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Rezensionen:
Michael Hardt / Antonio Negri:
Empire. Die neue Weltordnung
(Michael Ehrke)
Ralf Dahrendorf:
Die Krisen der Demokratie
(Michael Dauderstädt)
Michel Aglietta:
Ein neues Akkumulationsmodell.
Die Regulationstheorie auf dem Prüfstand
(Michael Dauderstädt)
(Hans-Georg Ehrhart)
Michael Hardt / Antonio Negri:
Empire. Die neue Weltordnung
Frankfurt a. M. 2002
Campus, 458 S.
Aus dem Englischen
von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn
(Original: Harvard University Press 2000)
„Die Autoren wollen nichts weniger als Marx’ Erzählung
der Weltgeschichte fortsetzen und auf den neuesten Stand
... bringen“, so der Rezensent Gerd Roellecke in der
FAZ. Andere Rezensenten haben Empire als das
Kommunistische Manifest unserer Tage bezeichnet. Sein
Anspruch reicht weiter: Empire will nicht nur
das Marxsche Hauptwerk „Das Kapital“ um die fehlenden
Bände ergänzen, sondern das Gesamtwerk – also einschließlich
der politischen und philosophischen Schriften – fortschreiben,
all das aufnehmen, was vor und nach Marx an kritischer
Gesellschaftstheorie entwickelt wurde, die Grenzen zwischen
den wissenschaftlichen Disziplinen aufheben und dabei
Marx und die Gesellschaftstheorie von den Eierschalen
des „modernen“ Denkens (der Dialektik, der Geschichtsphilosophie)
befreien. Es geht also um eine umfassende Darstellung
der gegenwärtigen globalen Realität unter dem Gesichtspunkt
ihrer revolutionären Veränderbarkeit, wobei der theoretische
Horizont von Duns Scotus bis Deleuze/Guattari, von Polybios
bis zum Cyberpunk reicht. Wer nimmt sich so etwas vor?
Michael Hardt ist Literaturwissenschaftler an der Duke
University. Bekannter ist Antonio Negri, in den siebziger
Jahren Theoretiker der linken italienischen Bewegung
„Potere Operaio“. In einem skandalösen Verfahren politischer
Justiz wurden ihm Verbindungen zu den Roten Brigaden
unterstellt. Seine große Arbeit über Spinoza („Die wilde
Anomalie“) entstand im Hochsicherheitstrakt. Nach einem
vierjährigen Prozess wurde Negri in Freiheit gesetzt,
er ging ins französische Exil und wurde in Italien in
Abwesenheit aufs Neue verurteilt. 1997 kehrte er freiwillig
nach Italien zurück, wo er wieder in Haft gesetzt wurde.
Antonio Negri steht für das italienische linksradikale
Denken der siebziger Jahre, einer Zeit, als die kritische
Auseinandersetzung mit der marxistischen Tradition (und
der Praxis der reformistischen Organisationen Kommunistische
Partei und Gewerkschaften) auf der einen und die Realität
der wilden Streiks, Fabrikbesetzungen und Insubordination
der „Massenarbeiter“ gegen die Industriedisziplin auf
der anderen Seite viele Intellektuelle veranlasste,
einen neuen Typus „proletarischer Revolution“ vorherzusagen.
Gleichzeitig verarbeitete Negri die Autoren der französischen
Postmoderne, ohne deren Grundthese vom Ende der „großen
Erzählungen“ – er selber liefert ja eine – zu übernehmen.
Hardt und Negri bedienen sich zwar der manchmal enigmatischen
Sprache postmoderner Philosophen, gehen aber über die
Postmoderne hinaus. Der Übergang von der Moderne zu
einer neuen Ära wird aus der Verengung einer negativen
Charakterisierung, die sich im Gebrauch des Suffixes
„post“ (postmodern, postfordistisch, postindustriell
usw.) widerspiegelt, befreit. Der neue Zustand der Welt
wird positiv gefasst –als Empire. Empire ist
nicht gleichzusetzen mit Imperialismus, es ist die Überwindung
des Imperialismus durch das Kapital. Der Imperialismus
blieb an die nationalstaatliche Souveränität gebunden;
er teilte die Weltkarte in unterschiedlich gefärbte
Blöcke auf. Das Empire hebt diese Markierungen
auf und bildet eine „neue globale Form der Souveränität“,
die nicht auf festgelegten Grenzziehungen und Schranken
beruht. Die USA nehmen im Empire eine privilegierte
Position ein, aber sie sind nicht das neue Zentrum eines
imperialistischen Projekts. In Analogie zum römischen
Reich ist das Empire erstens durch das Fehlen
räumlicher Grenzziehungen charakterisiert, es umfasst
die gesamte „zivilisierte“ Welt. Es ist zweitens nicht
nur räumlich, sondern auch zeitlich unbegrenzt: Geschichte
(Fukuyama lässt grüßen) ist in ihm suspendiert, es stellt
seine Herrschaft als außerhalb oder am Ende der Geschichte
stehend dar. Seine Herrschaft reicht drittens „in die
Tiefen der gesellschaftlichen Welt“, es versucht, die
menschliche Natur („Biomacht“) zu kontrollieren. Und
viertens stellt sich das Empire – obwohl „in
der Praxis ein fortwährendes Blutbad“ – als allumfassenden
„ewigen Frieden“ außerhalb der Geschichte dar.
Im ersten Abschnitt des Buches („Die politische Konstitution
der Gegenwart“) zeichnen die Autoren eine erste Skizze
des Empire. Die Globalisierung, so die These,
ist nicht mehr nur eine Tatsache, „sondern auch Grundlage
des Rechts“. Das Empire repräsentiert – bei aller Unabgeschlossenheit
– ein neues Rechtsverständnis, eine „neue Art, wie Autorität
auftritt, eine neue Weise, wie Normen und andere Zwangsmittel
des Rechts geschaffen werden, um Vertragstreue zu garantieren
und Konflikte zu lösen“. Dabei sind – wie im römischen
Reich – Rechtskategorien und moralische Werte nicht
mehr voneinander unterschieden. Mit der Konstitution
des Empire erlebt daher das Konzept des „gerechten
Krieges“ seine Renaissance: Da das Empire räumlich nicht
begrenzt ist, erscheint der Krieg als Polizeiaktion,
die ihre Rechtfertigung in sich selbst trägt. Wie bereits
Thukydides, Livius, Tacitus und Machiavelli gelehrt
hatten, basiert das Empire nicht auf Gewalt,
sondern auf der Fähigkeit, „den Einsatz von Gewalt als
im Dienst des Rechts und des Friedens stehend darzustellen“.
Das Empire entsteht vor dem Hintergrund eines permanenten
Krisen- oder Ausnahmezustands als Resultat konsensueller
internationaler Übereinkünfte, die aber jenseits der
traditionellen Verträge und Vereinbarungen zwischen
souveränen Staaten eine neue Souveränität konstituieren.
Hardt und Negri schließen drei Entwicklungen oder Ereignisketten
zusammen: Die Entstehung des Systems internationaler
Organisationen (einschließlich der NGOs, der „Bettelorden
des Empire“), die Globalisierung bzw. den Bedeutungsverlust
der Nationalstaaten und die militärischen Interventionen
der „internationalen Gemeinschaft“, insbesondere im
Golfkrieg und im Kosovo (die im Vorwort als für die
Entwicklung des Empire „bezeichnende Ereignisse“ charakterisiert
werden). Die Kühnheit der Autoren liegt darin, dass
sie nicht wie die Mehrheit der Globalisierungstheoretiker
unabgeschlossene Prozesse thematisieren und deren Richtung
zu bestimmen suchen, sondern deren Abschluss und Kristallisation
zu einem neuen Weltzustand konstatieren. Die zweifelnde
Frage etwa, ob die Vereinten Nationen, über deren Schwäche
im Vergleich zu den Nationalstaaten immer wieder geklagt
wird, im Ernst eine neue post-imperialistische Weltordnung
repräsentieren, kann so gar nicht aufkommen. Der konsequente
Verzicht auf Empirie bzw. auf die Befassung mit Überlegungen,
die im Theoriegebäude einige Etagen tiefer angestellt
werden, mag manchen Leser verdrießen, er ist auf der
Ebene der Darstellung nur folgerichtig – so wie sich
etwa die Geschichtsphilosophie Hegels nicht damit kritisieren
lässt, dass Hegel unrichtigen Annahmen über die orientalische
Despotie unterlag.
Die innere Seite des Empire beschreiben die Autoren mit
dem Stichwort „Biopolitik“. In Anlehnung an Michel Foucault
analysieren Hardt und Negri den „Übergang von der Disziplinargesellschaft
zur Kontrollgesellschaft“. In der präimperialen Disziplinargesellschaft
agierte die Macht über voneinander getrennte Institutionen
der Disziplinierung (Schule, Gefängnis, Irrenhaus, Fabrik
usw.), die das gesellschaftliche Terrain gliederten.
