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40 Jahre AdsD

Willy Brandt
Ansprache anläßlich der Grundsteinlegung des Archivs der sozialen Demokratie, 12. Dezember 1967

In der Frühzeit der deutschen Arbeiterbewegung schrieb der Königsberger Demokrat Johann Jacobi, die Gründung des kleinsten Arbeitervereins werde für den künftigen Kulturhistoriker von größerem Werte sein als die Erinnerung an manche großen Schlachten. Und wenn wir heute beobachten, wie sich allenthalben das Interesse der sozialgeschichtlichen Forschung der Geschichte der Arbeiterbewegung zugewandt hat, so scheint sich diese Voraussage durchaus bestätigt zu haben.

Dabei steht hinter diesen Forschungen kein Parteiinteresse, sondern die Erkenntnis, daß deutsche Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert nicht mehr dargestellt werden kann, wenn nicht die überragende Rolle, die die Arbeiterbewegung gespielt hat, entsprechend mit berücksichtigt wird.

Aus kleinsten Anfängen heraus hat sich diese Bewegung schon im 19. Jahrhundert zu einem Faktor entwickelt, der speziell die deutsche Innenpolitik stark beeinflußte. Was zunächst der Ausdruck des Protestes einer unter unwürdigen sozialen Verhältnissen lebenden, politisch bevormundeten Klasse war, hat sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer politischen Kraft entwickelt, ohne die das Ringen um Demokratie in unserem Staat nicht vorstellbar ist. In entscheidenden Augenblicken deutscher Geschichte waren Demokratie und Humanität in erster Linie bei den Kräften aufgehoben, die aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen waren.

Dabei geht es nicht nur um die Sozialdemokratie, die die politische Vertretung breiter Schichten der Arbeiterschaft blieb, auch als sie sich an weitere, an demokratischer Ordnung und sozialem Ausgleich interessierte Bevölkerungskreise wandte.

Es geht ebenso um die Gewerkschaftsbewegung, die Genossenschaften und um andere Einrichtungen der Selbsthilfe, die auf der Grundlage der Solidarität durch ihre Arbeit dazu beigetragen haben, die Mißstände und Mißverhältnisse der frühindustriellen Gesellschaft abzubauen und Wege zum demokratischen, sozialen Rechtsstaat zu ebnen.

Im übrigen hieße es offene Türen einrennen, wollte man im einzelnen aufführen, wann und wie das Schicksal unseres Volkes - sei es in der Weimarer Republik, vor allem an ihrem Anfang, sei es in den jetzt 22 Jahren nach der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft - von der Arbeiterbewegung geprägt worden ist.

In einem anderen aktuellen Sinne ist die Arbeit an der Geschichte der Arbeiterbewegung eine Aufgabe, die gerade der Geschichtsforschung in der Bundesrepublik Deutschland gestellt ist. In Ostberlin wird der Anspruch auf die gültige Darstellung und Interpretation der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung erhoben. Dort versucht man mit allen Mitteln, sich als legitime Erben der Tradition der Arbeiterbewegung zu beweisen. Es ist nicht damit getan, diesen Anspruch zurückzuweisen, sondern es muß auch wissenschaftlich deutlich gemacht werden, wie sehr etwa die konkreten Erscheinungsformen eines SED-Regimes von dem verschieden sind, was Ursprung, Ziel und Anliegen der Arbeiterbewegung war.

In der Regierung der großen Koalition sind wir ständig bemüht, alle sich bietenden Möglichkeiten aufzugreifen, um zu den Ländern Ost- und Südeuropas ein gutes Verhältnis herzustellen. Aber das bedeutet nicht, daß wir einer willkürlichen und einseitigen Interpretation der Geschichte der Arbeiterbewegung zustimmen können. Vielmehr werden wir gerade heute auf die moralischen Werte und politischen Ideale hinweisen müssen, die an der Wiege der deutschen Arbeiterbewegung standen. Der aufreibende Kampf für die Emanzipation des vierten Standes, für die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft wurde geführt mit den Zielen Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität in einer Gesellschaft, die die Entfaltung jedes Menschen gewährleistet - nicht für die Ersetzung einer Form der Unterdrückung durch eine andere.

Die Dokumente, Briefe, Broschüren, Zeitungen und Zeitschriften, die in dem „Archiv der sozialen Demokratie", zu dessen Grundsteinlegung wir uns heute versammelt haben, aufbewahrt und jedem Interessierten zugänglich gemacht werden sollen, geben davon Zeugnis. Sie machen deutlich, daß der deutsche Sozialismus in seiner heutigen Ausprägung in der Tradition einer Bewegung steht, die durch ihre humanitären und freiheitlichen Triebkräfte gekennzeichnet ist.

Mit der Gründung des „Archivs der sozialen Demokratie" widmen wir uns einer Aufgabe, die seit jeher als wichtig angesehen wurde. Schon im Jahre 1878, unmittelbar vor Inkrafttreten des Sozialistengesetzes, hat August Bebel dazu aufgerufen, die Zeugnisse der noch jungen Arbeiterbewegung zu sammeln, damit die frühen, oft nur in geringer Auflage erschienenen Publikationen nicht verloren gehen sollten. Darüber hinaus sah er es für das Selbstverständnis der Arbeiterbewegung als notwendig an, daß sie sich ihrer Anfänge und Entwicklungen immer vergewissern könne.

