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Historische Wanderausstellungen

Chronik - Gustav Heinemann Christ, Patriot und sozialer Demokrat

Johanna Heinemann, Gustav Walter und Gustav Heinemann, 1905
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23.7.1899: Gustav Walter Heinemann wird in Schwelm geboren. Sein Vater Otto Heinemann (geboren 1864) ist Sohn eines Metzgermeisters aus dem nordhessischen Eschwege, seine Mutter Johanna (geboren 1875) ist eine von sechs Töchtern des Dachdeckermeisters Gustav Walter in Barmen. Die Familie Walter steht in der Tradition der 48er Demokraten.

 

Otto Heinemann, 1923
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1900: Die Eltern Gustav Heinemanns ziehen in die Ruhrgebietsstadt Essen, nachdem der Vater Angestellter im Büro für Arbeiterangelegenheiten bei der Firma Krupp geworden ist. Später übernimmt er die Leitung dieses Büros.

 

Gustav Heinemann als Soldat im 1. Weltkrieg, 1917
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1917: Gustav Heinemann macht das „Not-Abitur" und kommt als Soldat zu einem Artillerieregiment in Münster (Westfalen). Der Einsatz an der Front bleibt dem Richtkanonier erspart, da er schwer erkrankt.

 

Philipp Scheidemann am offenen Fenster bei einer Kundgebung in Berlin, 1919
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1918/1919: Revolution in Deutschland. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann ruft in Berlin die Republik aus. Die Führung der SPD entscheidet sich gegen ein Räte- und für ein parlamentarisches System.

 

Wahlpropaganda der DDP in den Straßen von Berlin, 1919
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1918 - 1922: Studium Gustav Heinemanns (unter anderem Rechts- und Staatswissenschaften, Geschichte) an verschiedenen Universitäten (besonders Marburg). 1922 Promotion zum Dr. rer. pol. Seine zweite Promotion - zum Dr. jur. - findet 1929 an der Universität in Münster statt. Politisch sympathisiert er während seiner Studienzeit mit der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), die in den Revolutionstagen entstanden ist. Er organisiert für die DDP Wahlveranstaltungen und hält Reden.

 

März 1920: Kapp-Putsch. Reaktionäre Militärs und Politiker unter der Leitung von Wolfgang Kapp unternehmen einen Putschversuch gegen die demokratische Regierung. Der Aufstand scheitert an der entschlossenen Abwehr der Gewerkschaften und fast aller demokratischen Parteien. Republikanische Studenten stellen in Marburg eine demokratisch zuverlässige Volkskompanie auf, der sich Heinemann - zum Schutz der Republik - anschließt. Aus der Marburger Studienzeit datiert seine Freundschaft mit Wilhelm Röpke (1899 - 1966), dem später bekannt gewordenen Nationalökonomen, der unter anderem die theoretischen Grundlagen für die Wirtschaftspolitik Ludwig Erhards liefert, mit Ernst Lemmer (1898 - 1970), der von 1924 - 1933 DDP-Reichstagsabgeordneter und nach dem Zweiten Weltkrieg Mitbegründer der CDU in der sowjetischen Besatzungszone und Bundesminister in verschiedenen Kabinetten Adenauers ist, sowie mit dem Linkssozialisten Viktor Agartz (1897 - 1964).

Hilda Ordemann, spätere Ehefrau von Gustav Heinemann, mit Studienkolleginnen in Marburg, 1922
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1926: Nach Beendigung der Referendarzeit tritt Dr. rer. pol. Gustav Heinemann in die Praxis von Victor Niemeyer ein, zu dieser Zeit ein bekannter Strafverteidiger in Essen.
Heirat mit Hilda Ordemann, der Tochter eines Bremer Getreidekaufmanns. Kinder: Uta, Christa, Barbara und Peter.

 

1928 -1930: Seit diesem Jahr arbeitet Heinemann neben seiner Rechtsanwaltstätigkeit als Prokurist und Justitiar der Rheinischen Stahlwerke in Essen (ab 1936 als Vorstandsmitglied).
Der Essener Pfarrer Friedrich Graeber (1884 -1953) veranlasst Heinemann, der zeitweise der Kirche entfremdet ist, sein Leben am Christentum zu orientieren. 1930 tritt Heinemann dem Christlich-Sozialen Volksdienst bei, einer kleinen (evangelischen) Partei, die allerdings, wie sich bei den Wahlen herausstellt, keine große Bedeutung hat.

30.1.1933: Hitler wird vom Reichspräsidenten zum Reichskanzler ernannt Die Nationalsozialisten lassen von Anfang an keinen Zweifel daran, dass sie mit ihren politischen Gegnern „aufräumen" wollen. Schon im Februar beginnen die Verfolgungsjagden auf Oppositionelle, besonders auf die deutschen Linken.

Reichstag, 1933
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27.2.1933: Das Gebäude des Deutschen Reichstags steht in Flammen. Die Nationalsozialisten behaupten, der brennende Reichstag sei das Signal für einen Aufstand von Kommunisten und Sozialdemokraten. Noch in derselben Nachtwerden über 4.000 KPD- und SPD-Mitgliederverhaftet.

