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Internationale
Politik International Policy Analysis Unit |
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Alfred Pfaller:
Führt internationale Konkurrenz zum Sozialabbau? Elf Argumentationsfiguren |
Position 1:
Fakt ist, daß die Aufwendungen zur sozialen Absicherung nicht ab-, sondern zunehmen und daß gleichzeitig die soziale Absicherung an den Rändern abbröckelt. Dies liegt daran, daß der Absicherungsbedarf zunimmt, aber die (politisch artikulierte) Gesellschaft nicht bereit ist, den dazu nötigen finanziellen Aufwand zu erbringen. Der Bedarf an Absicherung nimmt aus drei Gründen zu:
· Die Alterung der Gesellschaft erhöht den Aufwand, der zur Altersvorsorge notwendig ist.
· Der Fortschritt der Medizintechnik erhöht den Aufwand, der für Wiederherstellung und Erhalt von Gesundheit möglich ist und sinnvoll erscheint.
· Die Massenarbeitslosigkeit erhöht die Zahl der Menschen, die auf ein "Sozialeinkommen" angewiesen sind, und verringert vielerorts die Zahl der Beitragzahler zu den sozialen Sicherungssystemen.
All dies hat nichts mit Globalisierung und zunehmendem Konkurrenzdruck zu tun. Die Bereitschaft der Gesellschaft, den Aufwand zu erbringen, der zur Deckung der steigenden Bedarfe notwendig wäre, ist aus mehreren Gründen begrenzt:
· Für
den Großteil der Bevölkerung hat es
seit langem nur
noch sehr magere
oder auch gar keine Zuwächse
des realen, für den Konsum verfügbaren, Einkommens gegeben (geringes Wirtschaftswachstum, Umverteilung von Arbeits- zu Kapitaleinkommen, Zunahme der sozialen Absicherungskosten).
· Die öffentliche Debatte wird von der These des ausufernden Sozialstaats geprägt. Eine Variation dieser These stellt auch die internationale Konkurrenz ins Zentrum und stellt hohe Sozialkosten als Wettbewerbsnachteil hin.
Politische Konsequenz:
Vom Wettbewerbsdruck geht kein Handlungsbedarf aus. Die wirklichen Aufgaben sind: Anpassung der sozialen Absicherungssysteme an die neuen Herausforderungen und Wiederherstellung von Vollbeschäftigung.
Einwand:
Es mag ja sein, daß der Sozialstaat
mit den genannten Herausforderungen bislang schwer zurechtkommt. Das
schließt aber nicht aus, daß internationaler Konkurrenzdruck
ebenfalls zum Sozialabbau führt. In anderen Worten: Position 1
entkräftet keineswegs die These vom Sozialabbau aufgrund von "Globalisierung",
wie sie in den Positionen 3-7 in unterschiedlichen Varianten formuliert
wird.
Sozialabbau findet seit den 80er Jahren in mehreren westlichen Industrieländern
statt, weil die Gegner des ausgebauten Sozialstaates (die "Neoliberalen")
"Oberwasser" bekommen haben. Vor allem dominieren sie die
öffentliche Debatte. Diese politisch-ideologische Machtverschiebung
hat mehrere Ursachen. Sie kann insgesamt als eine Antwort auf die lange
wirtschaftliche "Malaise" angesehen werden, die seit den 70er
Jahren die gesamte OECD-Welt erfaßt hat. Internationale ideologische
Diffusion spielt auch eine Rolle. Aber die Machtverschiebung in einem
Land zwingt andere keineswegs, nachzuziehen. Jedes Land hat weiterhin
die Freiheit, das Ausmaß an sozialer Absicherung durchzusetzen,
für das es sich politisch wirksam entscheidet. Der internationale
Wettbewerb schiebt dem keinen Riegel vor.
Zur Begründung sei auf die Einwände,
die unten auf Position 8 vorgetragen werden, verwiesen.
Politische Konsequenz:
A. Für eine politisch-ideologische Wende kämpfen!
B. Die mit "Sozialabbau" bezeichneten Korrekturen an der sozialen Absicherung als vernünftig akzeptieren! Aber es besteht kein Anlaß, die Sozialkosten aus Wettbewerbsgründen zu reduzieren!
Einwand:
Diese Position ignoriert den Fakt, daß allem ideologischen "Geklingele" zum Trotz de facto die Sozialkosten in den meisten westlichen Wohlfahrtskosten gestiegen sind. Die sogenannte "neoliberale Wende" kann nur als "Begleitmusik" zu tiefer liegenden ökonomischen Problemen verstanden werden, von denen realer nicht nur ideologischer Druck zum Sozialabbau ausgeht.
Länder mit wesentlich geringeren Arbeitskosten als in den westlichen
Wohlfahrtsstaaten (Dritte Welt, Osteuropa) drängen immer stärker
auf die Weltmärkte die Produktmärkte, aber auch den Markt
für Produktionsstandorte. Als Folge davon geraten die hohen Arbeitskosten
hierzulande zunehmend unter Druck. Die Kosten der sozialen Absicherung
sind davon direkt betroffen; denn sie sind Teil der Arbeitskosten, die
die Unternehmen zu tragen haben. Staaten, die sich gegen derartige Kostensenkung
sträuben, verlieren Marktanteile auf den Weltmärkten und werden
unattraktiv als Standort für Investitionen.
Dies
schadet dem Land wirtschaftlich auch dann, wenn einige hoch-produktive
Bereiche die hohen Arbeitskosten gut verkraften können.