Bebels Vorstoß führte dazu, daß das erste Archiv im Schweizer Exil eingerichtet wurde. In der Folgezeit hat sich diese Sammlung beim Vorstand der SPD zum bedeutendsten Archiv der Arbeiterbewegung überhaupt entwickelt, bis es unter dem Zwang der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auf verschlungenen Wegen nach Amsterdam gelangt ist, wo es zum wertvollsten Besitz des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte wurde.

Inzwischen sind Jahre vergangen, in denen die Arbeiterbewegung und die von ihr ausgehenden politischen Kräfte, vor allem in Deutschland, einer grundlegenden Wandlung unterworfen waren. Dabei geht es um gesellschaftliche Umschichtungen, die nicht zuletzt unter dem Einfluß des Wirkens dieser Bewegung sich vollzogen haben. Was aus dieser Zeit an Dokumenten und Quellen gesammelt worden ist und seinen Platz in diesem neuen Gebäude finden soll, wird dem Historiker diese Veränderungen in ihren geschichtlichen Zusammenhängen und inneren Notwendigkeiten eindringlich vor Augen führen.

Wenn wir heute den Grundstein für ein „Archiv der sozialen Demokratie" legen, so drückt sich in dem Namen ebenfalls aus, daß jenes große Emanzipationsstreben, das als Arbeiterbewegung in die Geschichte eingegangen ist und dort bereits unübersehbare Zeichen seines Wirkens hinterlassen hat, sein ursprüngliches Anliegen erweitert hat und heute zur politischen Heimat all derer geworden ist, denen der demokratische Sozialismus die Gewähr dafür bietet, daß die Aufgaben von heute und morgen im Geiste demokratischer und sozialer Verantwortung angepackt werden.

Das „Archiv der sozialen Demokratie" soll auch der politischen Bildung und der Festigung des demokratischen Bewußtseins in unserem Volke dienen. Seit ihren Anfängen hat sich die Arbeiterbewegung um politische Aufklärung gekümmert und ist sie um den Abbau von Vorurteilen bemüht gewesen. Die Geschichte der Arbeiterbewegung und des demokratischen Sozialismus ist auch die Geschichte der permanenten Absage an die Verlockungen totalitärer Ansprüche und Ideologien, die Geschichte eines redlichen Ringens um die Durchsetzung politischer und sozialer Vorstellungen. Für die Auseinandersetzung mit extremistischen Gruppen und für das Gespräch mit der jungen Generation hat dieser Hinweis seine besondere Bedeutung.

Wenn wir das „Archiv der sozialen Demokratie" in die Obhut der Friedrich-Ebert-Stiftung geben, so wissen wir, daß diese bewährte Institution es nicht bei der bloßen Aufbewahrung des Materials bewenden lassen wird. Ihr Ziel wird es sein, die Quellen weiterhin, wo es nur möglich ist, zu sammeln, sie sachgemäß zu archivieren, sie in wissenschaftlichen Arbeiten auszuwerten und die gewonnenen Erkenntnisse umzusetzen in politische Bildungsarbeit - nicht nur in Deutschland, sondern auch international, wie es einer seit Jahren erfolgreichen Arbeit entspricht.

Die Arbeiterbewegung kann auf eine lange Tradition ihrer eigenen Geschichtsschreibung zurückblicken. Seit geraumer Zeit hat auch die offizielle Historiographie sich diesem Themenkreis zugewandt. Es ist mein Wunsch, daß die Einrichtung des „Archivs der sozialen Demokratie" bei der Friedrich-Ebert-Stiftung dazu beitragen wird, die Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung als eine Aufgabe der Gegenwart und der Zukunft noch mehr als bisher bewußt zu machen.

Als wesentliche Quellen wird dieses „Archiv der sozialen Demokratie" die Unterlagen des Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands als Leihgabe erhalten. Einen entsprechenden Beschluß hat der Vorstand meiner Partei noch unter unserem Freunde Erich Ollenhauer gefaßt. Ich bin froh, daß wir nun in der Lage sind, dieses von Erich Ollenhauer geförderte Vorhaben in die Tat umsetzen zu können.

Von dieser Stelle aus möchte ich an alle Organisationen, Institutionen, Mitarbeiter und Mitglieder der deutschen Arbeiterbewegung die Bitte richten, die in ihrem Besitz befindlichen Unterlagen, die für die Erforschung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung von Wichtigkeit sind, dem „Archiv der sozialen Demokratie" der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Verfügung zu stellen. Durch gemeinsame Mitarbeit werden in kurzer Zeit in diesem Archiv alle historisch relevanten Auskünfte zusammengefaßt sein - auch über die kleinsten Arbeitervereine, wie es Johann Jacobi einst anregte.

„Möge das Haus, das dieser Grundstein tragen wird,

Hammerschlag

ein Zentrum lebendiger Forschung werden,

Hammerschlag

aus dem die demokratische Bildung in alle Schichten des deutschen Volkes getragen

Hammerschlag

und die Verständigung zwischen allen Völkern der Erde gefördert wird."