 

Gustav Heinemann, 1933
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März 1933: Reichstagswahl. Gustav Heinemann dazu später: „Bei der letzten, noch einigermaßen freien Reichstagswahl im März 1933 gaben wir unsere Stimmen der Sozialdemokratischen Partei, durch die allein eine Gegenwehr gegen die braune Flut noch möglich erschien. Die bürgerlichen Parteien waren schon ohne Widerstandskraft oder gar Komplizen der NSDAP."
Reichsbischof Ludwig Müller wird von den Nationalsozialisten mit der Führung der neu geschaffenen (1933) und zentralistisch organisierten Deutschen Evangelischen Kirche beauftragt. L. Müller steht an der Spitze der Bewegung der „Deutschen Christen", einer merkwürdigen Mischung von Protestanten, Nationalsozialisten und Antisemiten. Sie verstehen sich als „Stoßtrupp" der NSDAP in der evangelischen Kirche.

 

1934: Bei den Protestanten formiert sich als Gegenbewegung die „Bekennende Kirche". Im Mai 1934 findet die erste Tagung der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche in Wuppertal-Barmen statt, an der Gustav Heinemann teilnimmt. Trotz vorsichtiger, sich auf Kirchenangelegenheiten beschränkender Formulierungen ist die Erklärung der Bekenntnissynode im Grunde eine Kampfansage an das NS-Regime. Heinemanns kirchliche „Laufbahn" hatte in der evangelischen Kirchengemeinde Essen-Altstadt, der Gemeinde Pfarrer Graebers, begonnen, als er an seinem 34. Geburtstag zum Presbyter gewählt wurde.
Nach der Barmer Tagung (siehe oben) wird Heinemann in das leitende Organ der Bekennenden Kirche des Rheinlandes berufen. Werner Koch („Heinemann im Dritten Reich. Ein Christ lebt für morgen"): „Im bewußten Gegensatz zum System der deutsch-christlichen Kirchen-’Führer’ wurde die Leitung der BK einem geradezu demokratisch anmutenden Kollegium anvertraut; man nannte es ’Bruderrat’. Der Name allein genügte, um im NS-Führerstaat als permanente Provokation zu wirken." Die Bekennende Kirche führt den Kirchenkampf gegen die Deutschen Christen, die Hilfstruppen Hitlers in der Kirche, quasi in der Öffentlichkeit. Sie wendet sich gegen die Machtansprüche des NS-Regimes in kirchlichen Fragen. Mit Stellungnahmen in allgemein politischen Angelegenheiten ist sie jedoch eher zurückhaltend. Die BK wird zu einer „Widerstandsbewegung wider Willen". Karl Barth (1888 - 1968), Schweizer Theologe, bis 1933 SPD-Mitglied und bis 1935 Professor an der Universität in Bonn, ist der geistige Vater der Bekennenden Kirche, deren Barmer Erklärung von 1934 in wesentlichen Teilen auf ihn zurückgeht. Mit ihm fühlt sich Heinemann besonders verbunden.

Gustav Heinemann im Kreise der Presbytrianer in Essen, 1935
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1936: Helmut Gollwitzer (geboren 1908), evangelischer Theologe, Mitglied und „Hilfsprediger" der Bekennenden Kirche, lernt Heinemann 1936 auf einer Tagung der BK in Essen kennen.

 

Gustav Heinemann im Kreise der Familie, 1936
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30erJahre: Mitteilungsblätter der Evangelischen Bekenntnissynode im Rheinland werden teilweise im Keller des Hauses von Heinemann in Essen auf einem Vervielfältigungsapparat hergestellt. Den Vertrieb besorgen ehrenamtliche Helfer der BK. Die Rundbriefe sind nicht direkt verboten, dennoch werden sie von Zeit zu Zeit von der Gestapo, die erfolglos nach dem Herstellungsort fahndet, beschlagnahmt.

 

1939: Heinemann, der seit 1937 auch Vorsitzender des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM) in Essen ist, legt alle Ämter in der Bekennenden Kirche nieder und konzentriert sich von nun an auf die Gemeindearbeit. Werner Koch (s.o.) über Gustav Heinemann, der nie NSDAP-Mitglied wurde: „Sicherlich ist auch dieser Rücktritt Ausdruck einer Resignation. Sie hat aber im Falle Heinemanns ihren Grund nicht in einem Zweifel am Glauben der Kirche, auch nicht in allgemeiner Kampfesmüdigkeit oder gar in so etwas wie Feigheit vor dem Feind; sie bezieht sich hingegen ... allein darauf, daß es ihm nicht gelungen sei, das taktische Verhalten der BK gegenüber dem NS-Staat zu ändern." Heinemann wirft der BK insbesondere „Rückfall in einen neuen Konfessionalismus" vor. Prominenten Mitgliedern der BK, die von der Gestapo überwacht bzw. verfolgt werden, bleibt er weiterhin freundschaftlich verbunden.

1939-1945: Weltkrieg II. Heinemann ist ein strikter Gegner der von Deutschland angezettelten Angriffskriege. Nur in vertrautem Kreis kann er seine Ablehnung äußern. Das NS-Regime vertagt die „Abrechnung" mit den Kirchen - bis nach dem Sieg.

Gustav Heinemann mit Familienangehörigen in Essen, 1945
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April 1945: Gustav Heinemann erlebt das Kriegsende in Essen. Der „Ruhrkessel" wird von den Alliierten besetzt.

