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Kurt Löwenstein

Kurt Löwenstein

Bestand: 15,45 lfd.m.
Laufzeit: 1902 - 1940; 1960er Jahre

Lebensdaten: * 18.5.1885 † 8.5.1939

(Pseudonyme: Kerlöw, Kurt; Kerlöw-Löwenstein, Kurt; Deutsch, Kurt; Falk, Kurt, auch Curt; Mattei, Curt)
Kurt Löwenstein wird am 18. Mai 1885 in Bleckede an der Elbe geboren. Sein Vater, Bernhard Löwenstein, betreibt dort einen Kleiderladen, der der Familie nur ein sehr bescheidenes Auskommen sichert. Seine Mutter, Jeanette, geborene Blumenthal, stirbt bereits 1892 an Krebs.
Nach dem Besuch der Volksschule in Bleckede erhält Kurt Löwenstein 1895 eine Freistelle an der David'schen Stiftungsschule, einer jüdischen Privatschule in Hannover. 1899 wechselt er an die Oberrealschule und verdient sich das monatliche Schulgeld von 30 Mark durch Zeitungsaustragen und Nachhilfestunden.
Zwischen 1904 und 1907 geht Löwenstein theologischen und philosophischen Studien in Halberstadt nach, um dann in das orthodoxe Rabbiner-Seminar in Berlin einzutreten. Gleichzeitig belegt er philosophische und pädagogische Vorlesungen an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität. Eine ihm 1908 angebotene Rabbinerstelle in Hannover lehnt er aus religiösen Zweifeln ab und bricht die Ausbildung am Rabbiner-Seminar ab. Im selben Jahr legt er als Externer die Reifeprüfung am Realgymnasium Harburg/Elbe ab. Bereits während seiner Ausbildung schließt sich Kurt Löwenstein dem Bund für Schulreform (vgl. Signatur 57) und der Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur an, einer sozialreformerischen Vereinigung linksliberaler Freidenker, für die er auch als Vortragsredner tätig ist (vgl. Signatur 23). Daneben schreibt er Beiträge für Zeitschriften und Zeitungen.
Nach Fortsetzung seines Studiums in Hannover und Erlangen wird Löwenstein 1910 mit einer Arbeit "J. M. Guyau's pädagogische Anschauungen" magna cum laude zum Dr. phil. promoviert (vgl. Signatur 24).
Bei einem Vortrag, den er in der freireligiösen Gemeinde in Hannover hält, lernt Kurt Löwenstein Mara Kerwel (1891-1962), die Tochter des preußischen Militärbeamten David Kerwel und seiner Frau Ida, geb. Thierbach, kennen. Sie heiraten am 28. April 1911. In dem zwischen ihnen am folgenden Tag abgeschlossenen Ehevertrag heißt es u.a.:
"§ 1. Am 1. April 1911 schließen die beiden Unterzeichneten aus freiem Entschluße einen auf Liebe gegründeten und in jeder Beziehung gleichberechtigten und gleichverpflichtenden Ehebund.
§ 2. Die beiden Kontrahenten führen, solange der Bund besteht, für sich und ihre aus diesem Bunde entstehenden Nachkommen den Gemeinschaftsnamen Kerlöw.
§ 3. Zur Legalisierung dieser Namensführung soll die staatliche Genehmigung eingeholt werden. Sollte diese nicht erteilt werden, so verpflichten sich die Kontrahenten in allen außeramtlichen Handlungen sich des Namens Kerlöw zu bedienen.
§ 4. Um den Staatsgesetzen zu genügen, unterziehen sich beide Kontrahenten der vorgeschriebenen standesamtlichen Trauung. Jedoch erklären sie ehrenwörtlich, daß sie die durch diese Trauung verbürgten gegenseitigen Pflichten und Rechte nicht für sich verbindlich halten, noch irgendwelche Rechte aus ihnen herleiten."
(vgl. Signatur 1).
So zeichnet Kurt Löwenstein bis zur Mitte der zwanziger Jahre Artikel und andere Publikationen mit Kerlöw bzw. Kerlöw-Löwenstein (vgl. Signatur 26 ff.). Kurt und Mara Löwenstein beschließen, sich in Charlottenburg niederzulassen. Ihren Lebensunterhalt bestreitet Kurt Löwenstein durch Vorträge , Artikel und Nachhilfestunden für Studenten.
