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Mary Kaldor:
Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter
der Globalisierung
(Tobias Schumacher)
(Michael Dauderstädt)
(Michael Dauderstädt)
FRANZ ANSPRENGER:
Wie unsere Zukunft entstand.
Von der Erfindung des Staates zur internationalen Politik - ein kritischer
Leitfaden
Schwalbach / Taunus 2000
Wochenschau Verlag, 319 S.
"Internationale Politik ist bis heute keine internationale
Politik", beginnt Franz Ansprenger das erste Kapitel seines kritischen
Leitfadens, der in historischer Perspektive die Entwicklung der internationalen
Politik kommentiert. Das anregende Buch, dessen Horizont bis etwa
Mitte 1999 reicht, ist aus der Lehrtätigkeit Franz Ansprengers hervorgegangen
und bietet engagierte Vorlesungen in Textform: Der Autor (Jahrgang
1927) lehrte von 1958 bis 1992 an der FU Berlin und unterrichtete
von 1991 bis 1997 Internationale Politik in Sozialkunde-Fortbildungskursen
für Lehrer aus Brandenburg und Ost-Berlin.
Für Ansprenger hält der Begriff der Internationalen
Politik noch nicht, was er verspricht. Erstens ist Internationale
Politik keine Politik zwischen Nationen, sondern bezeichnet die Gestaltung
der Beziehungen zwischen Staaten - doch verfügen nicht alle Völker
über einen Staat. Zweitens folgt die Internationale Politik nicht
den Ansprüchen an Politik im Innern von Staaten, zeichnen sich doch
die Beziehungen zwischen Staaten nicht durch demokratische Verfahren
aus, die in der Innenpolitik längst Standard sind. Wie sich nun das
Verfahren der Staaten miteinander herausbildete und entwickelte, zeichnet
der Autor in historischen Kapiteln vom Mittelalter bis zum Ende des
Kalten Krieges nach, und bereichert dies um thematische Kapitel. Die
thematischen Kapitel widmen sich den intergouvernementalen und supranationalen
Gebilden der heutigen internationalen Politik und behandeln die Bruchlinien
zwischen Staaten(gruppen) beziehungsweise Völkern. So geht es um die
Vereinten Nationen, den europäischen Integrationsprozess, die Konflikte
zwischen Nord und Süd, Israelis und Arabern und die Auseinandersetzungen
im zerfallenden Jugoslawien. Insgesamt bietet der Inhalt des Leitfadens
einen guten Einstieg in das Thema Internationale Politik.
Ansprenger möchte in seinem Einführungsbuch die Bezüge
zwischen damals und heute herausarbeiten. So spürt er den "Wurzeln
der gegenwärtigen Weltpolitik im europäischen Mittelalter" nach
und sucht, ganz Historiker, die frühesten Anzeichen einer Herausbildung
des Staates als "europäischer Erfindung". Ansprenger reichen
keine Hinweise auf den Wiener Kongress, der das Staatensystem Europas
im 19. Jahrhundert prägte, oder ein Rekurs auf das Symboljahr 1492
("Segeltörn eines gewissen Christoph Columbus", S.12), ihm
geht es um die zunehmende Durchsetzung des Prinzips der Territorialgewalt.
Folglich setzt Ansprenger bei der "Lücke" an, die das zerfallende
Römische Reich hinterließ, und schildert die Suche nach einer neuen
Ordnung und den Konflikt zwischen zwei möglichen Quellen, Reich und
Kirche. Im Sieg der weltlichen Macht und dem Entstehen eines Herrschaftsgeflechts,
in dem das Lehnsprinzip gilt, erkennt Ansprenger den Anfang einer
Weltpolitik der Staaten, deren Territorialprinzip gegenwärtig allerdings
wieder untergraben wird: durch grenzüberschreitende gesellschaftliche
Herausforderungen und den Zwang zum konzertierten Handeln.
