Michael Schneider
Die Archive der politischen Stiftungen:
Von zentraler Bedeutung für die historische Selbstverständigung unserer Gesellschaft

Wer heute Zeitgeschichte erforschen und schreiben will, kommt an den Archiven der politischen Stiftungen nicht vorbei. Diese Archive - gemeint sind konkret das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, das Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung, das Archiv der Christlich-Sozialen Politik der Hanns-Seidel-Stiftung, das Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung, das Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung und das Archiv Demokratischer Sozialismus der Rosa-Luxemburg-Stiftung - bieten eine Fülle von Quellen zur jüngeren Vergangenheit, wobei die Bestände der politischen Parteien hervorstechen. Denn die politischen Stiftungen stehen jeweils bestimmten politischen Parteien nahe. Und deren Archivalien, zu deren Aufnahme, Sicherung und Erschließung die Archive eigens gegründet wurden, bilden den oder einen Schwerpunkt des Sammlungsgebiets des jeweiligen Archivs. Auch wenn sich diese Archive im Hinblick auf Alter, Umfang und Laufzeit der Bestände, Breite des Sammelgebiets und Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter voneinander unterscheiden, so stimmen sie doch in wichtigen Punkten überein: Sie sorgen für die weitestgehend vollständige Abgabe sowie für die professionelle archivarische Sicherung und Erschließung der ihrem Ursprung nach nicht-öffentlichen Archivalien der Parteien; damit ist die Transparenz der partei-internen Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse sowie des Gesamtfeldes der politischen Aktivitäten garantiert, sind die Archivalien doch - im Rahmen der jeweiligen Benutzungsordnung - für Wissenschaft und Medien, also für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich.

Das Rückgrat der jeweiligen Bestände sind - schaut man auf die Gemeinsamkeiten der Archive der politischen Stiftungen - die Akten des Parteivorstandes und der zentralen Untergliederungen bzw. Arbeitsgemeinschaften der jeweiligen politischen Partei, ergänzt durch die auf den unterschiedlichen Ebenen der entsprechenden Partei anfallenden Akten. Die zweite Gruppe der Organisations-Akten bilden die Bestände der einzelnen Bundestagsfraktionen (bei der CSU der Landesgruppe im Deutschen Bundestag) sowie - bis auf einige Ausnahmen - die Akten der Landtagsfraktionen und auch der jeweiligen Gruppen in den Fraktionen des Europäischen Parlaments. Bei der dritten großen Gruppe der Überlieferung handelt es sich um die Personenbestände von Spitzenpolitikerinnen und -politikern, deren Reihe von Willy Brandt, Gustav Heinemann, Helmut Schmidt und Herbert Wehner über Kurt-Georg Kiesinger und Helmut Kohl sowie Franz-Josef Strauß und Theodor Waigel zu Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel sowie Joschka Fischer und Petra Kelly reicht. Bezogen auf das Archiv der sozialen Demokratie kommen noch die Archivalien zahlreicher deutscher und internationaler Gewerkschaften und die Bestände führender Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter hinzu. Alle hier vorgestellten Archive verfügen außerdem über zum Teil sehr umfangreiche Sammlungen von Fotos, Flugblättern, Plakaten, auch historischen Fahnen sowie von Tondokumenten, Filmen und Videos.

Die Archive der politischen Stiftungen sind Teil des Netzwerks der Forschung: Dieses Netzwerk ist nur zum geringsten Teil institutionell verfestigt; es konstituiert sich vielmehr stets aufs Neue, und zwar zum einen durch die eigenen Beiträge der Archivarinnen und Archivare und zum anderen durch die Nutzung der Archivalien durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber auch durch Vertreterinnen und Vertreter von Medien.