 

1945 - 1949: Der Leitung der Evangelischen Kirche im Rheinland gehört Heinemann seit Mitte 1945 an. Im August 1945 finden sich in Treysa (Hessen) ca. 120 Theologen und Laien zu einer „Konferenz der evangelischen Kirchenführer" zusammen. Heinemann wird in den Rat, die vorläufige Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland, gewählt. Im Oktober 1945 trifft sich in Stuttgart der neu eingesetzte Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. An der Tagung nehmen auch Vertreter der Kirchen aus den früheren „Feindstaaten" teil.
Es kommt zu der sogenannten Stuttgarter Schulderklärung der EKD, die von Heinemann mitgetragen wird und die er so beschreibt: „Wir bekennen vor Gott, daß wir eben diesen Dienst im Kirchenkampf mit viel Schwachheit taten, daß wir nicht tapferer bekannt haben, nicht treuer gebetet haben, nicht brennender geliebt haben; das ist es, was wir selbst als unsere Schuld empfinden!" 1949 wird er Nachfolger von Landesbischof Wurm, der wegen seines Alters vom Amt des Präses der Synode zurücktritt. Nicht zuletzt unter Heinemanns Einfluss befassen sich Rat und Synode der EKD zunehmend nicht nur mit innerkirchlichen Angelegenheiten, sondern auch mit aktuellen politischen Fragen.

Gustav Heinemann, 1948
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1945 - 1950: Politische Laufbahn Heinemanns. In Essen gehört er 1945 zu den Gründern der CDU. Die Gesamt-CDU entsteht erst 1950. Auf einer Tagung der CDU der britischen Zone im Februar 1947 wird das sogenannte Ahlener Programm verabschiedet. Darin heißt es unter anderem: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden." Und: „Durch eine gemeinwirtschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten..." Heinemann-Biograph Lindemann (siehe Literaturangaben): „Nur mit diesem Programm der Union hat Heinemann sich jemals identifiziert"
Bei den Gemeindewahlen in der britischen Zone hatten die Christdemokraten in Essen die Mehrheit errungen, sie wählen im Oktober 1946 Gustav Heinemann zum Oberbürgermeister der Stadt Essen. Er löst den von den Besatzungsbehörden eingesetzten kommunistischen Oberbürgermeister Heinz Renner ab. Trotz aller parteipolitischer und weltanschaulicher Gegensätze verbindet beide auch später ein freundschaftliches Verhältnis. In seiner Antrittsrede als Oberbürgermeister erklärt Heinemann: „Für die kommunale Arbeit, um die es hier in erster Linie geht, sehe ich die Gemeinsamkeit des Wollens vor allem darin gegeben, daß wir eine demokratische Ordnung der Stadt und eine Heilung der tausendfachen Wunden erstreben." Er bleibt Oberbürgermeister von Essen bis Herbst 1949.
Seit Juni 1947 regiert in Nordrhein-Westfalen eine Allparteien-Regierung (CDU, SPD, FDP, KPD, Zentrum) unter Karl Arnold, der aus der christlichen Arbeiterbewegung kommt und Repräsentant des Arbeitnehmerflügels in der CDU ist. Dem Arnold-Kabinett gehört Heinemann 1947/1948 als Justizminister an. Landtagsabgeordneter bleibt er bis 1950. Bei der Sozialisierungsdebatte des NRW-Landtages (August 1948) warnt er die Linke vor überhasteten Verstaatlichungsmaßnahmen.

 

Vertreter von Groß-Berlin, Ferdinand Friedensburg, Louise Schroeder und Heinrich Acker auf der Ministerpräsidentenkonferenz in München, 1947
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1945: Schon bei Abschluss des Potsdamer Abkommens treten die Kontroversen der Siegermächte offen zutage. Auf der Strecke bleibt die von den Alliierten nach außen hin angestrebte Einheit Deutschlands. Die Westalliierten (USA, Großbritannien, Frankreich) auf der einen Seite und die Sowjetunion auf der anderen Seite richten sich in ihren jeweiligen Besatzungszonen ein. Im beginnenden Kalten Krieg werden die Weichen für die separaten politischen Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland gestellt. Im Juni 1947 scheitert in München eine Konferenz aller Ministerpräsidenten der deutschen Länder. Die Ministerpräsidenten der Ostzone verlassen vorzeitig die Tagung, beide Seiten werfen sich vor, Erfüllungsgehilfen der jeweiligen Besatzungsmächte zu sein. Das Ziel einer gesamtdeutschen Vertretung wird verspielt.
Eine Gemeinsamkeit der Siegermächte bleibt vorerst bestehen: beide Seiten lassen in ihren Zonen demontieren. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit tritt Gustav Heinemann als entschiedener Gegner der Demontage auf, die, strikt durchgeführt, eine Industriestadt wie Essen ganz besonders treffen würde. Ebenso wendet er sich, wie Gewerkschaften und die SPD, gegen eine Internationalisierung des Ruhrgebiets, die nach Ansicht vieler einer verkappten Annektion gleichkommen würde.
Das erste britische Flugzeug und die erste Besatzung, die für die Luftbrücke flogen, 1949
		© AdsD Die Teilung Deutschlands vertieft sich im Verlauf des Jahres 1948. Im Juni wird aufgrund eines Gesetzes der Militärregierungen in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands eine Währungsreform durchgeführt. Zwei Tage später verhängen die Russen über Berlin eine Blockade, die 351 Tage dauern wird. Amerikaner und Briten versorgen über eine Luftbrücke Westberlin mit den notwendigen Gütern. Im September 1948 konstituiert sich in Bonn der Parlamentarische Rat, dem Heinemann nichtangehört. Der Rat ist von den Landtagen der drei Westzonen gewählt und damit beauftragt, eine Verfassung auszuarbeiten. Bei der Abstimmung über diese Verfassung, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, im Mai 1949, kommen Gegenstimmen unter anderem von der CSU und der KPD.
Der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) folgt im Oktober 1949 die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Vier Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation bestehen auf deutschem Boden zwei deutsche Staaten.

