgebautes Wasserbad gelegt – die Feuchtigkeit machte die Bänder wieder geschmeidig, so dass sie wenigstens einmal abgespielt und dann digitalisiert werden konnten. Viele dieser Bänder mussten außerdem zusätzlich bearbeitet werden, um sie wirklich gut „hörbar“ zu machen. Wie bei den Filmen und den Videoaufzeichnungen, so besteht auch bei den Tonbändern die Notwendigkeit, sie ab und zu durchzuspulen, damit keine Durchmagnetisierung entsteht. Zusammen mit dem SPD-Tonbandarchiv wurden auch etliche kostbare Schallplatten übernommen, die ab ca. 1918 hergestellt wurden (Schellack-, Glas-, Folien- und Aluminiumschallplatten). Festgehalten wurden auf diesen heute längst vergessenen Trägermaterialien u.a. Reden sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter; auch Reden und Diskussionen auf sozialdemokratischen Parteitagen, Wahlkampfauftritte und Ausschnitte aus Debatten im Bundestag finden sich in dieser Sammlung. Zur Sicherung dieser historischen Aufnahmen wurden anfänglich Umschnitte auf Tonband (Senkel) angefertigt, später erfolgte erstmalig eine Digitalisierung auf DAT (Digital-Audio-Tape) und seit einigen Jahren wird eine dem Stand der heutigen Technik entsprechende Digitalisierung auf CD durchgeführt. Mit der Zeit wurden die Sammlungen des Ton-Archivs auch durch Tonbandkassetten (MC/CC) und Audio-CDs erweitert. Heute verfügt das Ton-Archiv über eine Fülle von Materialien – Mitschnitte von Veranstaltungen, Diskussionen, Aufzeichnungen von Zeitzeugengesprächen u.a.

Die Bestände des Film- und Ton-Archivs haben durchschnittlich einen Zuwachs von zwei Umzugkartons pro Monat.

Die Sammlungen werden durch zahlreiche Anfragen z.B. für Fernseh-, Rundfunk-, Schulfilm-Produktionen oder Ausstellungen genutzt; auch für Projekte in Schulen wird entsprechendes Material eingesetzt. Die meisten dieser Nutzungen erfordern eine längere Bearbeitungszeit, die vom Anfrage-Eingang bis zum fertigen Projekt oft bis zu sechs Monate betragen kann. Recherche, Sichtung und Schnittarbeiten werden von den Kollegen im Film-, Ton-, und Video-Archiv des AdsD selbst durchgeführt. Dieser Zeitaufwand hängt auch damit zusammen, dass Benutzerrecherchen anhand von Findmitteln nur für einen kleinen Teil der Sammlungen möglich sind. Aus sicherungstechnischen Gründen ist es meist nicht vertretbar Benutzer in den empfindlichen Originalen selbst recherchieren zu lassen. In den vergangenen Jahrzehnten stand in erster Linie die Sicherung und interne Erfassung der umfangreichen Materialien im Vordergrund. Eine archivische Verzeichung und Indizierung, die naturgemäß besonders zeitaufwendig ist, da die (oft unzureichend oder gar nicht beschrifteten) Film- und Tondokumente ja nur beim Abspielen inhaltlich erfasst werden können, muss somit das Hauptprojekt der nächsten Jahre sein.