 |
Zusammenfassung und Schlußfolgerungen
Die Osterweiterung der EU unterscheidet sich insofern von
bisherigen Erweiterungsrunden, als das ökonomische Gefälle zwischen
der EU und den Beitrittskandidaten deutlich größer ist. Als
besondere Schwierigkeit kommt hinzu, daß diese Länder seit
1990 ihr Wirtschaftssystem auf eine Marktwirtschaft umstellen müssen,
gleichzeitig aber die Integrationstiefe der EU in den letzten Jahren deutlich
zugenommen hat (gemeinsamer Binnenmarkt, Währungsunion). Schon allein
durch diese Konstellation gerät die Osterweiterung zu einem schwierigen
Unterfangen. Eine zu rasche Aufnahme der Beitrittskandidaten (fehlende
institutionelle Reformen der EU und ungenügende Beitrittsreife der
MOE-Länder) könnte sich letztlich schädlich auf den Integrationsprozeß
auswirken.
Zwar sind die fortgeschrittenen Transformationsländer
bei dem Aufbau funktionsfähiger Marktwirtschaften gut vorangekommen,
doch werden Institutionenaufbau, Strukturreformen und Implementierung
der "Aquis Communautaire" (gemeinsamer rechtlicher Besitzstand
der EU) noch etliche Zeit in Anspruch nehmen. Die ökonomischen
Beitrittskriterien der EU zur Aufnahme der MOE-Länder (funktionsfähige
Marktwirtschaft, Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der EU) bieten
einen breiten Interpretationsspielraum. Es ist deshalb zu befürchten,
daß letztlich der konkrete Beitrittstermin weitgehend politisch
determiniert wird. Erfolgt die Aufnahme zu früh, müssen langfristige
Übergangsregelungen gefunden werden, die wiederum der Logik des
gemeinsamen Binnenmarktes widersprechen und schwer durchsetzbar sind.
Schon aus diesem Grunde ist ein späterer Beitrittstermin mit kürzeren
Übergangsfristen vorteilhafter.
Die Integration der fortgeschrittenen MOE-Länder
in die Weltwirtschaft und die EU ist in den letzten Jahren deutlich
vorangeschritten. Diese Entwicklung ist als Prozeß zu verstehen,
der angesichts der institutionellen und strukturellen Defizite der MOE-Länder
und vor dem Hintergrund spezifischer Probleme der EU-Länder (z.B.
Landwirtschaft und Arbeitsmarkt) auch nach einem Beitritt fortzuführen
ist. Ein zu früher Beitrittstermin würde jedoch (vorausgesetzt
die EU hat die institutionellen Voraussetzungen dafür geschaffen)
die realen Anpassungskosten in den MOE-Ländern verstärken.
Damit könnten ernste Rückschläge im ohnehin labilen Wachstumspfad
dieser Länder auftreten und die politische Akzeptanz des Integrationsprozesses
gefährden.
Für beide Seiten wäre daher ein Beitrittstermin
um das Jahr 2006 und ein schrittweises Integrationskonzept zum Vorteil.
Gleichzeitig sollten die finanziellen Mittel zur Beitrittsvorbereitung
deutlich aufgestockt sowie die technische und institutionelle Zusammenarbeit
zur Übernahme der EU-Richtlinien und Politikbereiche verstärkt
werden. Selbst in einem solchen Konzept wären mittelfristige Übergangsregelungen
nötig, um den Wettbewerbsdruck sowohl auf die Unternehmen in den
MOE-4-Ländern als auch den westeuropäischen Arbeitsmarkt (u.a.
durch verstärkte Migration) langsam zu erhöhen. Damit
könnten unnötige Schocks und soziale Spannungen vermieden
und die politische und soziale Akzeptanz der EU-Osterweiterung gesichert
werden.
Im Falle eines zu frühen Beitrittstermins wären
höhere Transferzahlungen seitens der EU bei Fehlentwicklungen nicht
auszuschließen, was wiederum den engen finanzpolitischen Spielraum
der Union weiter einengt. Den Beitrittstermins zeitlich zu verschieben,
wäre aus ökonomischer Sicht nur dann problematisch, wenn die
Beitrittsperspektive damit insgesamt in Frage gestellt bzw. der Termin
auf einen unbekannten Zeitpunkt verschoben würde. Besteht eine
glaubwürdige Vorgabe, werden die ökonomischen Subjekte die
Osterweiterung antizipieren und ihre Investitionsentscheidungen danach
ausrichten.