In der Kontrollgesellschaft wirkt die Macht direkt auf
die Köpfe und Körper. Während die Disziplin die Individuen
in Institutionen einsperrte, durchdringt die Biopolitik
des Empire über die von ihm kontrollierten Kommunikationssysteme
direkt und vollkommen das Bewusstsein und die Affekte
der Menschen. Ein der Theorie Jürgen Habermas’ entsprechendes
kommunikatives Handeln jenseits der Vergesellschaftungsmechanismen
Geld und Macht gibt es nicht. Gleichwohl bildet das
Empire kein hermetisch gegen den Widerstand von
unten – die Rolle des Marxschen Proletariats wird bei
Hardt und Negri von der „Menge“ besetzt – abgeschottetes
System. Im Gegenteil ist das Empire ein Resultat
des Klassenkampfes und wird durch diesen immer wieder
gezwungen, sich neu zu konfigurieren. Dabei halten die
Autoren Widerstand, der der Globalisierung nostalgisch
lokale Identitäten entgegensetzt für ebenso aussichtslos
wie die Berufung auf den „modernen“ Staat. „Wenn nun
diese Moderne am Ende ist, wenn der moderne Nationalstaat
als notwendige Bedingung unzählbarer Kriege von der Bühne
der Welt abtritt, dann umso besser, wenn wir ihn los
sind“. Die vom Empire bewirkte Deterritorialisierung
früherer Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse ist
ein Fortschritt, er bietet der Menge neue Chancen der
Befreiung. Auf der „glatten Oberfläche der Globalisierung“
ist jeder lokale Widerstand sofort und direkt global
und trifft daher ins Herz des Empire.
Im zweiten Abschnitt („Passagen der Souveränität“) analysieren
die Autoren ideengeschichtlich wie politischhistorisch
den Übergang von der Prämoderne zur Moderne und von
der Moderne zum Empire. Der Grundgedanke ist
so einfach wie überzeugend: Es gibt nicht eine, sondern
zwei europäische „Modernen“. Kern der ersten Moderne
ist die revolutionäre „Entdeckung der Immanenz“, von
der Spätscholastik bis zur Renaissancephilosophie. Hardt/Negri
zeichnen diese Denkbewegung von Duns Scotus über Nikolaus
von Kues, Pico della Mirandola, Bovillus, Galilei, Dante
und Thomas Morus bis Spinoza nach und resumieren: „Menschen
erklärten sich zu Herren über ihr eigenes Leben, zu
Schöpfern von Städten und Geschichte und zu Erfindern
aller Jenseitsvorstellungen“. Die ideengeschichtliche
Revolution wird mit dem republikanischen Grundgedanken
verknüpft, dass freie Bürger ihr Geschick selbst bestimmen
können und müssen, ohne auf transzendente Autoritäten
zurückzugreifen. Diese politisch-ideengeschichtliche
Revolution löste eine Gegenbewegung aus, die zweite
und letztlich siegreiche Moderne, die – von Descartes
über Kant, Hobbes und Rousseau bis Max Weber – Transzendenz
und damit einen Fixpunkt für Autorität neu zu begründen
suchte, ohne dabei auf den Dualismus des mittelalterlichen
Denkens zurückgreifen zu können. Der Gegenbewegung ging
es darum, die Impulse das Renaissancehumanismus aufzunehmen
und sie im Interesse von Herrschaft und Ausbeutung neu
zu ordnen, Befehlsgewalt und Autorität zu reetablieren.
Die partielle und temporäre Lösung der „Krise der Moderne“
war die Souveränität des Staates (des Fürsten,
der Nation, des Volkes), die nicht mehr der theologischen
Unterstützung bedurfte, sondern sich aus der Logik der
menschlichen Beziehungen ergab, sich aber durch den
Mechanismus der Repräsentation vollständig von
der „Menge der Subjekte“ entfremdete. Die innerweltliche
Neubegründung der Transzendenz als Staat liegt den Katastrophen
der Moderne zugrunde, die schließlich in den „europäischen
Bürgerkrieg“ des 20. Jahrhunderts mündeten.
Hardt und Negri sehen in der amerikanischen Revolution,
der amerikanischen Verfassung und Verfassungswirklichkeit,
einen Gegenentwurf zur Ausbildung des souveränen Staates
in Europa. Die amerikanische Verfassung bedarf keiner
Transzendenz, keiner Übertragung von Macht- und Rechtsansprüchen
aus der Gesellschaft an einen Souverän, vielmehr stellte
sie Ordnung innerhalb der Gesellschaft her, durch die
„demokratische Interaktion der in Netzwerken miteinander
verbundenen Mächte“. Die amerikanische Revolution knüpfte
mit anderen Worten an den Renaissancehumanismus an.
Im Unterschied zur europäischen Tradition „bezieht sich
hier der Souveränitätsbegriff auf eine Macht, die vollständig
in der Gesellschaft wurzelt“. Diese besondere Form der
Verfassung, deren widersprüchliche imperialistisch-anti-imperialistische
Entwicklung Hardt und Negri von der „Jacksonian democracy“
über die progressive Ära und die Welt des New Deal
nachzeichnen, ist der Ausgangspunkt des postimperialistischen
Empire, in dem den Vereinigten Staaten auch aufgrund
ihrer spezifischen Verfassung eine privilegierte Stellung
zukommt. Das Empire hebt die „binären Codes“
der Moderne, den Gegensatz zwischen dem modernen Subjekt
und dem ihm Äußeren, auf; es beseitigt die „Einkerbungen“
des globalen Raums, die der europäische Imperialismus
hinterlassen hatte. Es zeigt sich als die große liberale
Macht der allseitigen Inklusion, freilich nicht, um
Differenzen aufzuheben, sondern diese als nicht-binäre
in „hybride Bewegungs- und Vermischungskreisläufe“ umzuwandeln.
Der dritte Abschnitt („Passagen der Produktion“) beschreibt
den Übergang von der Moderne zum Empire unter
dem Gesichtspunkt der Ökonomie (einer Ökonomie freilich,
die nicht weiter von der „mainstream“-Ökonomie entfernt
sein könnte). Ausgangspunkt ist die Imperialismustheorie
Rosa Luxemburgs. Bereits Marx hatte den potenziell krisenhaften
Doppelcharakter des Lohnes als Kosten- und Nachfragefaktor
herausgestellt. Die Mehrwerttheorie besagt ja schlicht,
dass dem Lohn als Nachfragefaktor keine dynamische Rolle
zukommt. Wie aber wird der ins Astronomische wachsende
Mehrwert „realisiert“, wenn die Kaufkraft der arbeitenden
Massen keine Rolle spielt. Der Konsum der Kapitalisten
kann diese Lücke nicht füllen, da dieser dem Imperativ
der Akkumulation unterliegt, und der Konsum der „intermediären
Klassen“ (einschließlich des Staates) ist ein Übergangsphänomen,
so wie diese Klassen selber ein soziales Residuum sind,
dass angesichts der allseitigen Proletarisierung wegschmelzen
wird. Der Kapitalismus, so schließt jedenfalls Rosa
Luxemburg, bedarf eines „Äußeren“, einer nicht-kapitalistischen
Umwelt, die die Masse des produzierten Reichtums abnimmt.
Diese kapitalistische Peripherie – die Dritte Welt –
wird jedoch durch Imperialismus und Kolonialismus kapitalisiert
und in das „Innere“ des Kapitalismus umgewandelt. Wenn
der Kapitalismus seine Umwelt „verbraucht“ hat, steht
die finale Krise des Systems auf der Tagesordnung.
Wie wir und Hardt/Negri wissen, hat sich der Kapitalismus
nicht nur regeneriert, sondern eine ungeahnte Dynamik
gewonnen. Hardt und Negri führen dies auf den Übergang
von der formellen Subsumtion der nichtkapitalistischen
Umwelt durch das Kapital auf die „reelle Subsumtion
... des kapitalistischen Bereichs selbst“ zurück. Mit
dem Ende der formellen Subsumtion der nichtkapitalistischen
Umwelt ist auch die Moderne an ihr Ende gekommen. Die
„Postmodernisierung der Produktion“ ist gleichbedeutend
mit ihrer „Informatisierung“. Bei der Analyse dieses
Übergangs greifen Hardt und Negri auf im Grund bekannte
Erklärungsmuster zurück. Sie beschreiben die drei Aspekte
der Informatisierung und Tertiarisierung: Die Veränderung
der industriellen Arbeit, das Aufkommen eines wachsenden
Bereichs symbolanalytischer Arbeit und die zunehmende
Bedeutung der Produktion von Affekten (Gesundheitsdienstleistungen,
Unterhaltungsindustrie usw.). Diese Transformation ist
freilich nicht der Eigendynamik des Kapitals geschuldet,
sondern eine Reaktion des Kapitals auf die Klassenkämpfe
der sechziger und siebziger Jahre. Die Kämpfe waren
ein „Anschlag auf das Disziplinarregime“, in dem sich
die „neue immaterielle, kooperative, kommunikative und
affektive Zusammensetzung der Arbeitskraft“ widerspiegelte.
Der Übergang zur postmodernen Produktion (bzw. zum Empire)
ist der Versuch des Kapitals, diese „neue Zusammensetzung“,
die autonom entstanden war, zu beherrschen (was dem
Disziplinarregime des sowjetischen Kommunismus gar nicht
und dem intelligentesten kapitalistischen Disziplinarregime,
dem japanischen, nur schlecht gelang).
Hier kommt es freilich zu einer Inkongruenz: Die Kämpfe
der Sechziger und Siebziger führten Hardt und Negri
zufolge dazu, dass sich – aus der Perspektive des Kapitals
– die „notwendige Arbeitszeit“ verlängerte und die Mehrarbeitszeit
(und damit der Profit) schrumpfte. Damit wird freilich
die Mehrwerttheorie, von der Hardt und Negri ausgingen,
ad absurdum geführt. Wenn es in den siebziger Jahren
des 20. Jahrhunderts möglich war, die Grenzen zwischen
notwendiger Arbeit und Mehrarbeit zu verschieben – was
nichts anderes heißt, als dass der Lohn keine
fixe Größe ist –, gibt es keinen Grund, im Doppelcharakter
des Lohnes als Kosten und als Kaufkraft einen unüberwindbaren
Widerspruch des Kapitalismus zu sehen. Lange vor den
siebziger Jahren gab es Lohnkämpfe, Auseinandersetzungen
um die Arbeitszeiten und den Sozialstaat, die das Verhältnis
zwischen notwendiger und Mehrarbeit (um in dieser Terminologie
zu bleiben) immer wieder verschoben. Der Kapitalismus
– so die Folgerung – bedurfte auch in seiner modernen
Phase systematisch keiner nichtkapitalistischen
Umwelt, auch wenn er deren Ausbeutung als zusätzliche
Bereicherungsquelle nutzte.
