Geschichte des AdsD
Im Krieg - Die Odyssee der Bestände
"Reichsleiter Rosenberg hat beim Führer beantragt: 1. die Staatsbibliotheken und Archive nach für Deutschland wertvollen Schriften [...] zu durchforschen und das in Betracht kommende Material beschlagnahmen zu lassen. Der Führer hat angeordnet, dass diesem Vorschlag zu entsprechen sei und dass die Geheime Staatspolizei - unterstützt durch die Archivare des Reichsleiters Rosenberg - mit den Nachforschungen betraut werden." 1
Am 15. Juli 1940, zehn Tage nach diesem Befehl, wurde das Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis durch die SS geschlossen. Doch die Erwartungen der Nationalsozialisten wurden enttäuscht: Bereits nach Abschluss des "Münchner Abkommens" 2
am 29. September 1938 war die Leitung des IISG zu der Überzeugung gekommen, dass die Bestände und Sammlungen in Amsterdam nicht mehr sicher waren. So hatte man zwei Wege beschritten: Zum einen wurde im November 1938 begonnen, die wertvollen Buch- und Periodikabestände sowie einzigartige Archivbestände wie den Marx-Engels-Nachlass des IISG, die zum Schein an die Stanford University verkauft worden waren 3, nach England zu verlagern. Diese Aktion musste dann nach Kriegsbeginn abgebrochen werden. Die nach England gebrachten Materialien wurden schließlich in einem vom IISG gemieteten Gebäude in Oxford untergebracht. Zum anderen wurde ein Großteil der Bestände der Pariser Filiale des IISG, unter ihnen auch Teile des SPD-Parteiarchivs, von Boris Nikolaevsky nach Rücksprache mit der Zentrale in Amsterdam im Mai 1940 in ein Ausweichquartier in Amboise verbracht. So fanden die deutschen Militärbehörden, nach der Besetzung von Paris, in den Räumen der IISG-Filiale nur noch Restbestände vor. Als die Gestapo wenige Tage später in Amboise erschien, waren die wertvollsten Archivalien wie die Nachlässe von Motteler, Jung sowie das Archiv Karl Kautskys, das dieser 1938 vor seiner Flucht aus Wien dem IISG verkauft hatte, in Kisten verpackt an einem sicheren Ort vergraben worden. Nikolaevsky selbst hatte es noch vor seiner Flucht in den unbesetzten Teil Frankreichs geschafft, die Protokolle des Generalrats der I. Internationale in die USA transportieren zu lassen, wo sie bis zur ihrer Rückgabe im Jahre 1958 in der Library of Congress verwahrt wurden.
Die Materialien, die den deutschen Besatzern in Paris und Amboise in die Hände fielen, wurden nach Deutschland verbracht, wo sie nach Kriegsende von einer der bereits erwähnten Trophäenkommissionen der Roten Armee sichergestellt wurden. Nach einer im Jahre 2001 geschlossenen Vereinbarung zwischen den Niederlanden und Russland über die Rückgabe dieser Archive an das IISG konnte das Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis im Januar 2002 die ersten dieser Bestände, darunter das in Frankreich beschlagnahmte Archiv des Sekretariats der Sozialistischen Jugend-Internationale, in Empfang nehmen. 4
Den Vorstand der Exil-SPD traf der Kriegsbeginn besonders hart: Bei der Flucht vor den herannahenden deutschen Truppen musste ein beträchtlicher Teil des Erlöses aus dem Verkauf des Parteiarchivs zurückgelassen werden: "Dieser Betrag ist zu einem erheblichen Teil noch erhalten gewesen und in Banksafes, in Devisen und auf Bankkonten bzw. bar vorhanden gewesen." Ferner hatte die Sopade eine "relativ umfangreiche Bibliothek wieder zusammengestellt. [...] Dazu kam ein umfangreiches, höchst wertvolles Dokumentar-Archiv, das sowohl Dokumente aus der Emigrationszeit umfasste, wie noch Archivstücke aus den Resten des ehemaligen Parteiarchivs in Berlin, die ins Ausland gerettet und nicht verkauft waren." 5
Auch diese Unterlagen verfielen der Beschlagnahme. Weitere Materialien des SPD-Parteivorstands wurden von der Gestapo in einem Schließfach aufgefunden. Im Begleitschreiben an das Reichssicherheitshauptamt hieß es lakonisch:. "Der Inhalt dieses Faches wird in den Anlagen zum größten Teil übersandt. Der Rest [...] folgt in einer Kiste mit anderen Emigrantenmaterialien zusammen. Der Inhalt der meisten Mappen besteht aus den Protokollen der Vorstandssitzungen des Parteivorstandes aus den Jahren 1933-1939." 6
Diese Unterlagen befinden sich heute im Bundesarchiv Berlin 7, Kopien der Vorstandsprotokolle der Sopade im Archiv der sozialen Demokratie.
In Amsterdam begannen inzwischen Mitarbeiter des sog. Einsatzstabs Rosenberg, das IISG sowie weitere Archive und Bibliotheken nach interessanten Materialien zu durchforsten, die in ein nach dem Kriege unter dem Namen "Hohe Schule" zu gründendes "Zentrales Forschungsinstitut für nationalsozialistische Weltanschauung und Erziehung" eingebracht werden sollten. Es kam allerdings zu langwierigen Auseinandersetzungen zwischen Rosenberg, Reinhard Heydrich 8, der Deutschen Arbeitsfront unter Robert Ley 9 und schließlich dem Reichskommissar für die besetzten Niederlande, Arthur Seyss-Inquart 10, die jeweils Anspruch auf die Bestände des IISG erhoben. Als eine Gefährdung des Instituts durch Bombardierung nicht mehr auszuschließen war, wurde mit der Überführung der Bestände in das Reichsgebiet begonnen. Im August 1943 verließ ein erster Transport (776 Kisten) mit Bestimmungsort Annenheim in Kärnten Amsterdam, im Juni 1944 folgte ein weiterer von 271 Kisten mit dem Zielort Ratibor. Anfang November 1944 wurden schließlich die Restbestände des IISG nach Deutschland verfrachtet: "Das gesamte Material ist nunmehr in 11 Kähnen von 100-150 T[onnen] verpackt. Die Kähne liegen abmarschbereit im Hafen von Amsterdam." 11
In Emden wurden die Kisten dann auf zwei Schleppkähne, die "Komet" und die "Alkmaar", umgeladen.