Die ökonomischen Unterschiede per se stellen kein
Argument für eine Verschiebung der Osterweiterung dar. Die ökonomische
Theorie unterstellt sogar höhere Wohlfahrtsgewinne bei einer Liberalisierung
des Handels und der Faktorbewegungen bei Ländern mit größeren
Unterschieden in der Faktorausstattung. Die Wohlfahrtsgewinne sind jedoch
für die EU relativ gering und werden sich voraussichtlich zwischen
0,1 bis 0,4% des BIP der EU-15 belaufen. Langfristige dynamische Wohlfahrtsgewinne
aus dem größeren Binnenmarkt, höhere Investitionen und
intensiverer Wettbewerb können in einigen EU-Ländern sogar
1% des BIP übersteigen. Für die MOE-Länder könnten
sie nach vorsichtigen Schätzungen dagegen zwischen 5% bis 7% ihres
BIP betragen, wobei einige Berechnungen sogar von noch höheren
Werten ausgehen.
Die Finanzierung der Osterweiterung dürfte die EU
nicht vor unlösbare Aufgaben stellen, wenn die geplanten Reformen
im Bereich der Agrarpolitik und Strukturfonds wie vorgesehen durchgesetzt
werden. Nach der jüngsten Finanzplanung der EU bis zum Jahr 2000
werden sich die Nettokosten der Osterweiterung auf ca. 0,18% des BIP
der Union belaufen. Berücksichtigt man in diesem Zeitraum einen
Wohlfahrtsgewinn von 0,19% des BIP, dann bleibt noch immer ein geringer
Nettogewinn von (0,06% des BIP) für die bestehende EU. Die Osterweiterung
wäre demnach selbst unter Berücksichtigung der Nettokosten
eine lohnende Investition. Dies gilt auch für die EU-Nordländer
und Nettozahler, die aufgrund der intensiveren Wirtschaftsbeziehungen
größere Wohlfahrtsgewinne aus der Osterweiterung ziehen.
Dennoch verbinden sich mit der Osterweiterung nicht nur
Hoffnungen (verstärkter Handel und Wohlfahrt), sondern auch massive
Ängste (finanzielle Belastungen, Migrationsdruck). Der rationale
Kern dieser Befürchtungen ergibt sich aus verteilungspolitischen
Konsequenzen, die sich in einer stärkeren Lohndifferenzierung bzw.
Arbeitslosigkeit in Bereichen mit einem hohen Anteil weniger qualifizierter
Arbeit äußern könnten. Die durch verstärkten Handel
und Direktinvestitionen induzierten verteilungs- und arbeitsmarktpolitischen
Implikationen der Osterweiterung werden sich jedoch in engen Grenzen
bewegen und allenfalls ganz bestimmte Branchen treffen. Die hohe Arbeitslosigkeit
in der EU ist nicht auf die verstärke Integration der MOE-Länder
zurückzuführen. In einer kurzfristig konjunkturellen Perspektive
sichert der hohe Außenhandelsbilanzüberschuß der EU
gegenüber den MOE-Ländern sogar Arbeitsplätze in der
EU. Migrationseffekte würden kurzfristig höher ausfallen und
auch einige nicht-handelbare Dienstleistungssektoren treffen, doch können
sie durch entsprechende Übergangsregelungen aufgefangen werden.
Mittelfristig fallen sie nicht ins Gewicht.
Die Focusierung auf verteilungspolitische Probleme würde
jedoch die Chancen der Osterweiterung übersehen, die sich aus einer
verstärkten Arbeitsteilung und Integration der MOE-Länder
ergeben. Bisher haben ausländische Unternehmen in den MOE-Ländern
nicht vorrangig aus Kostengründen investiert und nur wenige Arbeitsplätze
nach Osteuropa direkt verlagert. Die Osterweiterung wird zweifellos
bei verbesserten infrastrukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen
solche Produktionsverlagerungen begünstigen. Mit der Integration
östlicher Produzenten in die Netzwerke westlicher Unternehmen werden
jedoch auch Arbeitsplätze im Mutterunternehmen, vor allem im höher
qualifizierten Bereich langfristig gesichert. Aus diesem Grunde werden
die in den MOE-Ländern durch EU-Investitionen geschaffenen Arbeitsplätze
größtenteils die Beschäftigung in den Mutterunternehmen
ergänzen und nicht in direkter Konkurrenz zu ihnen stehen.