Der letzte Abschnitt („Untergang und Fall des Empire“) ist
der enigmatischste. Er versucht – meist in dunklen Worten
– zu zeigen, dass sich auf der Oberfläche des Empire
das Potenzial für dessen Überwindung im Sinne einer
allumfassenden Befreiung der „Menge“ bereits herausgebildet
hat. Die „Menge“ – das Kollektiv der gesellschaftlichen
Arbeit – verfügt bereits über die Produktionsmittel
und das Produktionswissen, sie organisiert bereits die
gesellschaftliche Kooperation, die ihr zu Marx’ Zeiten
von außen, vom Kapital, aufgezwungen worden war, sie
ist das eigentliche „Unternehmertum“, während „Privateigentum
an Produktionsmitteln ... im Zeitalter der Hegemonie
kooperativer und immaterieller Arbeit nur noch eine
längst verfaulte und tyrannische Sache von gestern“
ist. Hardt und Negri entwerfen keinen revolutionären
Plan, wie das Potenzial der Menge politisch zur Reife
kommt, lässt sich nicht theoretisch vorhersagen. Die
Befreiung aber
– so die message – ist kein Zukunftsprojekt,
sondern jederzeit möglich.
Empire ist ein Buch mit oft dunkler Sprache,
voller Ungereimtheiten, bar jeder Empirie, ohne Bezug
zur politischen Debatte in den Niederungen des „mainstream“.
Als Bibel oder Kommunistisches Manifest der Globalisierungskritiker
eignet es sich kaum, zum einen, weil es die Globalisierung
als Fortschritt sieht und jede lokale oder nationale
Gegenbewegung als rückständig verurteilt, zum andern,
weil die hermetische Sprache und der voraussetzungsvolle
Ausflug durch die Welt- und Ideengeschichte eine direkte
politische Verwertbarkeit ausschließen. Die behauptete
Aktualität der Befreiung und der immense theoretische
Aufwand zur Begründung dieser Behauptung stehen selber
in einem gewissen Widerspruch: Wenn die Befreiung von
Ausbeutung und Unterdrückung so präsent ist, warum bedarf
es dann des Rückgriffs auf 2000 Jahre Denkgeschichte?
Das Buch verweigert sich jeder Politik, die auf etwas
anderes als den Sturz des Empire hinausliefe,
es gibt aber auch keine strategisch-politischen Anleitungen
für potenzielle Umstürzler (der Sturz des Empire
kann nur das Projekt der „Menge“ selbst sein). Dafür
leistet es etwas anderes und überaus wichtiges: Es zerreißt
den klebrigen Film, der sich über die Wahrnehmung der
gegenwärtigen Realität gelegt hat und führt diese zurück
in die Geschichte. Der Eindruck der Geschichtslosigkeit,
den das Empire Hardt und Negri zufolge erzeugt,
des Fehlens jeder historischen und systematischen Alternative
zu einer durch und durch schlechten Wirklichkeit, wird
demontiert. Die schreiende Substanzlosigkeit heutiger
Politik wird als das Spektakel entlarvt, dessen
das Empire zur Kontrolle der Köpfe und Körper
bedarf.
Der Grundgedanke von Empire ist Anti-Hobbes. Er geht
von einer kreativen Spontaneität, kooperativen Produktivkraft
und politischen Vergemeinschaftungskapazität der „Menge“
aus, die durch ein Zwangssystem zugunsten der Reichen
und Mächtigen kanalisiert und an der wirklichen Entfaltung
gehindert werden. Marx fasste dieses Verhältnis einst
analytisch als Gegensatz zwischen Produktivkräften und
Produktionsverhältnissen und normativ-emphatisch als
Gegensatz zwischen lebendiger und toter (angehäufter,
akkumulierter) Arbeit. Der Mensch ist nicht des Menschen
Wolf, wie Hobbes zu wissen glaubte, ohne die Zwangssysteme
von Staat (bzw. Empire) und Kapital herrscht weder der
Bürgerkrieg aller gegen alle, noch wirtschaftliche,
politische oder kulturelle Stagnation. Ohne diese Zwangssysteme
würde die „Menge“ nicht nur dieselben Leistungen erbringen,
wie unter der Herrschaft von Staat/ Empire und Kapital,
sondern weitaus mehr: Die emanzipierte Menge würde nicht
nur Reichtum produzieren, sondern ein „gutes Leben“
möglich machen. Das Buch schließt daher mit einer Fanfare,
mit der alten Legende des Heiligen Franz von Assisi.
Dem aufkommenden Kapitalismus setzte Franz von Assisi
„... ein glückliches Leben entgegen, das alles Sein
und die gesamte Natur, die Tiere, Schwester Mond, Bruder
Sonne, die Vögel auf dem Felde, die armen und ausgebeuteten
Menschen zusammenschloss gegen den Willen der Macht
und die Korruption. In der Postmoderne befinden wir
uns wieder in der gleichen Situation wie Franz von Assisi,
und wir setzen dem Elend der Macht die Freude am Sein
entgegen“ – immerhin.
Michael
Ehrke
Friedrich-Ebert-Stiftung
Bonn
Ralf Dahrendorf:
Die Krisen der Demokratie. Ein Gespräch
München 2002
Beck, 116 S.
Der Untertitel ist wichtig. Es handelt sich nicht
um ein wissenschaftliches Werk, nicht einmal um ein
Essay wie Dahrendorfs „Brief“ über die Revolution
in Osteuropa. Es ist die – wohl nochmals nachfrisierte
– Aufzeichnung eines Gespräches, das der Londoner
Korrespondent der italienischen Zeitung La Repubblica,
Antonio Polito, mit Dahrendorf geführt hat. Man darf
vermuten, dass das Gespräch in Englisch stattgefunden
hat, obwohl die vorliegende deutsche Fassung aus dem
Italienischen übersetzt wurde. Aber sprachlich ist
an dem Text wenig auszusetzen.
Inhaltlich merkt man ihm jedoch den Gesprächscharakter
deutlich an. Bei allem Gedankenreichtum, wie man ihn
von Dahrendorf erwarten konnte, fehlt es etwas an
innerer Konsistenz und Kohärenz, an begrifflicher
Schärfe und Logik. Schließlich streift der Gesprächsfluss
auch durch weite Gefilde, von der Demokratie im Allgemeinen
über die Globalisierung und ihre demokratische Gestaltung,
insbesondere in Europa, über die USA und Berlusconi
zurück zu grundsätzlichen Fragen des „demos“ und der
ethischen Grenzen demokratischer Macht. Es wäre zuviel
erwartet, wenn all dies auf der Höhe der jeweiligen
Fachdebatte behandelt würde.
So schleichen sich hin und wieder Merkwürdigkeiten
und kleine Fehler ein. Was soll man von dem Satz halten:
„Ob Russland neue internationale Darlehen bekommt
oder nicht, wird vom Weltwährungsfonds entschieden.“?
(S. 17). Der IWF entscheidet zunächst nur über seine
eigenen Darlehen. Damit setzt er sicher auch Zeichen
für andere potenzielle Kreditgeber. Aber natürlich
kann jeder Staat und jede Bank (auch multilaterale
Entwicklungsbanken) selbst entscheiden, ob sie dem
IWF folgen oder trotzdem Kredite an Russland geben,
z.B. aus politischen Gründen oder weil sie Risiken
anders einschätzen. Weniger bedenklich, wenn auch
heute – nach den französischen Präsidentschaftswahlen
– überraschender, wirken Einschätzungen wie der Satz
auf S. 90: “Die Bewegung LePens hat sich als sehr
schwach erwiesen”. Und auch der Titel eines „der interessantesten
Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe“ ist
Dahrendorf leider falsch in Erinnerung geblieben und
hat sich von Adair Turners „Just Capital“ in „Just
Capitalism“ verwandelt.
Aber auch in zentraleren Fragen des Gesprächs herrscht
nur bedingt Klarheit. Auf S. 16f. gewinnt der Leser
den Eindruck, Dahrendorf teile Politos Einschätzung,
dass die Entscheidungen internationaler Organisationen
undemokratisch seien. Auf S. 25 weist er darauf hin,
dass die Regierungen, die die internationalen Organisationen
kontrollieren, demokratisch legitimiert und kontrolliert
sind, auch wenn die demonstrierenden Globalisierungsgegner
unterstellen, dass die Regierungen nicht den „wirklichen“
Volkswillen vertreten. Im gleichen Abschnitt über
Globalisierung sieht Dahrendorf die Demokratie dadurch
gefährdet, dass die Entscheidungen außerhalb des geographisch-politischen
Raumes fallen, den die Demokratie beherrscht, also
multinationale Unternehmen über Investitionen und
Betriebsschließungen entscheiden (S.17). Aber warum
ist das so tragisch bei multinationalen Unternehmen,
wo es doch im nationalen Rahmen nicht viel besser
ist, ja sogar von Dahrendorf als Liberalem explizit
befürwortet wird? „...Bürgergesellschaft als auch
die Marktwirtschaft ... sind doch Bereiche, in denen
die freie Aktivität der Einzelnen keinen Beschränkungen
unterliegt; ...Liberale Ordnung auf der einen Seite
und eine starke Bürgergesellschaft mit einer starken
Marktwirtschaft auf der anderen Seite sind für mich
nach wie vor die Ziele des Liberalismus.“ (S.13-14).
