Das Layout dieser Seite wird mit CSS umgesetzt. Wenn Sie diesen Hinweis sehen, kann Ihr Browser CSS nicht darstellen.
Die Seite bleibt trotzdem voll funktionsfähig.
Hier finden Sie einen standard-konformen Browser: www.mozilla.org.
Wappen des Landes Niedersachsen, Link zum Regionalbestand

 

Karl Raloff

Karl Raloff

Bestand: 1,70 lfd.m.
Laufzeit: 1913 - 1977

Lebensdaten: * 4.6.1899 † 22.9.1976

Im September 1965 schrieb Karl Raloff in der Einleitung zu seinen handschriftlich in deutscher Sprache verfassten Erinnerungen, an die dänischen Leser gerichtet, dass er "vier verschiedene Regierungssysteme in Deutschland erlebt habe: Das Kaiserreich als Kind, Jüngling und Soldat, die Weimarer Republik als junger aktiver Politiker und Journalist, das Dritte Reich als politisch Verfolgter und Emigrant und schließlich das neue Deutschland nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes als Journalist und Diplomat."
Karl Raloff wurde am 4. Juni 1899 im Altonaer Stadtteil Ottensen geboren. Zur täglichen Lektüre des aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie stammenden Jungen gehörte bereits das "Hamburger Echo". Die Selekta einer Hamburger Volksschule verließ er als Primus, im März 1914 trat er in Altona eine Lehre als Anwaltsgehilfe an und besuchte die Kaufmännische Fortbildungsschule. November 1915 fand er eine Anstellung bei der Ortskrankenkasse der Buchbinder in Hamburg.
Nach seiner Schulentlassung hatte sich Raloff in der sozialistischen Jugendbewegung engagiert und war ab 1916 - als Obmann der "Abteilung Eimsbüttel I" - in deren Hamburger Vorstand. In dieser Zeit besuchte er mit Freunden öffentliche Vorlesungen des damaligen Hamburgischen Kolonialinstituts, des Vorläufers der Universität der Hansestadt. Er schloss sich auch dem Zentralverband der Angestellten an und wurde 1917 Mitglied der SPD.
Im Juni 1917 zum Militärdienst eingezogen, war Raloff bis zum Ende des Ersten Weltkriegs als Infanterist an der Ost- und Westfront. Im November 1918 wurde er zum Soldatenrat seines Truppenteils gewählt.
Ab Mai 1919 wirkte er als Redakteur verschiedener SPD-Zeitungen in Neubrandenburg ("Volkswille") und im Rheinland(1920: Trierer "Volkswacht", 1922: "Nahetal-Bote" in Oberstein-Idar).

