John Lewis Gaddis: Surprise, Security, and the American Experience
 
    
  Heft 4/2004 
    
 Cambridge/London 2004
Harvard University Press, 138 S.
  
 

Wer sich über die Folgen des 11. Septembers 2001 und die Aussen- und Sicherheitspolitik der Administration Bush II informieren möchte, findet in den Buchläden Unmengen an neuester Literatur dazu. Angebot und Nachfrage scheinen enorm zu sein. Qualitativ dagegen erreichen nur wenige dieser Monographien ein auch nur halbwegs befriedigendes Niveau. Etliches - wie beispielsweise die Traktate von Michael Moore - ist nicht viel mehr als die "erschütternde Summe von Schlampigkeiten, Lügen und demagogischen Verdrehungen".[1]

Wer von Verschwörungstheorien wenig hält und an einer vertieften, geschichtlich fundierten Reflexion über das einschneidende Ereignis des 11. Septembers 2001 und seine Konsequenzen interessiert ist, wird das kleine Buch des renommierten amerikanischen Historikers John Lewis Gaddis als ein wahres Juwel schätzen. Was Gaddis auf lediglich 118 Seiten Text (plus rund 20 Seiten Anmerkungen) leistet, ist beeindruckend. Auch wenn man da und dort mit Gaddis' Interpretationen nicht einverstanden sein mag, sein Buch ist nie geschwätzig und besserwisserisch, sondern konzis, spannend, über weite Strecken brillant.

Die USA seien in ihrer Geschichte, so lautet die Kernthese von Gaddis, drei Mal Opfer von verheerenden Überraschungsangriffen geworden, die sich tief in das allgemeine Bewusstsein der Amerikaner eingebrannt und jeweils zu einer fundamentalen Neuorientierung der amerikanischen Sicherheits- und Außenpolitik geführt hätten. Am 24. August 1814, am 7. Dezember 1941 und am 11. September 2001 sei die Illusion, die Amerikaner genössen ein friedliches Dasein unberührt vom (angeblich) gewalttätigen Rest der Welt, nachhaltig zerstört worden. Diese drei Ereignisse hätten nationale Identitätskrisen ausgelöst (S. 10).

Am 24. August 1814 brannten britische Truppen das Weisse Haus und das Kapitol in Washington nieder. Als Antwort auf dieses traumatische Ereignis entwickelte der Aussenminister von Präsident Monroe und spätere Präsident (1825-29) John Quincy Adams eine sicherheitspolitische Strategie auf drei Pfeilern: Präventivschläge, Unilateralismus und Hegemonie (S. 16). Um die Sicherheit der USA zu garantieren, wurden während Jahrzehnten Präventivkriege geführt und mit der Absicht, angebliche Machtvakuen zu füllen, neue Territorien erobert. Ziel dieser Politik war es, die amerikanische Hegemonie über die gesamte westliche Hemisphäre zu sichern. An Bündnispolitik war man nicht interessiert, man handelte unilateral.

Hatten Adams und die ihm nachfolgenden Präsidenten geglaubt, durch die kontinuierliche Expansion der amerikanischen Einflusssphäre Sicherheit für die USA schaffen zu können, zeigte die japanische Attacke auf Pearl Harbor, dass geografische Distanz allein keinen ausreichenden Schutz mehr bot. Präsident Roosevelt zog aus dem 7. Dezember 1941 drei Konsequenzen. Erstens sah er sich gezwungen, die Doktrin des Unilateralismus über Bord zu werfen. Er tat dies nicht aus Sympathie gegenüber seinen Partnern, sondern aus purer Notwendigkeit (S. 51). Zweitens strebte Roosevelt eine nunmehr globale Hegemonie der USA an, eine weltweite "preponderance of power".[2] Der Aufbau multilateraler Strukturen nach dem Zweiten Weltkrieg - der UNO, des Bretton-Woods-Systems und der NATO - diente letztlich der Absicherung des globalen Hegemonieanspruchs der USA (S. 53). Drittens gab Roosevelt die Strategie der Präventivschläge auf; sie war obsolet geworden. Der Führungsanspruch der USA - auch der moralische - vertrug sich schlecht mit der Idee, die USA könnten "fire the first shot" (S. 58). Der "Sieg" der USA im Kalten Krieg basierte denn auch, so führt Gaddis aus, nicht zuletzt auf der "Asymmetrie der Legitimität" der beiden Supermächte, auf dem weitgehenden amerikanischen Verzicht auf Präventivschläge und Unilateralismus (S. 64).