Je stärker das Wirtschaftswachstum in beiden Regionen
ausfällt, desto besser können ungünstige verteilungspolitische
Effekte aufgefangen werden, d.h. die durch das höhere Wirtschaftswachstum
ausgelösten Reallohn- bzw. Beschäftigungszuwächse kompensieren
die negativen Auswirkungen in einigen Branchen. Während die Wachstumsperspektive
der Beitrittskandidaten der ersten Runde (Polen, Tschechien, Ungarn,
Slowenien und Estland) als verhalten optimistisch beurteilt werden kann,
muß das Urteil bezüglich viele Länder der zweiten Runde
eher pessimistisch ausfallen. Eine große Herausforderung wird
es für die EU deshalb sein, ein langfristiges Integrationskonzept
zu entwickeln, um diese Region nicht vom Zug der europäischen Integration
abzukoppeln. Die Ergebnisse der Studie im einzelnen:
-
Stand der Integration: Die ökonomische Integration
der fortgeschrittenen MOE-Länder in die EU ist im Handel und
Kapitalverkehr relativ weit fortgeschritten. Mit Ausnahme des Agrarbereichs
bestehen seit 1998 seitens der EU keine Handelsbeschränkungen
mehr. Bis zum Jahr 2002 werden die MOE-Länder ihren Handel
vollständig liberalisieren. Die unmittelbar durch die Liberalisierung
entstandenen Handelseffekte (Trade Creation), die mit einer Umlenkung
der MOE-Handelsströme auf die natürlichen Handelspartner
im Westen einhergingen, müssen deshalb als erschöpft gelten.
Die Beseitigung der nicht-tarifären Handelshemmnisse (Anti-Dumping,
technische Standards) wird die Transaktionskosten im Handel reduzieren,
was jedoch die Implementierung der EU-Rechtsnormen, insbesondere
des Wettbewerbsrechts voraussetzt. Hieraus entstehende positive
Wohlfahrtseffekte dürften jedoch eher begrenzt bleiben.
-
Handelspotential durch weitere Liberalisierung:
Untersuchungen des bilateralen Handels auf Basis von Gravitationsmodellen
lassen vermuten, daß der Außenhandel zwischen EU und
Transformationsländern in etwa dem Niveau entspricht, das bei
Ländern mit ähnlichem Einkommensniveau und vergleichbarer
Nähe zu Westeuropa zu erwarten wäre. Auch in den sensiblen
Bereichen (Stahl, Textilien, Bekleidung, Chemie) werden keine deutlichen
Exportsteigerungen in die EU mehr erfolgen. Diese Tatsache und die
weitgehende Handelsliberalisierung lassen vermuten, daß eine
weitere Ausdehnung des Handels entscheidend von den Wachstumsperspektiven
Ost- und Westeuropas abhängig ist. Aufholprozesse in den Ländern
der ersten Beitrittsrunde sind zu erwarten, doch bleiben sie weiterhin
fragil. Wirtschaftspolitische Fehler und verzögerte Strukturreformen
können zu Rückschlägen führen (siehe Ungarn
1994 und 1995 und Tschechien 1997). Große Handelspotentiale
wie sie in einigen Studien unterstellt werden, sind deshalb äußerst
fragwürdig.
-
Importkonkurrenz und Arbeitslosigkeit: Zwar haben
die Einfuhren in arbeitsintensiven Bereichen deutlich zugenommen,
doch ist deren Bedeutung relativ zum BIP und zu den Gesamtimporten
zu gering, um die Reallöhne bzw. Beschäftigung auf gesamtwirtschaftlicher
Ebene zu beeinflussen. Die These, daß die zunehmende Importkonkurrenz
der MOE-Länder den Anpassungsdruck innerhalb der EU intensiviert
und die Arbeitslosigkeit verstärkt, kann nur für einige
Bereichen (Bekleidungs-, Textil- und Metallbranche) bestätigt
werden. In diesen Branchen geht die relativ stark gestiegene Importdurchdringung
mit hohen Anteilsgewinnen an den gesamten EU-Importen und starkem
Beschäftigungsrückgang in der EU einher. Selbst in diesen
Fällen ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Ostöffnung
und forciertem Strukturwandel nicht unbedingt gegeben, da diese
Branchen angesichts eines weltweit intensiveren Wettbewerbs
ohnehin unter starkem Anpassungsdruck standen.
-
Handel nach Faktorintensitäten: Die Struktur
des Außenhandels der EU mit den MOE-Ländern wird anhand
einer Analyse des Handels nach Faktorintensitäten deutlich.
Die EU weist hohe komparative Vorteile in technologieintensiven
(Pharmazeutika und Computer) sowie geringe Wettbewerbsvorteile in
kapitalintensiven Bereichen (Chemie, PKWs, Gummi und Plastik) auf.
In beiden Fällen sinken die Wettbewerbsvorteile jedoch. Dagegen
haben die ressourcen- und arbeitsintensiven Zweige der MOE-Länder
im Handel mit der EU komparative Vorteile. Sie nehmen jedoch in
den ressourcenintensiven Bereichen ab, wogegen sie in arbeitsintensiven
Branchen steigen. Diese Entwicklungen lassen sich auf veränderte
Faktorpreisrelationen zurückführen (relative Verbilligung
des Faktor Arbeit höhere Kosten der Energieressourcen).