Sofort nach dem Kriege begann das IISG mit der Suche nach seinem Archiv- und Bibliotheksgut.
Im Februar 1946 wandte sich der deutsche Emigrant Werner Blumenberg im Auftrag des Instituts mit der Bitte an die SPD, bei der Auffindung der nach Deutschland verbrachten Materialien zu helfen - eine Bitte, die allerdings mit der Drohung verbunden war, dass für den Fall, dass die Bibliotheksbestände nicht gefunden würden, die Niederländer die Absicht hätten, "die Bücher aus deutschen Bibliotheken zu fordern. Das wäre" - so bemerkte Blumenberg - "für uns, die wir an sozialistischer Literatur entsetzlich verarmt sind, ein kaum zu tragender Verlust." 12
Bereits im April 1946 konnte Erich Ollenhauer nach Amsterdam berichten, dass die Schiffe mit dem Schriftgut des IISG von Hannoverschen Parteimitgliedern entdeckt worden seien: "Die erste flüchtige Feststellung hat ergeben, dass die meisten Kisten uneröffnet sind und dass anscheinend alle direkten Archivsachen vorhanden sind." 13 Die Kisten wurden dann im Laufe des Sommers 1946 nach Amsterdam zurücktransportiert. Die in Amboise vergrabenen Archivalien wurden, allerdings durch Feuchtigkeit beschädigt, bereits im März 1946 in das IISG überführt. Die von den Nationalsozialisten nach Ratibor gebrachten Bestände wurden schließlich im November 1956 von der polnischen Regierung an das IISG zurückgegeben.
Fussnote 1: Schreiben Wilhelm Keitel an den Wehrmachtsbefehlshaber in den Niederlanden, 5.7.1940, nach: Marie Hunink, a.a.O., S. 310; Wilhelm Keitel (1882-1946), ab 1938 Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, hingerichtet; Alfred Rosenberg (1893-1946), ab 1934 "Beauftragter des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP" ab 1941 Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, hingerichtet.Zurück
Fussnote 2: Das zwischen Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien abgeschlossene Abkommen zwang die Tschechoslowakei zur Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich.Zurück
Fussnote 3: Kaufvertrag zwischen The Leland Stanford Junior University und dem IISG, 12.11.1938, nach: Marie Hunink, a.a.O., S. 299ff.Zurück
Fussnote 4: IISH News Service, 4.3.2002.Zurück
Fussnote 5: Schreiben Heine an Herbert Allerdt, 29.10.1958, in: AdsD, Bestand SPD-Parteivorstand, Sign. 2/PVAI000341; Herbert Allerdt (1901-1978), Jurist, Anwalt des SPD-Parteivorstands.Zurück
Fussnote 6: Schreiben Der Beauftragte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD für Belgien und Frankreich an das Reichssicherheitshauptamt, 24.6.1941, in: Bundesarchiv Berlin, Bestand Reichssicherheitshauptamt, Sign. 3316.Zurück
Fussnote 7: SAPMO, Bestand Sozialdemokratische Partei Deutschlands.Zurück
Fussnote 8: Reinhard Heydrich (1904-1942), seit 1939 Chef des Reichssicherheitshauptamtes, 1941 mit der "Endlösung der Judenfrage" beauftragt, stirbt an den Folgen eines Attentats.Zurück
Fussnote 9: Robert Ley (1890-1945), 1933 nach Zerschlagung der Gewerkschaften Führer der Deutschen Arbeitsfront, Selbstmord.Zurück
Fussnote 10: Arthur Seyss-Inquart (1892-1946), ab 1940 Reichskommissar für die besetzten Niederlande, hingerichtet.Zurück
Fussnote 11: Nach: Helmut Hirsch: Das Schicksal des Marx-Engels-Nachlasses, 11.5.1966 (Sendemanuskript); siehe auch: Marie Hunink, a.a.O., S.138f.Zurück
Fussnote 12: Schreiben Blumenberg an Ollenhauer, 7.2.1946, in: AdsD, Bestand SPD-Parteivorstand, Kurt Schumacher, Mappe 64; Werner Blumenberg (1900-1965), Historiker, seit 1920 SPD-Mitglied, 1926-1933 Redakteur an sozialdemokratischen Zeitungen, nach 1933 Widerstandstätigkeit, 1936 Flucht in die Niederlande, in Abwesenheit zum Tode verurteilt, 1940-1945 in Amsterdam untergetaucht, ab 1946 Leiter der Deutschlandabteilung des IISG.Zurück
Fussnote 13: Schreiben Ollenhauer an Annie Adama van Scheltema-Kleefstra, 15.4.1946, in: AdsD, Bestand SPD-Parteivorstand, Kurt Schumacher, Mappe 66; Annie Adama van Scheltema-Kleefstra (1884-1977), von Beruf Lehrerin, seit 1905 Mitglied der niederländischen Sociaal-Democratische Arbeiders Partij, 1932-1934 im Parteiarchiv der Sociaal-Democratische Arbeiders Partij tätig, 1935-1953 Leiterin der Bibliothek des IISG.Zurück