Politische Konsequenz:
A. Hohe Wettbewerbsfähigkeit in jenen Bereichen anstreben, die nicht so leicht verlagerungsfähig sind (Hochtechnologie)!
und/oder:
B. In der Tat Arbeitskosten absenken, um dem Wettbewerbsdruck in den kostensensiblen Bereichen besser standzuhalten!
und/oder:
C. Die Binnennachfrage in Niedriglohnländern fördern, um das Problem des dortigen Arbeitskräfteüberschusses zu entschärfen!
und/oder:
D. Wieder stärkerer Importschutz, um das Tempo der Produktionsverlagerung an Niedriglohnstandorte abzubremsen!
und/oder:
E. International gültige Standards vereinbaren, die zumindest die soziale Absicherung aus der Konkurrenz herausnehmen! Derartiges läßt sich auch gestaffelt nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit machen.
Einwände:
1. Die hochentwickelten Wohlfahrtsstaaten sind aufgrund ihrer überlegenen produktiven Leistungsfähigkeit gegen Billigkonkurrenz weitestgehend geschützt. Diese Leistungsfähigkeit beruht auf dem Zusammenspiel von hochentwickelter physischer Infrastruktur, guter Ausstattung mit "Humankapital", hochentwickelten Institutionen, Agglomerationsvorteilen (hochentwickelte, differenzierte Zulieferstrukturen, hohe Synergiepotentiale) und soziopolitischer Stabilität. Zusammengenommen ergibt dies Transaktionskostenvorteile, die die Nachteile bei den
Faktorkosten mehr als aufwiegen selbst dann, wenn man die Übertragbarkeit
von produktionsrelevantem Know-how an unterentwickelte Standorte in
Rechnung stellt.
Die Tatsache, daß Niedriglohnländer
höhere Marktanteile in bestimmten Branchen gewinnen, ist ein Zeichen
erweiterter internationaler Arbeitsteilung. Die Hochlohnstandorte geben
zwar einige Produktionssparten ab, weiten aber gleichzeitig die Produktion
in anderen Bereichen aus. Sie spezialisieren sich verstärkt auf
hochwertige Produkte, die sie u.a. an Niedriglohnländer verkaufen.
Letztere aber finanzieren mit ihren zunehmenden Exporterlösen die
zunehmende Nachfrage nach den Hochlohnprodukten. Bei uns fallen zwar
Kosten des Strukturwandels an, aber die hohen Löhne und Sozialstandards
sind nicht gefährdet.
2. Die Tatsache, daß in
den Industrieländern der Bedarf an gering qualifizierten Arbeitskräften
sinkt, liegt nicht an der Verlagerung von einfachen Produktionsprozessen
in Niedriglohnländer, sondern an veränderten Produktionsprozessen
und veränderten Nachfragestrukturen. Für die Herstellung moderner
Produkte (sowohl Güter als auch viele Dienstleistungen) werden
einfach mehr und mehr hochqualifizierte Arbeitskräfte benötigt.
Empirische Studien bestätigen das.
Dies kann
freilich Auswirkungen auf die soziale Absicherung haben. Gering Qualifizierte
können in zunehmendem Maße nur noch für einfache Dienstleistungen
verwendet werden. Diese stoßen (wenn die Arbeitsmarktpolitik hier
nicht innovativ eingreift) aber nur dann auf hinreichende Nachfrage,
wenn sie billig genug sind, zumal es hier auch zunehmende Konkurrenz
seitens legaler und illegaler Zuwanderer gibt. Billige Arbeitskraft
impliziert aber wenn der Staat nicht gegensteuert auch geringere
Sozialkosten und damit ein geringeres Maß an sozialer Absicherung.
3. Sollte Niedriglohnkonkurrenz das Kostenniveau bei uns in Westeuropa auf breiter Front unter Druck setzen, wird die Abwertung unserer Währungen für einen Ausgleich sorgen. Das war von jeher der Anpassungsmechanismus, wenn nationale Preisniveaus international "aus dem Tritt" gerieten (z.B. wegen höherer Inflation als im Ausland). Eine Senkung der Sozialkosten ist nicht der Weg, um gesamtwirtschaftlich Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen.
Gegeneinwände:
ad 1: Höherwertige Produktionsbereiche, in denen sich hohe Löhne und Sozialleistungen weiterhin realisieren lassen, reichen auf Dauer nicht aus, um alle die Arbeitskräfte aufzunehmen, die von der Niedriglohnkonkurrenz verdrängt werden. D.h. hohe Löhne und Sozialleistungen wird es nur für einen immer kleiner werdenden Teil unserer Erwerbsbevölkerung geben. Die anderen müssen sich in der Tat der Niedriglohnkonkurrenz stellen. Der Arbeitsmarkt polarisiert sich zunehmend.
ad 2: Die Tatsache, daß "moderne" Produktionsstrukturen immer weniger gering qualifizierte Arbeitskräfte benötigen, liegt gerade daran, daß diejenigen Segmente der gesamten Produktionspalette, die weiterhin auf einfache Arbeit setzen, mehr und mehr verlagert werden. Dies gilt auch für viele Dienstleistungen.
ad 3: Der Ausgleich über den Wechselkurs funktioniert nicht, weil der in den Industrieländern verbleibende "Hochlohnsektor" einen immer größeren Teil seiner Produktion an die Niedriglohnländer verkauft. D.h. er wechselt die Kundschaft, aber er produziert nicht mehr. Die Handelsbilanz bleibt also trotz zunehmender Verdrängung durch Niedriglohnkonkurrenz tendenziell ausgeglichen. Für Abwertung besteht somit kein Anlaß.