Auf der ersten Reichskonferenz der Arbeiterjugend vom 28. - 30. August 1920 in Weimar knüpfte Karl Raloff Freundschaften, die ein Leben lang hielten, so mit Erich Ollenhauer und dessen späterer Frau Martha. Dort lernte er auch Karl Höltermann, den späteren Reichsbannerführer, Walter Kolb (1946 Oberbürgermeister von Frankfurt/M) und Franz Osterroth kennen, ebenso den Magdeburger Redakteur und Arbeiterjugend-Dichter Emil R. Müller mit seinen beiden Töchtern; die Jüngere, Grete, wurde 1925 seine Frau.
1921/22 nahm Raloff an einem Winterkursus der neu gegründeten Internationalen Volksschule in Helsingör teil, schloss damit Bekanntschaft mit Dänemark und gewann erste Freunde in der dänischen Arbeiterjugendbewegung (D.s.U.) und der sozialdemokratischen Partei, darunter (den späteren dänischen Ministerpräsidenten) Hans Hedtoft. Er hielt Vorträge vor der Arbeiterjugend, die sozialdemokratische Nachmittagszeitung "Klokken 5" (Kopenhagen) veröffentlichte zwei Chroniken, die der Jungredakteur über die deutsche Arbeiterjugendbewegung und die Internationale Volkshochschule geschrieben hatte.
Am 1. November 1922 wurde Karl Raloff verantwortlicher politischer Redakteur bei der "Volksstimme" in Saarbrücken. Zwei Tage nach Veröffentlichung der "Notverordnung zur Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit im Saargebiet" durch die Regierungskommission am 11. März 1923 erreichte ihn der Ausweisungsbefehl.
In Hannover begann für Karl Raloff ein neuer Lebensabschnitt: Zunächst, ab 1. Juli 1923 als zweiter Lokalredakteur, 1928 als verantwortlicher politischer Redakteur des "Volkswille". 1924 gründete der 25jährige das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold Hannover, in der Stadt war er Vorsitzender, in der Provinz Hannover stellvertretender Gauvorsitzender des Reichsbanner (1932 stand er der örtlichen Eisernen Front vor). 1925 wurde er in den Vorstand der Hannoverschen SPD (er blieb Vorstandsmitglied bis 1933) und zum Vorsitzenden des örtlichen Bildungsausschusses der Partei gewählt. Er übernahm damit eine umfassende politische Schulungs- und Kulturarbeit.
Nachdem Karl Raloff als SPD-Kandidat für den Preußischen Landtag im Mai 1928 (Wahlkreis Süd-Hannover) und als Reichstagskandidat im September 1930 (Wahlkreis Südhannover-Braunschweig) den Einzug in die Parlamente nur jeweils knapp verfehlt hatte, wurde er schließlich am 31. Juli 1932 in den Reichstag gewählt und gehörte dort zum Kreis um Kurt Schumacher und Carlo Mierendorff.
Am 1. April 1933 beschlagnahmten die Nationalsozialisten die Druckerei-, Verlags- und Redaktionsräume des "Volkswille". Raloff lebte illegal an verschiedenen Orten in Deutschland, ständig verfolgt von SA und Gestapo. Ende August emigrierte er auf Anraten aus Kreisen der politischen Polizei in Hannover, sein Freund Willy Jesse (früher SPD-Bezirkssekretär in Rostock) verhalf ihm zur Flucht nach Dänemark. Im Dezember 1933 konnte seine Familie ihm folgen.
In Kopenhagen erhielt er erste materielle Unterstützung durch das Matteotti-Komitee und die dänische Gewerkschaft der Handels- und Kontorangestellten. Hier war er schriftstellerisch und kurzzeitig auch als Sprachlehrer tätig und hatte von Mai 1936 bis April 1940 eine Anstellung als Archivar von Arbejderbevägelsens bibliotek og arkiv (ABA).
In den Jahren seines Dänemarkaufenthaltes vor der Flucht nach Schweden war Raloff, der in Kopenhagen den Prager "Neuen Vorwärts" vertrat und als Korrespondent der Sopade-"Deutschland-Berichte" wirkte, im Einvernehmen mit der Sopade auch mit der Sichtung und Ordnung der nach Kopenhagen gelangte Teile (Marx-Engels-Nachlass) des ehemaligen Berliner SPD-Archivs und (1938) mit der Übergabe an das Amsterdamer Internationale Institut für Sozialgeschichte betraut.
Im Auftrag der Sozialdemokratischen Partei Dänemarks verfasste er unter dem Pseudonym Karl Ehrlich zwei Broschüren gegen den Nationalsozialismus: "Fra Ebert til Hitler (Von Ebert bis Hitler)" 1933 und 1935 "To års Nazistyre (Zwei Jahre Naziregime)". Im renommierten Levin & Munksgård-Verlag erschien 1937 ein damals viel beachtetes Buch "Kamp uden våben (Kampf ohne Waffen)" von Niels Lendberg, Gammelgård Jacobsen und Karl Ehrlich verfasst. Raloffs Beiträge zu diesem Buch waren eine Darstellung des Ruhrkampfes nach dem Ersten Weltkrieg und ein Kapitel über den Kapp-Putsch. Außerdem schrieb er zahlreiche Artikel und Chroniken in sozialdemokratischen Zeitungen, besonders dem Hauptorgan "Social-Demokraten", ebenso in der Monatsschrift "Socialisten", dem Organ des Gewerkschaftsbundes "Arbejderen" und in einigen anderen Gewerkschaftsblättern. - Daneben berichtete er im ganzen Land, anonym als "deutscher politischer Flüchtling", in zahllosen Vorträgen (u.a. in Arbeiter-Bildungsausschüssen) über die Verhältnisse in Nazi-Deutschland. Aus seiner Archivartätigkeit heraus entstand 1940 die Festschrift "Lager- og Pakhusarbejdernes Forbund gennem 50 år", die Geschichte der dänischen Lagerarbeitergewerkschaft: Karl Raloff hatte zum erstenmal das Pseudonym Karl Ehrlich abgelegt, den Druck konnte er selbst nicht mehr kontrollieren.
