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Bestände der internationalen Gewerkschaftsorganisationen

Anstecker der Fédération Internationale des Employés, Techniciens et Cadres (FIET) (Internationaler Bund der Privatangestellten)

Einführende Bemerkungen
Vorrangiges Ziel der Gründung des Archivs der sozialen Demokratie (AdsD) im Jahre 1969 war zunächst die Sicherung und Aufbereitung des historischen Erbes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, selbst wenn das Sammelgebiet von Anfang an relativ breit angelegt war. Im letzten Jahrzehnt hat sich das AdsD auch zu einem der größten Gewerkschaftsarchive Europas entwickelt. Inzwischen lagern unter seinem Dach nicht nur nahezu alle auf deutschem Boden befindlichen Akten des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB), der bedeutendsten Vorläuferorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), sondern auch die Archive des DGB, der Deutschen Angestelltengewerkschaft (DAG) und zahlreicher deutscher Einzelgewerkschaften, darunter der IG Metall. Insgesamt umfassen allein die Archivalien der deutschen Gewerkschaftsbewegung über 10.000 lfd.m. Archivgut. Das AdsD ist darüber hinaus wegen seiner Aktenbestände aus der internationalen und europäischen Gewerkschaftsbewegung inzwischen zu einer bedeutenden Forschungseinrichtung auch für diesen Bereich geworden. Seit den sechziger Jahren sind hier Zugänge zu verzeichnen, wobei seit 1994 der Zuwachs beachtlich gestiegen ist: Über zwei Drittel des jetzt vorhandenen Aktenbestandes aus diesem Bereich gelangten innerhalb der letzten fünf Jahre in das Archiv. Der Gesamtumfang der Archivalien internationaler Berufssekretariate umfasst inzwischen 1.189,10 lfd.m. Archivgut, ergänzt durch ca. 277,55 lfd.m. Archivalien der europäischen Gewerkschaftsgliederungen.

