Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut des DGB (WWI/WSI)
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut des DGB (WWI/WSI)
Bestand: 167,00 lfd.m.
Laufzeit: 1946 - 1995
(Stand: 30.6.2003)
Zur Organisationsgeschichte
Für Männer wie Erich Potthoff und Viktor Agartz, die die Hilflosigkeit der deutschen Gewerkschaften angesichts der katastrophalen Folgen der Weltwirtschaftskrise und ihr unheilvolles Schicksal in der Agonie der Weimarer Republik miterlebt hatten und denen schlechte Erfahrungen sowohl mit der bürgerlichen als auch mit der marxistischen Wissenschaft gegenwärtig waren, stellten dies einige der Motive dar, um bereits früh über die Bildung eines gewerkschaftseigenen wirtschaftswissenschaftlichen Institutes nachzudenken und sich schon vor dem endgültigen Zusammenbruch des Hitlerregimes mit Hans Böckler über eine solche Gründung zu verständigen.
So konnte bereits im Frühjahr des Jahres 1946 ein wirtschaftswissenschaftliches Institut geschaffen werden, welches zunächst eine Einrichtung der Bundesleitung der Gewerkschaften in der britischen Zone war, die zusammen mit der deutschen Wirtschaftsverwaltung für diesen Teil des von den Alliierten besetzten Deutschlands ihren Sitz im westfälischen Minden hatte. Leitidee seit Neugründung der Gewerkschaften war die Wirtschaftsdemokratie in Form der Mitbestimmung von Arbeitnehmern und ihren Gewerkschaften. Infolgedessen betraute die Gewerkschaftsführung in der britischen Zone das WWI von Anfang an mit der Aufgabe, für die Gestaltung der Mitbestimmung seinen empirischen Sachverstand einzusetzen.
In den ersten Jahren jedoch spielten Überlegungen zur künftigen Ordnung der deutschen Wirtschaft im Forschungsspektrum des WWI eine eher untergeordnete Rolle. Zu groß waren die Alltagsnöte der Arbeitnehmer und ihrer Familien. Themen, mit denen sich die MitarbeiterInnen des Instituts befaßten, waren Agrarproduktion, Nahrungsmittelverteilung, Brennstoffversorgung oder die Beschaffung von Kunstdünger. Nach der Währungsreform dann führte das inzwischen in Köln ansässige WWI die erste große Erhebung über Ausgaben von Arbeitnehmerhaushalten durch, zum einen, um die Lebensverhältnisse der großen Bevölkerungsmehrheit unmittelbar abbilden zu können, zum anderen aber auch, um der gerade neu belebten amtlichen Statistik konkrete Daten präsentieren zu können, und somit den Gewerkschaften wichtige Argumente in der Startphase ihrer autonomen Tarifpolitik nach fast 20 Jahren staatlicher Reglementierung an die Hand geben zu können.
Erich Potthoff wurde erster Geschäftsführer des WWI unter einem aus Böckler, Agartz und Prof. Kuske gebildeten Präsidium. Im Sommer 1948 erschien die erste Nr. der Mitteilungen des WWI, die anfangs eine knappe Zusammenstellung statistischer Informationen für Gewerkschaftsfunktionäre darstellten, 1949 aber bereits eine Auflage von 4000 Stück erreichten. Bis 1949 stieg die zunächst kleine Zahl der MitarbeiterInnen nach Einbeziehung der Mindener Abteilung Statistik und Wirtschaftsbeobachtung von Rolf Wagenführ stark an. 1949 trat Viktor Agartz in die Institutsleitung ein. Neben dem in der Satzung von 1951 verankerten Auftrag der "Unterstützung der Arbeit des DGB durch Untersuchungen und Veröffentlichungen auf der Grundlagen von wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen" betrieben viele Geschäftsführer und Referenten des WWI aber auch intensive und unmittelbare Gewerkschaftspolitik. So machte Ende des Jahres 1953 Agartz' Konzept der "Expansiven Lohnpolitik" Furore. Es kam zu Spannungen u.a. innerhalb der im Juli 1953 noch durch Bruno Gleitze erweiterten Institutsleitung, was dazu führte, daß Agartz aus politischen Gründen Ende 1955 das WWI verlassen mußte und Gleitze sich zeitweilig beurlauben ließ.
