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Einzelstücke

Ordensurkunde des Schah von Iran für den Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz vom 2.6.1967

Ordensurkunde des Schah von Iran für den Regierenden Bürgermeister Heinrich AlbertzIn einer Partie ungeordnet übernommener Presseausschnitte, Manuskripte und ähnlicher Papiere des Nachlasses Heinrich Albertz fand sich ein großformatiger Umschlag mit arabischen Schriftzeichen auf der Vorderseite und einem aufwendigen, geprägten Wappen auf der Rückseite. Im Umschlag lag die hier abgebildete Urkunde. Die Art ihrer Aufbewahrung und Überlieferung deutet darauf hin, dass ihr Besitzer nicht recht wusste, wie er mit diesem Schriftstück umgehen sollte. Es stellt sich heute als ein Dokument dar, das auf besondere, fast makabre Weise mit einem dramatischen Abschnitt der Geschichte Westberlins und der Bundesrepublik verknüpft ist. Es handelt sich um die Verleihungsurkunde (in persisch-arabischer Schrift) für den Kaiserlichen Orden 1. Klasse, verliehen von Mohammad Reza Schah Pahlavi Aryamehr [seine Originalunterschrift in der dritten Zeile], Schahanschah von Iran, an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Heinrich Albertz, vom 12. Chordad 1346 = 2. Juni 1967.

Am 2. Juni 1967 kam der Schah des Iran im Rahmen eines Staatsbesuchs in der Bundesrepublik Deutschland auch nach Westberlin. Die gegenseitige Verleihung von - rein formalen - Orden gehört auch heute noch zu den Gebräuchen bei solchen Anlässen. Einschneidender war, dass es zu schweren Krawallen kam. Beteiligt waren drei Seiten: Demonstranten, die gegen den Schah und sein Unterdrückungsregime protestierten, schahtreue Iraner, die ihren Kaiser demonstrativ feiern wollten, sowie die Westberliner Polizei. Das innenpolitische Klima in Westberlin war schon länger angeheizt. Dort hatte sich ein Zentrum des Protestes von Studenten gegen die Zustände an den Hochschulen herausgebildet, der sich schrittweise immer mehr auf allgemeine politische Themen ausweitete. Die Westberliner Bereitschaftspolizei war nicht für den Umgang mit Demonstranten trainiert, sondern für die Niederschlagung kommunistischer Putschaktionen, und wendete eine unangemessene Taktik an. Vor dem Schöneberger Rathaus gingen schahtreue "Jubelperser" mit Latten auf Demonstranten los, die den Schah ausbuhten. Bei der Vorfahrt vor der Deutschen Oper wurden dann Eier, Rauchbomben und schließlich auch Steine auf die Kolonne des Schah geworfen. Als die Polizei mit Pferden, Schlagstöcken und Wasserwerfern die Menge auseinander zu treiben versuchte, eskalierte die Situation immer mehr. Ihren traurigen Höhepunkt erreichte sie am Abend, als ein Kriminalpolizist sich nur noch mit der Schusswaffe verteidigen zu können glaubte und einen Studenten erschoss. Darüber hinaus gab es 60 Verletzte, über 100 Personen wurden festgenommen. Es dauerte Tage, bis Westberlin wenigstens äußerlich zur Ruhe kam.

Am 13. Juni gab es erneute Studentendemonstrationen, die sich besonders gegen Albertz wendeten. Am 26. September 1967 trat er als Regierender Bürgermeister zurück und begründete dies offiziell mit Fehlern bei der von ihm zu verantwortenden Vorgehensweise der Polizei gegen die Studentenproteste. Kleine Gruppen der ursprünglichen Protestler radikalisierten sich bis hin zum Terrorismus. Die "Bewegung 2. Juni" nannte sich nach dem Datum der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg, das zugleich das Datum der Ordensurkunde war. Die "Bewegung" ermordete 1974 bei einem Entführungsversuch den Präsidenten des Berliner Kammergerichts Günther von Drenkmann, entführte 1975 den Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz und presste im Austausch fünf terroristische Gefangene frei. Für ihren Flug nach dem Jemen verlangten diese als Garantie für ihre Sicherheit die Begleitung durch den mittlerweile wieder als evangelischer Pastor wirkenden Heinrich Albertz. Mehrere Mitglieder der "Bewegung 2. Juni" wurden ihrerseits bei Polizeiaktionen getötet. Schah Mohammad Reza wurde durch die islamische Revolution unter Chomeini im Januar 1979 aus seinem Land vertrieben und starb 1980 in Kairo.

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