In enger umrissenen Themenfeldern, etwa der europäischen
Integration, wirkt Dahrendorf sicherer und ausgewogener,
auch wenn einige seiner Vorstellungen sicher quer
zu den derzeit im Konvent diskutierten Optionen für
eine demokratische Gestaltung Europas liegen. Insgesamt
darf der Leser etwas zwischen dem Feuilleton der FAZ
und der ZEIT erwarten: geistreich, modisch, anregend.
Man hat das Gefühl mitreden zu können, ohne Experte
sein zu müssen. Aber die Autorität des Arguments liegt
mehr im Augenblick, wenn auch gegründet auf das breite
Fundament wissenschaftlicher und politischer Kenntnisse
und Erfahrungen, über das Dahrendorf unzweifelhaft
verfügt. Es ist ein Kompromiss zwischen der Abneigung,
ein wirklich durchgedachtes Werk zu verfassen, und
den vielfältigen (Verlag, Journalist und „Autor“)
Interessen, einen bekannten Namen zu vermarkten.
Michael Dauderstädt
Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn
Michel
Aglietta:
Ein neues Akkumulationsregime.
Die Regulationstheorie auf dem Prüfstand
Hamburg 2000
VSA-Verlag,143 S.
Dieses Buch versucht deutschen Kennern und Liebhabern
der primär französischen Regulationsschule Trost in
einer politökonomischen Gegenwart zu spenden, die
scheinbar anderen Theorien und Paradigmen gehorcht.
Vielleicht verkörpert der betende Anzugträger auf
dem Titelblatt eher den gläubigen Anhänger der Regulationstheorie
als den von Krisensorgen geplagten Finanzmanager.
Jedenfalls haben die Verleger zwei eigentlich unzusammenhängende
jüngere Texte des Papstes der Regulationsschule, Michel
Aglietta, ausgewählt, ins Deutsche übersetzt und zwischen
zwei Buchdeckel gepackt.
Bei dem ersten Text handelt es sich um das Nachwort
einer 1997 erschienenen Neuauflage von Agliettas klassischem
Hauptwerk aus den 70er Jahren, „Régulation et crises
du capitalisme“, in dem er kritisch prüft, was von
seiner damaligen Theorie noch tragfähig ist. Der zweite
Text ist ein kleines Pamphlet oder Essay, das 1998
von der französischen Stiftung Saint-Simon veröffentlicht
wurde. Die beiden Texte überlappen sich etwas, insofern
der längere erste Text in seinem Schlussteil wirtschafts-
und gesellschaftspolitische Vorschläge entwickelt,
die dann im Zentrum des zweiten Textes stehen und
dort weiter entwickelt werden.
Beides dem deutschen Publikum zugänglich zu machen,
ist verdienstvoll, aber offensichtlich nicht einfach.
Der Übersetzung merkt man die Quälerei noch an. Viele
Begrifflichkeiten sind für einen deutschen Wirtschaftswissenschaftler
nur schwer nachzuvollziehen. Gelegentlich dürfte die
Übersetzung auch schief sein, wenn etwa von „sinkenden
Transferkosten“ (S.41) die Rede ist, aber entweder
Transaktions- oder Transportkosten gemeint sind. Oder
„Die Ersparnisse ... werden sich austauschen gegen
die zukünftigen Einkommensflüsse“ (S.42), wenn wohl
gemeint ist, dass die Ersparnisse gegen Güter getauscht
werden, deren Verkauf dann den Einkommensstrom produziert.
Überhaupt ist vor allem der erste Text stark in der
französischen intellektuellen Tradition gehalten und
spielt mehr mit Begriffen als neue ökonomische Realitäten
zu analysieren. Der Leser wird in dieser Hinsicht
allerdings im zweiten Text etwas entschädigt.
Doch zum Kern des Buches: Was ist noch dran an der
Regulationstheorie? Man erinnere sich: Die in marxistischer
Tradition stehende Theorie versuchte, das dem Kapitalismuskritiker
fremde Phänomen der langen Prosperität nach dem Zweiten
Weltkrieg zu erklären. Sie entwickelte das Konzept
des „Fordismus“, eines gezähmten, regulierten Kapitalismus,
in dem anerkannte Gewerkschaften und der Wohlfahrtsstaat
für eine kontinuierlich wachsende Nachfrage auf der
Basis rascher Produktivitätsfortschritte sorgen. Das
Ende des starken Produktivitätswachstums charakterisiert
den Kapitalismus im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts.
Aber bleibt das so? Aglietta scheint sich da unsicher
zu sein. Auf S. 57 spricht auch er von der „Verlangsamung
der Produktivität“ (wieder so ein Schnitzer, da sich
nicht die Produktivität verlangsamt, sondern nur ihr
Wachstum). Auf S. 42 erwartet er aber eine Erhöhung
durch internationale Arbeitsteilung. Als das eigentlich
bestimmende Moment der neuen Phase des Kapitalismus
sieht Aglietta aber die Dominanz des Vermögens, des
Finanzkapitals. Für eine durchgreifende Regulierung,
wie sie der Fordismus praktizierte, sieht er angesichts
des von ihm wahrgenommenen „Niedergang des Staates“
(S.63) nur geringe Chancen.
Aglietta setzt auf neue Formen eher gesellschaftlicher
als staatlicher Regulierung, die die Basisstrukturen
des neuen Kapitalismus akzeptieren und sie voraussetzen.
Im Wesentlichen zählen dazu die Vermögensumverteilung
oder zumindest –beteiligung der Arbeitnehmer, um ihnen
wieder eine Kontrolle über die Unternehmen zu geben,
die sie durch die Aushöhlung des Korporatismus verloren
haben; ein Bürgerrecht an sozialer „Eingrenzung“;
eine gesellschaftlich geförderte Verstärkung der weiblichen
Erwerbsarbeit. Manches erinnert etwas an die Konzepte
des Dritten Weges wie z.B. die Förderung der Beschäftigungsfähigkeit
(S.116 ff.) oder die verbesserte Finanzierung von
Neugründungen und Kleinunternehmen (S.97 ff.). Andere
Forderungen sind weit radikaler.
Insgesamt enttäuscht das Buch etwas in theoretischer
Sicht. Der große Wurf analog zum „Fordismus“ scheint
nicht so recht zu gelingen. Wenn man die beiden Schemata
am Schluss des Buches vergleicht, die die jeweiligen
Grundmuster regulativer Zusammenhänge im Fordismus
und heute abbilden sollen, so stehen sie recht unvergleichbar
nebeneinander und lassen viele Fragen offen. Wie bestimmt
sich der Reallohn heute? Ist die Beziehung zwischen
Konsum und Produktion aufgelöst? Vielleicht sind dafür
die Texte auch schlecht ausgewählt. Es gibt von Aglietta
ja neuere Texte mit höherem theoretischen, fachökonomischen
Anspruch. Aber die Vermutung liegt nah, dass es auch
der Regulationsschule noch nicht gelungen ist, die
neue Realität des Kapitalismus auf den Begriff zu
bringen.
Michael Dauderstädt
Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn
Walter Laqueur:
A History of Terrorism
New Brunswick/London 2001
Transaction Publishers, 277 S.
Die Ereignisse des 11. September 2001 haben die Welt
schockiert. Um den Terroranschlag gegen das World
Trade Center und das Pentagon zu begreifen, wurden
Begriffe gesucht und gefunden. Von „Hyperterrorismus“
und „Katastrophenterrorismus“ ist seitdem die Rede,
auch davon, dass nichts mehr so sein könne wie vorher.
Die Terroristen haben das finanzielle und militärische
Machtzentrum der Welt getroffen und dadurch bewusst
die einzige Supermacht USA gedemütigt. Seitdem befinden
sich die USA im Krieg gegen den Terrorismus. Erstmals
in ihrer Geschichte erklärte die NATO den Bündnisfall.
In Afghanistan kämpfen Spezialkräfte aus verschiedenen
Kontinenten, ohne dass die Welt viel davon erfährt.
Im Bereich der inneren Sicherheit wird die internationale
Kooperation in einem bislang unbekannten Maße intensiviert.
Neue Schnittstellen zwischen bislang streng getrennten
Sicherheitsbereichen beginnen sich herauszubilden.
Der Kampf gegen den Terrorismus ist plötzlich zu der
sicherheitspolitischen Herausforderung
geworden.
Die Einordnung der Ereignisse wird von Walter Laqueurs
A History of
Terrorism erleichtert. Es handelt sich um ein
bereits 1977 erschienenes Standardwerk, das im Jahre
2001 wieder aufgelegt und vom Autor im Juni – also
drei Monate vor dem 11. September – mit einem neuen
Vorwort versehen wurde. Das Buch ist als historische
Längsschnittanalyse angelegt und deckt einen zirka
zweihundertjährigen Zeitraum ab, vom „terreur“ der französischen Revolution
bis zu den Terroristen der siebziger Jahre des zwanzigsten
Jahrhunderts. Es vermittelt zahlreiche Einsichten
in Kontinuität und Wandel des Phänomens, seine Strukturen
und Antriebskräfte, sowie seiner Wahrnehmung, die
für das Verständnis des heutigen Terrorismus und dessen
Bekämpfung wertvoll sind.
