Geschichte des AdsD
Im Zwiespalt - Zwischen Vertragstreue und Revisionsbemühungen
"Die Interpol kommt Marx nicht auf die Spur. [...] Zumindest für einen Unbekannten, dessen Namen niemand weiß, und dem auch Interpol bisher nicht auf die Spur kommen konnte, hat Karl Marx die soziale Frage endgültig gelöst: Zur Freude der Handschriftensammler und zum Entsetzen der Archivare tauchen seit Jahren in immer größerer Zahl Manuskripte und Arbeitspapiere im internationalen Handel auf." 1
In diesem in der "Süddeutschen Zeitung" erschienenen Artikel konnte der interessierte Leser 1965 erfahren, dass mutmaßlich aus dem ehemaligen sozialdemokratischen Parteiarchiv stammende Manuskripte und Papiere von Karl Marx auf einer Auktion angeboten worden waren. Bereits in den fünfziger Jahren waren Marxiana bei solchen Gelegenheiten aufgetaucht, was den SPD-Parteivorstand veranlasst hatte, aktiv zu werden - ohne Erfolg. So schrieb der zuständige Oberstaatsanwalt am 25. Januar 1955 an Rudolf Rothe: "Ich habe das Ermittlungsverfahren eingestellt, da die Strafverfolgung gegen den unbekannten Täter [...] inzwischen verjährt ist." 2 Wie bereits zuvor wandte sich das IISG auch 1965 - unter Bezugnahme auf den Kaufvertrag über das Parteiarchiv - an den SPD-Parteivorstand: "Aus dem zweiten Absatz [des Vertrags] geht klar hervor, dass das Eigentum an den Dokumenten, die später eruiert werden, bei der SPD beruht, bis die SPD ihre Verpflichtung zur Lieferung erfüllt. Deswegen hat die Centrale das Institut [...] ermächtigt, Ihnen mitzuteilen, dass sie grossen Wert darauf legt, dass Sie das Mögliche tun werden, um die Rechte der SPD an den Marx-Dokumenten geltend zu machen, damit Sie in der Lage sind, Ihre Verpflichtungen der Centrale gegenüber zu erfüllen." 3 Bei den nun folgenden Verhandlungen mit dem Auktionshaus wurde die Versteigerung der Dokumente zwar letztlich nicht verhindert, zumindest die Anfertigung von Mikrofilmen der in Frage stehenden Archivalien für das Parteiarchiv und das IISG konnte aber erreicht werden.
Obwohl der Parteivorstand einerseits alles tat, um die Verpflichtungen, die ihm aus dem Vertrag zwischen der Sopade und dem IISG erwuchsen, zu erfüllen und in der Nachkriegszeit auftauchende Teile des verkauften Parteiarchivs dem Amsterdamer Institut zukommen zu lassen, hatte man andererseits den Gedanken, die gesamten Bestände wieder in den Besitz der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zu überführen, nicht aufgegeben.
Federführend bei den Versuchen, einen Rückkauf der Archivbestände zu erreichen, waren der Schatzmeister der SPD, Alfred Nau, und Fritz Heine, der 1958 als Geschäftsführer zur Konzentration GmbH gewechselt war. So reiste der Hausanwalt des SPD-Parteivorstandes Herbert Allerdt im April 1961 in die Niederlande, um mit dem Direktor des IISG, Adolf Rüter 4, in diesem Sinne zu verhandeln. Unter Hinweis auf die Zwangssituation in den 1930er Jahren trug Allerdt das "Begehren des Parteivorstandes auf Rückgängigmachung des Kaufs gegen Zurückzahlung des Kaufpreises" vor. Darauf "erfolgte von Professor Dr. Rüter ein scharfes und unmissverständliches Nein als einzige Antwort." 5 "Unsere Enttäuschung und Erbitterung über die Ablehnung unserer Wünsche war riesengross. [...] Alfred Nau [...] und ich [...] wollten die Amsterdamer verklagen, weil wir uns im Recht glaubten. Unsere Absicht ist am Veto des damaligen Vorsitzenden Erich Ollenhauer gescheitert, der - sicher zu Recht - fürchtete, dass eine Klage zu starker Verstimmung der holländischen Partei führen werde." 6 Hatte sich die Sopade denn 1938 kein Rückkaufsrecht gesichert? Ein Beteiligter der damaligen Verkaufsverhandlungen erinnerte sich - Boris Nikolaevsky: "Erst sagte de Lieme zu, später aber äußerte er sich, er sei, nach Besprechung mit Juristen und Mitgliedern der Bankverwaltung, zu der Überzeugung gekommen, dass er kein Recht habe, laut Statut der Bank, derartige Abmachungen zu billigen. Aber er machte den Vorschlag, den formellen Verkauf des Archivs durchzuführen [...], aber mit dem Zusatz einer Art ‚Gentleman's Vereinbarung' über das Recht des Vorstandes, unter veränderten Umständen, [das] Archiv zurück zu erhalten. [...] War diese ‚Gentleman's Vereinbarung' schriftlich festgelegt worden? Ich glaube es schon. [...] Sowohl Wels als auch de Lieme erwähnten es mir gegenüber." 7 Da sich aber ein entsprechender Nebenvertrag (bis heute) nicht finden ließ, entschloss sich der Parteivorstand, letztendlich von einer juristischen Auseinandersetzung mit dem IISG abzusehen. Was blieb, war eine Jahre andauernde Verstimmung zwischen der Leitung des Amsterdamer Instituts und der SPD. 8
Fussnote 1: "Süddeutsche Zeitung" 12.11.1965, S. 3.Zurück
Fussnote 2: Karl Marx stückchenweise, in: "Vorwärts" 24.11.1965.Zurück
Fussnote 3: Schreiben IISG an Nau, 22.10.1965, in: AdsD, Bestand ATH Allerdt.Zurück
Fussnote 4: Adolf Rüter (1907-1965), Historiker, 1951-1965 Direktor des IISG.Zurück
Fussnote 5: Vermerk betr. Parteiarchiv, 4.5.1961, in: AdsD, Bestand ATH Allerdt.Zurück
Fussnote 6: Schreiben Heine an Theo Pirker, 8.9.1982, in: AdsD, Bestand Fritz Heine, Sign. 251; Theo Pirker (1922-1995), Soziologe, ab 1972 Professor an der Freien Universität Berlin.Zurück
Fussnote 7: Nikolaevsky an Heine, 7.3.1965, AdsD, Bestand Fritz Heine, Sign. 25.Zurück
Fussnote 8: Siehe dazu: AdsD, Bestand Waldemar von Knoeringen, Sign. 524 (IISG); Waldemar von Knoeringen (1906-1971), von Beruf Verwaltungsangestellter, 1926 Eintritt in die SPD, 1933 Exil in Österreich, 1934 in die CSR, dort bis 1938 Grenzsekretär der Sopade, 1938 nach Frankreich, 1939 nach Großbritannien, 1946 Rückkehr nach Deutschland, 1946-1970 Mitglied des Bayerischen Landtags, 1949-1951 des Bundestags, 1958-1962 stellvertretender Vorsitzender der SPD, 1961-1966 im Beirat des IISG.Zurück