-
Wettbewerbsfähigkeit der MOE-Länder: Die
komparativen Vorteile der fortgeschritttenen MOE-Länder im
Bereich niedriger Lohn- und Kapitalkosten werden geringer, da Löhne
(durch Lohnsteigerungen und Aufwertungen) und Kapitalkosten (durch
Modernisierungsanstrengungen) steigen. Ferner werden EU-Wettbewerbsregelungen
schon vor der Osterweiterung schrittweise in den MOE-Ländern
eingeführt, so daß sich der Anpassungsdruck auf diese
Industrien intensiviert. Mittelfristig werden die strengen Sozial-
und Umweltstandards der EU zu höheren Produktionskosten in
den MOE-Ländern führen. Die Osterweiterung wird deshalb
den Anpassungsdruck auf die EU in Bereichen, in denen die MOE-Länder
traditionell über komparative Handelsvorteile verfügen,
nicht wesentlich erhöhen. Sollten die Modernisierungsanstregungen
Erfolg haben, werden die fortgeschrittenen MOE-Länder jedoch
immer stärker in Marktsegmenten ähnlicher Qualität
konkurrieren, doch wird sich ein verstärkter horizontaler intra-industrieller
Handel eher neutral auf Löhne bzw. Beschäftigung auswirken.
-
Wettbewerbsverzerrungen: In einigen kapitalintensiven
Zweigen waren die komparativen Vorteile der MOE-Länder insofern
anzuzweifeln, als ihre Kapitalkosten insbesondere zu Beginn der
Transformation nicht in der Kostenkalkulation und damit in den Preisen
enthalten waren. Dies gilt immer weniger für die fortgeschrittenen
Transformationsländer, doch sicherlich noch für einige
Länder der zweiten Runde und die GUS-Staaten. Handelsbegrenzungen
in sensiblen Bereichen schienen deshalb zunächst vertretbar
und sind nunmehr für die MOE-4-Länder nach dem Beitritt
durch eine strikte Anwendung der EU-Wettbewerbsregelungen zu ersetzen.
Noch immer werden Teile der Problemindustrien in den MOE-Ländern
direkt oder indirekt subventioniert. Vor allem Polen und Tschechien
müssen in den nächsten Jahren erhebliche Anstrengungen
unternehmen, um die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen an die
EU-Maßstäbe anzugleichen und Problemsektoren zu restrukturieren.
-
Handelsbilanzüberschüsse und Beschäftigungseffekte
in der EU: Die EU profitierte von der zunehmenden Integration der
MOE-Länder in ihren Wirtschaftsraum insofern, als die Exporte
in diese Region deutlich stärker stiegen als die Importe. Dadurch
haben sich die Handelsbilanzüberschüsse gegenüber
Osteuropa merklich erhöht. In einer kurzfristigen konjunkturellen
Perspektive sichert der Außenhandelsbilanzüberschuß
der EU-12 mit den MOE-4-Ländern unmittelbar ca. 65.000 Arbeitsplätze
im verarbeitenden Gewerbe (0,3% der Beschäftigten), in Deutschland
ca. 44.000 Arbeitsplätze (1% der Beschäftigten). In dieser
Kalkulation bleiben indirekte Beschäftigungseffekte in anderen
Branchen unberücksichtigt. Würde man sie hypothetisch
auf 50% der direkten Effekte schätzen, so wären das ca.
100.000 bzw. 66.000 Beschäftigte.
-
Beschäftigungseffekte nach Branchen: Sollte
sich der Wachstumsprozeß der fortgeschrittenen MOE-Länder
wie erwartet fortsetzen, wird der Importbedarf der Region insbesondere
nach Investitionsgütern weiterhin hoch sein. Dabei haben bisher
nicht nur human- und kapitalintensive Zweige, sondern auch konsumorientierte
Branchen (u.a. die Nahrungsmittelindustrie) ihre Exporte nach Osteuropa
deutlich erhöht. Von der Erschließung der Ostmärkte
gingen damit auch positive Wirkungen auf die Beschäftigung
der EU aus. Berechnet man die kurzfristigen Beschäftigungseffekte
über den Außenhandelsbilanzsaldo der Branchen, dann konnten
vor allem der Maschinenbau und die Gummi- und Kunststoffindustrie
Beschäftigungsgewinne verzeichnen, wogegen die Bekleidungsbranche,
das Holzgewerbe und die Metallbearbeitung Beschäftigungsverluste
erlitten haben.