 

Gustav Heinemann, 1949
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1949: Bei den Wahlen zum ersten Deutschen Bundestag, im August 1949, erhalten die CDU/ CSU 31 %, die SPD 29,2% der Stimmen. Obwohl die Machtbasis schmal ist, entschließt sich Adenauer zu einer Koalition mit der überwiegend konservativen FDP und der rechtsgerichteten Deutschen Partei. Der arbeitnehmerorientierte Flügel der CDU, der eine Koalition mit den Sozialdemokraten befürwortet, unterliegt. 202 von 402 stimmberechtigten Abgeordneten wählen Adenauer zum Bundeskanzler. Dem ersten Kabinett Adenauer gehört Gustav Heinemann als Innenminister an. CDU-Abgeordnete hatten ihn vorgeschlagen, um die Zahl der vorgesehenen protestantischen Minister von einem (Ludwig Erhard) auf zwei zu erhöhen. Heinemann, damals Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland: „Damit geriet ich unter einen ungewöhnlichen Druck, mich aus Essen zu lösen." Der „Bundesminister wider Willen" wird am 20. September 1949 vereidigt.

 

Entlassungsschreiben des Bundesinnenministers Gustav Heinemann unterschrieben von Theodor Heuss und Konrad Adenauer, 1950
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1950: Im Zusammenhang mit dem Korea-Krieg wird auch der Öffentlichkeit deutlich, dass die USA und die Sowjetunion die Aufstellung deutscher militärischer Kontingente anstreben. Über die Köpfe seiner Kabinettskollegen hinweg bietet Adenauer den Westmächten deutsche Soldaten als Beitrag einer Wiederaufrüstung an. Einer der größten Konflikte der Nachkriegszeit beginnt, dessen Folgen bis heute andauern.
Heinemann meldet scharfen Protest an: „Das mache ich nicht mit!" Er protestiert gegen die Form (Missachtung des Kabinetts) und gegen die Sache selbst; für ihn ist eine Wiederbewaffnung untragbar. Sie würde eine gesamtdeutsche Lösung bzw. eine gesamtdeutsche Einheit für absehbare Zeit verhindern. Zu dieser unmissverständlichen Haltung, die Heinemann im Herbst 1950 einnimmt, steht er zeit seines Lebens. lm Oktober 1950 tritt er als Bundesinnenminister zurück. Das Ziel der gesamtdeutschen Einheit ist nach seiner Meinung auf dem Weg der Wiederbewaffnung eines deutschen Teilstaates nicht zu erreichen.
Heinemann-Biograph Vinke (siehe Literaturangaben) schildert die Situation nach Heinemanns Rücktritt als Bundesinnenminister so: „In der Bundesrepublik wagte kaum ein Politiker, die großen weltpolitischen Fragen anders zu beurteilen als die Amerikaner. Wer es dennoch tat, geriet in den Geruch der Kommunistenfreundlichkeit oder wurde als Schwärmer bezeichnet Gustav Heinemann nannten seine Gegner bald 'Gandhi', was soviel wie 'Spinner' heißen sollte. Die 'Realisten' der 50er Jahre wurden nicht müde, die Wiedervereinigung zu fordern. Aber zuerst müsse es freie Wahlen in ganz Deutschland geben. Heinemann wollte nicht mehr, als dies es 'zuerst' streichen, weil es seiner Meinung nach für die andere Seite die Aufforderung zur bedingungslosen Kapitulation war."

Petition gegen die Aufrüstung der 'Notgemeinschaft für den Frieden', 1952
		Reproduktion, Rechteinhaber nicht ermittelbar

1951: In seiner Partei, der CDU, kann er nicht mehr für seine Position eintreten, zumal ihm nahe gelegt wird, sich jeder Kritik an Adenauer zu enthalten. Um die Aufrüstungspläne der Regierung zu bekämpfen, gründet Heinemann mit anderen politischen Freunden (unter anderem Helene Wessel und Adolf Scheu) im November die überparteiliche „Notgemeinschaft für den Frieden Europas".
Heinemann bei der Gründung: „Wenn ich nach Dresden oder Rostock oder Berlin will, steige ich nicht in einen Zug nach Paris oder Rom ein. Wenn gegenwärtig kein Zug nach Berlin fährt, so muss ich halt warten. Es ist gar nichts gewonnen, wenn ich in entgegengesetzte Richtung abfahre, nur um zu fahren ... Ich fasse zusammen, daß ich also in der Außenpolitik so, wie die Bundesregierung sie betreibt, eine Gefährdung des Friedens und keinen Weg zur Wiederherstellung der deutschen Einheit sehen kann ... Wir wollen die Wiedervereinigung Deutschlands zu einem einheitlichen Staatswesen der Freiheit und der Menschenrechte. Wir wollen diese Wiedervereinigung ohne Krieg. Infolgedessen wollen wir sie auf dem Wege der Verhandlung."

