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FES / AdsD / Über das Archiv / Geschichte / Zu retten was sonst unwiederbringlich verloren geht

Geschichte des AdsD

1920 bis 1933 - Jahre erster Blüte

"Der treue Verwalter dieser großen Sammlung ist Jonny Hinrichsen, der heute sein 60. Lebensjahr vollendet. Seit 1920 ist der ehemalige Zimmerer mit dem Amt des Ordners und Verwahrers in diesem gewaltigen Schatzkästlein betraut. Er hat in diesen Jahren ein gewaltiges Maß von Arbeit verrichtet, schon in der Art, wie er Stöße ungesichteten und ungeordneten Materials in Reih und Glied stellte, es rubrizierte und kennzeichnete, und vor allem: wie er jeden, der im Archiv und durch das Archiv ernsthaft studieren will, helfend und beratend unterstützt." 1
Paul Kampffmeyer, Johann Hinrichsen und Max Fechner im SPD-ParteiarchivDiese Würdigung der Arbeit Hinrichsens erschien 1928 im "Vorwärts". Und in der Tat: Unter der Leitung des Autodidakten Johann "Jonny" Hinrichsen begann für das Parteiarchiv eine Periode der Konsolidierung und des Aufschwungs. Ihm war Paul Kampffmeyer als wissenschaftlicher Berater zur Seite gestellt, über dessen Arbeit im November 1929 im "Vorwärts" zu lesen war: "Seine Tätigkeit als literarischer Mitarbeiter des sozialdemokratischen Parteiarchivs, die er seit Jahren ausübt, ist zu vielseitig, um hier ausführlich gewürdigt zu werden. Die Bearbeitung des Nachlasses von Vollmar 2, Adolf Braun 3, Studien im Geheimen Staatsarchiv, Arbeiten zur Geschichte der sozialdemokratischen Presse beschäftigen ihn gleichzeitig; hinzukommt eine reiche, ihm oft nur aufgezwungen journalistisch-kritische Tätigkeit." 4
Die Bestände des Archivs und der sog. Archiv-Bücherei nahmen in der Ära Hinrichsen/Kampffmeyer durch "Kauf, Überweisungen und Geschenke" 5 kontinuierlich zu, führende Sozialdemokraten vermachten dem Archiv ihre schriftlichen Nachlässe und Bibliotheken und nach dem Zusammenschluss von SPD und Unabhängiger Sozialdemokratischer Partei Deutschlands im September 1922 ergänzten auch die Unterlagen der USPD die Dokumentensammlungen. Allein in den Jahren 1926 bis 1931 machten die Mittel, die dem Archiv für Erwerbungen zur Verfügung gestellt wurden, rund ein Prozent der Gesamtausgaben des Parteivorstands aus. Da die Zahl der Besucher und Benutzer des SPD-Archivs ebenfalls - "die Nachfrage nach marxistischer Literatur [...] ist ausserordentlich lebhaft und somit erfreulich" 6 - stetig anwuchs, wies der Parteivorstand dem Archiv 1929 weitere Räume und Lesezimmer zu. Doch bereits 1931 war im Jahrbuch der SPD zu lesen: "Die Zahl dieser Besucher wäre noch weit größer, wenn nicht die zur Verfügung stehenden Räume und die Rücksichtnahme auf diejenigen, die beruflich und studienhalber angewiesen sind, täglich im Archiv zu arbeiten, gewisse Beschränkungen erforderlich machten." 7 Die Zuwächse des Archivs und vermehrte Auskunftsersuchen führten schließlich dazu, dass der SPD-Vorstand weiteres Personal einstellte: 1923 übernahm der russische Emigrant Boris Nikolaevsky 8 die Betreuung der Bestände der russischen Sozialdemokratie, 1927 wurde Friedrich Salomon 9 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Parteiarchivs. Darüber hinaus wurden auch freie Mitarbeiter zu Arbeiten im Archiv herangezogen. So konnten lange vernachlässigte Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten endlich in Angriff genommen werden: 1927 erschien ein dreibändiger Katalog für die Bibliothek 10, 1929 wurde ein erster Gesamtkatalog für das Bild- und Photoarchiv zum Abschluss gebracht und an der Verzeichnung der umfangreichen Briefsammlung des Archivs gearbeitet. 11 Nach langjährigen Vorarbeiten konnte 1932 endlich ein Verzeichnis für den Marx-Engels-Bestand fertiggestellt werden. 12
Daneben trat das Parteiarchiv auch mit Ausstellungen öffentlich in Erscheinung. So schrieb der "Vorwärts" Ende 1930 über eine Ausstellung anlässlich der Einweihung des Karl-Marx-Museums in Trier: "Jeder Beschauer nimmt von diesen Sonderausstellungen, deren Hauptobjekte ihm von den Genossen Hinrichsen und Neumann 13 erklärt werden, eine plastische Vorstellung von den großen führenden Persönlichkeiten der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung mit hinweg." 14 Ein Jahr später wurde aus Anlass des hundertsten Todestags des Philosophen die Ausstellung "Hegel und die Sozialdemokratie" in den Räumen des Parteiarchivs eröffnet. 15 Eine für das Jahr 1933 geplante Karl-Marx-Ausstellung konnte nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht mehr realisiert werden.
In diesen Jahren der Weimarer Republik fand das SPD-Archiv nun auch außerhalb der Sozialdemokratie, so bei Universitäten und traditioneller Forschung, aber auch bei anderen Parteien, Anerkennung als bedeutende wissenschaftliche Institution mit einmaligen sozial-, kultur- und geisteswissenschaftlichen Beständen.

