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Aktuelle Themen & Veranstaltungen
(6/ 2000)
Berliner Erklärung
Ergebnis der internationalen
Konferenz
"Verbreitung von Hass im Internet"
vom 26. / 27. Juni 2000
- Wir alle halten das Internet für
das Medium unseres Jahrhunderts und eine erheblichen Gewinn
für das Zusammenleben aller Menschen,
- weil damit Wissen und Informationen
global nahezu in Echtzeit weltweit verbreitet und unbeeinflusst
von Grenzen und Herrschaftsstrukturen jedermann zugänglich
gemacht werden können,
- weil es Kontakte und die Kommunikation
zwischen Menschen jeder Herkunft, Hautfarbe und Denkweise
möglich macht oder erleichtert,
- weil es demokratische Mitbestimmung
und die aktive Teilnahme von Bürgerinnen und Bürgern ungeachtet
von Wohnort und Lebensmittelpunkt erleichtern kann,
- weil damit durch E- Commerce
und andere Anwendungsmöglichkeiten neue wirtschaftliche Chancen
entstehen, die möglichst vielen Menschen zugute kommen sollen.
Aus diesem Grund treten wir für
den Ausbau des Internets, für die Förderung seiner Möglichkeiten
und für die Zusammenarbeit von Industrie, Zivilgesellschaft
und Nationalstaaten bei der Gestaltung des Internets ein.
- Wir unterstreichen unsere gemeinsame
Überzeugung, dass jeder Mensch das Recht hat und haben muss,
seine Meinung auch im Internet frei zu äußern und zu verbreiten,
sowie sich auch dort ungehindert zu informieren. Diese globale
Möglichkeit macht den spezifischen Wert des Internet als globales
Kommunikationsmedium aus.
Aus diesem Grund halten wir an
dem Grundsatz fest, dass Zensur nicht stattfinden darf und Kommunikation
und wirtschaftliche Kontakte nicht behindert werden dürfen.
- Wir sehen jedoch gleichzeitig
mit großer Sorge, dass das Internet auch dazu genutzt werden
kann und zunehmend genutzt wird,
- Straftaten vorzubereiten und
zu begehen,
- Nutzen aus der Verletzung legitimer
Rechte etwa an geistigem Eigentum von Künstlern, Autoren und
anderen Urheberrechtsinhabern zu ziehen,
- die notwendigen Schutzregelungen
eines wirksamen Jugendschutzes zu umgehen oder ins Leere laufen
zu lassen und insbesondere
- Hass gegen Einzelpersonen und
gegen Teile der Bevölkerung, insbesondere gegen Minderheiten
zu verbreiten und zu schüren, und damit das friedliche Zusammenleben
zwischen den Menschen zu zerstören oder in Gefahr zu bringen,
nicht allein in der Gesellschaft eines Landes, sondern auch
über die Grenzen hinaus.
II
Was also tun?
- Skeptiker meinen, unsere modernen
Gesellschaften müssten mit diesem Widerspruch und diesen neuen
Gefährdungen leben. Wir sind nicht dieser Auffassung. Die heutigen
technischen und politischen Möglichkeiten bieten andere und
bessere Perspektiven.
- Wir wollen Straftaten im Internet
und die globale Verbreitung und kommerzielle Ausbeutung von
gesellschaftszerstörerischem Hass via Internet auch nicht wehrlos
dulden oder einfach hinnehmen. Wir unterstreichen vielmehr den
Grundsatz, dass auch online verboten sein muß, was offline verboten
ist.
Beiden, sowohl dem verfassungsrechtlich
garantierten Recht der freien Meinungsäußerung wie auch der
Informationsfreiheit sind in allen Staaten Grenzen gezogen.
Beide, also Informations- und Meinungsfreiheit, aber auch ihre
verfassungsrechtlich gezogenen Grenzen sind Ausdruck des Wertekonsenses
einer Gesellschaft.