So ist gerade angesichts der Erfahrungen des 11. September
die Feststellung wichtig, dass die Geschichte des
Terrorismus sehr lang ist, Terrorismus
aber nicht zu allen Zeiten mit gleicher Intensität
in Erscheinung tritt. Wenn der Terrorismus nach einer
Phase der Ruhe wieder manifest wird, so besteht eine
Tendenz, ihn als neues, präzedenzloses Phänomen wahrzunehmen
oder zu deuten. Vielleicht ist die relative Gelassenheit
in Europa darauf zurückzuführen, dass manche Länder
langjährige Erfahrungen mit politischem Terrorismus
hatten (z.B. die Bundesrepublik) oder immer noch machen
müssen (z.B. Spanien). Vielleicht ist der Grund auch
darin zu suchen, dass es einen Anschlag dieses Ausmaßes
in Europa noch nicht gegeben hat. Regierungen und
Experten haben allerdings bereits mehrfach vor bevorstehenden
Anschlägen in Europa gewarnt. Einige sollen bereits
verhindert worden sein. Die Toten des Bombenanschlags
auf der tunesischen Ferieninsel Dscherba zeugen davon,
dass sich das Schreckliche überall ereignen kann.
Welche Schlüsse sind daraus zu ziehen?
Für Laqueur ist es wichtig zu differenzieren. So desillusioniert
er gleich zu Beginn den hoffnungsvollen Leser mit
der Feststellung, dass auch die Geschichte des Terrorismus
keine eindeutigen Lehren anbieten kann, „simply because
conditions varied so much from age to age and from
country to country“ (S. viii). Ferner beklagt er sich
über den inflationären Gebrauch des Begriffs Terrorismus,
der fälschlicherweise auf sehr unterschiedliche Phänomene
und Handlungen angewendet wird, wodurch zwar die Aufmerksamkeit
gesteigert, zur Erhellung des Problems jedoch nichts
beigetragen wird. Konzedierend, dass es keine Begriffsdefinition
gibt, die alle historischen Spielarten des Terrorismus
umfasst, beschränkt sich Laquers Studie auf jene Bewegungen,
„that have used systematic terrorism as their main
weapon“ (S. 7). Systematischer politischer Terrorismus
in diesem Sinne ist aber ein recht junges Phänomen,
das erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert
aufkam. Davon waren vor allem Russland, der Balkan,
Spanien und die USA betroffen. Heute muss man konstatieren,
dass der Terrorismus weltweit operiert. Die Globalisierung
ist eben nicht nur ein wirtschaftliches Phänomen,
sondern schließt auch die Privatisierung der Gewalt
ein, Terrorismus inklusive.
Nachdem der Autor die Ursprünge des Terrorismus kurz
und prägnant dargelegt hat, wendet er sich den damit
verbundenen Philosophien und Doktrinen zu. Auch wenn
diese für das Verständnis des Terrorismus von großer
Bedeutung sind, wäre es falsch, in der Ideologie die
einzige Motivation zu sehen. Terrorismus braucht nicht
notwendigerweise ein Lehrbuch. Manchmal entwickelt
er sich ohne Strategie, ganz im Faustischen Sinne:
„Am Anfang war die Tat“ (S. 77).
In seiner Soziologie des Terrorismus schlägt der Autor
einen großen Bogen, der von Fragen der Organisation,
der Finanzen, der Informationsgewinnung und der Bewaffnung
über Aspekte wie Gegenterrorismus, Taktik und Rolle
der Medien bis hin zu internationalen Verbindungen
und die Frage reicht, ob der Terrorismus effektiv
ist und wie die Persönlichkeit des Terroristen beschaffen
ist. Laqueurs Antworten sind differenziert. Terrorismus
ist nur unter ganz spezifischen Bedingungen erfolgreich.
Er hat keine Chance gegen effiziente Diktaturen, eher
in liberalen Demokratien. Aber auch dort ist der Erfolg
zweifelhaft, weil er letztlich selbstzerstörerisch
ist (S. 119). In Bezug auf die Persönlichkeit der
Terroristen stellt er fest, dass diese im 19. Jahrhundert
nach anderen Standards handelten als heute. Heute
liegen die Motive eher im Hass gegründet als in ethischen
oder politischen Überlegungen. Zudem seien heutige
Terroristen weitaus brutaler und rücksichtsloser (S.
132).
Im Kapitel über die verschiedenen Interpretationen
des Terrorismus geht der Autor auf populäre Ansichten
und wissenschaftliche Ergebnisse über Motive, Ursachen
und Wirkungen ein. Sein Credo bleibt dasselbe: Jeder
Fall ist anders, Verallgemeinerungen bedürfen der
größten Vorsicht. Anschließend befasst er sich mit
dem „heutigen“ Terrorismus, also mit den entsprechenden
Geschehnissen in den sechziger und siebziger Jahren
des 20. Jahrhunderts. Er unterscheidet drei Arten
der „postwar wave of urban terrorism“: separatistisch-nationalistischer
Terrorismus wie in Nordirland, Spanien oder dem Nahen
Osten, lateinamerikanischer Terrorismus als ein Phänomen
sui generis, und meist linksorientierter
urbaner Terrorismus in Nordamerika, Westeuropa und
Japan (S. 175).
Einige Schlussfolgerungen Laqueurs dürften gerade nach
dem 11. September noch Geltung beanspruchen. Erstens,
die Terroristen haben erkannt, dass es populärer ist,
wenn der Hass sich gegen Ausländer oder Angehörige
einer anderen Religion oder Ethnie richtet. Zweitens,
die Medienwirkung ist von größter Bedeutung für den
Terrorakt. Drittens, Regierungen sollten nicht auf
die Forderungen der Terroristen eingehen. Viertens,
internationale Zusammenarbeit ist so lange unmöglich,
wie einzelne Staaten Terrorismus sponsern. Fünftens,
die beste Strategie ist, die Sponsoren des Terrors
zu treffen. Sechstens, das Problem ist weniger, ob
der Terrorismus besiegt werden kann, sondern welchen
Preis die liberale Gesellschaft dafür zu zahlen bereit
ist.
In seinem Ausblick weist der Autor auf die mittlerweile
konkrete Gefahr hin, dass der Terrorismus aufgrund
der technologischen Entwicklung eines Tages eine globale
Dimension annehmen könnte (S. 227). Die extreme Verwundbarkeit
der postmodernen Gesellschaften eröffnet Terroristen
zahlreiche Möglichkeiten, katastrophalen Schaden anzurichten.
Eine solche Situation würde einem Krieg gleichen,
mit entsprechend harten Gegenmaßnahmen und damit verbundenen
Einschränkungen für die demokratische Gesellschaft.
Laqueur äußert Zweifel, ob ein solcher Fall durch
präventives Handeln vermieden werden kann. Wenn aber
Prävention überhaupt eine Chance haben soll, so stellt
der Autor zutreffend fest, benötigen wir mehr Klarheit
über die Wurzeln und den Charakter des heutigen Terrorismus.
Mit seinem Standardwerk hat Walter Laqueur bereits
gute Vorarbeit geleistet. Sie gilt es nun zu vertiefen.
Hans-Georg Ehrhart
Institut für Friedensforschung
und Sicherheitspolitik
Hamburg
Romain Kirt (Hg.):
Die Europäische Union und ihre Krisen
Baden-Baden
2001
Nomos, 347 S.
„Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.“ Natürlich
würde man es sich viel zu einfach machen, wollte man
den Wert einer Nachricht allein aus dieser publizistischen
Grundregel ableiten. Gleichwohl: Auch und gerade das
Beispiel der Europäischen Union scheint diese Regel
immer wieder zu bestätigen. Jedenfalls wird, wer sich
die Berichterstattung über die EU vergegenwärtigt,
dem Herausgeber des vorliegenden Bandes, Romain Kirt,
kaum widersprechen können, wenn dieser einführend
feststellt: „Jede noch so banale bilaterale Meinungsverschiedenheit
zwischen zwei EU-Mitgliedstaaten reicht heutzutage
aus, um wochenlange öffentliche Diskussionen über
eine erneut bevorstehende oder schon ausgelöste und
deswegen wohl kaum mehr zu meisternde EU-weite Krise
loszutreten.“ Zugleich aber konstatiert auch Kirt,
„dass der Versuch, Europa zu einen, von einer ständig
wachsenden Zahl von Krisen begleitet wird, und dass
die unzähligen Krisen in der Europäischen Gemeinschaft
beziehungsweise in der Europäischen Union zu den wesentlichsten
Bestandteilen des europäischen Integrationsprozesses
gehören.“ Die Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit
des Krisenbegriffes sehr wohl reflektierend geht der
im Rahmen der Schriftenreihe des Zentrums für Europäische
Integrationsforschung in Bonn erschienene Band mithin
der Geschichte und Bedeutung echter und vermeintlicher
Krisen des Einigungswerkes in vier Abschnitten systematisch
nach:
Die Beiträge aus Teil I „Krisen und Krisenbewältigung
im integrationspolitischen Kontext“ nähern sich dem
Thema des Bandes in allgemeiner Form. Nach Meinung
des Herausgebers befindet sich das heutige Europa
dabei tatsächlich „in der Krise“, denn unter Rekurs
auf geschichtsphilosophische Erwägungen und den Epochenbruch
von 1989 gelangt Kirt zu der Auffassung, dass der
„Alte Kontinent am Buddenbrook-Syndrom“ leide: „Die
Symptome dieses Syndroms weisen jedenfalls erstaunliche
Parallelen zu den Phänomenen auf, die letztendlich
den Niedergang des Lübecker Handelshauses Buddenbrook
herbeigeführt haben: insuffizienter Pioniergeist,
latentes Ideendefizit, mangelnde intellektuelle Investitionsbereitschaft
und zunehmend schwindendes Engagement der für das
Schicksal des Unternehmens verantwortlichen Personen,
um nur einige zu nennen.“ Johannes Kristian Koecke
unternimmt daraufhin den Versuch, die Konnotationen
und etymologischen Wurzeln des Begriffs der Krise
mit Blick auf die Europäische Union zu klären. Mit
Blick auf die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts
sieht Thomas Jansen danach in der Europäischen Union
die „Antwort auf die Krisen des Jahrhunderts“ und
Nikolaus Blome schließlich fragt nach den Ablaufmustern
und Mechanismen der sogenannten „europäischen Krisengipfel“.