 

Fussnote 1: Der Archivar, in: "Vorwärts" Abendausgabe, 14.11.1928, S. 2.Zurück

Fussnote 2: Georg von Vollmar (1850-1922), Mitglied der SDAP, 1879-1880 Herausgeber des "Sozialdemokrat" (Zürich), 1881-1887 und 1890-1918 Mitglied des Reichstags.Zurück

Fussnote 3: Adolf Braun (1862-1929), Schriftsteller, ab 1879 Mitglied der österreichischen Sozialdemokratie, ab 1890 Redakteur an deutschen sozialdemokratischen Zeitungen, 1919-1928 Mitglied der Nationalversammlung bzw. des Reichstags, ab 1920 Sekretär, dann Mitglied des SPD-Parteivorstands, u.a. einer der Verantwortlichen für das Parteiarchiv; 1921 maßgeblich an der Ausarbeitung des Görlitzer Programms der SPD beteiligt.Zurück

Fussnote 4: Paul Kampffmeyer. Zum 29. November 1929, in: "Vorwärts" 29.11.1929; Paul Kampffmeyer (1864-1945), Historiker und Redakteur an sozialdemokratischen Zeitungen.Zurück

Fussnote 5: Sozialdemokratischer Parteitag 1925 in Heidelberg. Protokoll mit dem Bericht der Frauenkonferenz, Berlin 1925, S. 56.Zurück

Fussnote 6: Schreiben Hinrichsen an Luise Kautsky, 30.11.1927, in: Rossiikii gosudarstvennyi arkhiv sotsial'no-politicheskoi istorii (Russisches Staatsarchiv für sozial-politische Geschichte), Moskau, Fonds 213 (Karl und Luise Kautsky), Nr. 571 (Mikrofilm im AdsD).Zurück

Fussnote 7: Jahrbuch der Deutschen Sozialdemokratie für das Jahr 1931. Herausgegeben vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Berlin [1932], S. 170.Zurück

Fussnote 8: Boris Nikolaevsky (1887-1966), russischer Sozialdemokrat, 1919-1921 Leiter des Moskauer Archivs für Revolutionsgeschichte, 1921 Verhaftung, 1922 Ausweisung aus Sowjetrussland, 1933 Emigration nach Frankreich, 1936-1940 Direktor der Filiale des IISG in Paris, 1940 in die USA. Um Verwirrungen zu vermeiden, wird diese Schreibweise des Namens im weiteren beibehalten.Zurück

Fussnote 9: Friedrich Salomon (1890-1946), seit 1919 SPD-Mitglied, 1927-1933 Mitarbeiter des Parteiarchivs, daneben in der sog. Terrorabwehrstelle des Parteivorstands tätig, 1933 Emigration in die CSR, 1939 nach Großbritannien. Aufgabe der 1931 vom SPD-Parteivorstand eingerichteten Terrorabwehrstelle war die Sammlung von Dokumenten und Materialien über nationalsozialistische Gewalttaten. Dieses Material wurde dann an die zuständigen Reichs- und Landesbehörden weitergeitet.Zurück

Fussnote 10: Bibliothek der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands: Systematischer Katalog, I.-III. Bd., Berlin 1927.Zurück

Fussnote 11: Jahrbuch der Deutschen Sozialdemokratie für das Jahr 1929. Herausgegeben vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, [Berlin 1930], S. 220ff.Zurück

Fussnote 12: Bundesarchiv Berlin, Bestand Reichssicherheitshauptamt, Sign. 2418, SPD-Archiv.Zurück

Fussnote 13: Es handelt sich hier möglicherweise um Paul Neumann (geb. 1880), der in der vom Reichssicherheitshauptamt Ende 1934 erstellten Übersicht "Die sozialdemokratischen Bestrebungen in Deutschland und die Entwicklung der Verhältnisse nach dem 2. Mai 1933" irrtümlich als Leiter des Parteiarchivs bezeichnet wurde, in: AdsD, Kleine Erwerbungen, Sign. 6/SKEA000536 (Kopie aus dem Bundesarchiv, Bestand R 58, Sign. 76).Zurück

Fussnote 14: Sozialistische Sonderausstellung im Parteiarchiv, in: "Vorwärts" 9.12.1930, S. 3.Zurück

Fussnote 15: Hegel und die Sozialdemokratie, in: "Vorwärts" 2.11.1931, S. 3, und 14.11.1931, 1. Beilage; Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831).Zurück