Früher hatten Unternehmen in aller Regel keine andere Wahl, als
sich dem internationalen Wettbewerb unter den Bedingungen, die ihnen
ihr Standort gleichsam vorgab, zu stellen. Hohe Arbeitskosten wirkten
dann als "Produktivitätspeitsche". Solche Peitschenhiebe
müssen Unternehmen heute immer weniger hinnehmen. Standorte samt
den an sie gebundenen Arbeitnehmerschaften werden dadurch erpreßbarer.
Sozialabbau wird durch zwei Mechanismen bewirkt:
· Arbeitnehmer und Regierungen gehen auf Forderungen der Unternehmen ein, die Sozialkosten zu senken, weil sie berechtigter- oder unberechtigterweise Angst um den Standort und die Arbeitsplätze haben. Kostensenkung wird eingesetzt, um alte Produktionen zu halten und neue ins Land zu locken.
· Man geht auf die Forderungen der Unternehmen nicht ein. Diese wenden sich verstärkt dem Ausland zu (Aufbau neuer und Verlagerung bestehender Produktionsstätten). Dadurch entsteht im eigenen Land Arbeitslosigkeit, in deren Gefolge es zur Aushöhlung der sozialen Absicherung kommt.
Dem Ganzen wohnt eine Tendenz zum internationalen Unterbietungswettlauf inne. Im Vordergrund steht hier nicht die Niedriglohnkonkurrenz der Dritten Welt, sondern die Konkurrenz der Industrieländer untereinander.
Politische Konsequenz:
A. Hohe Wettbewerbsfähigkeit in jenen Bereichen anstreben, in denen Arbeitskosten nicht entscheidend sind (Hochtechnologie)!
und/oder:
B. In der Tat Sozialkosten absenken, um den Standort zu sichern und den unkontrollierbaren Sozialabbau im Gefolge hoher Arbeitslosigkeit zu vermeiden!
und/oder:
C. International gültige Standards vereinbaren, die zumindest die soziale Absicherung aus der Konkurrenz herausnehmen!
Einwände:
1. Die Möglichkeit der Unternehmen, Produktion zu verlagern, wird stark übertrieben. In Wirklichkeit sind Unternehmen weiterhin in hohem Maße an den Standort, an dem ihre Produktionseinrichtungen stehen und in dessen Arbeitskultur sie sich "wie der Fisch im Wasser" bewegen, gebunden. Produktionsverlagerung ist nicht nur mit hohen Transaktionskosten, sondern oft auch mit dauerhaften Produktivitätseinbußen verbunden. Die Internationalisierung der Produktion, die man in der Tat beobachten kann, spiegelt mehrere Dinge wider, die alle nichts mit sozialer Unterbietungskonkurrenz zu tun haben, nämlich:
· die Anpassung der internationalen Arbeitsteilung an veränderte komparative Kostenstrukturen im Zuge wirtschaftlicher Aufholprozesse in der Dritten Welt;
· das Bestreben der Unternehmen, in unterschiedlichen Ländern und Weltregionen präsent zu sein (wichtig angesichts von Wechselkursschwankungen und weiterhin bestehenden Handelsbarrieren, z.B. Transportkosten);
· das Ausnutzen diverser Vorteile, die aus der Größe, der Produktdiversifizierung und der Flexibilität eines Unternehmens resultieren.
2. Erhöhte Standortmobilität von Unternehmen bedroht die hohen Sozialstandards in Deutschland und anderen europäischen Wohlfahrtsstaaten nicht; denn diese Standards sind wirtschaftlich abgesichert durch hohe Arbeitsproduktivität. Von jeher mußten die Lohnstückkosten stimmen, mußten hohe Löhne und Lohnnebenkosten durch hohe Produktivität/Produktqualität verdient werden. Andernfalls drohten Absatzeinbußen und Handelsbilanzdefizite. Längerfristig wäre ein Ausgleich durch Währungsabwertung zu erwarten gewesen (typisch für Länder mit überdurchschnittlicher Inflation). Die Standortmobilität der Unternehmen hat an diesen elementaren Zusammenhängen nichts geändert. Sie hat lediglich zur Folge, daß die Unternehmen etwaige Wettbewerbsvorteile anderer Standorte auch selbst ausnutzen können und nicht von vornherein ihren ausländischen Konkurrenten überlassen müssen. Wohl können Kapitalbewegungen die Währung eines Landes aufwerten und sein Kostenniveau zum Wettbewerbsnachteil machen. Dadurch kann auch Druck zur Verringerung von sozialen Absicherungskosten entstehen. Dies hat jedoch nichts mit unternehmerischer Mobilität zu tun.
