Bilder des Malers Ernst Günther Hansing in der Friedrich-Ebert-Stiftung
1. Das Wehner-Portrait

Peter Pfister

Ernst Günter Hansing: Herbert Wehner, 1976
Öl auf Leinwand, 130 x 120 cm

Der Pfeife rauchende Herbert Wehner – wer sich an den SPD-Politiker erinnert, hat unweigerlich dieses Bild vor Augen. Eine solche Darstellung Wehners befindet sich auch als Gemälde in der Friedrich-Ebert-Stiftung. Es handelt sich um ein Werk, das der Künstler Ernst Günter Hansing (geboren 1929 in Kiel) im Jahr 1976 geschaffen hat.

Wehner zu malen war für Hansing besonders reizvoll. Zum einen hatte sich Wehner zuvor noch nie malen lassen, zum anderen war Hansing von der Person Wehners beeindruckt, dessen Gesicht für ihn Kraft und Energie, aber auch die Erfahrungen und Verletzungen eines von den politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts Gezeichneten widerspiegelte.

Hansing wählte für sein Bild ein nahezu quadratisches Format (130 x 120 cm). Der Hintergrund ist dunkel und erhellt sich in der Leserichtung. Das Gesicht Wehners ist hell belassen und wird von pastos aufgetragenem Weiß konturiert. Seine Gesichtszuge sind von starken schwarzen Linien eingefangen, die von farbigen Blitzen begleitet werden. Wehner schaut entgegen der Leserichtung und sein Blick wirkt entschlossen und fest, nahezu starr, die gesamte Darstellung hingegen wirkt äußerst unruhig, fast impulsiv. Wie Kraftlinien schießen blitzartige Farbverläufe aus Wehners Gesicht heraus. Der „Zuchtmeister“ der SPD, wie er manchmal genannt wurde, sein oft eruptiver Redestil und seine nicht selten überraschenden Entschlüsse finden in dem Bild ihren markanten Ausdruck. Hansing besuchte zur Anfertigung seiner Skizzen mehrfach Veranstaltungen, auf denen Herbert Wehner auftrat. Besonders faszinierten ihn Wehners Zornausbrüche.

Als Herbert Wehner den Maler nach Fertigstellung des Bildes in seinem Rhöndorfer Atelier besuchte, war dieser natürlich äußerst gespannt auf dessen Reaktion. Hierzu erinnert sich Hansing: „Er stand am Türrahmen vor dem Atelier und blickte hinein. An den Stößen der Pfeife merkte ich, dass es in ihm intensiv arbeitete. Nach einer kurzen Weile sagte er: ‚Das bin ich. Ich erkenne mich voll wieder. Das meine ich mit allem Tiefgang. [...]’ Er war tief bewegt von dem Bild.“

Günther Hansing begann mit der Malerei als Autodidakt. Er bewunderte die deutschen Expressionisten, insbesondere Emil Nolde und Oskar Kokoschka. Zu beiden Künstlern suchte er Kontakt. Sie bescheinigtem ihm sein Talent und ermutigten sie ihn zu weiterer künstlerischer Arbeit. Ähnlich äußerte sich Alfred Hentzen, der Direktor der Hamburger Kunsthalle. Mit diesen Referenzen wurde Hansing für ein Stipendium an der Pariser École des Beaux Arts vorgeschlagen, die er allerdings bald wieder verließ, weil man dort die von ihm so verehrten deutschen Expressionisten verachtete. Es gelang ihm jedoch, die zuständigen Stellen zu überzeugen, ihm das Stipendium auch für das Studium an einer Privatschule zu überlassen. So führte ihn sein Weg zu Fernand Léger, dem französischen Kubisten und Futuristen.

Die künstlerische Auseinandersetzung mit Léger war für Hansing eine harte, aber äußerst gewinnbringende Schule. Die Synthese aus Kubismus, Futurismus und Konstruktivismus in Légers Werken bildete einen Kontrast zur expressionistischen Malweise des jungen Hansing. Doch die Disziplin in der Verwendung der Mittel und das Wissen um die absolute Aussagekraft der Form in Légers Werken erwies sich für Hansings künstlerische Entwicklung äußerst fruchtbar.

So entfernte er sich von seinen expressionistischen Malstil und wandte sich futuristischen und konstruktivistischen Gestaltungsweisen zu. Hierbei entwickelte er vor allem in der Porträtkunst seinen eigenen Ausdruck, der durch bloße Andeutungen der Wirklichkeit gekennzeichnet ist.

Oft reichte nur eine Linie, um die darzustellende Person zu portraitieren. Die weitere Gestaltung überließ er dann ganz seinem Eindruck von der Person, deren Charakter oder deren Eigenschaften er einzufangen versuchte.

Nicht nur Politiker wie Herbert Wehner, Willy Brandt, Konrad Adenauer, Richard von Weizsäcker oder Charles de Gaulle, um nur einige zu nennen, ließen sich von Hansing portraitieren, auch kirchliche Würdenträger wie Josef Kardinal Frings oder die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. saßen ihm Modell. Auch die konzentrierte Strenge der Geigerin Anne-Sophie Mutter, die Geschwindigkeit, mit der die Virtuosin über die Saiten strich, stellte Hansing in seiner futuristisch-konstruktivistischen Malweise dar.

Rein konstruktivistisch hingegen zeigen sich seine Kirchenfenster (Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Hamburg-Rahlstedt) sowie seine Skulpturen und liturgischen Kirchengewänder.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung verfügt über noch zwei weitere Werke von Ernst Günter Hansing: eine Darstellung von Alex Möller (1981) und Willy Brandt (1993).

Mehr zu Ernst Günther Hansing finden sie unter http://www.hansing-artwork.de/index.html