 

1952: Am 10. März richtet die Sowjetunion eine berühmt gewordene Note (die sogenannte Stalin-Note) an die Bundesregierung, in der sie überraschend die Wiedervereinigung Deutschlands, die Abhaltung freier Wahlen und einen Friedensvertrag anbietet, sofern das künftige Deutschland neutral bleibt und keine Bündnisverpflichtungen eingeht. Ob es sich bei diesem Vorschlag um einen ernstgemeinten oder um ein taktisches Manöver zur Verhinderung der Westintegration der Bundesrepublik handelt, muss offen bleiben. Fest steht, dass die Bundesregierung unter Adenauer nicht willens ist, darüber in Verhandlungen einzutreten. Sozialdemokraten und die Notgemeinschaft unter Gustav Heinemann beklagen eine „vertane Chance".
Im gleichen Jahr setzt Adenauer seine Politik der Wiederaufrüstung und Wiederbewaffnung (Remilitarisierung) konsequent fort, Der Vertrag zur Bildung einer Europäischen Verteidigungs-Gemeinschaft (EVG) mit deutscher Beteiligung ist unterschriftsreif. Der Vertrag soll allerdings später am Widerstand Frankreichs scheitern, das zu dieser Zeit in den Indochina-Krieg verwickelt ist Am 29.11.1952 tritt Heinemann aus der CDU aus.
Im November 1952 erfolgt die Gründung der „Gesamtdeutschen Volkspartei" (GVP), an der sich unter anderem Gustav Heinemann, Helene Wessel, Adolf Scheu, Diether Posser und Robert Scholl (Vater der 1943 hingerichteten Geschwister Scholl) beteiligen. Mit der Gründung einer eigenständigen Partei erwarten Heinemann und andere einen größeren politischen Einfluss auf die bundesrepublikanische Politik. Im Vordergrund steht ihre außenpolitische Zielsetzung, im besonderen die Überwindung der Spaltung Deutschlands.
Im Gründungsmanifest der GVP heißt es: „Da keine der Besatzungsmächte den von ihr besetzten Teil Deutschlands räumen wird, solange sie befürchten muß, das geräumte Gebiet werde die militärische Macht ihres Gegners vergrößern, zeigt sich bei Fortsetzung dieser Politik der Aufrüstung kein Weg, unser Volk auf friedliche Weise wiederzuvereinigen; denn nicht nur die Regierung in Berlin-Ost, sondern auch die Regierung in Bonn beteiligt sich entgegen dem Volkswillen an dem Machtkampf der Besatzungsmächte. Beide machen so den Eisernen Vorhang dichter, anstatt ihn zu durchbrechen.“ Und: „Die zentrale Aufgabe deutscher Außenpolitik sehen wir in der Erhaltung des Friedens und der Wiedervereinigung unseres Volkes in einem einheitlichen Staatswesen, welches Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde zur Grundlage seiner Ordnung hat. Deutschland als Land der Mitte und ohne koloniale Bindungen muß aus dem militärischen Aufmarsch Nordamerikas und der Sowjetunion herausbleiben." Das GVP-Präsidium erklärt, dass die eigentliche Weltanschauung der Regierenden „nur aus einem Drei-Punkte-Programm besteht, das da lautet: viel verdienen -Soldaten, die es verteidigen - und Kirchen, die beides segnen".

1953: Proteste gegen die Erhöhung von Produktionsnormen schlagen am 17. Juni in der DDR um in eine allgemeine Auflehnung gegen das DDR-Regime. Gegen die GVP wird ein antikommunistischer Kreuzzug mit Verleumdungen und Ehrabschneidungen inszeniert. Bei den Septemberwahlen zum Deutschen Bundestag erringen Adenauer und die CDU/CSU einen triumphalen Wahlerfolg: CDU/CSU erhalten 45,2%, SPD 28,8% und die GVP nur 1,2% der Stimmen. Der gesamten Opposition ist ein gewaltiger Schlag versetzt worden, das Ende der GVP ist in Sicht.

1954: Anfang des Jahres erscheint ein Artikel Heinemanns über „Gestalt und Wandel der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" in der „Stimme der Gemeinde". Nach der Lektüre dieses Artikels schreibt ihm der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Fritz Erler: „Warum hilft ein solcher Mann (=Gustav Heinemann) nicht von innen her, die Partei auf jenen Weg zu bringen, den er ihr offensichtlich um des deutschen Volkes willen wünscht? Man kann die Sozialdemokratie nicht von außen her verändern . ... Ich weiß, daß ich nicht befugt bin, Ihnen einen Werbebrief für die SPD zu schreiben. Sie sind der Vorsitzende einer anderen politischen Partei. Aber nach der Lektüre Ihres Artikels drang sich bei mir die Schlußfolgerung auf, warum Sie abseits stehen."

Demonstration gegen die Pariser Verträge in Bonn, 1955
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1955: Von einer Kundgebung in der Frankfurter Paulskirche im Januar geht die überparteiliche sogenannte Paulskirchen-Bewegung aus, deren Ziele im „Deutschen Manifest" festgehalten sind. Darin verurteilen zahlreiche Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Gewerkschaftsbewegung (unter ihnen Heinemann, Helmut Gollwitzer und Erich Ollenhauer) das starre Beharren der Bundesregierung auf der Westintegration und fordern den Vorrang von Wiedervereinigung vor Wiederbewaffnung und militärischer Blockbildung.
Nicht nur in der Politik, sondern auch in der Kirche wird Heinemann in eine Außenseiterrolle gedrängt. Konservativen Kreisen in der Kirche passt Heinemanns politische Richtung nicht. Sie betreiben seine Ablösung als Präses der Synode der EKD. Das gelingt ihnen auf der Synode in Espelkamp, März 1955. Heinemann-Biograph Lindemann: „Immerhin wurde Heinemann, der bis dahin als Präses der Synode dem Rat angehört hatte, nunmehr als ordentliches Mitglied in den Rat der EKD gewählt. Er behielt dadurch die Möglichkeit, in der Gesamtkirche maßgeblich mitzuarbeiten und Einfluß auszuüben. Trotzdem war seine Enttäuschung groß." Seit 1951 betreibt Gustav Heinemann zusammen mit Diether Posser in Essen eine Rechtsanwaltspraxis, in der die Politik eine große Rolle spielt.