Im Oktober 1914 meldet sich der entschiedene Kriegsgegner als Krankenpfleger zum Roten Kreuz und wird bis 1918 u.a. im Seuchenlazarett Grodno eingesetzt (vgl. Signatur 56). Aus dem Krieg kehrt Löwenstein als Mitglied eines Soldatenrates und revolutionärer Sozialist zurück und schließt sich der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) an. Er ist maßgeblich an der Erarbeitung des Organisationsstatuts der USPD Berlin-Brandenburg und des Schul- und Bildungsprogramms der Gesamtpartei beteiligt (vgl. Signatur 106 A + B).
Von März 1919 an ist Kurt Löwenstein Stadt- und Bezirksverordneter von Charlottenburg, dann ab 1920 Stadtverordneter von Groß-Berlin.
Bei den im Juni 1920 stattfindenden Reichstagswahlen zieht Kurt Löwenstein in den Reichstag ein. Er gehört ihm - bis auf eine Unterbrechung zwischen Mai und Dezember 1924 - bis 1933 als USPD- dann, ab 1922, als SPD-Mitglied an. Er ist hier vor allem auf dem Gebiet der Bildungspolitik tätig (vgl. Signaturen 15 A, 15 C, 28, 29, 30, 32, 33, 34, 36, 37, 38).
Am 10. September 1920 beruft der Wahlausschuß der Stadtverordnetenversammlung Groß-Berlins Kurt Löwenstein als Oberstadtschulrat zum Leiter des städtischen Bildungswesen. Die bürgerlichen Parteien und ihre Presse entfesseln daraufhin eine Verleumdungs- und Hetzkampagne gegen den für die weltliche Schule eintretenden Löwenstein. So schreibt die "Deutsche Zeitung" am 15.9.1920 unter der Überschrift "Goj Löwenstein":
"Erst Adolf Hoffmann als Kultusminister, dann Curt Kerlöw-Löwenstein als Oberschulrat von Berlin; diese beiden Dissidenten und religionslosen Radikalen sind zwei würdige Vertreter der USPD... Nichts ist bezeichnender für die herrschende Richtung in Preußen, als daß ein Klippschüler Adolf Hoffmann das Zepter im Kultusministerium schwingen konnte, und daß ein Mann wie Kerlöw-Löwenstein in einer christlichen Gemeinde von der Bedeutung Berlins die Schule zu reformieren berufen werden soll, obwohl er nicht einmal das Staatsexamen bestanden hat und von praktischer Pädagogie nichts versteht. Daneben lebt er, wie man sich in Charlottenburg öffentlich u.a. in der Stadtverordnetenversammlung erzählt, mit der deutschen Sprache auf dem Kriegsfuß, und zwar besonders dann, wenn er jüdelt oder gar jiddisch spricht... Man ist gespannt darauf, ob die Staatsregierung einen Mann wie Löwenstein bestätigen und ob sie es auf einen Sturm in der Bürgerschaft ankommen lassen will, der sicherlich ob dieser jüdischen Herausforderung entfesselt wird. Kerlöw-Löwenstein mag sich mit seinem Deutsch für Polen, die Tschechoslowakei, oder Sowjet-Rußland vielleicht als Oberschulrat eignen, nicht aber für Berlin."
Den Forderungen der Gegner der Wahl nachkommend, verweigert der der Deutschen Demokratischen Partei angehörende Oberpräsident von Brandenburg im November 1920 die Bestätigung der Berufung Löwensteins zum Oberschulrat. 1921 wird Kurt Löwenstein in Berlin-Neukölln zum Stadtrat für Volksbildungswesen gewählt. Bis 1933 schafft er in dieser Position, gemeinsam mit Fritz Karsen, modellhafte Einrichtungen im Bildungswesen: Weltliche Schulen werden eingerichtet, Schulgelder an höheren Schulen werden nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt, Schulkindergärten werden ausgebaut, die Schulspeisung im größeren Rahmen eingeführt, an Volksschulen werden Aufbauklassen eingerichtet, die zum Abitur führen. Arbeiter-Abiturienten-Kurse machen es Arbeitern möglich, sich ohne den Besuch einer höheren Schule auf die Reifeprüfung vorzubereiten. Im "Neuköllner Tageblatt" ist dazu am 15.10.1926 unter dem Titel "Neue Bildungsmöglichkeiten" u.a. zu lesen:
"Man hat Arbeiter-Abiturientenkurse eingerichtet. Begabte und energische Arbeiter und Arbeiterinnen im Alter von 18 - 30 Jahren wurden in Kursen zusammengefaßt, die diese jungen Menschen in drei bis vier Jahren für den Universitätsbesuch vorbereiten sollten. Die Teilnehmer müssen täglich sechs und mehr Stunden als Handarbeiter tätig sein, um sich den Lebensunterhalt zu erwerben. Selbstverständlich wurden an die Lernenden große Anforderungen gestellt, aber man vermeidet es, die jungen Menschen zu drillen und ihnen das Pensum einzupauken. Veranstalter der Kurse, zu denen sich die Teilnehmer aus ganz Deutschland zusammenfinden, ist das Reich. Den Bemühungen unseres Stadtrats Dr. Löwenstein gelang es, nachdem die Stadt ihre Zustimmung erteilt hatte, die Kurse in Neukölln, im Kaiser-Friedrich-Realgymnasium abzuhalten." (vgl. Signaturen 3, 14 A, 35).
Die von Kurt Löwenstein propagierte "Erziehungsorganisation der Arbeiterklasse", die Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde Deutschlands (RAG), wird am 13.11.1923 gemeinsam vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund, dem Hauptausschuß der Arbeiterwohlfahrt, der Sozialistischen Arbeiterjugend, dem SPD-Parteivorstand, dem Zentralbildungssekretariat der SPD und der Arbeitsgemeinschaft Berliner Kinderfreunde gegründet. Reichstagspräsident Paul Löbe wird ihr erster Vorsitzender. Im August 1924 findet die 1. Reichskonferenz der Kinderfreunde Deutschlands in Leipzig statt, die die satzungsmäßigen und organisatorischen Rahmenbedingungen für die Arbeit der RAG schafft. Zum Vorsitzenden wird Kurt Löwenstein gewählt, der dieses Amt bis zu seiner Flucht aus Deutschland innehat.
In diesem Amt wird er der geistige Mentor und organisatorische Motor der Reichsarbeitsgemeinschaft, die bis zu ihrer Auflösung 1933 auf 130.000 Kinder, 10.000 Helfer und 60.000 Eltern heranwächst.
Markenzeichen der Kinderfreunde sind ihre Kinderrepubliken, in denen versucht wird, die Forderung nach Gleichheit und Demokratie im Erziehungsprozeß als Voraussetzung zur Entwicklung des politischen Selbstbewußtseins umzusetzen, "Kinder aus ihrer aufgezwungenen Rolle der Infantilität soweit als möglich zu befreien und als mündige Wesen im Erziehungsprozeß wahrzunehmen" (Heinrich Eppe: Erziehung für eine Zukunft, die nicht kam?, Oer-Erkenschwick 1989).
An den von den Kinderfreunden veranstalteten Falkenrepubliken nehmen zwischen 1927 bis 1932 ca. 67.000 Kinder teil (vgl. Signaturen 3, 15 B, 15 C, 16 A, 16 B, 36, 37, 38, 39, 40, 58, 108 A + B, 109, 110, 187).
Daneben ist Kurt Löwenstein von 1924 bis 1933 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Lehrer und Lehrerinnen Deutschlands (vgl. Signaturen 3, 14 B, 15 A, 30, 31, 32, 33, 37, 40, 111), Mitglied des Vorstandes des Sozialistischen Kulturbundes (vgl. Signaturen 15 A, 33, 34) und des Reichsausschusses für sozialistische Bildungsarbeit (vgl. Signatur 39).