Unter der programmatischen Überschrift „Integrationsgeschichte
als Krisen-Geschichte“ beschäftigt sich Abschnitt
II mit entscheidenden Krisen der Integrationsgeschichte:
So analysiert Melanie Piepenschneider in ihrem
Beitrag den „Europarat und die Anfänge der europäischen
Integration“, während sich Wolfram Kaiser mit
dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft
befasst. Wichard Woyke interpretiert die Diskussion
um die Fouchet-Pläne als „Krise der europäischen Verfasstheit“.
Heiner Timmermann untersucht die „Politik des
leeren Stuhls“ und den „Luxemburger Kompromiss“, Gerhard
Kümmel die Zeit vom „Tindemans-Bericht“ bis zur
Einheitlich Europäischen Akte. Der ehemalige Vizekanzler
der Republik Österreich, Erhard Busek, gelangt
in seinem Beitrag über „1989 und die Folgen“ schließlich
zu der Auffassung, dass „eine Krise der Europäischen
Union (...) seit 1989 nicht wirklich stattgefunden“
habe.
Im Mittelpunkt von Abschnitt III stehen „Die inneren
Krisen“ des Integrationsprozesses: Die Währungskrisen
(Gerhard Michael Ambrosi), die Beschäftigungskrise
(Hans-Jörg Clement), die Post-Maastricht-Krise
(Frank Deppe), der deutsch-französische Bilateralismus
als Teilstück der inneren Krise Europas (Valérie
Guérin-Sendelbach), Personalentscheidungen als
Auslöser von Krisen (Tobias Freudenberg) sowie
die BSE-Krise und ihre Folgen
(Reiner Böge).
Teil IV schließlich ist dem Potenzial auswärtiger
Krisen gewidmet. Diskutiert werden im vorliegenden
Band die EWR-Krise (Carl Baudenbacher), die
globalen Herausforderungen an die EU (Stefan Fröhlich),
die Chancen und Risiken der EU-Osterweiterung (Albrecht
Rothacher), die Frage nach der „`Melkkuh´ oder
Solidargemeinschaft“ EU (Friedbert Pflüger)
sowie, ob die bevorstehende Erweiterungsrunde im Falle
Zyperns möglicherweise als Krisenauslöser wirkt (Susanne
Baier-Allen).
Leider findet der vom Europäischen Parlament erzwungene
Rücktritt der Santer-Kommission keine Berücksichtigung,
obwohl es sich bei diesem in der EU-Geschichte einzigartigen
Vorgang zweifellos um eine „Krise“ handelte, die über
den aktuellen Anlass hinaus, und angesichts des viel
zitierten Demokratiedefizits der EU, durchaus von
grundlegender Bedeutung für den Einigungsprozess sein
dürfte.
Elementarer als die Frage nach der Relevanz ausgewählter
„Krisen“, mag indes die Suche nach den eigentlichen
Ursachen der Krisen des Integrationsprozesses sein.
Im vorliegenden Band sind insofern die Artikel besonders
lesenswert, welche sich bemühen, den Blick auf die
tieferen Ursachen krisenhafter Entwicklungen im Integrationsverbund
zu lenken und Konstanten und Grundprobleme des Einigungsprozesses
herauszuarbeiten.
Festzuhalten ist dabei zunächst, dass „die EU noch
keine wirklich existenzielle Krise zu meistern hatte“,
wie Melanie Piepenschneider in ihrem Beitrag betont,
bzw. „nie als solche wirklich zur Disposition stand“
(Koecke). Offensichtlich hat sich das grundlegende
Interesse an (der Aufrechterhaltung und Fortsetzung)
der Integration bisher jedenfalls als stärker erwiesen,
als die zentrifugalen Einzelinteressen der Mitgliedstaaten.
Krisen des Gemeinschaftswerkes waren insofern eigentlich
auch immer Krisen der Europapolitik der Mitgliedstaaten,
da sie in einer an der Wahrung nationaler Interessen
orientierten Europapolitik der einzelnen Mitgliedstaaten
zu suchen waren und sind. Wie auch der vorliegende
Band zeigt, ist der Versuch der Durchsetzung nationaler
Interessen und der möglichen Blockade des Integrationsprozesses
nun aber wahrlich kein neues Phänomen: Exemplarisch
sei hier nur an Frankreichs „Politik des leeren Stuhls“
erinnert (vgl. den Artikel von Heiner Timmermann).
Angesichts des die Integrationsgeschichte prägenden
Spannungsverhältnisses von Eigen- und Gemeinschaftsinteresse
ist der Beitrag Kaisers von besonderem Interesse,
da dieser die „relative Kontinuität in der Integrationspolitik“
als Muster des Einigungsprozesses auch und gerade
angesichts tiefgreifender Krisen am Beispiel der EVG-Krise
betont und gelungen herausarbeitet. Kaiser vertritt
in diesem Zusammenhang die Auffassung, „dass das schon
länger antizipierte Ende mit Schrecken der EVG letztlich
zur Konsolidierung Kerneuropas beitrug und den Durchbruch
zur horizontalen Wirtschaftsintegration der Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft (...) erleichterte. In der
EVG-Krise blieben wichtige Ziele und Motive der Integration
als solche konstant.“ Und, so sein Fazit: „Das Scheitern
der EVG markierte den Aufbruch zu bekannten Ufern,
die jedoch durch die vorübergehende Dominanz der Verteidigungsfrage
etwas aus dem Blickfeld geraten waren. Die gemeinsame
Erfahrung und Bewältigung der Krise trug zur Stabilisierung
von Zielen und Motiven der Integration bei.“
Was aber waren und sind die Ziele und Motive der
Integration? Während die Gründerväter bekanntlich
„ein stabiles, prosperierendes und freiheitlich-demokratisches
Europa bauen“ wollten, eine Störung des Friedens durch
eine potenziell wiedererstehende deutsche Hegemonialmacht
(...) durch Deutschlands multilaterale Einbindung
verhindert werden“ sollte „und die europäischen Nationalstaaten
sich neben den USA und der UdSSR als dritte Macht
im internationalen System behaupten“ wollten (Gerhard
Kümmel), sind es heute vor allem die Fragen gesamteuropäischer
Stabilität und die neuartigen „globalen Herausforderungen
an die EU“ (Stefan Fröhlich), welche den Integrationsprozess
motivieren. Zweifelsohne wurde bei der Verwirklichung
des Einigungswerkes dabei bis zum heutigen Tag eine
beachtliche Wegstrecke zurückgelegt. Romain Kirt jedenfalls
betont völlig zu Recht, dass die „Geschichte der europäischen
Integration (...) auch und vor allem (...) eine einzigartige
Erfolgsgeschichte“ sei. Sie ist, wie von Wichard Woyke
an anderer Stelle ausgeführt, tatsächlich eine „erfolgreiche
Krisengemeinschaft“.
Allein: Bei der Bewältigung der anstehenden Aufgaben
könnte es sich als mehr als problematisch erweisen,
bewahrheitete sich die These von Nikolaus Blome, „dass
die `Krise´“ ihre Funktion „als Katalysator von Fortschritten
bei EU-Gipfeln an Wirkung eingebüßt hat – und weiter
einbüßen wird. Nicht, weil der EU die Krisen ausgehen,
sondern weil das Spitzenpersonal vorerst von der europapolitischen
Szene verschwunden scheint, das eine `Krise´ der EU
als das wahrnimmt, was sie ist: als Alarm vor drohendem
Schaden an den langfristigen Interessen Europas –
und damit an den eigenen, nationalen Interessen.“
Ob die EU also auch in ihrer gegenwärtigen Verfassung
in der Lage ist, die Antwort auf die Krisen des neu
angebrochenen Säkulums zu geben, kann aus guten Gründen
mehr als angezweifelt werden. Zumal es sich bei historischen
Entwicklungen um offene Prozesse handelt: Auch wenn
also die Geschichte der europäischen Integration bisher
als „Geschichte von Krisen (also von Krisenmanagement)
und von der Überwindung von Krisen“ zu interpretieren
ist, bieten die Erfolge der Vergangenheit keine Gewähr
für eine auch in Zukunft erfolgreiche Politik der
Krisenbewältigung.
So bleibt abzuwarten, ob Kirt´s Rezept zur Genesung
des von ihm diagnostizierten „Buddenbrook-Syndroms“
tatsächlich die erhoffte Wirkung entfalten kann, mahnt
Kirt doch an erster Stelle die Rückbesinnung auf Ernst
Blochs Prinzip Hoffnung an: „Hoffnung ist, angesichts
der Aufgaben, die Europa in den nächsten Jahren erledigen
muss, ebenso notwendig wie kluges Taktieren und bedachtes
Agieren, zumal der europäische Integrationsprozess
an einem sehr kritischen Punkt seiner Entwicklung
angelangt ist, an dem die Weichen für die Zukunft
des ganzen Kontinents neu gestellt werden müssen.“
Nichtsdestoweniger: Auch pessimistischeren Zeitgenossen
kann die Lektüre dieses anregenden Bandes sehr wohl
empfohlen werden.
