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Einzelstücke

Entlassungsbefehl für den Chef der Sicherheitswehr des Landes Mecklenburg-Schwerin vom 14.3.1920

Entlassungsbefehl für Hans Emil LangeDas einfache, fleckige Blatt, in Größe etwa von ca. DIN A 5, geschrieben mit blauer Schreibmaschine, ist ein dokumentarisches Überbleibsel aus den Tagen um den Putschversuch, mit dem eine konservativ-monarchistische Gruppe unter Führung des ostpreußischen Generallandschaftsdirektors Wolfgang Kapp und des Chefs des Reichswehr-Gruppenkommandos I, General Walther von Lüttwitz, im März 1920 die demokratische Verfassungsordnung der Weimarer Republik umstürzen wollte. Der Befehl mit dem Stempel des Reichswehr-Brigadekommandos 9 links oben, unterzeichnet mit "v. Lettow, Generalmajor", enthebt den Chef der Sicherheitswehr des Landes Mecklenburg-Schwerin, Polizeioberst Lange, seines Postens und ernennt einen Polizeimajor Petri zu seinem Nachfolger. In einer historischen Situation berührten sich hier die Lebenswege dreier Männer, die alle als Berufsoffiziere begonnen hatten.

Nachdem am 13. März in Berlin Kapp und Lüttwitz mit Unterstützung meuternder Truppen die Macht übernommen hatten und die rechtmäßige Reichsregierung nach Dresden ausgewichen war, suchten die Putschisten sich auch in den Ländern durchzusetzen . Der in Schwerin stationierte Militärbefehlshaber für Schleswig-Holstein und die beiden mecklenburgischen Staaten, Generalmajor Paul von Lettow-Vorbeck, machte mit den Putschisten gemeinsame Sache. Er zwang die Schweriner Landesregierung (das "Staatsministerium") zum Rücktritt und installierte stattdessen den Gutsbesitzer Albrecht Wendhausen als zivilen Regierungskommissar. Lettow-Vorbeck war durch seine Kriegführung mit der deutschen Schutztruppe in der Kolonie Deutsch-Ostafrika 1914-1918 einer der berühmtesten deutschen Militärs. Für ihn wie für jeden Putschisten ging es darum, auch die Polizeikräfte in die Hand zu bekommen. Deshalb sollte der Chef der Sicherheitspolizei des Landes, Oberst Hans Emil Lange, durch einen anderen Offizier ersetzt werden, von dem Loyalität gegenüber der Putschregierung zu erwarten war.

Lange selbst, am 18. Juni 1871 als Sohn eines preußischen Offiziers in Bukarest geboren , war auch "Frontkämpfer" des Weltkriegs gewesen. Als Führer eines Infanterieregiments an der Westfront hatte er an der bekannten Befragung von Generalen und Regimentskommandeuren im Hauptquartier in Spa am 9. November 1918 teilgenommen, die im Ergebnis den deutschen Ausweis von Hans Emil LangeKaiser ins Exil gehen ließ. Seit Kriegsende hatte Lange sich als Vorsitzender des Republikanischen Führerbundes profiliert - auch wenn er noch keiner Partei beitrat - und dadurch den Zorn von Lüttwitz erregt. Ein weiterer Dienst in der Reichswehr war unter diesen Umständen kaum möglich, und so nahm Lange 1919 das Angebot des SPD-Innenministers von Mecklenburg-Schwerin, Johannes Stelling, an, die Sicherheitspolizei (später "Ordnungspolizei") aufzubauen . Diese uniformierte und kasernierte Polizeitruppe war von der Landesregierung aus DDP und SPD als zuverlässiger, dem Staatsministerium verfügbarer Ordnungsfaktor außerhalb des Geflechtes von regulärer Reichswehr, "Schwarzer Reichswehr", Freikorps, Zeitfreiwilligen und "Einwohnerwehren" vorgesehen. Lange lehnte es ab, dem Absetzungsbefehl Folge zu leisten und weigerte sich, seine Truppe den Putschisten zur Verfügung zu stellen. Stattdessen stimmte er zu, dass in Rostock Munition der Sicherheitspolizei für Arbeiter zur Verfügung gestellt wurde, die sich gegen die Putschisten bewaffneten. Nach einem zweiten Absetzungsbefehl musste Lange angesichts der Machtlage in Schwerin aber um sein Leben fürchten und tauchte unter. Der Kapp-Lüttwitz-Putsch scheiterte in Schwerin wie in ganz Deutschland innerhalb weniger Tage wegen des Generalstreiks der Arbeiterschaft sowie der Verweigerung der Beamtenschaft und des Großteils der Reichswehrführung. Lange wurde wieder in sein Amt eingesetzt, trotz heftiger Anfeindungen von Seiten der Rechten. Die im März 1924 aus DNVP und DVP gebildete Landesregierung versetzte ihn jedoch in den einstweiligen Ruhestand. Notgedrungen suchte er sich ein neues Betätigungsfeld und fungierte ab 1925 als Technischer Leiter des Gaues Berlin-Brandenburg des Republikschutzverbandes "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold". Noch im Februar 1933 leitete er im Berliner Festsaal Kroll eine große Protestversammlung gegen die Pressebestimmungen der neuen Regierung Hitler/Papen, die von der Polizei aufgelöst wurde. Von März bis Mai 1933 nahmen die neuen Machthaber Lange in "Schutzhaft" und entließen ihn 1934 aus dem Beamtenverhältnis. Paul von Lettow-Vorbeck wurde wegen seiner Verwicklung in den Putsch im Sommer 1920 in den Ruhestand versetzt. Er engagierte sich für den deutschen Kolonialrevisionismus, war aber bei seinen früheren Gegnern aus dem Weltkrieg angesehen. Bei seiner Beisetzung im Jahre 1964 hielt, was heute nicht mehr zu verstehen ist, sogar der damalige Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) die Trauerrede.

Der zum Nachfolger Langes ernannte Major Petri war bis dahin der Stabschef Langes als Chef der Sicherheitspolizei gewesen. Er wird in den zur Verfügung stehenden Quellen nicht mit Vornamen genannt. Aber Lange gibt in seinen nach 1945 entstandenen Aufzeichnungen einen Hinweis auf seine Identität, indem er schreibt, er habe Petri während der NS-Zeit in Berlin auf der Straße in der Würde eines SS-Brigadeführers wiedergesehen. Demnach handelte es sich um den späteren SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Leo Petri. Es war dann sicher kein Zufall, dass die Wahl Lettows auf ihn fiel, hatte Leo Petri doch noch 1919 im "Korps Lettow" innerhalb des Garde-Kavallerie-(Schützen)-Korps gedient, das an der Niederschlagung revolutionärer Unruhen beteiligt gewesen war. Lange hat es später schwer bereut, Petri, der es verstand, ihn lange zu täuschen und während der Putschtage vorsichtig agierte, auch nachher anfänglich in seiner Stellung als Stabschef belassen zu haben. Lange fand im Laufe des Krieges Unterschlupf in der Nähe von Gmunden in Österreich, wo er Kontakte zu Widerständlern knüpfte. 1946 kehrte er nach Deutschland (Würzburg) zurück. Auseinandersetzungen um Versorgung und Wiedergutmachung begleiteten den Rest seines Lebens, bis zu seinem 90. Geburtstag seine Leistung für die Demokratie anerkannt wurde. Lange starb am 12. Januar 1962.