Am 1. Juni 1954 wurde das nun umgestaltete WWI in der Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH in das Handelsregister eingetragen. Im gleichen Jahr entstand das WWI-Tarifarchiv. Nach dem Weggang von Erich Potthoff 1956 leitete Bruno Gleitze für über ein Jahrzehnt das WWI. In dieser Zeit läßt sich eine zunehmende "Akademisierung" der WWI-Forschung und eine gewisse Distanz zum Willensbildungsprozeß im DGB beobachten. Gleitze führte die Konjunkturberichte ein; seit Anfang der 60er Jahre erscheinen neben den "Mitteilungen" auch die "WWI-Schriften" und die "WWI-Studien zur Wirtschafts- und Sozialforschung".
1958 errichtete das WWI eine Außenstelle in Düsseldorf, 1963 verlegte es einen Teil seiner Forschungsstelle dorthin und im Sommer 1967 wechselten die verbleibenden Abteilungen an den neuen Standort in Düsseldorf.
Als Heinz Kühn im Dezember 1966 Bruno Gleitze zum Landesminister für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr in das nordrhein-westfälische Kabinett berief, bestellte das WWI-Kuratorium Otto Kunze und Heinz Markmann zu Geschäftsführern. Nachdem Mitte 1969 Kunze in den Ruhestand getreten war, übernahm Friedhelm Farthmann sein Amt, ihm folgte im Jahre 1976 Wolfgang Spieker, der bereits mehrere Jahre als Referent im WWI tätig gewesen war.
Die neuen Anstöße und Herausforderungen der Politik seit 1966 und noch mehr seit 1969 erhöhten den Beratungsbedarf des DGB und seiner Gewerkschaften. Neben dem Paradigmenwechsel zu neuen wirtschaftspolitischen Konzepten erhielt vor allem die Sozialpolitik größeres Gewicht. Der DGB als Träger des Instituts trug dem Rechnung, indem er Mittel für eine Aufstockung des Stellenplans bereitstellte. So traten Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre viele junge WissenschaftlerInnen in das Institut ein.
Um die Aufgabenerweiterung des WWI auch nach außen zu dokumentieren, beschloß das Kuratorium im Jahre 1971, das Institut in "Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI) des DGB" umzubenennen. Seine neue Satzung gab dem WSI neben seinen bisherigen Aufgaben den Auftrag, auch auf den Gebieten der Zukunftsforschung und des Umweltschutzes zu arbeiten. Parallel begann der Ausbau der Selbstverwaltung des Institutes mit einer gleichzeitigen Abteilungsumstrukturierung in die Bereiche "Konjunktur und Strukturforschung", "Verteilungsforschung und Gesellschaftspolitik" sowie "Verwaltung". Nach einer vierjährigen Erprobungszeit stimmte das Kuratorium dieser neuen Institutsordnung mit ihren umfangreichen Mitbestimmungskomponenten zu.
Die hereinbrechende Beschäftigungskrise der 70er Jahre und die im folgenden anhaltende Massenarbeitslosigkeit prägten auch die Arbeit des WSI nachhaltig: Konzeptionen zur Wiederherstellung der Vollbeschäftigung, Themen wie Humanisierung der Arbeit, Verbesserung der Lebensqualität, technischer Wandel oder Arbeitszeitverkürzung traten in den Vordergrund. Seit Mitte der 80er Jahre verstärkte das WSI seine Zusammenarbeit mit der Hans-Böckler-Stiftung (HBS).
Am 3. Oktober 1989 traf der DGB-Bundesvorstand seinen weitreichende Entscheidung zur "Zukunft des WSI"; zu dieser Zeit umfaßte das WSI noch 52 MitarbeiterInnen. Am 12. Mai 1993 dann fällten die WSI-Gesellschafter den endgültigen Beschluß zur Aufgabe der rechtlichen Selbständigkeit des WSI und seine Eingliederung in die Hans-Böckler-Stiftung. Ende Februar 1994 wurde das WSI faktisch zu einer besonderen Forschungsabteilung der HBS, die WSI GmbH trat zum 31.12.1994 mit Zustimmung des DGB-Bundesvorstands in Liquidation. Am 25. Januar 1995 schließlich unterzeichnete Werner Köhne für die WSI GmbH i.L. einen Vertrag mit dem AdsD zur Sicherung von etwa 160,00 lfd.m. historischen Aktengut aus der fast fünfzigjährigen Geschichte des WWI/WSI.