Gegeneinwände:
ad 1: Es ist schon richtig, daß die meisten Unternehmen auch heute ihre Produktion nicht beliebig verlagern können und daß es weiterhin eine hohe Beharrungspräferenz gibt. Die Konsequenz ist aber, daß Produktionsverlagerungen, die heute letzten Endes doch leichter sind als früher, nicht so schnell wieder rückgängig gemacht werden, wenn sich die Bedingungen im Heimatland wieder bessern.
ad 2: Exporterfolge und Handelsbilanzüberschüsse widerlegen die These nicht, daß hohe Sozialkosten gegenüber den standortmobilen Unternehmen immer schwerer durchsetzbar sind. Wenn Produktion verlagert wird bzw. neue Produktionsstätten verstärkt im Ausland angesiedelt werden, dann bleiben zu Hause diejenigen Aktivitäten übrig, die trotz allem hoch wettbewerbsfähig sind. Da die anderen Produktionsbereiche wegschmelzen, ergeben sich im Durchschnitt natürlich weiterhin günstige Lohnstückkosten. Auch die Exporte brauchen nicht zu leiden. Die Kehrseite der schönen Medaille ist jedoch eine zunehmende soziale Polarisierung. Denn für diejenigen, die im hochwettbewerbsfähigen Sektor der Wirtschaft nicht unterkommen, verringern sich die Chancen. Mehr und mehr werden in die Marginalisierung (prekäre Arbeitsverhältnisse, Arbeitslosigkeit) abgedrängt. Man kann es auch so sehen, daß trotz hoher Exportfähigkeit Wirtschaftswachstum zunehmend anderswo stattfindet.
Unternehmen sind heute in höherem Maße als noch in den 70er
Jahren auf den Kapitalmarkt zur Finanzierung von Investitionen angewiesen.
D.h., sie müssen sich in höherem Maße dem weltweiten
Renditevergleich stellen. Unternehmensstrategien, die primär auf
Umsatzsteigerung und Marktanteilsgewinne zielen und dabei eine mittelmäßige
Rentabilität in Kauf nehmen, sind unter den neuen Kapitalmarktbedingungen
immer weniger durchsetzbar. Unternehmen, die sich darüber hinwegsetzen,
werden von neuen Anteilseignern billig übernommen (geringe Bewertung
im Aktienmarkt) und anschließend auf hohe Rentabilität "getrimmt".
Der Standard für die Renditeerwartungen
des Kapitalmarkts wird heute von den USA vorgegeben, wo sich die Rentabilitätsinteressen
der Anteilseigner ("Share-holder") gegenüber den Machtinteressen
der Manager auf breiter Front durchgesetzt haben. Die Eigenkapital-Rendite
ist in den USA im Durchschnitt wesentlich höher als z.B. bei deutschen
Unternehmen.
Um ihre Rentabilität zu steigern,
müssen viele Unternehmen ihre Stückkosten senken. Werden ihnen
vom Staat und den Gewerkschaften hohe Lohn- und Sozialkosten vorgegeben,
müssen sie ihre Produktion auf die hochproduktiven Bereiche beschränken
und die anderen Bereiche abstoßen. Das verschärft das "Insider-Outsider-Problem";
denn es schafft Arbeitslosigkeit, erhöht die Kosten der sozialen
Absicherung und begünstigt die Entwicklung eines informellen Arbeitsmarktsegmentes
mit niedrigen Löhnen und geringer sozialer Sicherheit. Damit steigt
der politische Druck, den teuren, "beschäftigungsfeindlichen"
Sozialstaat abzuspecken.
Politische Konsequenz:
A. Zusehen, daß die sozialen Folgen der weltweiten Rentabilitätsangleichung (die sich unweigerlich durchsetzen wird) irgendwie abgefedert werden.
und:
B. Jede Erhöhung der Arbeitskosten vermeiden, damit der unvermeidliche Anpassungsschock nicht noch drastischer ausfällt, also nicht so viele zu "Outsidern" werden.
Einwände:
1. Wenn das Kostenniveau eines Landes tatsächlich auf breiter Front (also nicht nur in bestimmten Branchen) im Vergleich mit dem Ausland zu hoch ist, sind Anpassungsschritte nötig. Das war von jeher so. Und von jeher war der wichtigste Anpassungsmechanismus die Währungsabwertung. Sie würde auch heutzutage ein Rentabilitätsgefälle zwischen in- und ausländischen Unternehmen (wenn es denn existiert) abbauen. Denn sie würde die Differenz zwischen den Kosten inländischer Wertschöpfung (vor allem Arbeit) und erzielbarem Preis (vom Weltmarkt vorgegeben) erhöhen.
2. Es ist schwer einzusehen, warum investiertes Kapital weltweit auf Dauer eine höhere Rendite erzielen kann. Eher ist zu erwarten, daß (im Überfluß vorhandenes) Kapital die am Markt erzielbare Rendite im Wettbewerb um rentable Anlagen herunterkonkurriert.
3. Sollten Kapitalmarkt- und Management-Innovationen die Meßlatte für eine akzeptable Eigenkapital-Rendite (fürs erste) tatsächlich höher gelegt haben, dann ist es schon richtig, daß sich alle Unternehmen über kurz oder lang daran anpassen müssen. Diese Anpassung aber ist ein einmaliger Akt, im Prinzip nicht anders als bei technologisch bedingten Produktivitätssteigerungen. Letztere sind ja im Prinzip nichts Verkehrtes, sondern die eigentliche Quelle unseres zunehmenden Wohlstandes. Freilich fallen dabei Rationalisierungen an. Und es kann auch passieren, daß bestimmte wirtschaftliche Aktivitäten (mitsamt ihren Arbeitskräften!) nicht mehr marktfähig sind. Danach geht das wirtschaftliche Leben aber "normal" weiter. Den Maßstab für die Entlohnung von Arbeitskräften wird weiterhin die (auch in Zukunft steigende) Produktivität setzen, den Maßstab für den sozialen Absicherungsaufwand die Präferenzen der "Gesellschaft" bzw. der Arbeitnehmer hinsichtlich der Aufteilung des Arbeitslohnes für die Zwecke des unmittelbaren Konsums, der Vorsorge für die Lebensrisiken und der Solidarität mit den sozial Schwachen. All dies hat nichts mit veränderten Kapitalmarktbedingungen zu tun. Allenfalls gibt es das (vorübergehende!) Problem, daß viele "freigesetzte" Arbeitskräfte zunächst keine neuen Jobs finden. Dieses Problem aber betrifft die allgemeine Wirtschaftsdynamik und die Organisation des Arbeitsmarktes und nicht die grundsätzliche Verkraftbarkeit hoher Arbeitskosten.