Unter den sozialdemokratischen Emigranten, zu denen Raloff teilweise familiär-freundschaftliche und politische Kontakte pflegte, waren als Vertreter der Sopade Prag der frühere Kieler Parteisekretär und Sekretär des Matteotti-Komitees Richard Hansen (auch offizieller Kontaktmann zur dänischen Sozialdemokratie), die Reichstagskollegen Kurt Heinig, Otto Buchwitz, Oskar Hünlich und Fritz Tarnow. Die beiden ehemaligen braunschweigischen Minister Gustav Steinbrecher und Hans Sievers befanden sich ebenfalls in Kopenhagen, außerdem Erich Alfringhaus (ehem. Chefredakteur des "Sozialdemokratischen Pressedienstes", Berlin), Kurt Wurbs (ehem. Chefredakteur des "Schleswig-Holsteinischen Volkszeitung", Kiel), der Parteisekretär und Reichsbannergefährte Hans Reinowski aus Braunschweig, der Schriftsteller und Gründer des Fackelträger-Verlags Walter Hammer. Der Gewerkschaftsführer Fritz Tarnow wurde 1938 Vorsitzender der Auslandsvertretung der deutschen Gewerkschaften, auch war er offizieller Verbindungsmann der deutschen Gewerkschaften zur Gewerkschaftsinternationale.
Der deutsche Überfall auf Dänemark am 9. April 1940 zwang den 1938 von Nazi-Deutschland ausgebürgerten und seitdem staatenlosen Karl Raloff zur zweiten Flucht: zusammen mit dem Südschleswiger Henry Prien, Fritz Tarnow und Hans Reinowski erreichte er am 16. April auf einem kleinen Boot die schwedische Küste.
Bis Juli 1940 war der Flüchtling interniert in Loka Brun (Mittelschweden), als Sprecher des sozialdemokratischen Lagerkomitees. In Kinna (Westgotland) war er wieder, für den lokalen Arbeiterbildungsausschuss, als Sprachlehrer tätig und fand Arbeit als Kontorist eines Papierwaren-Grossisten. Drei Jahre, von 1942 bis 1944, lebte er auf Öland. - Nachdem Raloff im August 1943 eine Aufenthaltsgenehmigung für ganz Schweden erhalten hatte, konnte er sich wieder frei bewegen.
Seit Ende 1943 war Fritz Tarnow Mitglied der Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Schweden, bereits im September 1941 hatte er Karl Raloff auf die in Stockholm im Entstehen begriffene Internationale Gruppe demokratischer Sozialisten (später "Kleine Internationale") aufmerksam gemacht und ihn gebeten, als korrespondierendes Mitglied an den Beratungen teilzunehmen. Aus dieser Anregung entstand eine umfassende Korrespondenz mit Tarnow. Raloff beteiligte sich "aus der Provinz" am Geschehen, der politischen Arbeit und den Auseinandersetzungen in Stockholm. Über den Briefwechsel mit Erich Ollenhauer wurde er zudem über die Lage der Emigration in London unterrichtet.
Im Herbst 1943 besuchte Karl Raloff, der auch wieder publizistisch tätig war, erstmals Stockholm. Auf der 1. Landeskonferenz der deutschen Sozialdemokraten in Schweden, am 2./3. Dezember 1944, hielt er das politische Hauptreferat "Das kommende Deutschland und die Friedensgestaltung".
Am 4. Mai 1945 kapitulierten die deutschen Truppen im Norden. Erst im Oktober, 5 1/2 Jahre nach der Trennung, konnte der Emigrant zu seiner Familie nach Kopenhagen zurückkehren.
In zahlreichen Beiträgen in der dänischen und schwedischen Presse trug der Journalist Raloff in den ersten Nachkriegsjahren dazu bei, dass Skandinavien über die Entwicklung in Deutschland unterrichtet wurde. Damit und mit seinen Artikeln über Skandinavien in der deutschen Presse leistete er einen wesentlichen Beitrag zum deutsch-dänischen Brückenschlag. - Im Januar 1946 übernahm er im Auftrag der dänischen Flüchtlingsverwaltung die Leitung der Kulturarbeit in einem der größten Lager für deutsche Flüchtlinge und Repatrianten, dem Flüchtlingslager Lövermarken in Kopenhagen. Am 1. Januar 1947 wurde er Nachfolger von Hans Reinowski in der Redaktion der "Deutschen Nachrichten". Diese von Deutschen geschriebene und redigierte Zeitung, hervorgegangen aus einem illegalen Blatt (Bewegung "Freies Deutschland"), finanziert von der dänischen Regierung, erschien zuletzt in einer Auflage von über 20.000 Exemplaren.
1946 lehnte Raloff, nach einer Deutschlandreise, das Angebot, Redakteur und Lizentiat der "Frankfurter Rundschau" zu werden, als Gegner des Gemeinschaftszeitungs-Systems ab. Von 1947 - 1951 war er dpd- bzw. dpa-Auslandskorrespondent. Im Juni 1949 bereiste er erstmals Norwegen.
Am 18. Juni 1951 wurde Karl Raloff die deutsche Staatsbürgerschaft durch Einbürgerungsurkunde des Regierungspräsidenten in Hannover wieder verliehen. Nach Umwandlung des deutschen Generalkonsulats in Dänemark in eine Botschaft trat er im Januar 1952 das Amt des Presseattachés der deutschen Botschaft in Kopenhagen an. Über dreizehn Jahre blieb er im diplomatischen Dienst, der auch von einer umfangreichen Vortragstätigkeit über die Probleme im neuen Deutschland geprägt war. - Als er am 1. Juli 1965 in den Ruhestand trat, fand dies ein lebhaftes Echo in der dänischen Presse. Zuletzt war er Vorstandsmitglied des Vereins der Auslandspresse und der Deutsch-Dänischen Gesellschaft.