Zum Bestand
Am 25. Januar 1995 übernahm das AdsD durch Vertragsunterzeichnung mit der WSI GmbH in Liquidation die archivwissenschaftliche Aufgabe, etwa 160,00 lfd.m. historisches Aktengut aus der fast fünfzigjährigen Geschichte des des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) WSI des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) vormals: Wirtschaftswissenschaftliches Institut (WWI) des DGB"] zu sichern und der Forschung und interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.
Nach Überführung des umfangreichen, völlig ungeordneten und teilweise losen, verschmutzten oder schlecht erhaltenen Materials in die Magazinräume des AdsD wurde zunächst eine Grobordnung und Sichtung vorgenommen. Hierbei zeigte sich, daß die Überlieferung bereits im Jahre 1946 einsetzt und auch für die Frühzeit des WWI ungewöhnlich dicht ist.
Gegen Ende des Jahres 1997 konnte mit den Ordnungs- und Erschließungsarbeiten des Bestandes begonnen werden. Um den immensen Ordnungsaufwand zu verringern, wurde in einem ersten Schritt das ältere Archivgut (ca. 60,00 lfd.m.) aus den ersten 25 Jahren der Geschichte des WWI bis zu seiner Aufgabenerweiterung und Umbenennung in "WSI" im Jahre 1971 aus dem Gesamtbestand herausgelöst. Das so zusammengeführte Schriftgut ist vollkommen neu strukturiert, d.h. zu geeigneten Aktengruppen zusammengefasst, geordnet und unter sinnentsprechender Aktentitelbildung verzeichnet worden. Ein detailliertes Findbuch hierzu steht kurz vor dem Abschluß. Parallel zur Erfassung wurde das stellenweise sehr stark angegriffene Papier vollständig von korrodierenden Eisenteilen befreit und, soweit notwendig, umgebettet.
Dieser Altbestand umfasst neben Tätigkeitsberichten aus den Jahren 1953 bis 1968, Kuratoriumssitzungen von 1951 bis 1971 und Aufzeichnungen der Geschäftsführung von 1953 bis 1968 vor allem Schriftwechsel der damaligen Geschäftsführer bzw. Leiter des WWI: Erich Potthoff (Korrespondenzen 1948 bis 1957) und Bruno Gleitze (Korrespondenzen 1954 bis 1968). Die Akten von Viktor Agartz, seit 1949 Mitglied der Institutsleitung bis zu seinem Weggang aus dem WWI im Jahre 1955, sind an dieser Stelle nicht überliefert. Des ungeachtet haben sich einige wenige Hand- und Sachakten von bzw. zu Viktor Agartz im WWI-Bestand erhalten.
Durch eine kleine Aktenserie unsicherer Herkunft, die aus dem Zusammenhang gelöstes und zu einem früheren Zeitpunkt von unbekannter Hand zusammengestellte Einzeldokumente (darunter Schriftwechsel mit dem DGB) enthält, können trotz der vollständig zerstörten Provenienzen einige Überlieferungslücken aus der WWI-Gründungsphase geschlossen werden.
Den weitaus größten Teil des Archivgutes bilden jedoch die verschiedenen Korrespondenz-, Hand-, und Sachakten der Referent/innen des ehemaligen WWI. Sie dokumentieren in sehr unterschiedlicher Dichte deren vielfältige Tätigkeit in Arbeitskreisen und Gremien, ihre Kontakte und die breitgefächerten, im Laufe der Jahre wandelnden Forschungsprojekte. Sie umfassen weiterhin zahllose Berichte, statistische Erhebungen, Materialsammlungen, Vorarbeiten zu Veröffentlichungen und Manuskripte.
Das jüngere Aktengut aus der WSI-Zeit ab 1972 konnte inzwischen grob geordnet werden und steht für die Forschung grundsätzlich ebenfalls zur Verfügung.
Nach kleineren Nachlieferungen hat der Bestand inzwischen einen Umfang von insgesamt 167,00 lfd.m. mit einer Laufzeit von 1946 bis 1995.