Natürlich sind die Archivarinnen und Archivare allein durch ihre alltägliche Arbeit - von der Ordnung und Verzeichnung über die Erstellung von Findmitteln bis hin zur persönlichen Beratung - Teil des Netzwerks der Forschung. Außerdem beteiligen sie sich durch wissenschaftlich fundierte Editionen sowie durch Vorträge, Aufsätze und Monographien selbst an der Zeitgeschichtsforschung. Im weitesten Sinne gehören in diesen Zusammenhang auch die Ausstellungen, die von den Archiven erarbeitet werden.

Die Bedeutung der Archive im Netzwerk der Forschung wird freilich am deutlichsten, wenn man auf die Arbeiten schaut, die auf der Basis der Bestände der hier vorgestellten Archive erarbeitet wurden oder werden: Da sind die Editionsvorhaben zur Geschichte der einzelnen politischen Parteien bzw. zu deren Spitzenpolitikern zu erwähnen, dann die Editionen der Kabinettsprotokolle und die der Protokolle des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages. Und nicht vergessen seien die historisch-politikwissenschaftlichen Editions- bzw. Dokumentationsprojekte, die sich bestimmten Politikbereichen widmen: Genannt seien nur die "Dokumente zur Deutschlandpolitik" und die "Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945".

Schließlich ist auf die Vielzahl von Forschungsarbeiten, von Aufsätzen und Monographien, hinzuweisen, die entweder zum übergroßen Teil oder aber ergänzend auf Archivalien aus den Archiven der politischen Stiftungen basieren. Dabei zeigen sich im übrigen deutliche - vielfach auch durch politische Kontroversen angeregte - Konjunkturen des Interesses. Statt der Organisations- und Ideengeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts stehen in allen Archiven inzwischen die Projekte im Vordergrund, die sich "ganz allgemein", also ohne parteihistorische Eingrenzung, der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, dann der Entwicklung der SBZ und DDR und schließlich der Geschichte des Vereinigungsprozesses sowie der Veränderungen in bestimmten Politik- und Lebensbereichen im Prozess der deutschen Einheit widmen. Und wenn die Rolle der Parteien in den Blickpunkt rückt, dann werden in zunehmendem Maße Formen der Selbstinszenierung analysiert. Das Archiv der sozialen Demokratie ist darüber hinaus eine zentrale Forschungsstätte der Gewerkschaftsgeschichte.

In Vielfalt und Fülle der Themenstellungen spiegelt sich die Bedeutung der Archive für die universitäre Forschung der Geschichts- und der Politikwissenschaft. Die detaillierten Informationen über die Archivbestände in gedruckten Übersichten und vor allem im Internet dienen dazu, die Bandbreite und Aussagekraft der Bestände zu dokumentieren und damit die Realisierungsmöglichkeit von neuen Forschungen überprüfbar zu machen oder auf mögliche Forschungsthemen hinzuweisen: Politische Biographien von Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitikern auf Bundes- wie auf Landesebene ließen sich auf der Basis der Bestände der Archive der politischen Stiftungen ebenso gut erarbeiten wie Studien zu einzelnen Politikbereichen, etwa zu Fragen der Entwicklungspolitik, der Umweltpolitik, des Verbraucherschutzes, der Gesundheitspolitik usw.

Gerade mit der Präsentation der Archivalien von Parteien und Gewerkschaften als zentralen Bestimmungsfaktoren des politischen und gesellschaftlichen Lebens leisten die Archive der politischen Stiftungen einen unverzichtbaren Beitrag zur Erforschung der Entwicklung und damit zur historischen Selbstverständigung der heutigen Gesellschaft. Dieser Beitrag ist um so wichtiger, als die Bedeutung nicht-staatlichen Handelns im Zuge der gesellschaftlichen Pluralisierung gewachsen ist. Die Archive der politischen Stiftungen sind also selbst ein Ergebnis des gesellschaftlichen Pluralisierungsprozesses, den sie einerseits durch ihre bloße Existenz illustrieren, zu dessen Aufhellung sie andererseits durch die Bereitstellung der entsprechenden Archivalien beitragen.