Sabine Kneib

Else und Rolf Reventlow - zwei politisch engagierte Journalisten

Achtzehn Jahre waren die sozialdemokratischen Journalisten Else und Rolf Reventlow verheiratet, bevor ihre Ehe offiziell geschieden wurde. Ihre Lebenswege hatten sich schon lange vorher getrennt, führten die beiden an verschiedenen Schauplätzen durch die NS-Zeit, den Zweiten Weltkrieg und den deutschen Wiederaufbau, bevor sie in den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in München endeten.

Rolf Reventlow wird am 1. 9. 1897 in München als Sohn der radikal gegen die Konventionen ihres Standes und ihrer Zeit lebenden Schriftstellerin Franziska Gräfin zu Reventlow geboren. Ein Vater spielt in seinem Leben keine Rolle, auch wenn im amtlichen Formular der Maler Stefan Kalinschey als solcher angegeben wird. Als Vormund fungiert der Philosoph Ludwig Klages. Die Kindheit Rolf Reventlows verläuft ungewöhnlich und ruhelos. Franziska zu Reventlow lehnt jegliche schulische Ausbildung für ihren Sohn ab, zieht es vor, ihn selbst zu unterrichten. Später absolviert Rolf eine Fotografenlehre und arbeitet als Laborant. Während des Ersten Weltkriegs wird er 1916 in die königlich bayerische Armee eingezogen, desertiert ein Jahr später und flieht in die Schweiz, wobei ihm seine Mutter behilflich ist. Sie stirbt im Jahr 1918, für den Sohn völlig unerwartet und in seiner Abwesenheit, an den Folgen eines Unfalls.

Charlotte Pauline Else Reimann kommt am 3.2.1897 im westpreußischen Elbing zur Welt. Ihre Familie führt ein Möbelgeschäft. Nach dem Besuch von Mädchenmittelschule, Lyzeum und Oberlyzeum besteht sie 1916 das Abitur. 1917 legt sie die Lehramtsprüfung ab und erhält ihre erste Anstellung an der Knabenmittelschule in Hameln an der Weser. Bald gibt sie den Lehrberuf jedoch auf und beginnt, journalistisch zu arbeiten, u.a. bei der „Fränkischen Tagespost“ in Nürnberg. Im Oktober 1918 tritt sie in die SPD ein. An der Universität Jena schreibt sie sich für ein Studium der Literaturgeschichte, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften ein, beteiligt sich am Aufbau einer sozialistische Studentengruppe. Im folgenden Jahr wechselt sie nach München. Sie engagiert sich auch hier in der Studentenbewegung.