 

1956: Im Mai 1955 waren die Pariser Verträge, die unter anderem eine Mitgliedschaft der Bundesrepublik in der NATO vorsahen, in Kraft getreten. Die allgemeine Wehrpflicht wird 1956 eingeführt. Die DDR zieht nach: sie ist ab Januar 1956 Mitglied des Warschauer Paktes.

Gustav Heinemann und Helene Wessel mit Erich Ollenhauer beim Eintritt in die SPD, 1957
		© AdsD Abgeordnetenausweis des Deutschen Bundestages für die 3. Wahlperiode
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1957: In dem Aufsehen erregenden Prozess gegen Viktor Agartz, den Studienfreund Heinemanns aus Marburger Tagen, vor dem Bundesgerichtshof übernehmen Heinemann und Posser die Verteidigung. Die Anklage lautet auf staatsgefährdende Agententätigkeit und staatsgefährdenden Nachrichtendienst. Agartz wird freigesprochen.
Auf einem außerordentlichen Bundesparteitag der GVP, im Mai, beschließt die GVP ihre Selbstauflösung und empfiehlt ihren Mitgliedern, sich der SPD anzuschließen. SPD-Mitglieder werden unter anderem: Gustav Heinemann, Adolf Scheu, Helene Wessel, Erhard Eppler, Diether Posser, Johannes Rau. In der „Gesamtdeutschen Rundschau" (GR), dem Organ der Gesamtdeutschen Volkspartei, heißt es: „Die Herausgeber der GR gehören nunmehr zur Sozialdemokratischen Partei. Das können sie, ohne ein Jota von dem preiszugeben, was eh und je ihr politisches Anliegen war, ohne einen einzigen Satz ihrer politischen Argumentation auszuradieren. Dieses Phänomen ist es wert, untersucht zu werden. Wer sind die Sozialdemokraten heute?

  • Die SPD ist die Partei, die das Sozial- und Wirtschaftsprogramm der CDU von 1946 gegen die heutige CDU parlamentarisch und vorparlamentarisch vertritt.
  • Die SPD ist die Partei, die dem Standpunkt der Kirchen zur Frage der Kriegsdienstverweigerung und Atomrüstung gegen den Widerstand der CDU Geltung zu verschaffen sich bemüht.
  • Die SPD ist die Partei, die das nationale Anliegen der Wiedervereinigung Deutschlands gegen alle nationalistische und kommunistische Verfälschung ernst nimmt und realistisch zu lösen vorschlägt
  • Die SPD ist die Partei fortschreitender Entideologisierung und Sachlichkeit, während die CDU das Wort 'christlich' mit Atomrüstung und Neokapitalismus zu einem neuen 'Mythos des 20. Jahrhunderts' verspinnt
  • Die SPD ist, was den Widerstand gegen jeglichen Totalitarismus betrifft, die Partei mit der saubersten demokratischen Tradition."

Trotz der Verstärkung durch den Anschluss von GVP-Mitgliedern muß die SPD bei den Bundestagswahlen von 1957 eine Niederlage hinnehmen. CDU/CSU bekommen die absolute Mehrheit aller Stimmen.

1958: Heinemann ist sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter geworden. In zwei großen Reden vor dem Deutschen Bundestag (Januar und März) nutzt er die Gelegenheit, um insgesamt mit der Adenauerschen Politik seit 1950 abzurechnen. Beide Reden stellen Höhepunkte der parlamentarischen Tätigkeit Heinemanns sowie des deutschen Parlamentarismus überhaupt dar. Vom stürmischen Beifall der SPD- und der FDP-Fraktion unterbrochen, erklärt er in seiner Januarrede: „Es geht nicht um Christentum gegen Marxismus. Es geht um die Erkenntnis, daß Christus nicht gegen Karl Marx gestorben ist, sondern für uns alle .... Unsere politische Aufgabe nach dem Krieg war von Anfang an und ist bis zur Stunde eine doppelte, und das heißt mit anderen Worten, um ein wesentliches Stück schwerer, als die CDU sie uns vorstellt. Sie ist eine doppelte, nämlich das harte, das unerschütterliche Nein zum totalitären System zu verbinden mit dem Ja zur Nachbarschaft der totalitär regierten Ostvölker. Das müssen wir miteinander fertig bringen, dieses Nein und gleichzeitig dieses Ja."

Mitglieder des SPD-Parteivorstandes auf dem Außerordentlichen SPD-Parteitag in Bad-Godesberg, 1959
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1959: Ein außerordentlicher Parteitag der SPD in Bad Godesberg beschließt im November ein neues Grundsatzprogramm, das davon ausgeht, dass die SPD aus einer Partei der Arbeiterklasse zu einer Partei des Volkes geworden ist. Gustav Heinemann hatte sich an den Programmberatungen beteiligt.

 

60er Jahre: Trotz aller ideologischer Krisen und Konfrontationen (Mauerbau in Berlin 1961) beginnt weltweit eine Ära der Entspannung und des gegenseitigen besseren Verstehens. Leitfiguren dieser neuen Entwicklung: US-Präsident John F. Kennedy, Papst Johannes XXIII., der sowjetische Ministerpräsident Nikita Chruschtschow.