Anschaulich, zuweilen mit bissigen Querverweisen, kommentiert
Ansprenger die Kolonialexpansion der europäischen Mächte über die
Ozeane. Stets geht es darum, Geschichte mit einem Blick auf unsere
Gegenwart zu erzählen. Im Kampf um die Vorherrschaft zur See erschließen
sich zunächst Spanien, Portugal und schließlich England die globale
Szenerie, während sich in Europa selbst die "Balance of Power"
bewährt. Das "atlantische Dreieck" des Handels mit Sklaven,
"Kolonial-Waren" und Manufaktur-Erzeugnissen verknüpft die
Kontinente. Ein "Recht auf Handel" setzt Spanien gegen die
Indianer durch wie später England gegen die Chinesen. Die Frage, wie
mit den "Eingeborenen" zu verfahren ist, trägt immerhin
zur Herausbildung des Völkerrechts bei, und im Abgrenzen von Einflusssphären
im Vertrag von Tordesillas 1494 setzen Spanien und Portugal schon
früh Maßstäbe für spätere Großmächte-Schacher. Das europäische Gleichgewicht
der Mächte wird erst wieder durch Napoleon in Frage gestellt, nachdem
die französische Revolution ihre Ausstrahlung entfaltet hat. Für Ansprenger
liegt ein besonderer Grund dafür in der Interpretation des Begriffs
"Nation", in der ein Staat durch den "gemeinsamen Willen
seiner Einwohner getragen ist, Bürger eben dieses Staates zu sein"
(S. 34). So tritt mit der Begründung der Volkssouveränität in der
französischen Revolution eine weitere europäische "Erfindung"
hervor, deren Grundsätze heute manche auf die internationale Politik
angewendet wissen wollen. Indem sich das napoleonische Frankreich
zum "herumkommandierende(n) Eroberer" (S. 38) entwickelt,
kippen allerdings die deutschen Sympathien für die Revolution, und
ein neues Nationalgefühl grenzt sich gegen Frankreich ab: Der von
Herder mitgeprägte objektive Nationenbegriff entsteht, der auf Schlüsselwörter
wie "Nationalcharakter" abhebt. Demnach ist unnatürlich,
was Napoleon anstrebt, eine "wilde Vermischung der Menschengattungen
und Nationen unter Einem Zepter" (Herder, zit. n. Ansprenger,
S. 39).
Bei seiner Nachzeichnung der internationalen Politik
geht Ansprenger insofern unkonventionell vor, als er in der Historie
nach seinem Gusto Akzente setzt. So schildert er ausführlich die Reorganisierung
der "Balance of Power" durch den Wiener Kongress 1815 und
das sich anschließende "Konzert der Großmächte", wohingegen
er sich zum Beispiel wenig zum Westfälischen Frieden von 1648 äußert.
Dabei hätte sich in einem Einführungsbuch angeboten, anhand des sogenannten
"Westfälischen Systems" die Verfahren der Staaten miteinander
darzulegen: Souveränität, Nichteinmischung, Anerkennung des Krieges
als Recht zum Krieg souveräner Staaten. Insgesamt lässt sich festhalten,
dass Ansprengers Einführung durch Definitionen nicht etwa langweiliger
geworden wäre: Eine - oder über die beschriebenen Jahrhunderte hinweg
gar mehrere - prägnante Eingrenzung des Phänomens Staat hätte man
sich gerade von Ansprenger gewünscht. Der Autor verlässt sich hingegen
darauf, dass seine Leser ihm auf den rund 300 spannenden Seiten sowie
zwischen deren Zeilen nachspüren. Durchweg frisch geschrieben, ist
Ansprengers Buch eine dankbare Lektüre. Der kritische Leitfaden, der
viel zur Geschichte bietet, versprach in Titel und Einleitung allerdings
mehr - eine Aussage zur Zukunft internationaler Politik. Der Autor
hat "die ganze Zeit dagegen angekämpft, die Internationale Politik
auf die Außenpolitik der Staaten einzuengen, deren Regierungen sich
immer noch für souverän halten." (S.9) Dass Ansprenger diesen
Kampf verloren hat, gesteht er gern ein. Warum aber Regierungen nicht
mehr wirklich souverän sein sollen, hätte er in einem Einführungsbuch
veranschaulichen können. Auch die Frage, wie beziehungsweise wohin
die Staatsmacht denn nun entschwunden ist, vertieft Ansprenger wenig
– wenn zum Beispiel ganz neue Akteure ihre eigene internationale Politik
"fahren". Begriff und Wesen des Staates werden konsequent
als europäische "Erfindung" herausgestellt, andererseits
wäre es aufschlussreich gewesen, zumindest ein wenig vom Verständnis
außereuropäischer Gesellschaften mitzubekommen. "Sowohl Afrikanern
als auch Chinesen fällt es immer noch schwer zu begreifen, was die
Europäer sich gedacht haben, als sie den Staat erfanden" (S.