Bernhard
Rinke
Universität Münster
Joseph Stiglitz:
Die Schatten der Globalisierung
München 2002
Siedler
Verlag, 256 S.
Das Imperium schlägt zurück. Wer an dem Internationalen
Währungsfonds (IWF) als unverzichtbarem Wächter
über die weltweite Zahlungsbilanzdisziplin und einem
der wichtigsten Kreditgeber der Entwicklungs- und
Transformationsländer ungerechtfertigte Kritik übt,
wird unnachsichtig abgemahnt. Kenneth
Rogoff, Direktor der IWF - Forschungsabteilung,
hat jetzt Joseph Stiglitz und dessen neuestes
Buch (englischer Originaltitel „Globalization and
Its Discontents“) in einem Offenen Brief scharf
kritisiert; das Urteil über den Nobelpreisträger
für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 2001 lautet:
„Your ideas are at best highly controversial, at
worst, snake oil“ (IMF Survey, vol. 31/2002, Nr.13
vom 8.07.2002, S. 211) . Der IWF-Manager wirft Stiglitz nicht nur vor, in seiner früheren Position als Chef-Volkswirt
und Vizepräsident der Weltbank die Politik des Währungsfonds
sabotiert zu haben, sondern er beschuldigt ihn auch,
in seinem Buch Fakten falsch dargestellt
und Personen zu Unrecht diskreditiert zu
haben, wie beispielsweise Larry Summers (ehemaliger Deputy U.S Treasury Secretary) oder Stanley Fisher (ehemaliger First Deputy
Managing Director des IWF). Die Empfehlung lautet
daher: „You should pull this book off the shelves
until this slander is corrected“. Dass
Stiglitz
und seine Verleger dieser Empfehlung nachkommen
werden, ist angesichts des weltweiten Interesses
an „Globalization and Its Discontents“ kaum zu befürchten.
Auch
die deutschsprachige Übersetzung von „Globalization
and Its Discontents“ (die bemerkenswerterweise schon
vor der US-amerikanischen Originalausgabe auf dem
Buchmarkt erhältlich war und inzwischen in der 3.Auflage
vorliegt) ist viel beachtet worden – und das keineswegs
nur von überzeugten ATTAC-Aktivisten, die sich aus
berufener Feder in ihrer Ablehnung des IWF bestätigt
fühlen mögen, wenn sie auf dem rückwärtigen Schutzumschlag
von „Die Schatten der Globalisierung“ lesen, dass
der Internationale Währungsfonds Wohlstand versprochen
habe, aber Armut brachte.
Was
die Werbebotschaft des Verlages verheißt - ein bahnbrechendes
Buch über einen der meist gebrauchten Begriffe unserer
Zeit und seine Wirklichkeit: die Globalisierung
– wird von „Die Schatten der Globalisierung“ allerdings
mitnichten eingelöst. Stiglitz
hat kein Buch geschrieben, das völlig neue Erkenntnisse
und Einsichten über Chancen, Risiken und Nebenwirkungen
des Prozesses der ökonomischen, politischen und
kulturellen Globalisierung vermittelt, sondern eine
Kritik der Bretton-Woods-Institutionen und deren
Politik im Zeitalter der Globalisierung. Insofern
führt der deutsche Titel des Buches etwas in die
Irre, da er den Leser eine systematische Auseinandersetzung
mit der Frage erwarten lassen mag, warum in vielen
Teilen der Welt die Nutzung von Globalisierungschancen
bisher kaum gelungen ist, während die Schattenseiten
des globalisierungsbedingten Strukturwandels unübersehbar
sind. Tatsächlich geht es in diesem Buch nicht darum,
Antworten auf diese Frage aus stringenten Problemanalysen
abzuleiten; Stiglitz, der die Weltbank 1999
unter Protest gegen das dominierende Paradigma des
neoliberalen „Washington Consensus“ verlassen hat,
nutzt das Buch zu einer harschen Abrechnung mit
den internationalen Finanzinstitutionen und mit
der Politik der westlichen Industrieländer gegenüber
den Entwicklungs- und Transformationsländern.
In
der Wochenzeitung „Die Zeit“ (vom 14.03.2002) wurde
„Schatten der Globalisierung“ treffend als ein schlecht
geschriebenes gutes Buch beurteilt. Das Buch ist
nicht nur schlecht geschrieben, sondern auch schwach
strukturiert, es ist eine Mischung aus klugen Vermutungen
und nicht immer überzeugend belegten Behauptungen,
eine Wiederholung von Anklagen und Belehrungen,
wie man es hätte besser machen müssen, eine Aneinanderreihung
wirtschaftswissenschaftlicher Glaubenssätze und
institutionenökonomischer Einsichten. All dies könnte
den Leser zu einem baldigen Abbruch der Lektüre
verleiten, wenn das Buch nicht einen großen Vorteil
hätte: es entlarvt die vielen Heuchler, die sich
in der Globalisierungsdebatte zu Wort melden, die
papageienhaft die Schlüsselwörter der neoliberalen
Orthodoxie wiederholen, die Wettbewerb und offene
Märkte fordern, solange ihre eigenen Privilegien
davon nicht betroffen sind, die vor der unschönen
Realität von Massenarmut und aneinanderstoßenden
Ungleichzeitigkeiten in den Entwicklungsländern
die Augen schließen, während sie die Rhetorik der
Globalisierung pflegen.
„Die
Schatten der Globalisierung“ ist kein Antiglobalisierungsbuch,
sondern der Versuch, neokeynesianisch inspirierte
bessere Wege in die Marktwirtschaft aufzuzeigen.
Stiglitz
redet die Globalisierung nicht schön, aber für ihn
ist die Globalisierung auch gar nicht das Problem,
sondern die Art und Weise, wie und von wem den Entwicklungs-
und Transformationsländern empfohlen wird, sich
für die Globalisierung fit zu machen. Für Stiglitz
ist die Globalisierung an sich weder gut noch schlecht,
aber sie habe das Potenzial, auf breiter Front Gutes
zu bewirken, und diejenigen Länder, die sich der
Globalisierung zu ihren Bedingungen und in dem Tempo
öffneten, das ihnen behage, könnten enorm von ihr
profitieren (S.35). Das eigentliche Problem sind
für Stiglitz
die wirtschaftspolitischen Weisungen von IWF und
Weltbank, in denen sich die Ideologie des marktwirtschaftlichen
Fundamentalismus widerspiegele, die aber die besondere
Lage und die akuten Probleme der Entwicklungs- und
Transformationsländer weitgehend oder völlig außer
Betracht ließen; dadurch seien viele Menschen in
Armut und viele Staaten in soziales und politisches
Chaos gestürzt worden (S. 33).
Für
Stiglitz
waren wirtschaftliche Erfolge in Ländern, die sich
über die Empfehlungen des IWF hinwegsetzten (wie
z.B. China), kein Zufall (S. 217). Im Gegenteil:
Kennzeichen dieser Erfolgsgeschichten sei es, dass
sie »hausgemacht« seien, konzipiert von Einheimischen,
die ein Gespür für die Bedürfnisse und Anliegen
ihrer Landsleute hätten, die nicht dogmatisch vorgingen,
sondern pragmatisch, und die ihre Politik nicht
von ideologisch-theoretischen Modellen bestimmen
ließen. Der IWF hingegen verfahre in seiner Politik
nach einer Einheitsmethode und nach einem altmodischen
Standardmodell, das heute an den Universitäten nur
noch für Erheiterung sorge (S. 50). Der IWF diene
nicht den Interessen der Weltwirtschaft, sondern
den Interessen der internationalen Finanzwelt, und
diese Tatsache erkläre auch einen Teil seiner defensiven
Rhetorik (S. 242). Für Stiglitz
lassen sich die Probleme des IWF und der anderen
internationalen Wirtschaftsinstitutionen letztendlich
mit einem Wort benennen: als „governance“-Probleme, als Probleme einer verantwortlichen, auf
Wertschöpfung für alle Interessengruppen ausgerichteten
institutionellen Entscheidungsfindung und –kontrolle
(S. 33). Um die Globalisierung so zu gestalten,
dass ihre Früchte gleichmäßiger verteilt werden,
bedürfe es einer grundlegenden Revision des „governance“-Systems
der internationalen Wirtschaftsinstitutionen (S.
260). Realistischerweise weist Stiglitz
allerdings darauf hin, dass sich die von ihm angemahnten
Veränderungen nicht leicht durchsetzen lassen und
die USA ihre faktische Vetomacht in den Bretton-Woods-Institutionen
nicht aufzugeben bereit sein werden (S. 260).
Vieles
von dem, was Stiglitz
in seinem Buch „Die Schatten der Globalisierung“
ausgeführt hat, ist schon in vielen anderen Publikationen
thematisiert worden, und zwar zum Teil analytisch
wesentlich präziser, sprachlich konziser und empirisch
besser belegt. Dennoch hat Stiglitz
für seine „Schatten der Globalisierung“ die breite
Aufmerksamkeit verdient, die das Buch gefunden hat.