Mitglieder des SPD-Parteivorstandes auf dem SPD-Parteitag in Köln, 1962
		© Jupp Darchinger im AdsD

1962: Auf dem SPD-Parteitag in Köln im Mai wird Gustav Heinemann wiederum in den Parteivorstand gewählt, mit 321 von 324 gültigen Stimmen. Im Oktober: Kuba-Krise. Durch Androhung kriegerischer Gegenmaßnahmen erzwingen die USA den Abbau sowjetischer Raketenbasen auf Kuba. Die Krise trägt letztlich zur Entspannung bei; beiden Weltmächten gelingt es friedlich, ihre jeweiligen Einflusssphären abzugrenzen. Im selben Monat in der Bundesrepublik: „Spiegel"-Affäre. Gustav Heinemann tritt publizistisch gegen jede Beschränkung der Pressefreiheit ein. Franz Josef Strauß verzichtet auf das Amt des Bundesverteidigungsministers.

 

1963 - 1966: Ludwig Erhard wird 1963 als Nachfolger von Konrad Adenauer Bundeskanzler. Bei der Bundestagswahl im September 1965 bestätigen die Wähler nochmals die CDU/CSU/FDP-Koalition; dennoch bleibt Erhard ein glückloser Kanzler. Die Rezession, die Wahlniederlage der CDU in Nordrhein-Westfalen (1966) und die Haushaltsschwierigkeiten im Bund werden ihm angelastet.

Gustav Heinemann, 1967
		© Jupp Darchinger im AdsD

1966: Die Große Koalition zwischen CDU/CSU und SPD wird gebildet. Die Regierung der Großen Koalition ist in der Anfangszeit in der SPD hart umstritten und führt zu einer Zerreißprobe der Partei. Unter Kanzler Kiesinger (CDU) ist Willy Brandt Vizekanzler und Bundesaußenminister. Gustav Heinemann bekleidet das Amt des Bundesjustizministers.

 

1968 - 1969: Für Sozialdemokraten und Christdemokraten steht von vornherein fest, dass die Große Koalition nur ein Zweckbündnis auf Zeit ist. Die SPD versucht, in der FDP einen neuen Koalitionspartner zu finden, wobei sie davon ausgeht, dass die FDP die Öffnung zur linksliberalen Mitte anstrebt: Heinrich Lübke (früher Zentrum, dann CDU) ist seit 1959 Bundespräsident; bei seiner Wiederwahl im Juni 1964 hatten ihm auch die Sozialdemokraten ihre Stimme gegeben. 1968, gegen Ende seiner Amtszeit, ist sein Gesundheitszustand allerdings besorgniserregend. Diese Tatsache veranlasst die SPD, einen eigenen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten zu suchen. Eine 7köpfige Kommission, der Willy Brandt, Herbert Wehner, Alfred Nau, Helmut Schmidt, Alex Möller, Volkmar Gabert und Johannes Rau angehören, wird beauftragt, den geeigneten Kandidaten vorzuschlagen. Es ist: Gustav Heinemann. Die FDP ist bereit, ihre Delegierten in der Bundesversammlung für Heinemann stimmen zu lassen.
Bundesjustizminister Heinemann hatte in der Großen Koalition neue und sozialdemokratische Akzente gesetzt Rudolf Wassermann: „Nur knapp 28 Monate war Gustav Heinemann Bundesjustizminister. Eine kurze Zeitspanne, aber die reichte aus, die rechtspolitische Szene in der Bundesrepublik von Grund auf zu verändern .... Als Gustav Heinemann Ende 1966 inmitten einer krisenhaften innenpolitischen Entwicklung in der Großen Koalition mit dem Bundesministerium der Justiz betraut wurde, stellte er sich der Aufgabe, wenigstens einen Teil der dringend notwendigen Rechtsreformen zu verwirklichen . ... Zwei Gesetzeswerke ragen in der Amtszeit Heinemanns unter den Aufgaben hervor, die er für entscheidungsreif hielt und nicht mehr auf die lange Bank schieben wollte: Die Reform des Rechts der nichtehelichen Kinder und die Strafrechtsreform ... Diese Kurskorrektur, zu der Heinemann maßgeblich beigetragen hat, war kein zufälliges oder flüchtiges Ergebnis, sondern eine Kehre in der langen Geschichte des Strafrechts und seiner Reform: Abschied von der Metaphysik des Strafens und Hinwendung zu Auffassungen, die dem Strafrecht nur noch innerweltliche Zwecke setzen und die den Menschen, der gegen die Gesetze verstoßen hat, nicht mehr als outcast betrachten, sondern als Menschen, der der Hilfe bedarf und dem die Gesellschaft Solidarität schuldet"
Heinemann setzt sich weiterhin für die Aufhebung der Verjährung von NS-Verbrechen ein. Am Herzen liegt ihm auch die Reform des politischen Strafrechts, das zu großen Teilen 1951 unter dem Eindruck des Kalten Krieges und der Kommunistenangst entstanden war. 1968 wird eine Amnestie für politische Straftaten erlassen. Nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg (der während einer Demonstration gegen das Schah-Regime in West-Berlin durch den Schuß eines Berliner Polizisten tödlich getroffen wird, Juni 1967) erstarkt in der Bundesrepublik und in Berlin die Außerparlamentarische Opposition (APO). Sie kämpft gegen den „Muff von tausend Jahren" an den Universitäten, gegen eine autoritäre Gesellschaft, gegen den Springer-Konzern, gegen den Vietnam-Krieg der USA und gegen die sogenannte etablierten Parteien. Als auf Rudi Dutschke, einen der APO-Führer, im April 1968 ein Attentat verübt wird, erlebt die Bundesrepublik riesige Protestdemonstrationen und - auch gewalttätige Ausschreitungen. Bundesjustizminister Heinemann geht Ostern 1968 im Fernsehen in einer bekannt gewordenen Rede auf die Ereignisse ein. Zwar verurteilt er die Ausschreitungen, aber erfragt auch empört nach den wahren Ursachen der Rebellion.