12), merkt Ansprenger an, doch welche Gedanken sich zum Beispiel Herrscher
und Gelehrte des "Reiches der Mitte" zu ihren weitaus älteren
gesellschaftlichen Ausprägungen gemacht haben, wäre zumindest interessant
gewesen. Ansprengers Darstellung folgt dagegen einer Gliederung der
Weltpolitik in Zentrum und Peripherie, die legitim und schlüssig ist,
deren Durchbrechung aber lohnend sein kann. Auch ein Blick auf Weltmächte
im Wartestand, neben China etwa Indien, hätte sich angeboten. Da Ansprenger
den Staat als Erfindung apostrophiert, könnte diese Erfindung für
ihn auch durch neue Konzepte abgelöst werden. Welche sollten dies
sein? Hier wird nur deutlich, was Ansprenger verwirft: einen allumfassenden
Weltstaat und die minimalistische Ordnung eines Weltmarktes. Zur Herausbildung
internationaler Politik bietet Ansprengers Leitfaden eine gute Orientierung.
Wer wissen will, wie die Zukunft internationaler Politik aussehen
könnte, sei auf den Trend zum Zweit-Sachbuch verwiesen.
Jochen Möller
Bielefeld
MARY KALDOR:
Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung.
Frankfurt a.M. 2000
Suhrkamp, 279 S.
Unter dem Eindruck des hartnäckig fortdauernden Blutvergießens, das
seit dem Ausbruch einer angeblich "Neuen Weltordnung" [George
Bush I.] um 1990 den Balkan und den Kaukasus - und nicht nur diese europäischen
Regionen! - heimsucht, hat Mary Kaldor 1999 in englischer Sprache das
Buch „Neue und alte Kriege“ geschrieben. Der deutschen Übersetzung wurde
ein eigenes Nachwort hinzu gefügt. Die Verfasserin stellt sich in der
Einleitung (S.24) als "eine der Vorsitzenden der Helsinki Citizens'
Assembly (HCA)" vor; sie hat wissenschaftlich am Sussex European
Institute, für die United Nations University und für die Europäische
Kommission gearbeitet.
Kaldors These: die Kriege der Gegenwart seit dem Ende des Ost-West-Konflikts
sind etwas grundsätzlich anderes als frühere Kriege. Diese These stößt
beim Rezensenten auf Skepsis. Ich sehe erhebliche Indizien für eine
Kontinuität insbesondere mit den "Befreiungskriegen" seit
1945, in denen beliebig große Gruppen von Menschen beanspruchten, als
"Völker" ihr Selbstbestimmungsrecht auf einen eigenen Staat
durchzusetzen – keineswegs nur im Zuge der Auflösung europäischer Kolonialreiche,
so der Kampf der Bengalen gegen Pakistan, der Eritreer gegen Äthiopien
(beide erfolgreich), der Sahraoui gegen Marokko, der Südsudaner gegen
den Sudan (beide bisher erfolglos) sowie natürlich der Palästinenser
gegen Israel. Was unterscheidet diese Ansprüche einschließlich der Gewalt
zu ihrer Durchsetzung von denen der bosnischen Serben, der albanischen
Kosovaren, der Tschetschenen gegen Russland oder der Abchasen gegen
Georgien? Ist es etwa nur der Umstand, dass einigen Leuten in den think
tanks der so genannten internationalen Gemeinschaft vielleicht allmählich
unwohl wird, wenn sie daran denken, wie Resolutionen der UN-Generalversammlung,
Zusatzprotokolle zu den Genfer Rotkreuz-Konventionen und andere Dokumente
der Weltpolitik seit etwa 1960 zugunsten militanter "Befreiungsbewegungen"
das klassische Völkerrecht aushöhlten? Das klassische Völkerrecht gestand
nur souveränen Staaten das „ius ad bellum“ zu (Kaldor verwechselt diesen
Begriff S. 31 mit dem theologischen Konzept des „bellum iustum“, des
"gerechten Krieges") - das Recht also, Krieg zu führen, während
die Charta der UN eben diesen Staaten seit 1945 ein Kriegsverbot auferlegt.
Heute jedoch verstecken sich etwa die Regierungen von Rwanda und Uganda
in ihrem Angriffskrieg gegen ihren großen, durch inneren Zerfall geschwächten
Nachbarn Kongo, der im 19. Jahrhundert in Europa stinknormal gewesen
wäre, hinter weitgehend fiktiven einheimischen Befreiungskämpfern.