Internationale Berufssekretariate

Bereits sehr früh war ein kleinerer, wertvoller Bestand der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF), u.a. mit Archivgut aus der Emigrationszeit, in das AdsD gelangt (Laufzeit: 1904-1952). Er wurde inzwischen durch regelmäßige aktuelle Lieferungen aus der ITF-Zentrale in London und Kopien bedeutender Altregistraturen aus dem Modern Records Centre in Warwick (Coventry), wo der ITF-Hauptbestand lagert, systematisch ergänzt.
In den achtziger Jahren übernahm das AdsD die umfangreichen Altbestände des Internationalen Metallgewerkschaftsbundes (IMB). Der Bestand reicht nahezu bis in die Anfänge des IMB zurück und bietet ein umfangreiches Bild der internationalen gewerkschaftlichen Aktivitäten, u.a. in den Sektoren der Elektroindustrie, des Stahl- und Maschinenbaus sowie der Automobilindustrie.
Als eine der großen internationalen Gewerkschaftsorganisationen übergab 1997 die Internationale Union der Lebensmittel-, Landwirtschafts-, Hotel-, Restaurant-, Café- und Genussmittelarbeiter-Gewerkschaften (IUL) ihr umfangreiches Archiv (330 lfd.m. Akten umfasste allein die Erstlieferung) an das AdsD. In diesem Archiv befinden sich sowohl Archivalien der Vorläuferorganisationen, wie z.B. der Internationalen Vereinigung der Verbände der Bäcker, Konditoren und verwandten Berufsgenossen (1907ff.), als auch Bestände von Verbänden, die später mit der IUL fusionierten, wie z.B. die Archivalien des Internationalen Tabakarbeiter-Verbandes (1945ff.) und der Internationalen Föderation der Plantagen-, Landwirtschafts- und anverwandten Arbeitnehmer (IFPLAA).
Diese Bestände bilden eine historische Ergänzung der bereits mehrere Jahrzehnte im AdsD lagernden Akten der Internationalen und Europäischen Landarbeiter-Föderation (ILF/ELF) und der 1996 übernommenen Archivalien der Europäischen Föderation der Gewerkschaften des Agrarwesens (EFA) sowie des Europäischen Ausschusses der Lebens-, Genussmittel- und Gastgewerbegewerkschaften in der IUL (EAL-IUL).
Bereits 1990 hatte die Internationale Grafische Föderation (IGF) beschlossen, ihre Altakten dem AdsD zu übergeben. Mit diesem Bestand gelangten auch eine Reihe von Altregistraturen ihrer Vorläuferorganisationen, wie z.B. Akten des Internationalen Buchdrucker Sekretariats (Laufzeit: 1889ff.), des Internationalen Buchbinder Sekretariats (Laufzeit: 1921ff.) und lückenhaft des Internationalen Lithographen-Bundes (Laufzeit: 1898ff.) in das AdsD. Dank des von Kriegseinwirkungen unberührt gebliebenen Sekretariatsstandorts in der Schweiz liegt hier eine in großen Teilen vollständige Überlieferung vor - für die Gewerkschaftsgeschichtsforschung im deutschen Sprachraum ein seltener Tatbestand.
Hervorzuheben ist ebenfalls die archivische Sicherung einer Reihe weiterer internationaler Bestände aus dem Medienbereich, die eine wichtige Ergänzung zu den Registraturen der IGF bilden. So übernahm das AdsD in den letzten Jahren die Altakten der Internationalen der Medien- und Unterhaltungsgewerkschaften (MEI), die Archivalien des Internationalen Schauspielerverbandes (FIA), der Internationalen Musiker-Föderation (FIM) und das Archivgut der Internationalen Journalisten-Föderation (IJF). Im Jahre 2000 schlossen sich Teile der internationalen Medienverbände, die IGF, MEI und Kommunikationsinternationale (KI) mit den Dienstleistungsorganisationen der Privatwirtschaft, dem Internationalen Bund der Privatangestellten (FIET) zusammen. Sie bildeten die Union Network International (UNI) mit Sitz in Nyon bei Genf. Während zuvor bereits die FIET ihre Altregistraturen ebenso wie die IGF und MEI an das AdsD abgegeben hatten, gelang es, im Vorfeld der Fusion Altakten der Vorläuferorganisation der KI, der Internationale des Personals der Post-, Telegraphen- und Telefonbetriebe (IPTT), für die Forschung zu sichern.
Unter den weiteren internationalen Organisationen, deren Bestände in den letzten fünf Jahren in das AdsD gelangten, sind die Bildungsinternationale (BI), die Internationale der Öffentlichen Dienste (IÖD), der Internationale Bund der Bau- und Holzarbeiter (IBBH) und die Internationale Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiter-Vereinigung (ITBLAV) zu nennen. Im Gegensatz zu FIET, BI und IÖD, deren Überlieferung z.T. Lücken aufweist, konnte die Übernahme der IBBH-Akten gerade rechtzeitig vor einem großen Umzug erfolgen, so dass es hier ebenso wie bei der ITBLAV gelang, das Archivgut, wenn auch nicht vollständig, bis in die Gründungsphase zurückreichend zu sichern.

