Wanderausstellung:
Nein zu Hitler! Sozialdemokratie und Freie Gewerkschaften in Verfolgung, Widerstand und Exil 1933-1945

Eine Ausstellung des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung


Ilse Fischer

„Es wäre ein hoffnungsloses Unternehmen, wenn man das Leben der Organisation durch Preisgabe der Idee zu erkaufen versuchte. Ist die Idee preisgegeben, dann stirbt auch die Organisation. Aber wird die Organisation durch Kräfte von außen zerschlagen, dann bleibt immer noch in Millionen Köpfen und Herzen die Idee, und sie sichert auch die Wiedergeburt der Organisation.“
Otto Wels auf der Reichskonferenz der SPD in Berlin, 26. April 1933.

Der Sozialdemokrat Hermann Runge (im Wagen) verteilt beim Ausfahren von Backwaren der Fa. Kordahs illegale Schriften

Für die deutsche Sozialdemokratie und die Freien Gewerkschaften stellt das Jahr 1933, die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland und die Zerschlagung der Organisationen der Arbeiterbewegung, die tiefste Zäsur in ihrer Geschichte dar. Dass es SPD und Gewerkschaften dennoch gelang, in der Illegalität Widerstandsstrukturen aufzubauen und vom Exil aus ihre politische Arbeit fortzusetzen, ist das Verdienst Tausender Mitglieder, die bereit waren, dafür ihre Freiheit und ihr Leben zu riskieren. Ihr mutiges Handeln steht im Mittelpunkt der Ausstellung, mit der das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung – 75 Jahre nach dem Verbot der SPD und der Zerschlagung der Freien Gewerkschaften – an Verfolgung, Widerstand und Exil von Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sowie Gewerkschaftsmitgliedern erinnert.

Die Ausstellung zeigt nach zwei einführenden Tafeln, die Einblick in die Warnungen von SPD und Gewerkschaften vor einer Auslieferung des Staates an Hitler und seine Partei geben, vor allem drei große Themenblöcke:

Die Zerschlagung von Sozialdemokratie und Freien Gewerkschaften im Frühjahr 1933

Dabei werden die Ereignisse des Frühjahrs 1933 nach der Machtübertragung an Hitler, die Reaktionen und politischen Strategien bei SPD und Freien Gewerkschaften bis zur Zerschlagung der Gewerkschaftsorganisationen am 2. Mai 1933 und dem SPD-Verbot am 22. Juni 1933 dargestellt. Bei den Reichstagswahlen am 5. März gelang es der SPD, allen Presseverboten, Verhaftungen, Mordanschlägen und Überfällen auf Wahlversammlungen zum Trotz, ihren Stimmenanteil nahezu zu halten. Die Ausstellung erinnert an die Abstimmung zum „Ermächtigungsgesetz“ Hitlers am 23. März 1933, in der allein die 94 Abgeordneten der SPD-Fraktion den Mut hatten, mit „Nein“ zu stimmen. Dokumentiert wird die Entscheidung der Führungsgremien der SPD für Exil und Illegalität, die relativ rasch den Aufbau eines Widerstandsnetzes vom Ausland aus ermöglichte. Schwieriger war die Schaffung entsprechender Strukturen im Inland, wo durch die Terroraktionen im Frühjahr 1933 zunächst eine ganze Schicht von Mandats- oder Funktionsträgern ausgeschaltet wurde, die eigentlich als Basis des Widerstandes in Frage kam. Um die realen Bedingungen für die Widerstandsarbeit im Frühjahr 1933 zu verdeutlichen, wird im ersten Teil der Ausstellung dem Verfolgungsaspekt entsprechender Raum eingeräumt.

Sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Widerstand und die Rolle des Exils bis zum Kriegsbeginn

Mitglieder des SOPADE-Vorstandes in Prag, 1933 (v.l.n.r: Erich Ollenhauer, Hans Vogel, Friedrich Stampfer, Otto Wels, Albert Grzesinski und Siegmund Crummenerl)

Auf den folgenden Tafeln werden Ziele und Formen der Widerstandsarbeit der Sopade-Führung, des SPD-Parteivorstands im Exil, anhand von Exponaten u.a. aus dem im Archiv der sozialen Demokratie erhaltenen Originalaktenbestand vorgestellt. Bei der Entstehung des Inlandswiderstandes werden typische Situationen umrissen, die zum Aufbau von Widerstandskreisen und -netzen führten. Bei den vorgestellten Aktivitäten handelte es sich häufig um das Engagement von Funktionsträgern aus der „zweiten Reihe“, vor allem auch von jüngeren Mitgliedern, die sich mit der Situation im „Dritten Reich“ auf keinen Fall abfinden wollten. Dabei stehen Beispiele für die Zusammenarbeit mit der Sopade-Führung und den Grenzsekretären neben Versuchen, in zum Teil bewusster Abgrenzung eigenständige Strukturen vor Ort aufzubauen und im Inland hergestellte Schriften zu vertreiben. Zu den unterschiedlichen Formen des Widerstandes, die dargestellt werden, zählen Beispiele für betriebsbezogene Widerstandsnetze und die sich mit Hilfe internationaler Gewerkschaften formierenden Kontakte, z.B. der Eisenbahner und Seeleute.