„Familienjahre“ – 1921 - 1933

In München lernt Else Reimann Rolf Reventlow kennen, beide heiraten 1921. Die folgenden Jahre sind weiterhin von vielfachen Ortswechseln und beruflichen Veränderungen bestimmt. Ab 1922 ist Rolf Reventlow mit der Geschäftsführung der Berliner Niederlassung der Firma Reichmann betraut. Else Reventlow, die sich noch in München befindet, verlässt nach Auseinandersetzungen zwischen völkischen Studenten und dem Republikanischem Studentenbund im Januar 1923 fluchtartig die Stadt und folgt ihrem Mann nach Berlin. Aus politischen Gründen wird ihr als der Vorsitzenden der sozialistischen Studentengruppe nach diversen Auseinandersetzungen mit dem Rektor ein Stipendium verweigert und damit der Studienabschluss unmöglich gemacht. Rolf Reventlow, seit 1919 nicht nur Mitglied der SPD, sondern auch aktiv im Lithographenverband und Gründer und Vorsitzender einer Berliner Gruppe der „Amsterdamer“ im Graphischen Kartell, versucht sich nach Auflösung seiner Firma als Sekretär im Zentralverband der Angestellten in Köln. Der Versuch scheitert, Reventlow arbeitet als Dolmetscher und Wahlkampfredner - bis der Zentralverband der Angestellten ihm eine Stelle als Gewerkschaftssekretär für Unterbaden anbietet. Die Reventlows verbringen so die Jahre 1925/26 in Heidelberg, Else Reventlow übernimmt Übersetzungsarbeiten und erteilt Sprachunterricht. Ab 1925 gibt sie die Gesammelten Werke und Briefe ihrer Schwiegermutter Franziska zu Reventlow heraus. Ende 1926 wird die gemeinsame Tochter der Reventlows, Beatrice, in München geboren.
Zwischen 1927 und 1933 arbeiten Else und Rolf Reventlow bei der „Volkswacht“ in Breslau. Rolf Reventlow ist für die Lokalberichterstattung zuständig, Else Reventlow ist hier zunächst als Kulturkritikerin tätig, dann als Redakteurin und Korrespondentin. Dazu übernimmt sie die Redaktion der „Schlesischen Provinzkorrespondenz“, arbeitet für diverse andere Publikationen und hält im Rundfunk Vorträge über Jugenderziehung und Frauenemanzipation. Im Rückblick schreibt sie über die Breslauer Jahre: „Seit 1930 gab es für uns kein Privatleben mehr, es gab nur erbitterten Abwehrkampf in Wort und Schrift gegen die nationalsozialistische Bewegung, deren hemmungslose Rohheit besonders in Schlesien bereits [ihre] dunklen Schatten auf das gesamte öffentliche Leben warf.“ 1 Foto Rolf zieht sich durch seine Berichterstattung die Feindschaft der örtlichen Nationalsozialisten zu, insbesondere des Gauleiters Edmund Heines zu – im Februar 1933 überlebt er knapp einen Anschlag auf sein Leben: Nationalsozialisten stoßen ihn vor einen Bus. Er flüchtet im März 1933 über Wien weiter in die CSSR.

Getrennte Wege

Else Reventlow entzieht sich der drohenden Verhaftung zunächst durch die Flucht in ihre Heimatstadt Elbing, als sie auch dort nicht mehr sicher ist, flieht sie mit der gemeinsamen Tochter in die Schweiz. In Ascona arbeitet sie als Lehrerin für das „Comité suisse d'aide aux enfants d’émigrés“. In Genf und Basel schreibt sie sich für ein Sprachenstudium ein, legt das französische Staatsexamen und die Übersetzerprüfung für Deutsch ab. In den Ferien arbeitet sie in Verwaltung und Küche des Landerziehungsheims des bekannten Pädagogen Paul Geheeb, in dem sie ihre Tochter untergebracht hat. Als die Situation für Emigranten auf dem Schweizer Arbeitsmarkt immer schwieriger wird, versucht sie Ende 1937 vergeblich, mit ihrer Tochter in Schweden Fuß zu fassen. Sie kehrt zurück in die Schweiz und reicht die Scheidung ein. Ende 1939 – Rolf Reventlow lebt inzwischen in Algerien – wird die Ehe der Reventlows geschieden.

Rolf Reventlow arbeitet für italienische, österreichische und tschechische Gewerkschaftszeitschriften, gibt mit Will Schaber, einem deutschen Emigranten und Linkssozialisten, den „Press Service“ und zusammen mit den österreichischen Sozialisten Leopold und Ilse Kulcsar 1936 die „Sozialistische Tribüne“ heraus. Dann emigriert er in das vom Bürgerkrieg gezeichnete Spanien und wird auf republikanischer Seite Adjutant des aus Österreich stammenden Sozialisten und Generals der Küstenwache, Julius Deutsch. Foto 1937 nimmt Reventlow die spanische Staatsangehörigkeit an und wird Mitglied des Partido Socialista Obrero. Als Major führt er das 2. Bataillon der 218. Gemischten Brigade und nimmt an der Schlacht um Teruel teil. Nach dem Sieg der Franco-Putschisten gelangt Rolf Reventlow im März 1939 auf einem britischen Dampfer von Alicante nach Oran in Algerien. Verdächtigt, ein deutscher Spion zu sein, gerät er hier in Lagerhaft und lebt später lange Zeit in einem Flüchtlingslager.