Überlieferungswert

Die Bedeutung der Bestände der internationalen Gewerkschaftsorganisationen für die Forschung zur nationalen und internationalen Gewerkschaftsbewegung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Während z. B. die Aktenbestände der deutschen Gewerkschaften aus der Zeit vor 1945 durch Kriegswirren und Nazi-Herrschaft weitgehend vernichtet wurden, blieben viele Bestände der internationalen Sekretariate mit Sitz der Büros in London und in der Schweiz vom Krieg verschont. So reicht die Überlieferung sehr oft bis in die Anfänge der Gewerkschaftsbewegung zurück und ist vergleichsweise dicht.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass für die Forschung zur internationalen und europäischen Gewerkschaftsgeschichte die Quellenlage außerordentlich günstig ist. Während sich das Archivgut der internationalen und europäischen gewerkschaftlichen Dachverbände WGB (Restarchiv), IBFG und EGB im IISG (Internationales Institut für Sozialgeschichte) in Amsterdam befindet, lagern die Altregistraturen der internationalen und europäischen Berufssekretariate mit einigen wenigen Ausnahmen im AdsD. Dabei zeigt sich, dass neben den Altregistraturen der großen Internationalen, wie IUL und IMB, besonders die Überlieferung aus den Sektoren der internationalen Mediengewerkschaften und der Organisationen des Dienstleistungssektors außerordentlich breit ist. Hier existiert ein großes Feld, das bis heute noch sehr wenig von der Forschung bearbeitet worden ist.
Die Bestände im AdsD sind alle vorgeordnet und für die Forschung benutzbar. Nicht zuletzt aufgrund der Fülle des in jüngster Zeit übernommenen Materials stand die archivwissenschaftliche Sicherung und erste Vorordnung der Bestände im Vordergrund, so dass nur zu einigen, meist in früheren Jahren übernommenen Archiven Findbücher oder zumindest Teilfindmittel existieren. Da sich im AdsD sowohl die Registraturen vieler internationaler Vorläuferorganisationen als auch das Archivgut der europäischen Sekretariate befinden, lassen sich vielfach Gesamtzusammenhänge rekonstruieren. Hierbei bilden die umfangreichen Altakten der jeweiligen deutschen Gewerkschaftsorganisationen, die im europäischen und internationalen Gewerkschaftsverbund fast immer eine wichtige Rolle einnahmen und heute noch wahrnehmen, eine nicht unbedeutende Ergänzung.
Eine weitere außerordentlich hoch einzuschätzende Ergänzung für die Forschung bilden die korrespondierenden Aktivitäten der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, die teils mit Unterstützung des AdsD, teils auf eigene Initiative hin umfangreiche Bibliotheksbestände der internationalen und europäischen Berufssekretariate übernehmen konnte und inzwischen bibliothekarisch erschlossen hat. Gegenwärtig und mit Blick in die Zukunft läuft die regelmäßige Übernahme und Erschließung des aktuell produzierten Bibliotheksguts (Bücher, Broschüren, Info-Dienste und Periodika) der meisten europäischen und internationalen Berufssekretariate, z.T. durch Projekte unterstützt, kontinuierlich weiter.
Hier zeigt sich die große Bedeutung einer eng verzahnten Dienstleistungsarbeit von Archiv und Bibliothek für die Forschung. Fast immer gelangt mit der Übernahme archivischer Altbestände aus dem Gewerkschaftsbereich auch seltenes älteres Bibliotheksgut ins AdsD, was regelmäßig an die Bibliothek abgegeben wird und dort zur Schließung von Bestandslücken, z.B. bei Periodika, führt.

Akquisition

Während das AdsD sich im nationalen Gewerkschaftsbereich beim Aktenerwerb eher zurückgehalten hat und z.B. die Beratung und Unterstützung einzelner Gewerkschaften beim Archivaufbau präferierte, verfolgte man im internationalen wie europäischen Bereich bewusst die Strategie einer offensiveren Aktensicherung. Ziel war es, den Untergang historisch wertvoller Archivalien zu verhindern und dadurch eine möglichst breite Überlieferung der europäischen und internationalen Gewerkschaftsaktivitäten für die Forschung zu sichern, eine Aufgabe, die immer noch aktuell ist.
Dabei war es den MitarbeiterInnen des AdsD durchaus wichtig, dort, wo es aus Forschungsgesichtspunkten sinnvoll erschien, auch andere Archive zum Zuge kommen zu lassen. So sprachen sich Vertreter des AdsD, befragt, ob es sinnvoll sei, die Archivalien des EGB in die Obhut des IISG oder des Historischen Archivs der Europäischen Gemeinschaften in Florenz zu geben, nach Abwägung aller Argumente für das IISG aus, nicht zuletzt deshalb, weil dort bereits die Archive der anderen Gewerkschaftsdachverbände, einschließlich der Splitter einiger Berufssekretariate lagern und im Zweifel die Mehrheit der WissenschaftlerInnen inzwischen bei Projekten zur Geschichte der internationalen oder europäischen Arbeiterbewegung zunächst das IISG oder das AdsD aufsuchen.
In diesem Sinne begreift sich das AdsD gemeinsam mit der Bibliothek der Friedrich- Ebert-Stiftung als Dienstleistungseinrichtung für die Forschung und als Partner der Gewerkschaften. Insofern sind wichtige Bestandteile ihrer Arbeit eingebettet in die vielfältigen Auslandsaktivitäten, Bildungs- und Unterstützungsmaßnahmen der beiden internationalen Abteilungen der Friedrich-Ebert- Stiftung.

(Stand: 30. Juni 2003)