Geschichte des AdsD
Einleitung
"Drei stählerne Schränke in gelbem Lack sind die Hülle, die Manuskripte, Briefwechsel und Urkunden unserer großen Führer birgt. Schwer öffnen sich des Schrankes Türen, als wollten sie sagen, daß nicht jeder den Schlüssel findet zu den Tiefen seines Inhalts. Und unsere Hände, unter deren Schwielen die Sehnsucht pulst, greifen hinein in die losen Blätter, wissend, daß diese noch weit in die Zukunft hinein Leuchte sein werden." 1
Mit dieser Mischung aus Stolz und Ehrfurcht schloss ein Artikel, der im Februar 1926 im "Vorwärts" zu lesen war. Dass die so gerühmte Institution auch außerhalb der Sozialdemokratie Anerkennung fand, hatte sich bereits zweieinhalb Jahre zuvor gezeigt. Am 19. November 1923 teilte das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung dem Parteivorstand der SPD in Berlin mit, die "Bibliothek der sozialdemokratischen Partei" habe "ein besonderes wissenschaftliches und geschichtliches Interesse für die Allgemeinheit". Sie sei daher unter "Berlin, Nr. 9" in die seit dem 8. Mai 1920 geführte Liste zum Schutz von Denkmälern und Kunstwerken eingetragen worden. 2
Zu diesem Zeitpunkt bestand die so ausgezeichnete Einrichtung seit über 40 Jahren. Was hier mit "Bibliothek der sozialdemokratischen Partei" bezeichnet wurde, war besser unter dem Begriff "Parteiarchiv" bekannt: Es war die Einrichtung, die gedruckte und ungedruckte Materialien zur programmatischen und praktisch-politischen Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung überhaupt sammelte. Mit seinen Beständen stellte das Parteiarchiv der SPD eine in ihrer Form einzigartige Institution dar, eine Institution, auf die die Sozialdemokraten mit Recht stolz waren.
Die Geschichte des alten Parteiarchivs wie auch die der Neugründung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und schließlich die des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung ab 1969 sind eng mit der Geschichte der SPD verwoben. Nur vor diesem Hintergrund sind die Höhen und Tiefen von nunmehr fast 140 Jahren sozialdemokratischer Archivgeschichte verständlich.
Im Folgenden soll die Entwicklung des Parteiarchivs im engeren Sinne geschildert werden, also die Geschichte der ungedruckten Materialien. Dazu liegt eine Reihe von Publikationen vor, auf die - zumal für die Zeit bis 1933 - zurückgegriffen werden kann. Eine erste kurze Nachzeichnung der Geschichte des Parteiarchivs hatte 1918 der Schriftsteller Ernst Drahn 3, damals Parteiarchivar, unter dem Titel "Das Archiv der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, seine Geschichte und Sammlungen" veröffentlicht. Ihm war Jonny Hinrichsen 4, ebenfalls Parteiarchivar, mit Beiträgen in der Parteipresse gefolgt, die zwischen 1920 und 1929 in unregelmäßigen Abständen erschienen. 5
Hauptsächlich wurde die Parteiöffentlichkeit aber auf den Parteitagen und später in den Jahrbüchern der SPD über Bestände und Arbeiten des Parteiarchivs informiert. Daneben findet auch die nach umfangreichen Forschungen erschienene Arbeit von Paul Mayer "Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs und das Schicksal des Marx-Engels-Nachlasses" 6Eingang in die hier vorgelegte Darstellung. Der Bericht über die Vorgänge um den Verkauf des alten Parteiarchivs an das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam erfolgt auf Grundlage der im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) verwahrten Akten des Exilparteivorstands und Nachlässe von sozialdemokratischen Emigranten sowie der von Marlis Buchholz und Bernd Rother vorgelegten Edition der Protokolle der Sopade 7. Für die Zeit nach 1945, die Phase des Wiederaufbaus des Parteiarchivs, sein Wachsen, die Übergabe seiner Bestände an das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung und die Entwicklung des AdsD zu einer der führenden Institutionen zur Erforschung der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung werden zusätzlich die Altregistratur des SPD-Parteivorstands sowie interne Akten der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Rate gezogen. Schließlich konnten einem unveröffentlichten Manuskript von Ulrich Cartarius über die Geschichte der sozialdemokratischen Archive wertvolle Anregungen entnommen werden.
Das Schicksal der Bibliotheksbestände behandelt Rüdiger Zimmermann "Das gedruckte Gedächtnis der Arbeiterbewegung: Die Geschichte der Bibliotheken der deutschen Sozialdemokratie" (Bonn 2001).
Fussnote 1: Neidhardt, Artur: Unser Parteiarchiv. In: "Vorwärts" 10.2.1926, Beilage "Unterhaltung und Wissen" S. 1; Artur Neidhardt (1884-1967), von Beruf Eisendreher, Gewerkschafts- und Reichsbannerfunktionär; "Vorwärts" Berlin Januar 1891 - Februar 1933 (Untertitel: Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands).Zurück
Fussnote 2: Parteiarchiv, in: Sozialdemokratischer Parteitag 1925 in Heidelberg. Protokoll mit dem Bericht der Frauenkonferenz, Berlin 1925, S. 56f. Zurück
Fussnote 3: In: "Die Neue Zeit" Jg. 1918, 2. Band, S. 519; Ernst Drahn (1873-1944?), von Beruf Schriftsteller, 1917-1919 Parteiarchivar; "Die Neue Zeit" Stuttgart 1883-1923 (Untertitel: Revue des geistigen und öffentlichen Lebens; ab 19. Jg.: Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie).Zurück
Fussnote 4: Jonny Hinrichsen (1868-1945?), von Beruf Zimmerer, Gewerkschaftsfunktionär, 1920-1933 Parteiarchivar.Zurück
Fussnote 5: Aus der Geschichte des Parteiarchivs, in: "Volk und Zeit" Nr. 8 (1920); Das Parteiarchiv, in: "Vorwärts" 10.6.1927; Das sozialdemokratische Parteiarchiv, in: "Sozialistische Monatshefte" Jg. 34 (1928), Bd. 66, S. 116ff.; Die Rüstkammer der Arbeiterbewegung. Ein Besuch im Parteiarchiv, in: "Unser Weg" Nr. 11 (1929); "Volk und Zeit" (Untertitel: Bilder zum Tage) erschien von 1919 bis 1933 als Beilage zum "Vorwärts" und anderen sozialdemokratischen Zeitungen; "Sozialistische Monatshefte" Berlin 1897-1932; "Unser Weg" Berlin 1927-1933 (Untertitel: Monatsschrift für die Mitglieder der Berliner Sozialdemokratie).Zurück
Fussnote 6: In: Archiv für Sozialgeschichte, VI./VII. Bd., 1966/67, S. 5ff.; Paul Mayer (1898-1970), Journalist, 1948-1962 in der Redaktion des "Vorwärts" 1962-1969 Leiter des Archivs beim SPD-Parteivorstand, dann Mitarbeiter des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung (AdsD).Zurück
Fussnote 7: Marlis Buchholz/Bernd Rother: Der Parteivorstand der SPD im Exil. Protokolle der Sopade 1933-1940, Bonn 1995.Zurück


