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Einzelstücke

Entlassungsschein für Ludwig Gehm aus dem Konzentrationslager Buchenwald 1943

Entlassungsschein für Ludwig GehmDas hier vorgestellte Dokument ist einerseits ein unscheinbares Blatt Papier, in 60 Jahren abgegriffen, geknickt und voller Reste von alten Klebestreifen. Andererseits ist es aber auch ein Quellenstück für den schweren Lebensabschnitt eines mutigen Gegners der NS-Herrschaft und gibt nebenbei Auskunft über den Charakter des nationalsozialistischen Regimes allgemein.

Wir können erkennen, dass der „Schutzhäftling“ Ludwig Gehm, geboren am 23. Februar 1905 in Kaiserslautern, seit dem 17. Januar 1939 im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar inhaftiert war und am 24. Juni 1943 entlassen wurde .

Wer war dieser Ludwig Gehm und warum war er in die Mühlen des NS-Terrorsystems geraten? Die wichtigsten Daten seines Lebensweges sind anderswo aufgeführt . Prägend war für den Metalldreher Ludwig Gehm die Mitgliedschaft im Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), einer kleinen, aber hoch motivierten Partei, die von dem neukantianischen Philosophie-Professors Leonard Nelson nach Ausschluss seiner Anhänger aus der SPD 1925 gegründet worden war. Sie verstand sich als auf ethische Ideale gegründete Gemeinschaft im Kampf für den Sozialismus, mit strengen Anforderungen an die persönliche Lebensführung. Schon 1932 begannen ISK-Mitglieder mit Vorbereitungen für eine Arbeit im Untergrund für den Fall, dass die Nationalsozialisten an die Macht kommen würden.

Nach dem Beginn der NS-Herrschaft 1933 nahm Gehm an vielen Aktionen gegen die neuen Herren teil: Störung von Veranstaltungen von NS-Führern z.B. durch Beschädigung von Lautsprecheranlagen, Verteilung von Flugblättern, Kurierdienste ins Ausland, Informationsbeschaffung, Rettung von politischen Flüchtlingen, Aufbau eines konspirativen Netzes, getarnt als vegetarische Restaurants. Die aktiven ISK-Mitglieder wussten, was ihnen bei einer Verhaftung bevorstand. So hatten sie sich teilweise durch Rollenspiele auf Verhöre vorbereitet. Die Verhaftung von Ludwig Gehm kam im Dezember 1936. Dank der im Vergleich zu anderen Widerstandsgruppen guten Tarnung der Aktionen des ISK und seiner eigenen psychischen Widerstandskraft gegen Drohungen, Demütigungen und Folter konnte Gehm vor Gericht in Hamburg nur ein kleiner Teil seiner Aktivitäten nachgewiesen werden. 1938 wurde er wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren Zuchthaus unter Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt und folgerichtig Ende Dezember desselben Jahres aus dem Zuchthaus Fuhlsbüttel entlassen. Anschließend aber wurde er in das KZ Buchenwald verbracht. Die „Einweisung“ in ein Konzentrationslager konnte die Geheime Staatspolizei für jeden ohne Begründung und ohne jede rechtsstaatlichen Kontrolle verfügen, den sie als Gegner des Regimes ansah. Über die unmenschlichen Zustände und Erlebnisse in Buchenwald hat Ludwig Gehm erst nach Jahrzehnten sprechen können, wobei er es für die grausigsten Einzelheiten weiterhin nur bei Andeutungen beließ. In Buchenwald starben bis zur Befreiung des Lagers durch die amerikanischen Truppen 1945 über 40.000 Menschen durch gezielten Massenmord, durch Folter, Krankheiten und Hunger.

Gehms Entlassung erfolgte, wie zu sehen ist, auf Anordnung des Geheimen Staatspolizeiamtes Berlin, ebenso willkürlich wie die Einweisung. In bürokratischer Manier wird noch festgehalten, dass Lebensmittel-, Kleider- und Volkskarteikarten nicht ausgestellt wurden. Lebensmittel- und Kleiderkarten dienten in der Mangelwirtschaft des Krieges der Zuteilung rationierter Waren. Die Volkskarteikarte war Grundlage der umfassenden Datensammlung des Regimes über jeden Einwohner, die weit über beim heutigen Einwohnermeldeamt erfassten Daten hinausging und für jeden u.a. die Berufsausbildung, körperliche Behinderungen, Auslandsaufenthalte und „rassische“ Zugehörigkeit festhielt.

Entlassungsschein für Ludwig GehmDie Entlassung aus dem KZ brachte für Ludwig Gehm aber mitnichten die Freiheit: Die Rückseite des Scheines zeigt, dass er sich am folgenden Tag in Gotha in einer Kaserne melden musste. Von dort aus sollte es zum Truppenübungsplatz Heuberg in Württemberg gehen zum „Ersatz-Bataillon 999“. Dies bedeutete, dass Ludwig Gehm zur Wehrmacht eingezogen wurde, und zwar in die sogenannte Straf- oder Bewährungseinheit 999 . Während in den Anfangsjahren des Regimes wegen Straftaten Verurteilte als „wehrunwürdig“ galten und keinen Militärdienst leisten „durften“, gingen der deutschen Wehrmacht im Laufe des Krieges angesichts der ständig steigenden Verluste die Soldaten aus, so dass sie nun auch auf KZ-Häftlinge und Strafgefangene zurückgriff. Die 999er Einheiten wurden für besonders gefährliche Einsätze herangezogen. Ludwig Gehm musste erst in der Ukraine und dann in Griechenland gegen Partisanen kämpfen. Im August 1944 machte er mit einer größeren Gruppe politisch gleichgesinnter Kameraden dem Zustand, für die falsche Seite das Leben zu riskieren, ein Ende und lief zur griechischen Volksbefreiungsarmee über. Jetzt kämpfte Gehm gegen SS-Truppen, die mit blutigem Terror die deutsche Herrschaft aufrechterhalten wollten. Er hätte in dieser Situation lieber sofort den Tod in Kauf genommen als sich von deutschen Truppen gefangen nehmen zu lassen. Nach Ende der Kampfhandlungen der deutschen Wehrmacht in Griechenland kam Gehm für etwa zwei Jahre in britische Kriegsgefangenschaft in Nordafrika und kehrte 1947 nach Frankfurt zurück. Wie die meisten anderen ISK-Mitglieder schloss er sich nun wieder der SPD an. Ab etwa 1983, ausgelöst durch ein Interview mit ihm für einen Fernsehfilm, engagierte er sich in der Arbeit als Zeitzeuge und absolvierte über 300 Veranstaltungen, insbesondere mit Jugendlichen. Sein aktiver Einsatz gegen die NS-Herrschaft und für die Demokratie wurde unter anderem mit der Verleihung der Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen im Jahre 1970 gewürdigt. Ludwig Gehm starb am 13. August 2002 in Frankfurt am Main.