- Entsprechend dem globalen Charakter
des Internet muss deshalb unser Ziel sein, einen globalen Wertekonsens
zu schaffen und international wenigstens einen Mindestbestand
an Strafbestimmungen zu vereinbaren, die festlegen, welche Handlungen
weltweit strafbar sind und welche Überschreitungen der Meinungsfreiheit
nirgendwo hingenommen, sondern überall strafrechtlich verfolgt
werden.
Das ist das Ziel, auch wenn wir
heute meilenweit davon entfernt sind.
- Auf dem Weg zu diesem Ziel sind
Zwischenschritte nötig und denkbar, die an unterschiedlichen
Punkten ansetzen können, z. B.:
- Regelungen für einzelne besonders
gefährdete Bereiche, über die Einigkeit leichter erreicht
werden kann. So sind wir in der Ächtung von Kinderpornographie
weltweit ein gutes Stück weitergekommen. Die Ächtung der Verbreitung
von Hass gegen Minderheiten, von fremdenfeindlicher Hetze
und rassistischen Parolen im Internet sollte als nächstes
folgen.
- Auch regionale Standards über
Strafbestimmungen können wirksame Zwischenschritte darstellen,
selbst wenn damit die globale Reichweite des Internet beeinträchtigt
und eine weltweit wirksame Strafverfolgung erschwert ist.
- Die technische Entwicklung und
der Einsatz geeigneter Filterprogramme, etwa für Schulen,
Eltern und unterschiedliche andere Nutzergruppen, können ebenfalls
wirksame Zwischenschritte bilden und sollten deshalb gefördert
werden.
- Bei der Strafverfolgung von Internet-Crimes
kann und muss manches verbessert werden. Hier sind vor allem
die Nationalstaaten aufgerufen, Lücken etwa bei Zuständigkeitsregelungen
zu schließen und die Kooperation über die Grenzen insgesamt
zu intensivieren.
- Die Festlegung verbindlicher strafrechtlichen
Mindeststandards ist Aufgabe der nationalen Gesetzgeber und
der Vereinbarung über die Grenzen hinweg. Daneben aber tragen
auch die Nutzer des Internet, zivilgesellschaftliche Interessengruppen
und Wirtschaftsunternehmen Verantwortung für das Zustandekommen
und die Durchsetzung eines globalen Wertekonsenses.
Wer die Verbreitung von Hass im
Internet als Gefahr für das Zusammenleben von Menschen bewertet,
der muss nicht auf die globale strafrechtliche Ächtung und Verfolgung
solcher Aktionen warten. Er kann und wird vielmehr verstärkt
auf Kooperation und Selbstverpflichtung der Beteiligten setzen,
z. B. auf
- die Selbstverpflichtung von
Internet-Unternehmen, Schmäh- und Hassliteratur nicht in ihr
Sortiment einzustellen. Die Bereitschaft von amazon.com "Mein
Kampf" nicht nach Deutschland auszuliefern, ist ein begrüßenswerter
Anfang. Er reicht aber nicht aus;
- die Selbstverpflichtung von
Internet-Musikverlagen oder von Internet-Auktionshäusern,
Lieder bzw. Objekte von Hass-Gruppen nicht ins Programm oder
den Katalog aufzunehmen;
- die Selbstverpflichtung von
Internet-Providern, Websites mit Parolen, die zum Hass gegen
Fremde, religiöse oder ethnische Minderheiten, gegen Behinderte
oder Schwule aufrufen, nicht aufzunehmen oder nach Bekanntwerden
unverzüglich zu entfernen, gehört ebenfalls dazu.
Solche Selbstverpflichtungen sollten
in Zukunft stärker eingefordert werden. Gerade hier kann auch
ein wichtiger Beitrag von zivilgesellschaftlichen Organisationen
liegen.
- Von dieser Berliner Konferenz
zur Bekämpfung von Hass im Internet soll das Signal ausgehen,
dass Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ein globales
Bündnis zur Bekämpfung der Verbreitung von Hass gegen Minderheiten
bilden, um sicherzustellen, dass künftig das Internet als Medium
der freien Diskussion aller Kulturen seinen Beitrag zum friedlichen
Zusammenleben aller Menschen leisten kann.
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