Gustav und Hilda Heinemann nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten, 1969
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5. März 1969: Nach dem 3. Wahlgang ist Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten gewählt. Er ist nach Friedrich Ebert (+ 1925) der zweite deutsche Präsident, der aus der Sozialdemokratie kommt. Die FDP-Mitglieder der Bundesversammlung hatten ihm ihre Stimmen gegeben. Heinemanns Wort vom „Machtwechsel" erregt Aufsehen. Franz Josef Strauß (CSU) bringt die Heinemannsche Formulierung demagogisch in die Nähe der „Machtergreifung" durch die Nationalsozialisten.

 

Vereidigung von Gustav Heinemann als Bundespräsident, 1969
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1.7.1969: Gustav Heinemann wird im Bonner Bundestag als dritter Präsident der Bundesrepublik vereidigt.

 

September 1969: Nach dem Ergebnis der Bundestagswahl (SPD 224, CDU/ CSU 242, FDP 30 Mandate) ist die FDP zu einer Koalition, wie sie faktisch schon bei der Wahl Heinemanns bestand, mit den Sozialdemokraten bereit. In Bonn vollzieht sich der eigentliche „Machtwechsel". Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik wird mit Willy Brandt ein Sozialdemokrat deutscher Bundeskanzler. In ihrer Ostpolitik, zu deren Vordenkern Gustav Heinemann gehört, unternimmt die sozialliberale Koalition den Versuch, Entspannung und Normalisierung in den Beziehungen zwischen Ost und West durchzusetzen (Ostverträge). Auch innenpolitische -längstfällige- Reformen werden realisiert.

1969 - 1974: Der geringe zeitliche Abstand sowie der Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten verbietet einen Vergleich zwischen der Amtsführung Heinemanns und der seiner Vorgänger bzw. Nachfolger. Zitiert sei lediglich ein Text, der 1972 geschrieben wurde:
„ .... Als ein Politiker ohne Schnörkel, wortkarg und kühl, schien Heinemann zum Volkshelden ganz und gar ungeeignet zu sein. Nach 40 Monaten im Amt weisen ihn die Meinungsumfragen als den populärsten Politiker auf der Bonner Bühne aus, ein Erfolg, der wider alle Regeln des politischen Schaugeschäfts errungen wurde.
Denn Heinemann ist kein huldvoller, kein leutseliger, kein effektvoll auftretender Ersatz-Monarch. Zum Feierlichen fehlt ihm die Begabung, von staatlichem Glanz hält er wenig, Jubel erträgt er nur schwer, und zur herrschaftlichen Pose besitzt er zuwenig Eitelkeit: zu stark ist seine Ungeduld, zu ausgeprägt sein Sinn für die Erfordernisse gesellschaftlicher Reformen, als dass sich dieser Präsident allein auf die repräsentativen Aufgaben seines Amtes beschränken könnte.
Heinemann hat sich entschlossen, ein Motor heilsamer Unruhe, ein unbequemer Präsident zu sein."
(Einführung zu einer Heinemann-Biographie von Joachim Braun: Der unbequeme Präsident, Karlsruhe 1972).
Staatsbesuche im Ausland sind für Heinemann keine Pflichtübungen. Sie bieten ihm Gelegenheit, das durch das NS-Regime schwerbelastete Verhältnis zu anderen Ländern zu verbessern und Vertrauen für die Bundesrepublik zu gewinnen. Im Ausland ist er willkommen, da man von ihm weiß, dass er gegen den Nationalsozialismus gearbeitet hat. Die Staatsbesuche in Italien, wo ihn selbst die Kommunisten willkommen heißen, und in Großbritannien zeigen das besonders deutlich.
Im dritten Jahr seiner Präsidentschaft geht die sozialliberale Koalition aus einer innenpolitischen Krise (zwar gescheitertes Misstrauensvotum gegen Willy Brandt, aber Neuwahlen zum Bundestag) gestärkt hervor. 1972 kann Heinemann Brandt erneut zum Bundeskanzler ernennen. Ende 1973 schreibt er ihm, dass er nicht mehr als Bundespräsident kandidieren wird: „Am 30. Juni 1974 endet meine Amtszeit als Bundespräsident. Kurz darauf werde ich 75 Jahre alt. Für weitere fünf Jahre kann ich den Erfordernissen meines derzeitigen, gern versehenen Amtes nicht gerecht werden."

Rücktrittsschreiben von Bundeskanzler Willy Brandt an Bundespräsident Gustav Heinemann
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1974: Gegen Ende seiner Amtszeit als Bundespräsident tritt Kanzler Willy Brandt im Zusammenhang mit der Agentenaffäre Guillaume zurück. Am 16.5. überreicht Heinemann Brandts Nachfolger Helmut Schmidt und den Ministern der neuen Regierung der sozialliberalen Koalition die Ernennungsurkunden. Im Juli kehrt das Ehepaar Hilda und Gustav Heinemann von Bonn nach Essen zurück. Seiner ins Auge gefassten Rückkehr in die allgemeine Politik steht sein Gesundheitszustand entgegen, der sich im Verlauf des Jahres 1976 rapide verschlechtert.

 

Testament von Gustav Heinemann
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7.7.1976: Gustav Heinemann stirbt in Essen.