1922 wird auf einer Konferenz bei Salzburg eine vorläufige Internationale Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Erziehungsorganisationen geschaffen, die sich auf ihrem Gründungskongreß in Hannover im Januar 1924 mit der Unterstützung des Internationalen Gewerkschaftsbundes und der Sozialistischen Arbeiter-Internationale als Internationale Sozialistischer Erziehungsorganisationen (ISE), später Sozialistische Erziehungs-Internationale (SEI), konstituiert. Der Kongreß wählt Kurt Löwenstein zum Vizepräsidenten der Organisation, ein Amt, das er bis 1934 ausübt (vgl. Signaturen 29, 176). Am 30. Januar 1933 wird Hitler deutscher Reichskanzler. Zwei Wochen später erscheint im "Kampfblatt der national-sozialistischen Bewegung Großdeutschlands" ein Artikel, in dem es zu Kurt Löwenstein heißt:
"... der gefährlichste Vertreter des marxistischen Herrschaftsflügels ... Gefährlich ist er umdeswillen, als er schon bei der unmündigen Jugend die Entdeutschung mit allen Mittel jüdischer Rabulistik, mit allen international-pazifistischen Verdummungsmethoden zu bewirken bestrebt ist" ("Völkischer Beobachter", 16.2.1933, zit. nach Andreas Paetz: Die politischen und schulpolitischen Positionen Kurt Löwensteins und sein Wirken in der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde Deutschlands, Berlin/O. 1990).
Wie verhaßt er den braunen Machthabern ist, bekommt Löwenstein am späten Abend des 27. Februar 1933 zu spüren. Bewaffnete SA bricht in die Wohnung ein, verwüstet das Arbeitszimmer und feuert durch die Türen in das Schlafzimmer. Der von den Nachbarn gerufenen Berliner Polizei gelingt es nach einiger Zeit, die SA-Leute aus der Wohnung zu entfernen (vgl. Signaturen 17 C, 59, 61).
Am selben Abend brennt der Reichstag. Kurt Löwenstein entschließt sich, Berlin zu verlassen. Er geht zunächst nach Sachsen und von dort nach Bodenbach, wo er bei Willi Hocke, dem Sekretär der sudetendeutschen Roten Falken, unterkommt. Seine Frau Mara und sein Sohn Dyno folgen wenige Wochen später. Seine Mandate als Stadt- und Bezirksverordneter sowie als Reichstagsabgeordneter legt er im März nieder (vgl. Signatur 17 C).
In einem undatierten maschinenschriftlichen Entwurf schreibt Kurt Löwenstein:
"Ich habe Deutschland mit meiner Frau und meinem Sohn aus politischen Gründen verlassen, da ich als Reichstagsabgeordneter der Sozialdemokratischen Partei, als Vorsitzender der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde und als Stadtrat für das Neuköllner Schulwesen besonders exponiert und bei den jetzigen Machthabern in Deutschland verhaßt war. Nach einem nationalsozialistischen Mordanschlag, der auf mich nachts in meiner Wohnung verübt wurde, und bei dem auch acht Schüsse durch die Schlafzimmertür gefeuert wurden, verließ ich Deutschland in der Meinung, nach ein bis zwei Wochen wieder zurückkehren zu können. Ich wollte diesen Aufenthalt in der CSR dazu benutzen, pädagogische Studien in diesem Lande zu machen. Da aber die Verhältnisse sich in Deutschland noch nicht beruhigt haben, eine Reihe von sozialdemokratischen Abgeordneten und Funktionären auch heute noch in Schutzhaft gefangen gehalten werden und auch gegen mich weitere Drohungen von den Nationalsozialisten geäußert wurden, mußte ich meine Absicht, nach Deutschland zurückzukehren, vorläufig noch hinausschieben" (Vgl. Signatur 1).
Nächste Station der Löwensteins ist Prag, wo sie bei der Familie des Optikers Deutsch wohnen. In der CSR hält Kurt Löwenstein neben seiner publizistischen Tätigkeit Vorträge und Kurse für den Arbeiterverein Kinderfreunde für die Tschechoslowakische Republik ab (vgl. Signaturen 59 bis 61).