Gegeneinwände:
ad 1: Währungsabwertung könnte theoretisch schon die Rentabilität der heimischer Unternehmen steigern, sofern sie die gewonnenen Spielräume für Preiserhöhungen und nicht für Marktanteilsgewinne nutzen. Aber erstens ist Währungsabwertung kein Instrument mehr, daß die Wirtschaftspolitik zum zielgerichteten Einsatz zur Verfügung steht (zumal für ein Mitgliedsland der EWU!). Zweitens geht anders als bei wachsendem Handelsbilanzdefizit vom Rentabilitätsgefälle kein Druck in Richtung Währungskorrektur aus. Die Anpassung findet vielmehr dadurch statt, daß Unternehmen evtl. auf den Druck neuer Anteilseigner hin von alten marktanteilszentrierten auf neue rentabilitätszentrierte Strategien übergehen. Die Bereinigungen und Produktivitätssteigerungen, die sie dabei vornehmen, bringen den Sozialabbau-Effekt hervor.
ad 2: Investitionsbereites Kapital ist nicht im Überfluß vorhanden, sondern knapp. In der Vergangenheit spielten dabei die hohen kapitalabsorbierenden Defizite vieler Staaten eine Rolle. Gegenwärtig kommt der dramatische Rückgang der privaten Haushaltsersparnisse in den USA hinzu. Fundamental ist darüber hinaus die gestiegene Bedeutung der Finanzspekulation. Es ist die Perspektive hoher Kursgewinne für gehandelte Vermögenswerte, die den Standard für die Kapitalverzinsung maßgeblich mit nach oben gedrückt haben. Gelegentliche Kursstürze ändern daran prinzipiell nichts. Im Gegenteil, sie führen dazu, daß "das Spiel" immer wieder von neuem beginnen kann.
ad 3: Theoretisch ist eine neue Vollbeschäftigung in hochrentablen und somit auch in Zukunft hoch entlohnbaren Wirtschaftsaktivitäten schon vorstellbar. Die dazu notwendige Wachstumsdynamik ist jedoch nirgendwo zu erkennen. Deshalb läuft es in der Realität doch darauf hinaus, daß viele Personen in niedrig entlohnte Jobs mit geringer sozialer Absicherung abgedrängt werden.
Kostendruck ist nicht entscheidend für den Zusammenhang von verstärkter
internationaler Konkurrenz und Sozialstaatlichkeit. Der Kostendruck
mag ausbleiben oder er mag neutralisiert werden, wie unten in Positionen
10 und 11 vorgeschlagen. Aber dies wird zum Schaden von Wohlfahrtsstaaten
wie Deutschland oder Frankreich sein. Denn die übermäßige
soziale Absicherung ist mit einem Anspruchsdenken gekoppelt, das einer
flexiblen Anpassung an sich verändernde ökonomische Bedingungen
prinzipiell im Weg steht. Wohl setzen sich die ökonomischen Zwänge
letzten Endes doch durch. Aber im internationalen Wettbewerb kommt es
auf Schnelligkeit an. Die hochentwickelten Wohlfahrtsstaaten hingegen
tendieren dazu, schmerzhafte Anpassungen so lange hinauszuzögern,
bis es nicht mehr anders geht. Die jahrzehntelange Subventionierung
für nicht mehr marktfähige Wirtschaftszweige ist ein Beispiel,
regionale Mobilitätsverweigerung ein anderes.
Es
steht zu erwarten, daß der hinauszögernde Widerstand gegen
sozial schmerzhafte Umstrukturierungen das Land im internationalen Wettbewerb
immer weiter zurückfallen läßt. Gerade dann, wenn sich
der Kostendruck nicht entscheidend bemerkbar macht! Die Konsequenz wird
sein, daß die jetzige sozialstaatliche "Architektur"
gründlich diskreditiert wird und sich radikale Reformentwürfe
die das jetzige Maß der Absicherung deutlich verringern durchsetzen.
Der Sozialstaat neuer Prägung wird dann viel stärker die "Befähigung
für den Arbeitsmarkt" in den Vordergrund rücken und die
Absicherung bei Mißerfolg im Markt entsprechend zurückstellen
(Stoßrichtung des "Dritten Weges" von New Labour).
Politische Konsequenz:
Vorausschauende Verringerung der inflexibel machenden sozialen Absicherung auch ohne internationalen Kostendruck wäre das Beste.
