Heiner Lindner
Publikationen des sozialistischen Exils im Internet

In den letzten Jahren sind mehrere Publikationen aus dem sozialistischen Exil 1933 bis 1945, ob sie in Prag, Paris, London oder in den USA erschienen sind, ins Internet gestellt worden. Das hat den Vorteil, dass diese Publikationen, die oftmals zerstreut, unvollständig und im schlechten Zustand in nur wenigen Bibliotheken und Archiven der Welt zur Verfügung stehen, nunmehr von allen interessierten Internetnutzern weltweit und kostenlos benutzt werden können, und zwar in voller Länge, ungekürzt und mit zahlreichen Suchmöglichkeiten – bis hin zur Volltextsuche. Die Onlineedition solch umfangreicher Periodika ist auch deshalb besonders wichtig, weil Bucheditionen mehrere Meter Standfläche in Bücherregalen einnehmen, während Onlineeditionen nur wenig Speicherkapazität im Computer beanspruchen. Von der Deutschen Bibliothek, Frankfurt, wurden u.a. der „Neue Vorwärts“ (herausgegeben vom Exilvorstand der SPD) sowie die „Sozialistische Warte“ (herausgegeben vom Internationalen Sozialistischen Kampfbund, ISK) im Internet veröffentlicht .
Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat zu Beginn des Jahres 2004 die Online-Edition der „Sozialistischen Mitteilungen“ (SM) ins Netz gestellt , jenes Newsletters also, der vom Exilvorstand der SPD zwischen 1939 und 1948 in London herausgegeben wurde. Die Grundlage dafür bildeten die im SOPADE-Bestand des AdsD enthaltenen Hefte. Die SM werden einschließlich der mehr als 50 Beilagen ungekürzt und authentisch wiedergegeben und durch detaillierte Erläuterungen zu Personen und Organisationen erschlossen. Parallel zur Online-Edition ist unter dem Titel „Erkämpft Eure Freiheit! Stürzt Hitler!“ eine umfangreiche Broschüre erschienen, die es dem Nutzer der Online-Edition wie dem Leser ermöglicht, sich sowohl über die zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen als auch über die editorische Konzeption und die inhaltlichen Schwerpunkte der SM zu informieren. Damit liegt die erste Studie überhaupt vor, die sich ausführlich mit den SM befasst.*)
Nachdem im Frühjahr 1940 der „Neue Vorwärts“ eingestellt worden war, wurden die SM das einzige offizielle Organ der Exil-SPD während des Zweiten Weltkriegs. Es erschienen insgesamt 100 Hefte, zusätzlich etwa 50 Beilagen. Der Umfang der Hefte lag durchschnittlich bei etwa 20 Seiten, die Auflage betrug meistens 450 Exemplare.
Die Redaktion der SM sah es während der gesamten Erscheinungszeit als ihre Kernaufgabe an, über das verhasste nationalsozialistische Regime aufzuklären, dessen Ausrottung sowie die vorbehaltlose Bestrafung der NS-Führungsclique zu fordern und sich zugleich gegenüber dem Kommunismus abzugrenzen: „Nazi-Deutschland muss sterben, damit ein demokratisches Deutschland erstehen und die Welt in Frieden leben kann“, äußerte Hans Vogel, Vorsitzender der Exil-SPD, in den SM.
Wer sich über die Inhalte der Politik des Exilvorstands informieren möchte, für den sind die SM die weitaus wichtigste historische Quelle überhaupt. Denn der Exilvorstand wollte nach seiner Rückkehr nach Deutschland vor der Partei Rechenschaft ablegen über alles, was er im Exil gemacht hatte, und die SM waren für ihn das „Beweisstück“ (Hans Vogel 1945), in dem sein gesamtes Denken und Handeln lückenlos festgehalten wurden.
Das historische Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung plant, im Verlauf der nächsten Jahre zwei weitere Periodika aus dem Londoner Exil ins Internet zu stellen: die Zeitschrift "Renaissance" sowie die Pressekorrespondenz "Germany speaks"/"Europe speaks". Beide Periodika wurden vom Internationalen Sozialistischen Kampfbund, ISK, herausgegeben. Ihr wichtigster Herausgeber war Willi Eichler (1896–1971), der nach dem Zweiten Weltkrieg viele Jahre lang Mitglied des Parteivorstands der SPD und – als Leiter der Programmkommission – federführend an der Erarbeitung des Godesberger Programms beteiligt war. „Renaissance” erschien in nur vier Heften, ehe sie wegen Papierknappheit eingestellt werden musste. Sie wird Anfang 2006 als Internetedition vorliegen, "Germany speaks"/"Europe speaks" erst später.


*) Heiner Lindner: „Erkämpft Eure Freiheit! Stürzt Hitler!“ Die „Sozialistischen Mitteilungen“ 1939 – 1948 (Gesprächskreis Geschichte, Heft 52), Friedrich-Ebert-Stiftung, 288 Seiten, 28 Abbildungen, Bonn 2003.