Im Sommer 1933 nimmt er als Mitglied der Exekutive der Sozialistischen Erziehungs-Internationale an der Internationalen Falkenrepublik in Ostende teil (vgl. Signaturen 1, 119). Im Spätsommer d.J. beschließt die Familie Löwenstein nach Frankreich zu gehen und zieht in das 15 km südlich von Paris liegende Dorf Draveil (vgl. Signaturen 59 bis 61).
Aufgrund der politischen Entwicklung in Deutschland und Österreich, dem Sitz der Sozialistischen Erziehungs-Internationale, beschließt das Exekutivkomitee der SEI im März 1934 auf seiner Sitzung in Zürich eine provisorische Neugliederung der Internationale: Die Zentrale der SEI wird an den Wohnort des geschäftsführenden Vorsitzenden Kurt Löwenstein verlegt, das Büro des Arbeitervereins Kinderfreunde in Bodenbach soll die angeschlossenen Organisationen in Osteuropa betreuen. Diese Neuregelung wird auf der Exekutivsitzung im August 1935 in Verneuil l'Etang endgültig beschlossen.
Von Draveil aus reorganisiert und erweitert Löwenstein die Sozialistische Erziehungs-Internationale und ist maßgeblich an Vorbereitung und Durchführung der internationalen Falkenrepubliken beteiligt.
Unter seiner Leitung gibt die Internationale ihren Pressedienst "SEI-Dienst" und ihr in mehreren Sprachen erscheinendes Informationsorgan "Helfer" heraus (vgl. Signaturen 112 bis 131, 147 bis 157, 163 bis 173, 180 bis 185).
Daneben ist Kurt Löwenstein ab 1934 im Vorstand der französischen Kinderfreundebewegung, den Amis de l'Enfance Ouvriere (AEO), tätig. Nach Auseinandersetzungen mit Teilen des Bureau Central der AEO, die nicht frei von germanophoben Untertönen sind, scheidet Löwenstein 1937 aus der Führung der AEO aus (vgl. Signaturen 1, 76, 132).
Im August des selben Jahres wird ihm und seiner Familie die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt (vgl. Signatur, 1).
Über seine Tätigkeit in der internationalen Falkenbewegung hinaus ist Löwenstein nicht nur weiterhin publizistisch und wissenschaftlich tätig, so u.a. für die "Deutschland-Berichte" der Sopade, das Internationale Berufssekretariat der Lehrer und das International Institute of Social Research, New York (vgl. Signaturen 41 bis 50), sondern arbeitet auch in den Vorständen der Arbeiter-Wohlfahrt Paris (vgl. Signatur 133), des Verbands Deutscher Lehrer-Emigranten (vgl. Signatur 134), des Vorstands der Zentralvereinigung der deutschen Emigration (vgl. Signatur 135) und im Arbeitsausschuß der Deutschen Opferhilfe, Paris (vgl. Signatur 136).
Die Anstrengungen seiner Arbeit und die Enttäuschung über die politische Entwicklung in Europa bleiben jedoch nicht ohne Folgen: Anfang Mai 1939 erkrankt Kurt Löwenstein schwer. An seinem letzten Tag sagt er:
"Man kann vielleicht mit vielem, was ich gewollt habe, nicht einverstanden sein, aber niemand kann sagen, daß mein Wille nicht gut gewesen sei" (vgl. Dyno Löwenstein: Kurt Löwenstein. Eine biographische Skizze, in: Kurt Löwenstein: Sozialismus und Erziehung. Eine Auswahl aus den Schriften 1919-1933. Neu herausgegeben von Ferdinand Brandecker und Hildegard Feidel-Mertz, Bonn-Bad Godesberg 1976).
Am 8. Mai 1939 erliegt Kurt Löwenstein einem Herzinfarkt.
Am 13. Mai 1939 wird Kurt Löwenstein auf dem Friedhof Pere Lachaise in Paris beigesetzt. Einen Tag später ist im "Le Populaire" unter der Überschrift "Les obsèques de Kurt Loewenstein" zu lesen:
"Die Roten Falken haben mit Kurt Löwenstein einen großen Freund verloren. Sie kamen gestern zum Friedhof Père Lachaise, um ihm einen letzten Beweiß ihrer Freundschaft und Zuneigung zu geben. Sie sind in Uniform da. Sie tragen blaue Jacken und halten stolz die roten Fahnen. Die Kränze sind zahlreich. Betrachten wir zuerst die der AEO und die der SAI, der [Sozialistischen Arbeiter-] Internationale, der Sozialistischen Jugend, der Sozialistischen [Sozialdemokratischen] Partei Deutschlands, der Gruppe Neu Beginnen, der deutschen Sektion des Internationalen Gewerkschaftsbundes, des Matteotti-Komitees, des Hilfswerks der deutschen Sozialisten, der österreichischen Sozialisten, schließlich der Kranz von Mara und Dyno, der Frau und des Sohns des Verschiedenen, gleichzeitig seine Genossen und ergebenen Mitarbeiter.
Unter den Anwesenden, Franzosen und Ausländern, möchten wir folgende nennen: Suzanne Buisson, Delegierte der den Roten Falken nahestehenden CAP;
Salomon Grumbach; Poggioli; Godart und Maubert vom Zentralbüro der AEO;
für Deutschland Paul Hertz und die Genossin Hertz, Wels, Stampfer, Breitscheid, Wagner, Schiff, Glaser, Schmidt und viele andere: für die russischen Sozialisten Schwarz, dann eine große Anzahl unserer Genossen der österreichischen Freiheitsbewegung.
Die Kinderfreunde anderer Länder hatten ihre Repräsentanten gesandt. Henry Fair für die englische Bewegung, Nihon und van Overloop für die belgische Bewegung, Schneeberger für die Schweizer Bewegung.
Die Roten Falken mit ihren Fahnen nehmen die linke und rechte Seite der Bühne ein, deren Stufen unter Blumen verschwinden. Neben anderen senkt sich eine Emigranten-Fahne, die der Roten Falken Wiens, vor den sterblichen Überresten und der von Schmerz überwältigten Mara Löwenstein.
Dann folgen die Redner. Paul Hertz spricht als erster im Namen der deutschen Sozialdemokraten: 'Löwenstein liebte die Menschen, weil sie den Sozialismus liebten. Sein Name wird immer mit den Roten Falken verbunden sein. Jeder Falke sah in >Kurt< seinen Vater und Freund.'
Wagner spricht für die Zentralvereinigung der deutschen Emigration; Fair im Namen der englischen Freunde und andere Redner ehren auf deutsch, flämisch, jiddisch und französisch den Mann und sein Werk, das immer überleben wird. Als letzter offizieller Redner drückt Godard im Namen der AEO seine Liebe und Bewunderung für Löwenstein aus:
'Er kam 1930 nach Frankreich, um mit 200 deutschen Roten Falken in Draveil zu zelten... Draveil war der Ausgangspunkt der Kinderfreundebewegung in Frankreich. 1933 verbannt kehrte er dorthin zurück... Er war uns ein wertvoller Führer, ein treuer und ehrlicher Freund; groß durch die Klarheit seines Geistes, die Geschlossenheit seiner pädagogischen Konzeptionen, groß auch durch seinen unerschütterlichen Glauben an den Sozialismus. Er, der emigriert ist, stärkt die Entmutigten und Zögernden. Seine Lehren werden nicht verloren sein.'
Dann einige Worte eines persönlichen französischen Freundes... Dann sagt eine österreichische Genossin der Roten Falken ein Gedicht auf, das das so reiche und edle Leben dieses großen Freundes der Kleinen wiedergibt.
Die Fahnen neigen sich aufs neue, die Falken singen. Die bewegende Zeremonie auf dem Friedhof ist beendet.
Der Trauerzug formiert sich und begibt sich zum Grab, wo die Urne heruntergelassen wird. Die Genossen, die jungen und die alten, verlassen den Friedhof, entschlossen, den Lehren und dem Beispiel des Verblichenen zu folgen."
(vgl. Signatur 4).