Einwand:
Anpassungsbereitschaft wird durch soziale Absicherung gefördert. Anpassung an veränderte Marktbedingungen stößt vor allem dort auf Widerstand, wo sie die Betroffenen mit deutlicher ökonomischer Schlechterstellung bedroht. Wo ein gut funktionierendes System sozialer Absicherung der Veränderung das Bedrohliche nimmt, ist die Anpassungsbereitschaft groß. Ein anpassungsfreundliches System der sozialen Absicherung muß eine glaubhafte Einkommensgarantie unabhängig vom gegenwärtigen Job geben. Es sollte diese Garantie an die Bereitschaft des einzelnen knüpfen, neue Jobangebote zu akzeptieren. Ein derartiges System kann freilich nur bei annähernder Vollbeschäftigung funktionieren. Diese wäre also zunächst herzustellen durch dauerhaft erhöhtes Wirtschaftswachstum oder durch eine angemessene Anpassung des Arbeitsmarktes an die Bedingungen relativ langsamen langfristigen Wirtschaftswachstums. Optionen für eine Vollbeschäftigungspolitik, die am Arbeitsmarkt ansetzt, sind:
·Zulassung eines Niedriglohnsektors mit niedriger Produktivität (sozial abgesichert durch ein Zusatz-Transfereinkommen);
·Umverteilung des Arbeitsvolumens und der zugehörigen Lohnsumme;
· Steuerfinanzierte staatliche Arbeitsbeschaffung.
Der Anpassungsbereitschaft ist es prinzipiell
abträglich, wenn ein Jobverlust die Perspektive wirtschaftlichen
Abstiegs bzw. verringerter Absicherung im Alter und bei Krankheit mit
sich bringt. D.h. Wohlfahrtsstaaten, die die soziale Absicherung vom
Arbeitsverhältnis abkoppeln, sind prinzipiell anpassungsfreudiger.
Es ist richtig, daß die "Architektur"
der sozialen Absicherung in Deutschland derzeit
nicht sehr anpassungsfreundlich und deshalb prinzipiell für das
hier skizzierte Szenario anfällig ist. Das Fazit heißt aber
nicht, den Sozialstaat abspecken, sondern ihn modernisieren und Vollbeschäftigung
wiederherstellen.
Gegeneinwand:
Die Arbeitsmarktreformen, die notwendig wären, um annähernde Vollbeschäftigung und damit Einkommenssicherheit bei dauerhaft langsamem Wirtschaftswachstum wiederherzustellen, überfordern das politische System. Vollbeschäftigung (und zwar über kräftiges Wirtschaftswachstum) steht evtl. als Belohnung für erhöhte Flexibilität in Aussicht, kann aber nicht zur Vorbedingung für Anpassungsbereitschaft gemacht werden.
Wie schon unter Position 5 argumentiert, ist die Frage, ob die Kosten
der sozialen Absicherung dem internationalen Wettbewerbsdruck standhalten
können, sekundär. Entscheidend sind vielmehr die nationalen
Akzeptanzgrenzen für diese Kosten. Die Gefahr ist gerade nicht,
daß der Sozialstaat abspeckt, sondern im Gegenteil, daß
er ständig weiter zunimmt (aufgrund von alternder Gesellschaft,
anhaltender Massenarbeitslosigkeit und immer aufwendigerer Medizintechnik).
Wenn besserverdienende wirtschaftliche Leistungsträger einen zu
hohen Anteil ihres Einkommens für die Solidarität mit weniger
gut situierten Mitbürgern abtreten müssen, lohnt sich für
sie ihre Leistung wirtschaftlich nicht mehr richtig. Sie schränken
ihr Leistungsangebot ein. Gesuchte Fachkräfte mit knappen Qualifikationen
wandern zunehmend in Länder mit geringerer Abgabenbelastung ab.
Die Folgen für die nationale Wettbewerbsfähigkeit
sind langfristig verheerend. Wie unter Position 6 argumentiert, wird
die Konsequenz sein, daß die jetzige sozialstaatliche "Architektur"
gründlich diskreditiert wird und sich radikale Reformentwürfe
die das jetzige Maß der Absicherung deutlich verringern durchsetzen.
Politische Konsequenz:
Vorausschauende Verringerung der sozialstaatlichen Kosten auch ohne internationalen Konkurrenzdruck wäre das Beste.
Einwand:
Die Akzeptanzgrenzen für die Kosten sozialer Absicherung sind in der Tat ein Problem. Das liegt aber nicht daran, daß wir uns immer mehr "sozialen Luxus" leisten, den die Besserverdienenden finanzieren müssen. De facto geht zunehmende Kostenbelastung seit geraumer Zeit mit abbröckelnder sozialer Sicherheit einher (siehe oben Position 1). Außerdem sind diejenigen, die den Sozialstaat finanzieren, auch diejenigen, die in Genuß des größten Teils seiner Leistungen kommen.
Um den Sozialstaat gleichzeitig wieder voll funktionsfähig und wieder billiger zu machen, muß ein entscheidender kostentreibender Faktor unter Kontrolle gebracht werden, nämlich die anhaltende Massenarbeitslosigkeit (siehe Einwand zu Position 6). Darüber hinaus würde eine weitgehende Privatisierung derjenigen sozialen Sicherungsvorkehrungen, die Leistungen nach Maßgabe der Beiträge gewähren (vor allem die Altersvorsorge), die symbolisch und ergo politisch so wichtigen Zwangsabgaben reduzieren. Eine stärkere Beteiligung von Normal- und Gutverdienern an staatlichen Leistungen (etwa Hochschulausbildung) könnte ein übriges tun. Eine derartige Teilprivatisierung würde offenkundig machen, daß die Kosten der Umverteilung, die der Sozialstaat vornimmt, nicht so gravierend sind. Freilich haben Privatisierungen auch ihre Nachteile.