Im April 1940 wird Else, Rolf und Beatrice Reventlow in Abwesenheit die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Dennoch kehrt Else Reventlow im selben Jahr mit ihrer Tochter nach Deutschland zurück. Sie wird sofort verhaftet und verhört, bleibt auch nach der Entlassung unter der Aufsicht der Gestapo. Durch den Verlust der Staatsbürgerschaft hat sie keinerlei Aussicht, eine Arbeit zugewiesen zu bekommen. Schließlich erhält sie die Genehmigung, während der Abwesenheit ihrer Brüder das „kriegswichtige“ Möbelgeschäft der Familie in Elbing zu leiten. Als russische Truppen einmarschieren, macht sie sich mit ihrer Tochter im Winter 1945 auf die beschwerliche Flucht nach Preetz in Holstein, zieht dann weiter nach Oberbayern und kommt im August 1945 in München an.

Derweil erweisen sich Rolf Reventlows Bemühungen, Englisch zu lernen, als nützlich. Er wird, nachdem alliierte Truppen im November 1942 in Marokko und Algerien gelandet sind, Dolmetscher für britische Freiwillige. Im Herbst 1944, demobilisiert und im Besitz einer regulären Identitätskarte, nimmt Reventlow in Algier den Journalistenberuf wieder auf. Er schreibt für „Combat“ und „Alger Républicain“ und arbeitet als außenpolitischer Redakteur bei „Alger Soir“.

Nachkriegsjahre

Nach der Einstellung von „Alger soir“ bemüht sich Rolf Reventlow um einen beruflichen Neuanfang. Ende 1949 reist er auf Einladung der Internationalen Transportarbeitergewerkschaft nach London; er wird beauftragt, eine Gewerkschaftsdelegation nach Italien zu begleiten. Doch weder bei der ITF in Brüssel noch bei der im Aufbau befindlichen Gewerkschafts-Internationalen erhält er eine Anstellung. Reventlow kehrt nach Algerien zurück und arbeitet als Betriebsbuchhalter in einer Gesellschaft für Überlandleitungen, da die journalistische Arbeit allein – er schreibt für „El Socialista Algier“, „Critica Sociale“, „Il Lavoro Socialista“, „Tribuna“ und andere Presseorgane – nicht für den Lebensunterhalt ausreicht.

Else Reventlow erhält 1945 eine Anstellung als Redakteurin bei der gerade von den Amerikanern gegründeten „Neuen Zeitung“. Nach Auseinandersetzungen in der Redaktionsleitung kündigt sie 1948. Bereits seit 1946 liefert sie auch Beiträge für „Radio Munich“, was ihr jetzt zugute kommt. Sie wird auf Initiative Walter von Cubes beim Bayerischen Rundfunk (BR) angestellt. In der Politischen Redaktion verfasst sie Kurzkommentare und die „Mittwochskommentare“. Anfang 1950 übernimmt Else Reventlow die stellvertretenden Leitung der Nachrichtenredaktion des Bayerischen Rundfunks. 1952/53 lädt das US State Department im Rahmen des Programms „Assistance to Women Journalists in Press and Radio“ die Journalistin in die USA ein, wo sie den US-Präsidentschaftswahlkampf beobachtet. Foto

Ihr gesellschaftspolitisches Engagement führt sie fort: Als Vorstandsmitglied des Bayerischen Journalistenverbandes fungiert sie viele Jahre als Vorsitzende des Prüfungsausschusses sowie als Mitglied im Ehrengericht. Sie ist außerdem Vorsitzende des Süddeutschen Frauenarbeitskreises, Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft der Wählerinnen, engagiert sich im SPD-Ortsverein Bogenhausen und im Unterbezirk München. Sie gehört der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen an sowie dem Kuratorium der Gesellschaft für Auslandskunde – letzteres für beinahe 30 Jahre.