Kaldor räumt ein, dass wesentliche Elemente der "neuen Kriege",
insbesondere die spätestens seit Napoleons Spanienfeldzug so benannte
Guerrilla, in der Vergangenheit wurzeln. In Bosnien will sie dennoch
neue Formen eines ethnisch begründeten Nationalismus beobachtet haben,
der "...auf die Auflösung des Staates hinarbeitete – im Gegensatz
zu früheren 'modernen' Nationalismen, die auf Staatsgründung zielten“
und der „im Unterschied zu früheren Nationalismen über keine Modernisierungsideologie
verfügte" (S.65); man fragt sich, was denn so modern war an den
Ideologien derselben Völker, die vor hundert Jahren die Auflösung zuerst
des Osmanischen, dann des Habsburger Reiches betrieben – außer eben
ihr Anspruch auf Nationalstaaten! Hier scheint mir ein Zirkelschluss
vorzuliegen. Die Autorin hat die Oberflächenphänomene des Bosnienkrieges
genau registriert, aber die tiefer liegenden historischen Gegensätze
weniger intensiv untersucht. "Jugoslawismus" zum Beispiel
bedeutet gewiss auch Unterstützung des Tito'schen fortschrittsgläubigen
Zentralismus gegen ethnische Partikularismen; ursprünglich jedoch zielt
der Begriff seit Anfang des 19. Jahrhunderts auf das serbische Bestreben,
die sprachverwandten Nachbarvölker zu vereinnahmen und der eigenen Ethnie
unterzuordnen.
Es ist schon richtig, dass der Bosnienkrieg "...im wesentlichen
... nicht gegen eine gegnerische Seite, sondern gegen die Zivilbevölkerung
geführt" wurde (S.82). Aber war das in Vietnam 1946-75 anders?
Kaldor erwähnt selbst, dass die "ethnischen Säuberungen" etwas
mit den Zwangsumsiedlungen in "Schutzdörfer" tun haben, wie
die Amerikaner sie im Zuge der „counter-guerrilla“ (und die Franzosen
in Algerien) praktizierten. Die im Völkerbund vereinte internationale
Gemeinschaft hatte derartige Kriegsmethoden bereits anlässlich des türkisch-griechischen
Krieges 1922 akzeptiert. Deshalb wiegt der grimmige Vorwurf Kaldors
an die "klägliche außenpolitische Unfähigkeit der EU" im Bosnienkrieg
(S.53) allerdings nicht weniger schwer.
Die Verfasserin postuliert auf S.111 eine "...wachsende kulturelle
Diskrepanz" zwischen "globalen" und "ortsgebundenen"
Kriegführenden. Beide agieren im Umfeld der so genannten Globalisierung,
aber nur die ersteren haben "...mittels E-mail, Fax, Telefon und
Flugreisen an transnationalen Netzwerken teil...". Dabei sind keineswegs
die Globalen toleranter, aufgeklärter, vernünftiger als die Ortsgebundenen,
aber auch diese sind nicht durchweg auf ihren Ethno-Nationalismus fixierte
Barbaren. Kaldor versteht die aktuelle Weltpolitik als einen Prozess,
in dem transnationale Netzwerke an Bedeutung gewinnen, lokale Produktions-
und politische Organisationsformen sich diesem Prozess aber nicht nur
widersetzen, sondern auch unabhängig von der Globalisierung wieder
erstarken. Das ist eine scharfsinnige und bei der Analyse vieler Konflikte
hilfreiche Beobachtung, aber leuchtet sie deren Ursachen wirklich besser
aus als herkömmliche Begriffe? Der Ansatz erinnert an Bemühungen in
den siebziger Jahren, den offenkundigen Rassenkonflikt Südafrikas partout
als Klassenkonflikt zu interpretieren. Einen Gegenentwurf zu den Partikularismen,
in deren Namen die aktuellen Kriege geführt werden und die diese Kriege
brauchen, um zu existieren, sieht Kaldor nicht in der real existierenden
ökonomischen Globalisierung, sondern in einem "Kosmopolitismus"
(S.138 ff.), der von oben durch Internationale Organisationen, von unten
durch NGOs bereits in Angriff genommen würde – eine etwas schwärmerische
Vorstellung, fürchte ich!