-
Künftige Exportchancen: Die Öffnung der
MOE-Märkte mit insgesamt über 65 Mio. Einwohnern (4 Beitrittskandidaten
der ersten Runde) bietet den EU-Produzenten auch weiterhin beachtliche
Exportchancen, welche die negativen Wirkungen einer steigenden Importkonkurrenz
kompensieren. Aufgrund der geographischen Nähe werden insbesondere
Deutschland, Österreich und Italien von der Osterweiterung
profitieren, zumal ihr Angebot ausgesprochen komplementär zu
dem der MOE-Länder ausgerichtet ist. Die Südländer
der EU stehen dagegen - vor allem in den arbeitsintensiven Bereichen
- stärker in Konkurrenzbeziehung zu Osteuropa. Allerdings zeigt
sich auch hier, daß in unterschiedlichen Marktsegmenten angeboten
wird. Die hohen Wachstumsraten im Handel dieser Länder mit
Osteuropa verdeutlichen zudem, daß Südeuropa durchaus
auch von der Osterweiterung profitiert.
-
Intra-industrieller Handel: Der Einfluß des
Außenhandels auf Beschäftigung und Löhne wird meist
vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Faktorintensitäten
einzelner Branchen analysiert. Der wachsende Anteil des intra-industriellen
Handels (ähnliche Güter werden miteinander gehandelt)
zwischen MOE und EU würde zunächst darauf hindeuten, daß
Löhne und Beschäftigung der EU vom Warenaustausch immer
weniger tangiert werden. Untersucht man diesen Handel jedoch genauer,
so werden die qualitativen Unterschiede im Warenaustausch deutlich,
d.h. es findet eine zunehmende vertikale Differenzierung in ähnlichen
Gütergruppen nach verschiedenen Preis- und Qualitätssegmenten
statt. Die MOE-Länder spezialisieren sich dabei auf Erzeugnisse
niedrigerer Qualität und Preise. Offensichtlich zeichnen sich
insofern neue Formen der Arbeitsteilung ab, als die Fertigung von
Teilkomponenten aus der EU nach Osteuropa ausgelagert wird.
-
Neue Arbeitsteilung: Intensivere Handelsbeziehungen
mit Osteuropa werden auch in Zukunft mit einem stetig steigenden
intra-industriellen Handel (Warenaustausch ähnlicher Erzeugnisse)
einhergehen. Dabei werden jedoch zunächst Qualitätsunterschiede
im Handel eine wesentliche Rolle spielen, d.h. die MOE-Länder
liefern Erzeugnisse niedriger Qualität zu geringeren Preisen,
wogegen die jetzigen EU-Länder ähnliche Erzeugnisse mit
besserer Qualität zu höheren Preisen anbieten. Diese Qualitätslücke
läßt auf komplementäre statt substitutive Beziehungen
zwischen EU und MOE-Ländern schließen, da im Zuge einer
intensiveren Arbeitsteilung zwischen den beiden Regionen Kostensenkungen
für Vorprodukte realisiert werden können. Dies verbessert
die Wettbewerbssituation für die in der alten EU ansässigen
Unternehmen und sichert bestehende Arbeitsplätze.
-
Regionale Auswirkungen: Anpassungsprobleme durch
verstärkte Integration der MOE-Länder sind in strukturschwachen
EU-Regionen mit einem hohen Anteil sensibler Sektoren zu erwarten.
Dagegen profitieren Regionen mit einem hohen Exportpotential und
einer flexiblen Wirtschaftsstruktur. Untersuchungen über die
regionalen Folgen der Osterweiterung sind selten. Einer Studie der
EU zufolge (unter Berücksichtigung der Landwirtschaft) gehören
die neuen Bundesländer zu den Problemregionen der EU, weil
sie traditionelle Industriestrukturen, enge Verflechtung mit den
MOE-Ländern und geringes wirtschaftliches "Reaktionspotential"
aufweisen. Zudem dürften einige Regionen Österreichs verstärktem
Anpassungsdruck ausgesetzt sein. Auch Galicien in Spanien, Ost-Mazedonien,
Teile des Peloponnes und Kretas sowie die Champagne-Ardenne in Frankreich
zählen zu diesen Problemregionen. Zudem spüren die Grenzregionen
nicht nur auf dem Gütermarkt einen besonders starken Anpassungsdruck.
Mit umfassender Liberalisierung insbesondere des Arbeitsmarktes
kann ein Wettbewerbsdruck über Pendler entstehen. Gleichzeitig
werden einige Dienstleistungsbereiche verstärkt gezwungen sein
sich anzupassen.