Zum Bestand

Der Nachlass Kurt Löwenstein gelangte in zwei Lieferungen in das Archiv der sozialen Demokratie. Der erste, kleinere Teil wurde von Ferdinand Brandecker, der diesen Nachlassteil für seine Arbeiten über Kurt Löwenstein und die Kinderfreundebewegung auswertete und ordnete, 1977 an das AdSD abgegeben. Der zweite, weitaus umfangreichere Teil wurde dem Archiv 1990 von dem in New York lebenden Sohn Kurt Löwensteins, Dyno, überlassen.

Die Zusammenführung der beiden Nachlasssegmente machte eine völlige Neuordnung des Bestandes notwendig. Der Nachlass umfasst bis auf wenige Einzelstücke aus den 60er Jahren einen Zeitraum von 1905 bis 1940.

Die Aktengruppe Persönliche/biographische Unterlagen ist unterteilt in: - Ausweise, Bescheinigungen, Urkunden (1911- 1962, wobei es sich zum Teil um Kopien handelt)

  • Rechnungsunterlagen (1933 - 1940) - Veröffentlichungen zur Person (1919 - 1966)
  • Tod Kurt Löwensteins (1939 - 1969)
  • Unterlagen aus der Studienzeit (1905 - 1911)
  • Persönliche Unterlagen Mara Löwensteins (1914 - 1930)
  • Persönliche Unterlagen Dyno Löwensteins (1924 -1937)
  • Fotos (1890 - 1957)

Die Aktengruppe Publizistische Tätigkeit des Nachlassers gliedert sich in:

  • Exzerpts-, Diktats- und Entwurfshefte (1911 - 1935)
  • Publikationen Kurt Löwensteins (1906 - 1939)

Der Schwerpunkt der Aktengruppe Allgemeine Korrespondenz (1909 - 1962) erstreckt sich auf die Jahre 1933 bis 1939. Die Aktengruppen, in denen sich Unterlagen über die politische Tätigkeit von Kurt Löwenstein befinden, sind:

  • Tätigkeit als Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (1918-1922)
  • Tätigkeit als Mitglied des Deutschen Reichstags (1925 - 1933)
  • Tätigkeit als Vorsitzender der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde Deutschlands (1926 - 1933)
  • Tätigkeit als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Lehrer und Lehrerinnen Deutschlands (1924 - 1933)
  • Tätigkeit im Vorstand der Sozialistischen Erziehungs-Internationale (1925 - 1940)
  • Tätigkeit im Vorstand der Amis de l'Enfance Ouvriere (1933 - 1939)
  • Tätigkeit im Vorstand der Arbeiter-Wohlfahrt Paris (1934 - 1938)
  • Tätigkeit im Vorstand des Verbands Deutscher Lehrer-Emigranten (1935 - 1938)
  • Tätigkeit im Vorstand der Zentralvereinigung der deutschen Emigration (1936 - 1939)
  • Tätigkeit im Arbeitsausschuß der Deutschen Opferhilfe (1938 - 1939)

Die Aktengruppe Sammlungen ist unterteilt in:

  • Organisationen (1905 - 1939)
  • Periodika (1912 - 1940)
  • Presseausschnitte (1921 - 1940)
  • Materialien Dritter (1902 - 1938)

Desweiteren gehören zum Nachlass Kurt Löwenstein ein Fazikel Fragmente, die sich keiner der oben aufgeführten Aktengruppen zuordnen ließen, sowie 3,5 laufende Meter Bücher und Broschüren.
Nach der Bearbeitung hat der Bestand einen Umfang von 15,45 laufenden Metern und 191 Signaturen.

Kurt Löwenstein im Online-Katalog Bibliothek der FES