Grundsätzlich wertvoll erscheint mir an diesem Buch, dass es Ereignisse
in Jugoslawien, in Zentralafrika, in Osteuropa, in der früheren Sowjetunion
und in Westeuropa (warum nicht auch in Nordamerika?) miteinander verbindet,
als gleichgerichtete Probleme der Einen Welt auffasst. Darauf kann man
aufbauen. Daran muss man weiterbauen und viele Phänomene historisch
tiefer fassen, präziser auf den Begriff bringen, als es in einer Studie
geschehen kann, die erst einmal neuem Denken die Bahn brechen muss.
Franz Ansprenger
FU Berlin
VOLKER MATTHIES:
Krisenprävention. Vorbeugen ist besser als Heilen
Opladen 2000
Leske + Budrich, 250 S.
“Der Krisenfall Mazedonien wird namentlich vonseiten der Vereinten
Nationen als große „Erfolgsgeschichte“ ihrer präventiven Diplomatie
gewürdigt. Erstmals wurden UN-Blauhelme vorbeugend entsandt, um in der
gerade unabhängig gewordenen jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien
ein Übergreifen des Krieges aus anderen Teilen Ex-Jugoslawiens zu verhindern.
Seither (1993) galt Mazedonien als eine „Oase des Friedens“ auf dem
Balkan. Plausibel ist, dass die vorbeugende Präsenz der Vereinten Nationen
im Zusammenwirken mit anderen internationalen Organisationen (vor allem
der KSZE/OSZE) und Nichtregierungsorganisationen allgemein zur Absicherung
der Unabhängigkeit des jungen Staates beigetragen und sich heilsam im
Interesse von Ruhe und Stabilität innerhalb des ethnisch heterogenen
Mazedonien (albanische Minderheit!) ausgewirkt hat. Allerdings erleichterten
günstige Bedingungen das Engagement der internationalen Gemeinschaft:
innerhalb Mazedoniens gab es den Willen und die Akzeptanz für eine vorbeugende
internationale Aktion, die relativ geringe Wahrscheinlichkeit eines
tatsächlichen Großangriffs von außen, ein großes Interesse der Weltöffentlichkeit
an Mazedonien angesichts der zeitgleichen Geschehnisse in Bosnien, ein
vorhandener politischer Wille im UN-Sicherheitsrat zum präventiven Handeln,
nicht zuletzt gespeist durch ein schlechtes Gewissen infolge der Zurückhaltung
der großen Mächte in Bosnien, sowie schließlich ein erhebliches geostrategisches
Interesse namentlich der USA an Mazedonien. Eine schwache Ökonomie und
das anhaltende Problem der albanischen Minderheit bedrohen jedoch auch
weiterhin die Stabilität Mazedoniens.”
Zu diesem Urteil gelangt der Hamburger Politikwissenschaftler
Volker Matthies in seinem Buch “Krisenprävention. Vorbeugen ist besser
als Heilen.” bezüglich der Umstände und unterschiedlichen Faktoren,
welche in ihrem Zusammenwirken bewirkten, dass in Mazedonien - zumindest
bis in das Frühjahr diesen Jahres hinein - offensichtlich gelang, was
in den anderen ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken entweder nicht
bzw. nur halbherzig versucht worden war oder tragisch scheiterte (z.B.
im Kosovo): den Konfliktaustrag mittels Krisenprävention unterhalb der
Schwelle manifester Gewalt zu halten. Es verwundert daher kaum, wenn
der als weithin erfolgreiches Beispiel für Krisenprävention bewertete
Fall Mazedonien (Matthies nennt als weitere Beispiele für erfolgreiche
Krisenprävention das Baltikum und Südafrika) international viel beachtet
und mittlerweile gut erforscht wurde. Muss die Lehre aus den Balkankriegen,
gerade angesichts des Geschehens in Mazedonien und im Kosovo, also nicht
lauten: Rechtzeitige, mit den entsprechenden Mitteln und Ressourcen
ausgestattete und effektiv betriebene Krisenprävention hätte die Tragödie
auf dem Balkan verhindern können bzw. müssen. Entgegen dieser Einschätzung
scheinen die jüngsten Ereignisse in Mazedonien jedoch den Skeptikern
recht zu geben. Jedenfalls ist die politische Lage in der Balkanrepublik
angesichts des Konfliktes mit der albanischen Minderheit bzw. der kriegerischen
Auseinandersetzungen zwischen den albanischen Rebellen der UCK und der
mazedonischen Armee fraglos als mindestens instabil zu bezeichnen.