-
Struktur und Motivation von Direktinvestitionen:
Die geringen europäischen Kapitalflüsse (insbesondere
Direktinvestitionen, relativ zum BIP und den Gesamtinvestitionen)
in den MOE-Länder legen die Schlußfolgerung nahe, daß
sich keine negativen Auswirkungen auf Investitionen und Zinsniveau
innerhalb der EU ergaben. Gleichzeitig macht die bisherige Struktur
der ausländischen Direktinvestitionen (ADI) in den MOE-Ländern
deutlich, daß über die Hälfte der Investitionen
in Branchen mit nicht-handelbaren Gütern bzw. Dienstleistungen
geflossen ist. Aus Befragungen geht hervor, daß für ADI
in Ostmitteleuropa die Lohnkostenvorteile bisher nur ein Argument
von vielen darstellen. Die Investitionen wurden meist aus binnenmarktorientierten
bzw. strategischen Gründen getroffen, z.B. um Importbeschränkungen
zu umgehen oder Märkte zu erschließen. Die Unternehmensbefragungen
stellen dabei klar fest, daß absatzorientierte Direktinvestitionen
dominieren.
-
Kostenorientierte ADI: Das Argument, Kosten zu senken,
ist vor allem im Rahmen der passiven Lohnveredelung, des Outsourcing
und der auftragsbezogenen Produktion in der Bekleidungsindustrie
und im Maschinenbau von Bedeutung. Für weitere Branchen muß
jedoch die zunehmende Verlagerung von Arbeitsplätzen in die
ostmitteleuropäischen Niedriglohnländer befürchtet
werden. Schon jetzt ist zu beobachten, daß die ADI der EU
in den fortgeschrittenen Transformationsländern u.a. im Bereich
des KFZ-Baus deutlich gestiegen sind. Da sich aufgrund der Direktinvestitionen
Produktionstechnologien angleichen und die Güter- und Faktormärkte
nach einem Beitritt weitgehend liberalisiert sind, werden die Unterschiede
in den Lohnkosten sicherlich zunehmend die Standortentscheidung
von Unternehmen beeinflussen. Den neuen ostmitteleuropäischen
Mitgliedsländern der EU kommt dabei ihre Standortnähe
insbesondere zu Deutschland und Österreich zugute, die noch
durch hohe von der EU mitfinanzierte Infrastrukturinvestitionen
deutlich verbessert wird.
-
Arbeitsplatzverlagerungen aus Deutschland: In Deutschland
ist zwar in den 90er Jahren eine stärkere Lohndifferenzierung
festzustellen, was die These vom gestiegenen Lohndruck aus Ostimporten
bzw. von Arbeitsplatzverlagerungen stützen würde. Dennoch
ist nicht geklärt, ob es sich um eine zeitliche Koinzidenz
handelt, oder ob eine Kausalität zwischen diesen Entwicklungen
besteht. Deutsche Direktinvestitionen ließen in Polen, Ungarn
und Tschechien etwa 206.000, in allen östlichen Reformländern
ca. 270.000 Arbeitsplätze entstehen. Daraus errechnen sich
bis 1996 für Polen, Tschechien und Ungarn ca. 62.000 und für
alle Reformländer ca. 84.000 Arbeitsplätze, die potentiell
durch Arbeitsplatzverlagerung aus Deutschland entstanden sind.
-
Positive Wirkungen der ADI: Fraglich ist, ob der
Aufbau von Produktionsstandorten in den MOE-Ländern unmittelbar
die Arbeitsplätze in der EU bedrohen wird. Niedrige Lohnkosten
werden weiterhin nur ein Argument für die Standortentscheidungen
von Unternehmen sein. Zudem werden vielfach nicht ganze Betriebe,
sondern nur bestimmte Fertigungsverfahren ausgelagert, welche die
Gesamtproduktivität und damit Arbeitsplätze in den Mutterunternehmen
sichern. Der Technologietransfer fördert das Produktivitäts-
und Wirtschaftswachstum in den MOE-Ländern und trägt damit
zu einer Angleichung der Einkommensniveaus zwischen Ost- und Westeuropa
bei. Die Importe aus der EU werden dadurch gefördert und der
Migrationsdruck wird abgeschwächt. Eine neue Arbeitsteilung
innerhalb einer erweiterten Union kann nicht nur insgesamt zu höherem
Wachstum führen, sondern auch die Konkurrenzfähigkeit
gegenüber Drittanbietern verbessern.