Die Ausstellung thematisiert auch die Rolle der sozialistischen Zwischengruppen (Neu Beginnen, SAP, ISK) im Widerstand, die – entstanden in der Weimarer Republik teils im Konflikt mit der SPD – ihre Positionen in die Diskussion über Ursachen und Folgen der politischen Niederlage der Arbeiterbewegung im Frühjahr 1933 kritisch einbrachten, mit SPD und Gewerkschaften zeitweise eng zusammenarbeiteten und im Vergleich zur Zahl ihrer Mitglieder eine herausragende Rolle im Widerstand spielten.

 

Im Untergrund hergestellte Zeitungen der Hamburger SAJ. Friedrich Börth hatte sie auf seiner Schreibmaschine getippt

Widerstand während des Krieges und programmatische Diskussion über den demokratischen Neuaufbau Deutschlands in der Nachkriegszeit

Für die Kriegszeit zeigt die Ausstellung die Situation für Widerstandsaktionen während des Kriegs und in einem thematischen Schwerpunkt die Mitwirkung von Sozialdemokraten und Gewerkschaftern im konservativ-militärischen Widerstand und im Kreisauer Kreis. Daneben stehen die im Exil, vor allem in Großbritannien und Schweden, diskutierten programmatischen Konzepte für den demokratischen Neuaufbau Deutschlands nach dem Sturz der NS-Diktatur. Besonderer Wert wurde darauf gelegt, darüber hinaus die Situation der politischen Flüchtlinge im Exil auch unter alltagsgeschichtlichen Gesichtspunkten darzustellen, zu denen neben materiellen Problemen die Bedrohung durch Behördenwillkür in den Zufluchtsländern, Internierung während des Kriegs sowie Ausweisung bzw. Auslieferung an die Nationalsozialisten gehörten.

Biographische Portraits

Als durchgängiges Gestaltungselement der Ausstellung wurde das „Herunterbrechen“ der Geschichte des Widerstandes auf die Lebenswege einzelner Personen gewählt. Zwölf biographische Porträts spiegeln die Komplexität der Widerstands- und Verfolgungssituationen, unterstreichen aber auch die Bedeutung bewusst getroffener Entscheidungen der Einzelnen – vom Ausfahren von Flugblättern über das Engagement in Flüchtlingshilf eorganisationen im Ausland bis hin zur bewussten Wahrnehmung der Chance, im Krieg die Fronten zu wechseln und Befreiungsbewegungen in den besetzten Ländern zu unterstützen.
Ersatzausweis für die ISK-Inlandsleiterin Erna Blencke zur Vorbereitung ihrer Flucht aus dem besetzten Frankreich

Die mit ihren Biographien vorgestellten Personen (Kurt Löwenstein, Clara Bohm-Schuch, Felix Fechenbach, Ernst Heilmann, Friedrich Börth, Fritz Heine, Johanna Kirchner, Karl Napp, Wilhelm Leuschner, Jeanette Wolff, Kurt Schumacher) stehen für viele andere, die ebenso mutig waren. Erinnert wird dabei auch an jene, die schon vor 1933 den Nationalsozialismus an exponierter Stelle bekämpften hatten und daher besonders von Racheaktionen des NS-Regimes betroffen waren. Eine Tafel ist jüdischen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten gewidmet – sie waren von Anfang an doppelter Verfolgung ausgesetzt. Nicht alle, die in Gefahr waren, konnten Deutschland rechtzeitig verlassen oder waren in den Zufluchtsländern in Sicherheit.

Das Herrschaftssystem des Nationalsozialismus
Aufruf an die deutschen Soldaten in Griechenland mit der Aufforderung zum Anschluss an die Griechische Befreiungsbewegung, mitunterzeichnet von Ludwig Gehm

Zur Vermittlung der allgemeinen historischen Zusammenhänge und des Charakters des NS-Regimes werden auf einzelnen Tafeln Informationen über das Herrschaftssystem, den Terrorapparat und die Auswirkungen des Krieges eingeblendet, wobei deutlich wird, dass Regimegegnerinnen und -gegnern Gefahr nicht nur vom Verfolgungsapparat selbst, sondern ebenso von zahlreichen freiwilligen Spitzeln drohte, die wesentlich zum Erfolg des Systems beitrugen. Doch die Allgegenwart des Terrors war nur eine Seite der nationalsozialistischen Diktatur. Wer nicht zu den jüdischen Deutschen zählte oder durch illegale Betätigung auffiel, konnte durchaus von dem neuen System profitieren, das mit zahlreichen Anreizen und Belohnungen gerade auch die Arbeitnehmer umwarb. Erst vor dem Hintergrund der „Mehrheitsgesellschaft“ und des pervertierten Wertesystems des Nationalsozialismus wird deutlich, wie weitreichend die Entscheidung für ein „Nein“ zu diesem System mit all seinen Konsequenzen war.

Die Ausstellung wird vom 25. Juni 2008 bis zum 1. August 2008 in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin gezeigt, anschließend wird sie vom 4. September bis 10. Oktober in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn zu sehen sein. Ab Herbst 2008 kann die Ausstellung ausgeliehen werden. Sie umfasst 40 Tafeln (0,80 m x 2,20 m) mit rund 250 Exponaten. Ein großer Teil der dort gezeigten Fotos, Flugblätter, Plakate und Schriftdokumente stammt aus den Beständen des Archivs der sozialen Demokratie. Der Katalog zur Ausstellung enthält Abbildungen aller Tafelexponate sowie erläuternde Texte zu den einzelnen Tafeln.

Anfragen zur Ausleihe:

Friedrich-Ebert-Stiftung

Hans-Hellmut Duncke

Godesberger Allee 149

53175 Bonn

e-mail: Hans.Duncke@fes.de