Karl Raloff starb am 22. September 1976 im Alter von 77 Jahren während eines Urlaubs in Travemünde.

Der Nachlass Karl Raloff wurde Ende der 70er Jahre von seiner Witwe, Grete Raloff, dem Archiv der sozialen Demokratie übergeben.
Nach Ordnung beläuft sich der Nachlass auf 1,6 lfm. Akten. Die Laufzeit des Bestands umfasst schwerpunktmäßig die Jahre 1913 - 1977.
Die dem AdsD übergebenen Materialien befanden sich weitgehend in ungeordnetem Zustand, dennoch konnte bei der Ordnung und Verzeichnung vorgegebenen Strukturen gefolgt werden. Als jeweils chronologisch neugeordnete Sachgruppen bilden ausschließlich biographisch/persönliche Unterlagen, Publikationen des Nachlassers, Korrespondenz und Sammlungen den Gesamtbestand.
Der Teil der Korrespondenz, den Raloff und Dritte mit Familienangehörigen führten, wie auch Briefe und teilweise verstreut liegende Dokumente, Presseausschnitte mit engem Bezug zum politischen und beruflichen Werdegang des Nachlassers wurden der neu angelegten Sachakte "Biographische/persönliche Unterlagen" zugeordnet.
Die "Publikationen" des Nachlassers sind für einzelne Jahrgänge nur lückenhaft oder gar nicht überliefert. Diese Aktengruppen konnte, insbesondere für die Jahre 1933 - 1948 durch einige nachträglich zusammengetragene Kopien aus den "Sammlungen" angereichert werden. Gesondert abgelegt wurden die in Notizblöcken und -heften vollständig überlieferten Originalmanuskripte der Erinnerungen "Et beväget liv" sowie einige Übersetzungsarbeiten und Exzerpte Karl Raloffs.
Da die ursprüngliche Aufgliederung der (restlichen) Korrespondenzen nach Adressaten und Sachthematik ("Marx-Engels-Archiv") bzw. nach Jahrgangsblöcken nicht stringent durchgehalten war, auch keine korrekte Ablage existierte, wurde diese völlig aufgelöst, die Korrespondenz jahrgangsweise bzw. in Jahrgangsblöcken neu geordnet und zur "Allgemeinen Korrespondenz" zusammengefasst. Sie umfasst den Zeitraum 1940 - 1975.
Das verbliebene Material, von Raloff selbst und offensichtlich auch von Grete Raloff angelegte "Sammlungen" (hauptsächlich Broschüren, Flugblätter, Zeitschriften- und Zeitungssammlungen, einige Sonderdrucke) wurde, weil auch hier die korrekte Ablage fehlte, nach formalen Kriterien neu geordnet und als Teilsammlungen ebenfalls chronologisch abgelegt.
Bei der Beschreibung der einzelnen Mappen erfolgte die Erfassung der Unterlagen durch Titelbildung, formale Kriterien und Angaben über die Laufzeit. Bei der Verzeichnung der "Allgemeinen Korrespondenz" und der Sachakte "Biographische/persönliche Unterlagen" wurden jeweils alle Korrespondenzpartner (soweit sie sich identifizieren ließen) namentlich aufgeführt. Alle im Text genannten Personen (ausgenommen: die Einleitung) sind durch ein Personenregister erschlossen.

Karl Raloff im Online-Katalog der Bibliothek der FES