Rolf Reventlow und Waldemar von KnoeringenAuch Rolf Reventlow zieht es zurück nach Deutschland. Anfang der fünfziger Jahre nimmt er Kontakt mit dem „Neuen Vorwärts“ und der „NRZ“ auf, ab 1952 schreibt er u.a. für die „Allgemeine Zeitung“ Mannheim, den „Neuen Vorwärts“, für die „Gleichheit“ in Bonn. Am 7. 5. 1952 erhält Reventlow offiziell die deutsche Staatsangehörigkeit zurück und er siedelt, nachdem ihm zumindest die vorläufige Unterbringung und Versorgung in Deutschland zugesichert wurde, im Mai 1953 nach Bayern über. Ein Jahr später folgt ihm seine Frau Suzanne Posty, die er im März 1952 in Birmandreïs geheiratet hatte. Er arbeitet als Sekretär im SPD-Unterbezirk München. Als aktives SPD-Mitglied wird er stellvertretender Vorsitzender des SPD-Unterbezirks München und von 1970 an für zehn Jahre Vorsitzender der Kontrollkommission im Unterbezirk. Keinem Denkmuster verpflichtet, vertritt er immer wieder auch in der innerparteilichen Diskussion unpopuläre Standpunkte. Er bleibt journalistisch tätig, verreist so oft wie möglich, bringt seine Lebenserinnerungen zu Papier. Rolf Reventlow stirbt 1981 in München, seinem Wunsch entsprechend wird er in Locarno beigesetzt, wo sich das Grab seiner Mutter befindet.

Else Reventlow widmet sich im Rentenalter weiterhin ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten, ihrer Familie und – erneut – der Publikation der Schriften Franziska zu Reventlows. Allein zwischen 1971 und 1981 erscheinen siebzehn verschiedene Ausgaben. Else Reventlow stirbt 1984 in München. Ihr Nachlass wird wie der Rolf Reventlows durch ihre Tochter Beatrice del Bondio-Reventlow dem Archiv der sozialen Demokratie übergeben.

Die Nachlässe

Der Nachlass Rolf Reventlows (Umfang: 4,6 lfm.) enthält seine umfangreiche internationale Korrespondenz und eine Artikel- und Zeitungsausschnittsammlung z.B. aus dem „Alger soir“, in dem unter der Rubrik „La question du Jour“ zeitweise fast täglich ein Artikel Reventlows veröffentlicht wurde. Hinzu kommen Materialsammlungen zur Zeitgeschichte der unterschiedlichsten Staaten und Regionen, aber auch zu Einzelthemen der Münchner SPD. Zu lesen ist über die alltäglichen Probleme journalistischer Arbeit in politisch instabilen Regionen und über Reventlows Bemühungen, immer wieder aufs neue beruflich Fuß zu fassen oder über seine Rückwanderungsbestrebungen.

Im Nachlass Else Reventlows (Umfang: 2,6 lfm.) sind abgesehen von Briefwechseln mit bekannten Zeitgenossen wie Thomas Dehler, dem Publizisten Burghard Freudenfeld, dem Pädagogen Paulus Geheeb auch private Schriftstücke enthalten, die über das Leid der Kriegs- und Nachkriegszeit, Flucht, Verlust und Wiederfinden, berichten. Er dokumentiert den nach 1945 unter amerikanischer Aufsicht vollzogenen Neuaufbau der Medien und verschiedener Verbände in Bayern. Archiviert ist dabei auch ein Teil der öffentlichen Kritik, der sich eine Journalistin aussetzte, wenn sie nicht dem Bild einer Öffentlichkeit entsprach, die Frauen vorwiegend im „Hausfrauenprogramm“ hören wollte.


1 AdsD, Nachlass Else Reventlow,1/ERAA000088