Internationalen Wettbewerb gibt es seit langem. Er führt aber nur
dann zu einem allgemeinen Kostensenkungswettlauf ("race to the
bottom"), wenn die Märkte nicht mehr genug wachsen und der
Absatz in weiten Bereichen stagniert. Wettbewerb wird dann zur Verdrängungskonkurrenz.
Der Abwertungswettlauf der Industrieländer in der Krise der 30er
Jahre ist ein historisches Beispiel für derartige Konstellationen,
die durch nicht ausgelastete Produktionskapazitäten und ein Überangebot
an Arbeitskraft gekennzeichnet sind.
Die gesamte industrielle Welt wies in den
vergangenen 25 Jahren im Vergleich zu den 50ern und 60ern ein so
geringes Wirtschaftswachstum auf, daß sie sich mehr und mehr einer
derartigen Konstellation angenähert hat. Dem Kostensenkungswettlauf
können sich einzelne Unternehmen durch Innovation (Ausweichen
in weniger preiskonkurrenzbestimmte Produktbereiche) entziehen, nicht
aber ganze Volkswirtschaften.
Auch Währungsabwertung bringt auf Dauer keinen
Schutz vor dem erbarmungslosen Kostendruck, weil die Konkurrenten nachziehen.
Das Gleiche gilt freilich auch für die Senkung von Lohn- und Sozialkosten.
Der Unterbietungs-Wettlauf wird dadurch nicht beendet.
Der
Druck könnte sich zuspitzen, wenn die US-Konjunktur, die den einzigen
Lichtblick in den 90er Jahren darstellte, nachläßt.
Politische Konsequenz:
A. Priorität auf die Wiederbeschleunigung des weltweiten Wirtschaftswachstums legen!
und/oder:
B. Internationale Übereinkommen erzielen, die soziale "Unterbietungskonkurrenz" (ähnlich wie Subventionswettlauf) eindämmen!
und/oder:
C. Die soziale Absicherung so finanzieren, daß sie keinen Kostenfaktor im internationalen Wettbewerb darstellt (siehe Positionen 10 und 11)!
Zeitlich fiel der kräftige Ausbau des Wohlfahrtsstaates in den
westlichen Industrieländern mit einer geradezu dramatischen Ausweitung
des intra-industriellen Handels zwischen diesen Ländern zusammen.
Zumal kleine Länder wie Dänemark, Österreich, die Schweiz
oder die Niederlande waren während der ganzen Phase steigender
Sozialkosten intensivem internationalen Wettbewerb
ausgesetzt. Dies war möglich, weil es in allen Industrieländern
eine parteienübergreifende politische Mehrheit für den Ausbau
des Sozialstaates gab. De facto entstand daraus ein "wohlfahrtsstaatliches
Kartell", d.h. ein unausgesprochener Verzicht, niedrige Sozialkosten
als Wettbewerbsvorteil einzusetzen.
Die "wirtschaftliche
Malaise", die in den 70er Jahren alle Industrieländer erfaßt
hatte, brachte den wohlfahrtsstaatlichen Konsens allmählich ins
Wanken. In den USA (ohnehin ein Nachzügler im Ausbau des Wohlfahrtsstaates)
und in Großbritannien wurden dezidiert anti-wohlfahrtsstaatliche
Programme politikbestimmend. Der dort vorgenommene "Sozialabbau"
(weit weniger drastisch als die neoliberale Begleitrhetorik) setzte
für die übrigen Industrieländer neue Standards. Sozialkosten
wurden jetzt zum Wettbewerbsfaktor, der nicht übersehen werden
darf.
A. Das "Kartell der Wohlfahrtsstaaten" wiederherstellen!
oder aber:
B. Die "neoliberale Wende" als vernünftig akzeptieren!
Einwände:
1. Es gab von jeher große Unterschiede zwischen den Sozialkosten der Industrieländer. Diese Unterschiede waren in der Vergangenheit kein Grund für ein "race to the bottom". Es ist deshalb nicht einzusehen, warum sie heute Anpassungsdruck auf die teureren Sozialstaaten ausüben sollten. Wenn solcher Druck besteht, kann er nicht auf das Ausscheren von USA und UK aus dem "Kartell der Wohlfahrtsstaaten" zurückgeführt werden.
Politische Konsequenz:
2. Eine Eskalation sozialer Unterbietungskonkurrenz ist nicht zu erwarten, da in allen Industrieländern politische Strukturen einem radikalen Sozialabbau einen Riegel vorschieben. Dieser ist in Demokratien nicht mehrheitsfähig. Insofern besteht das "Kartell der Wohlfahrtsstaaten" weiter. Bei der "neoliberalen Wende" handelt es sich schließlich auch nur um vernünftige Korrekturen an wohlfahrtsstaatlichen Exzessen. Es sind auch nur sie, die der internationale Wettbewerb zur Disposition stellt.
3. Sozialabbau in einigen Industrieländern zwingt andere keineswegs dazu, nachzufolgen. Schon immer gab es markante Verschiebungen in den Produktionskosten zwischen den einzelnen Industrieländern (z.B. unterschiedliche Inflationsraten). Und immer gab es Ausgleichmechanismen, die verhinderten, daß ein Land auf Dauer im internationalen Preiswettbewerb nicht mehr bestehen konnte (Wechselkurs!). Wenn heute tatsächlich sozialer Unterbietungswettlauf konstatiert wird, dann muß das andere Gründe haben (siehe Positionen 3-5 und 8).