Der 11. September 2001 verlangte nach einer "redefinition, for only the third time in American history, of what it will take to protect the nation from surprise attack" (S. 85). Die amerikanische Regierung habe zuerst - so schreibt Gaddis - eine minuziöse Lageanalyse vorgenommen und mit der "National Security Strategy of the United States of America (NSS)" vom 17. September 2002 die Grundlinien einer neuen Außen- und Sicherheitspolitik überzeugend dargelegt. Im Gegensatz zur Clinton-Administration, die Gaddis wegen ihrer "laissez-faire foreign and national security policy" ohne klare strategische Ausrichtung hart kritisiert (S. 77), habe George W. Bush erkannt, dass sich Frieden nicht automatisch einstelle, sondern zu erarbeiten und zu verteidigen sei (S. 83f.). Wer die NSS genau lese, werde auch überrascht sein, dass die Bush-Administration stärker als ihre Vorgängerregierung für multilaterale Zusammenarbeit plädiere (S. 84). Ungewohnt sei an der Bush-Doktrin, dass sie die Möglichkeit von Präventivschlägen explizit erwähne. Dies sei aber eben keine Abkehr von der traditionellen amerikanischen Sicherheitspolitik, sondern vielmehr eine Rückkehr zu ihren Wurzeln zu Beginn des 19. Jahrhunderts (S. 86f.).

Bush habe durchaus verstanden, dass militärische Interventionen allein nicht ausreichten, um den neuen Gegner, den Terrorismus, zu bekämpfen. Den Hauptgrund für das Aufkommen starker terroristischer Gruppierungen sehe die Bush-Administration aber nicht in den wirtschaftlichen Problemen und der Armut in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens, sondern im Fehlen demokratischer Strukturen. Dies führe zu einem Abgleiten breiter Schichten in den islamischen Fundamentalismus. Die Antwort der Bush-Administration sei einfach, "it is to spread democracy everywhere" (S. 89f.): "[T]he United States must now finish the job that Woodrow Wilson started".

Gaddis unterstreicht mehrfach die Qualität der NSS und begrüsst insbesondere den Versuch der Bush-Administration, eine sicherheits- und außenpolitische "grand strategy" mit klaren Zielen zu definieren. Er ist aber keineswegs unkritisch gegenüber der Regierung Bush. Zuerst hält Gaddis fest, die Konstruktion einer "Achse des Bösen" sei völlig deplatziert gewesen und habe von der eigentlichen Zielrichtung der "neuen" Außen- und Sicherheitspolitik abgelenkt. Zweitens spricht Gaddis im Kontext des Irakkrieges von einem schwerwiegenden diplomatischen Versagen der USA. Der multilaterale Pfad bei der weltweiten Terrorismusbekämpfung sei, obwohl vorgezeichnet, nicht konsequent beschritten worden. Ferner stellt Gaddis die Frage in den Raum, ob die forcierte Demokratisierung wirklich der Schlüssel zur Stabilisierung und Befriedung des Nahen und Mittleren Ostens sei.

Warum hat die Bush-Administration im Irak den Alleingang gewählt? Um klar zu machen, dass die Terrorismusbekämpfung auch eine langfristige Priorität sei und Terroristen und Staaten, die mit terroristischen Gruppierungen zusammenarbeiteten, die harte Hand Washingtons zu spüren bekämen, verfolge die Bush-Administration - so erklärt Gaddis - eine Politik des "shock and awe". In rascher Folge sollten Dominosteine (Afghanistan, Irak usw.) ins Fallen gebracht werden, um massiven psychologischen Druck auf den Gegner auszuüben ("the pace had to be kept up", S. 99). Dabei hätten Bush und das Pentagon aber vergessen, dass gute Strategen wissen müssten, wann mit "shock and awe" aufgehört und eine Konsolidierungsphase eingelegt werden sollte. Schließlich habe sich, wie Gaddis hervorhebt, das Fehlen klarer Vorstellungen über die Gestaltung des Nachkriegsiraks als katastrophal erwiesen.

An Gaddis' Buch überzeugt, dass die strategischen Überlegungen der Bush-Administration vorurteilsfrei analysiert und nicht a priori verteufelt werden. Der Vergleich der außen- und sicherheitspolitischen Antworten auf die drei großen Überraschungsangriffe auf die USA ist faszinierend und öffnet den Blick auf Kontinuitäten, aber auch Brüche in der amerikanischen Politik. Die Studie von Gaddis ruft schließlich (gerade) dem europäischen Leser in Erinnerung, dass es fatal wäre, die Auswirkungen des 11. Septembers 2001 auf die amerikanische Innenpolitik einerseits und die weltpolitischen und geostrategischen Grundparameter andererseits zu unterschätzen.

[1]Jörg Lau (2004): "Schwundstufe. Über den Erfolg Michael Moores", in: Merkur, Heft 658, S. 154-159.
[2]Melvyn Leffler (1992): A Preponderance of Power, National Security, The Truman Administration, and the Cold War, Stanford University Press.

Simon Geissbühler
Diplomatischer Dienst, Schweizer Eidgenossenschaft, Bern

     
      
 
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