Man mag den Autor als einen der Kirchenväter der
Globalisierungsgegner feiern, dessen Schrift wohl
bald zum Kanon einer neuen Internationalen gehören
werde („Süddeutsche Zeitung“ vom 16./17.03.2002);
dem Wirtschaftswissenschaftler Joseph
Stiglitz wird man aber sicherlich gerechter,
wenn man sein Verdienst hervorhebt, mit Nachdruck
und Kompetenz darauf hingewiesen zu haben, dass
technokratische Lösungsansätze für die Probleme
der Entwicklungs- und Transformationsländer zum
Scheitern verurteilt sind, und dass lokales Wissen
für eine erfolgreiche Entwicklungsstrategie auch
in Zeiten der Globalisierung unabdingbar ist. Es
kann in dem Globalisierungsdiskurs nicht nur darum
gehen, wer wen globalisiert, sondern es muss auch
gefragt werden, warum die voranschreitende Globalisierung
Menschen in Entwicklungsländern zu überrollen droht,
die durch ihre Wertschöpfungsbeiträge die Globalisierung
erst (mit-)ermöglichen.
Wenn
Stiglitz
den Bretton-Woods-Institutionen in heftigem Tonfall
vorwirft, es fehle ihnen an einem grundlegenden
Sinn für Gerechtigkeit und für die entscheidende
Bedeutung demokratischer Prozesse, dann wird ihn
als ehemaligem „Insider“ die nicht minder heftige Gegenreaktion der Kritisierten
kaum überrascht haben. Er jedenfalls hat mit seinen
deutlichen Worten deutlich Position bezogen; schade
nur, wenn diese Positionsbestimmung von anderen
dazu missbraucht würde, für die wirtschaftlichen
und sozialen Übel in vielen Teilen der Welt die
„Achse des Bösen“ aus IWF, WTO und G7 – unter der
hegemonialen Führung der USA – verantwortlich zu
machen, und dabei geflissentlich die je eigenen
(Mit-)Verantwortlichkeiten zu übersehen. Stiglitz gibt in seinen „Schatten der Globalisierung“ viele Hinweise
auf Schwachstellen unserer heutigen Weltwirtschafts(un)ordnung,
er bietet aber keine ausgearbeiteten Patentrezepte
zur Konstruktion einer besseren, heilen Welt an.
Lehrreich ist die Lektüre aber allemal, und zwar
sowohl für jene, die an die Allmacht der Globalisierung
glauben und von dem weltweiten Sieg einer freien
Marktwirtschaft fälschlicherweise die Lösung aller
Übel erwarten, lehrreich aber auch für diejenigen,
die den Sündenbock „Globalisierung“ für alle Übel
dieser Welt verantwortlich machen und heroisch dagegen
ankämpfen.
Hartmut Sangmeister
Universität Heidelberg
Graduate Institute of International Studies:Small
Arms Survey 2002.
Counting the Human Cost
Oxford, 2002
Oxford University Press, 329 S.
Kleinwaffen sind die Massenvernichtungswaffen unserer Zeit,
es sind die Waffen, die in Kriegen und bewaffneten Auseinandersetzungen
rund um den Globus täglich eingesetzt werden und zigtausend
Menschen töten. Doch trotz des Schadens, den diese Waffen anrichten,
wurde ihrer Kontrolle bis Mitte der neunziger Jahre wenig Aufmerksamkeit
gewidmet. Auf der Tagesordnung der Rüstungskontrollverhandlungen
und Abrüstungsverträge standen vor allem Atomwaffen sowie in
Europa nach dem Ende des Kalten Krieges schwere konventionelle
Waffen. Dies hat sich seit kurzem geändert. Im Juli 2001 fand
in New York eine vielbeachtete UN-Konferenz zur Kontrolle der
Kleinwaffen statt. Spätestens seit dieser Konferenz stehen auch
Kleinwaffen – dazu zählen alle Waffen, die von ein bis zwei
Personen getragen werden können, also Pistolen, Gewehre, Maschinengewehre,
Mörser und tragbare Raketen – auf der Abrüstungsagenda der internationalen
Gemeinschaft.
Diese Entwicklung ist keineswegs selbstverständlich;
in den Vereinten Nationen setzten einige Regierungen (so Russlands,
Chinas und der USA) den Verhandlungen zur Kontrolle der Kleinwaffen
starken Widerstand entgegen. Strittiger Punkt war und ist vor
allem der Privatbesitz von Waffen – ein in den USA kaum in Frage
gestelltes „Recht des Einzelnen“, für das die Waffenlobby kämpft
und einflussreiche Politiker großzügig mit Wahlkampfspenden
bedenkt. Die Regierungen anderer Länder (Chinas, Russlands,
der Ukraine) wollten sich dagegen den internationalen Markt
offen halten, um die eigenen Produktionskapazitäten auszulasten.
Andere, wie die Regierung Pakistans und der USA, wollen zudem
nicht die Lieferung von Waffen an sogenannte nicht-staatliche
Akteure (Rebellengruppen oder Aufständische) ausschließen. Für
Pakistan ist die Versorgung mit Waffen ein Mittel, die Rebellen
in Kaschmir zu unterstützen, und die USA sehen in der Lieferung
an nicht-staatliche Akteure ein außenpolitisches Instrument,
um in Konflikten – wie im Sudan – Partei zu ergreifen.
Anfang der neunziger Jahre veröffentlichten einige
wenige Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen Pionierarbeiten
über die Mechanismen der heutigen Kriege, vor allem über die
wirtschaftlichen Interessen, die Öl ins Feuer dieser Kriege
gießen. So kamen auch die Kleinwaffen in das Blickfeld zunächst
von Wissenschaftlern, dann auch einiger westeuropäischer Regierungen.
Die erfolgreiche Anti-Landminenkampagne, die schließlich zu
einem Verbot von Produktion, Export und Verlegung bestimmter
Landminentypen führte, veranlasste die Schweizer Regierung,
das „Graduate Institute of International Studies“ der Universität
Genf mit der Veröffentlichung einer jährlichen Übersicht über
die Entwicklung des Einsatzes, der Verbreitung und Kontrolle
von Kleinwaffen zu beauftragen. Diese Übersicht soll zur Problemerkennung
und -lösung beitragen. Das hier besprochene Buch ist die zweite
Ausgabe dieses Jahresberichtes.
Trotz der mangelhaften Datenlage zum legalen und
illegalen Transfer von Kleinwaffen ist den Autoren in kurzer
Zeit eine beachtenswerte Publikation gelungen. Das zweite Jahrbuch
enthält detaillierte Angaben über die Kleinwaffenhersteller
– mehr als 1000 Firmen in fast 100 verschiedenen Ländern. Dabei
wird dargelegt, dass die Expansion der Produktionskapazitäten
in den Industrieländern mit einer Krise der traditionellen Produzenten
einhergeht. Die Firmen Heckler & Koch in Deutschland und
FN Herstal in Belgien werden als Beleg angeführt. Gleichzeitig
macht das „Small Arms Survey“ auf die großen Waffenvorräte aufmerksam,
die seit Ende des Kalten Krieges in Europa und anderen Teilen
der Welt in den Arsenalen der Streitkräfte für zahlungskräftige
Käufer bereit liegen. Bemerkenswert sind auch die Ausführungen
über die verschlungenen Wege, auf denen ursprünglich legal für
Streitkräfte oder Polizei beschaffte Waffen auf den Schwarzmarkt
kommen und in die Hände von Kriminellen, Mafiagruppen, Drogenbossen,
Rebellenarmeen oder Kindersoldaten gelangen. Der Transfer fast
aller illegal transferierten Waffen hat seinen Ursprung in einem
von Regierungen veranlassten legalen Kauf oder Transfer.
Der Verlauf der letztjährigen UN-Konferenz zur Kontrolle
der Kleinwaffen – im Jahrbuch detailliert dargestellt – offenbart,
dass in den meisten Ländern keine effektive Kontrolle der Waffenmakler
erfolgt. Leider konnte sich die Konferenz der Vereinten Nationen
hier nicht auf internationale Normen verständigen. So ist auch
das Aktionsprogramm der Konferenz eher mager ausgefallen. Wie
dem auch sei, die Beobachter der Konferenz sind insofern optimistisch,
als das Thema Kleinwaffenkontrolle von der internationalen Agenda
nicht mehr wegzudenken ist, trotz massiver Widerstände mancher
Regierungen. Bedrückend sind die im „Small Arms Survey“ beschriebenen
„menschlichen Kosten“ der Kleinwaffenplage, so die Tatsache,
dass heute neunzig Prozent aller Opfer von Kriegen Zivilisten
sind. Die Unsicherheit, die in manchen Ländern allein aufgrund
des Vorhandenseins der Waffen in großer Zahl entsteht, ist eine
der Ursachen für mangelnde Entwicklung. Wo Unsicherheit herrscht
und Konflikte gewaltsam ausgetragen werden, ist keine rasche
Entwicklung möglich.
Das Schlusskapitel des Buches gibt jedoch zu Optimismus
Anlass. Waffensammel- und Verschrottungsprogramme haben in einer
ganzen Reihe von Ländern zu positiven Ergebnisssen geführt,
so in Haiti, Kambodscha, Albanien und Mazedonien. Den Autoren
ist klar, dass die Waffen nicht die Ursache gewaltsamer Konflikte
sind. Doch die leichte Verfügbarkeit von Waffen (sie sind leicht
zu handhaben, zu reparieren und oft billig zu kaufen) trägt
in vielen Ländern dazu bei, dass Konflikte gewaltsam ausgetragen
werden.
Für Abrüstungsaktivisten wie für Wissenschaftler,
Politiker und mit Abrüstung befasste Diplomaten ist das Jahrbuch
zu den Kleinwaffen ein unverzichtbares Handbuch geworden. Man
kann die Schweizer Regierung und das „Graduate Institute of
International Studies“ nur beglückwünschen, dass sie sich regelmäßig
der Sisyphusarbeit unterziehen, die schwer zugänglichen Daten
systematisch zu erfassen und aufzubereiten.
Herbert Wulf
Bonn International Center for Conversion
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