-
Osterweiterung und Wohlfahrtsgewinne: Untersuchungen
mit allgemeinen Gleichgewichts- und makroökonomischen Modellen
zeigen, daß die Osterweiterung zu deutlichen Wohlfahrtsgewinnen
für Konsumenten und Produzenten aufgrund von Allokations- und
Akkumulationseffekten (Reduktion des Risikozuschlages für Investitionen
in den Beitrittsländern) führt. Branchen mit unvollständiger
Konkurrenz werden durch die zu erwartenden positiven Skalenerträgen
und die größere Produktvariation zu den Gewinnern der
Osterweiterung zählen. Diesen Wohlfahrtsgewinnen stehen Kosten
in Form von EU-Ausgaben im Rahmen der gemeinsamen Agrarpolitik sowie
der Strukturfonds entgegen, die durch die Osterweiterung entstehen.
In der Bilanz errechnen jedoch Modelluntersuchungen (Gravitationsmodelle,
partielle und allgemeine Gleichgewichtsmodelle) positive Nettoeffekte
für die EU-Länder durch die Osterweiterung, die sich jedoch
je nach Intensität der Handelsbeziehungen des jeweiligen EU-Landes
mit den beitretenden MOE-Ländern regional unterschiedlich verteilen.
-
Der Agrarsektor unterscheidet sich insofern von
allen anderen Wirtschaftssektoren, als er nicht in erster Linie
von den Marktkräften, sondern ganz wesentlich auch von der
Marktordnungspolitik der EU bestimmt wird. Entsprechend wirkt sich
die Osterweiterung auf die Landwirtschaft der EU-15 weniger durch
neue Konkurrenzverhältnisse und Nachfragezunahmen, sondern
vor allem durch Anpassungsdruck auf die Agrarpolitik der EU (GAP)
aus. Um die Osterweiterung im Agrarbereich finanziell verkraftbar
zu machen, wurden mit der "Agenda 2000" bereits wichtige
Weichen gestellt - mit der Konsequenz, daß die EU-Agrarproduzenten
verstärkter Marktdisziplin unterworfen werden und weniger finanzielle
Hilfe von der EU bekommen. Dieser von der Osterweiterung ausgehende
Anpassungsdruck wird allerdings relativiert durch den noch weiter
gehenden Druck, der im Zuge der nächsten GATT-Runde zu erwarten
ist. Die Osterweiterung hilft hier der EU sozusagen auf die Sprünge,
macht sie fitter für die anstehenden GATT-Verhandlungen.
-
Wenn von den Kosten der Osterweiterung gesprochen
wird, stehen die Transferzahlungen an die Beitrittsländer im
Zentrum. Immerhin werden an die neuen Mitglieder Nettozahlungen
in Höhe von 4 % ihres Bruttoinlandsproduktes (BIP) fließen.
Die Zusatzbelastungen, die sich für die Haushalte der EU-15-Länder
aufgrund dieser Transfers ergeben, werden sich im Zeitraum 2000-2006
auf etwas unter 0,2 % des EU-Bruttoinlandsprodukts belaufen. Diese
Zusatzbelastung verteilt sich nahezu gleichmäßig auf
alle Mitgliedsländer, dergestalt, daß die Nettozahler
(Niederlande, Deutschland, Schweden, Belgien, Finnland, Österreich)
um 0,2 % ihres BIP mehr zahlen, die Nettoempfänger um 0,2 %
ihres BIP weniger bekommen. Ein Sechstel dieser Kosten fallen während
der Vorbereitungsphase vor 2003 an, der Rest mit Beginn der Beitritte.
Nicht zuletzt mit Hinblick auf die anstehende Osterweiterung kam
es bereits zu einer weniger großzügigen Neudefinition
der Kriterien für Leistungen aus den EU-Strukturfonds. Als
Konsequenz fielen einige Regionen aus dem Empfängerkreis heraus.
Die bisherigen Hauptempfängerländer von EU-Strukturhilfen
werden jedoch nicht wesentlich schlechter gestellt. Die Belastung
für die Altmitglieder mag sich auch noch dadurch abschwächen,
daß die Neumitglieder aller Voraussicht nach Probleme mit
der Absorption aller ihnen zustehenden Strukturfonds-Mittel haben
werden. Schließlich müssen die Nettotransferkosten mit
den Wohlfahrtseffekten saldiert werden. Die gesamten Nettokosten
für die EU-15 werden dann im Zeitraum 2000-6 auf 0,06 % des
BIP geschätzt. Die dynamischen Wohlfahrtsgewinne sind in dieser
Schätzung noch nicht enthalten.
-
Unsicherheiten der Modelle: Die gesamten Nettoeffekte
der Osterweiterung lassen sich freilich nur schwer einschätzen.