Gegeneinwand:
ad 1: Es ist richtig, daß Mehrheiten ihre sozialen Besitzstände verteidigen. Zum Sozialabbau kommt es trotzdem, weil die erhöhten Anforderungen an soziale Absicherung (Ursachen: alternde Gesellschaft, Kostensteigerung im Gesundheitswesen, Massenarbeitslosigkeit) eigentlich höhere Aufwendungen verlangen. Diese aber fallen dem internationalen Konkurrenzdruck zum Opfer. Denn steigende Kosten will man dem nationalen Standort dann doch nicht zumuten. Der ideologische Wind weht ohnehin OECD-weit in Richtung "Verschlankung des Wohlfahrtsstaates".
Jede Gesellschaft, ob arm oder reich, kann den Anteil des Volkseinkommens
für die soziale Absicherung verwenden, den sie für richtig
hält, bzw. für den sie sich über ihre politischen Willensbildungsprozesse
entscheidet. Es geht hierbei um die Aufteilung des Sozialprodukts
zwischen
· individuellem Konsum,
· Vorsorge für eine unsichere Zukunft und
· Solidarität mit ärmeren Mitbürgern.
Der Verteilungsschlüssel ist prinzipiell
unabhängig von der Höhe des Sozialprodukts. Daß
insgesamt nicht mehr ausgegeben werden kann, als das Land erwirtschaftet
(bzw. sich zusätzlich borgt), ist selbstverständlich.
Diese
Überlegung gilt für das gesamte Volkseinkommen, sie gilt aber
auch für den Teil des Volkseinkommens, der den Arbeitnehmern zufließt.
Der Arbeitnehmeranteil besteht in den modernen Wohlfahrtsstaaten aus
dem
· Geldlohn, über den der einzelne Haushalt disponieren kann, und aus dem
· Soziallohn, der in die sozialen Sicherungssysteme fließt.
Sollte internationale Konkurrenz tatsächlich
zu einer Absenkung der Löhne führen, ist es Sache politischer
Willensbildung, wie weit der Geldlohn und wie weit der Soziallohn gekürzt
werden soll. Behält man den Verteilungsschlüssel bei und kürzt
beide Bestandteile proportional, bleiben wichtige
soziale Kennziffern unverändert: z.B. das Verhältnis von Rente
und Arbeitslohn oder das Verhältnis von Arbeitslosenunterstützung
und Lohn. Die Arbeitnehmerschaft insgesamt könnte sich dann allerdings
nur noch weniger Gesundheit "kaufen".
Daß
die internationale Konkurrenz zu einer Absenkung des Reallohnniveaus
führt, ist jedoch eine extreme Annahme. Eher ist zu erwarten, daß
die Lohnerhöhungsspielräume eng bleiben. Wenn gleichzeitig
das Volkseinkommen steigt, läuft das auf eine Umverteilung zu Lasten
der Arbeitnehmer hinaus. Aber die Aufteilung des Gesamtlohns zwischen
Geld- und Soziallohn bleibt davon unberührt.
Politische Konsequenz:
Das Verhältnis von Geld- und Soziallohn zum Gegenstand expliziter Willensbildung (z.B. in Tarifvereinbarungen) machen.
Einwand:
Die Argumente dieser Position mögen ökonomisch richtig sein, sie gehen aber an der politischen Realität vorbei. Nettolohnkürzungen, wie in dieser Position angedacht, werden weder von der Arbeitnehmer- noch der Arbeitgeberseite als erste Wahl bei der Reduzierung der Arbeitskosten favorisiert. Selbst eine weiter andauernde Stagnation der Nettolöhne, um steigende Sozialkosten für Unternehmen tragbar zu machen, dürfte auf Widerstand stoßen.
Es gilt das Grundargument der Position 10 hinsichtlich der Aufteilung
des Sozialprodukts zwischen Konsum, Vorsorge und Solidaritätsaufwand.
Die beiden letztgenannten Bestandteile, aus denen sich die soziale Absicherung
zusammensetzt, lassen sich dem Wettbewerbsdruck dadurch entziehen, daß
sie wie in Dänemark aus dem staatlichen Steueraufkommen finanziert
werden und nicht, wie in Deutschland, Frankreich und anderswo üblich,
aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen.
Politische Konsequenz:
Die sozialen Sicherungssysteme weitgehend von Beitrags- auf Steuerfinanzierung umstellen (wie z.B. in Konzepten der "ökologischen Steuerreform" vorgesehen)!
Einwand:
1. Verschärfte internationale Konkurrenz drückt nicht nur auf die Arbeitskosten, sondern auch auf die Steuerbelastung, die den Unternehmen aufgebürdet werden kann. Sie führt auch über diesen Weg dazu, daß weniger Geld zur Finanzierung der sozialen Absicherung bereit steht.
2. Eine Umstellung der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme, wie in Position 10 als Lösung dargestellt, stellt ein so weitreichen des und umfassendes institutionelles Reformvorhaben dar, daß es im durch Verbandsmacht bestimmten ("korporatistischen") politischen System der Bundesrepublik keine Chance hat.
Gegeneinwand:
ad 1: Zusätzlicher Bedarf an Steuereinnahmen muß nicht durch die Besteuerung von Unternehmen, sondern kann durch Steuern auf Haushalte bzw. auf Konsum (Einkommenssteuer, Mehrwertsteuer) gedeckt werden. Das Problem ist dann nicht mehr die Wettbewerbsfähigkeit, sondern die Steuerakzeptanz der Bürger.