Die Wohlfahrtsgewinne sind jedoch für die EU relativ gering
und werden sich voraussichtlich auf 0,1 bis 0,4% des BIP der EU-15
belaufen. Für die MOE-Länder dürften sie dagegen
mit 5% bis 7% ihres BIP deutlich höher ausfallen. Die Ergebnisse
allgemeiner Gleichgewichtsmodelle sind aufgrund einiger ihnen zugrunde
liegenden Annahmen fragil. So führt z.B. die Annahme der perfekten
intersektoralen Arbeitsmobilität dazu, die Anpassungskosten
zu unterschätzen. Die Untersuchungen sind demnach nur als hypothetische
Gleichgewichtswerte vor dem Hintergrund eines langfristigen Anpassungsprozesses
zu interpretieren. Ein weiteres Problem der Modelle besteht darin,
daß Anpassungskosten in der Produktionsstruktur negative Beschäftigungsentwicklungen
in bestimmten Sektoren und Regionen implizieren können, wogegen
positive Einkommensgewinne aus der Liberalisierung des Außenhandels
bereits teilweise in den letzten Jahren durch dynamisch wachsende
EU-Exporte in die MOE-Länder realisiert worden sind.
-
Positive Perspektiven trotz Quantifizierungsproblemen:
Ein weiterer Schwachpunkt der Modelle ist, daß die in Gravitationsmodellen
errechneten Wohlfahrtsgewinne auf einer wenig verläßlichen
Prognose der tatsächlichen Handelsströme beruhen. Die
ADI werden in den MOE-Ländern zudem nicht allein (wie in den
Modellen unterstellt) durch eine geringere Risikoprämie (nach
der Osterweiterung) determiniert, sondern durch die Wachstumsperspektiven
und ein stabiles positives wirtschaftliches sowie politisches Umfeld
des jeweiligen Landes auf den Weg gebracht. Es kann jedoch als gesichert
gelten, daß die langfristigen Integrationsgewinne, die sich
in wachsenden Realeinkommen niederschlagen werden, die kurzfristigen
Anpassungskosten der EU aber auch die der MOE-Länder überwiegen
werden.
-
Die Furcht vor massiver Zuwanderung von Arbeitskräften
aus den Beitrittsländern wäre nur gerechtfertigt, wenn
zu einem frühen Zeitpunkt völlige Freizügigkeit gewährt
würde. Quantitativ ins Gewicht würde hier indes nur Polen
fallen - aufgrund der Einwohnerzahl und der historisch bedingten
Bereitschaft zur Auswanderung (u.a. informelle polnische Netzwerke
in EU-Ländern). Wie auch die Erfahrungen mit de seinerzeitigen
Süderweiterung nahelegen, ist auf mittlere Frist nicht mit
großem Zuwanderungsdruck zu rechnen. Die Hauptquelle des kurzfristigen
Auswanderungsdrucks in Polen, nämlich die Strukturbereinigung
in den Bereichen Agrar, Schwerindustrie und Bergbau, wird allmählich
versiegen. Diese Bereinigung schreitet voran und ließe sich
mit EU-Hilfe beschleunigen. Es wäre also eine Lösung anzustreben,
die die Beitrittsländer möglichst schnell in den Genuß
der EU-Transferleistungen kommen läßt, die Freizügigkeit
für Arbeitskräfte - also die volle Integration - durch
Übergangsregelungen hinausschiebt. Die hauptsächlichen
Zielländer für Immigration aus den Beitrittsländern
werden zwar Deutschland und Österreich bleiben. Dennoch wird
die Freizügigkeit innerhalb der gesamten EU auch zu einer größeren
regionalen Streuung führen und damit den Druck auf Deutschland
und Österreich abmildern.
-
Politische Implikationen: Die positiven Integrationseffekte
politisch zu vermitteln, ist jedoch schwierig, da vielfach die kurzfristigen
Anpassungskosten in der öffentlichen Debatte im Vordergrund
stehen. Dies gilt im übrigen nicht nur für die EU, sondern
auch für die MOE-Länder. Dort verläuft der durch
die Integration ausgelöste Strukturwandel wesentlich intensiver.
In der EU wird vielfach übersehen, daß die auftretenden
Probleme nur indirekt mit der Osterweiterung im Zusammenhang stehen.
Sie sind vielmehr das Ergebnis nationaler und weltweiter Entwicklungen
(u.a. Globalisierung, technischer Fortschritt), wodurch vielfach
die bestehenden Strukturprobleme und institutionellen Defizite der
EU weitaus deutlicher zu Tage treten. Weitreichende Reformen und
strukturelle Anpassungsprozesse in der EU werden deshalb nicht nur
wegen der Osterweiterung notwendig. Dies zu vermitteln, ist Aufgabe
der Politik.
|