Und: Belegt nicht gerade dieser Fall, dass Krisenprävention ein schwieriges,
langwieriges und mithin erfolgloses Unterfangen bleiben muss, wenn die
Konflikt-Akteure vor Ort augenscheinlich kein Interesse an einem friedlichen
Konfliktaustrag haben bzw. den entsprechenden politischen Willen nicht
aufbringen können oder wollen?
“Krisenprävention” ist in der vergangenen Dekade angesichts
der zahlreichen meist innerstaatlichen und von einer humanitären Katastrophe
begleiteten Gewaltkonflikte zu einem zentralen Begriff der internationalen
sicherheits- und entwicklungspolitischen Debatte geworden. Auch die
rot-grüne Bundesregierung setzt sich, zumindest ihrem eigenen Bekunden
nach, “für die Entwicklung und Anwendung wirksamer Strategien und Instrumente
der Krisenprävention, friedlichen Konfliktbeilegung und Friedenskonsolidierung
ein. Damit soll dazu beigetragen werden, in potenziellen Krisen- und
Konfliktgebieten der gewaltsamen Austragung von Konflikten frühzeitig
vorzubeugen, die Ausweitung bereits ausgebrochener Gewalt einzudämmen
und nach dem Ende bewaffneter Auseinandersetzungen durch effektive Maßnahmen
der Friedenskonsolidierung und des Wiederaufbaus einen erneuten Ausbruch
der Gewalt zu verhindern” (zitiert aus dem “Gesamtkonzept der Bundesregierung:
„Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung“).
Volker Matthies hat vor diesem Hintergrund nun “den Versuch einer komprimierten
Zwischenbilanz der wissenschaftlichen und politischen Debatte über die
Möglichkeiten und Grenzen von Krisenprävention” unternommen, wobei auch
für ihn die zentrale Frage zunächst lautet, “wie Gewaltkonflikten, Kriegen
und Krisen vorgebeugt werden kann” - eine Fragestellung, die ganz offensichtlich
mindestens ebenso ambitioniert wie aktuell ist. Krisenprävention wird
dabei als “das systematische, zielorientierte und vorausschauende Bemühen
der internationalen Gemeinschaft um die Verhütung von gewaltträchtigen
Krisen, das sich an den normativen Leitbildern der friedlichen Konfliktbearbeitung
sowie der Humanisierung und Zivilisierung der internationalen Politik
orientiert”, verstanden. In der vorliegenden Analyse bemüht sich Matthies
anfänglich um eine Klärung des Grundkonzeptes von Prävention. Untersucht
werden daraufhin das Konzept der Frühwarnung als Voraussetzung für präventives
Handeln, die “Lücke” zwischen Frühwarnung und präventivem Handeln, die
Akteure und Instrumente von Krisenprävention sowie schließlich deren
Handlungsfelder und die Erfolgsbedingungen von Krisenprävention. Im
ausführlichen Anhang finden sich dann noch insgesamt 48 einschlägige
Primär-Quellen, Auszüge aus Beiträgen anderer Autoren sowie Abbildungen,
deren Thematik dem Aufbau des Buches folgt und auf die der Autor in
seinen eigenen Ausführungen regelmäßig verweist.
Das Beispiel der Krisenprävention in Mazedonien ist für
den heutigen Beobachter dabei gleich in mehrfacher Hinsicht von großem
Interesse: Denn entgegen einer in der Öffentlichkeit wie auch in der
Politik möglicherweise weit verbreiteten Skepsis gegenüber den Erfolgsaussichten
von Krisenprävention, zeigt dieser Fall jedenfalls zunächst, dass Krisenprävention
im Sinne der Verhinderung einer aktuellen Gewalteskalation unter Umständen
zumindest möglich ist. Des weiteren lassen sich an diesem Beispiel sehr
gut die vielfältigen Erfolgsbedingungen gelingender Krisenprävention
sowohl auf Seiten externer Präventionsakteure wie auch auf Seiten der
Konflikt-Akteure vor Ort benennen und studieren. Und schließlich zeigt
der Fall Mazedonien sehr gut, dass es bei Krisenprävention nicht nur
um die eher “kurz- bis mittelfristige Verhinderung, Begrenzung und Deeskalation
akuter, manifester Gewaltprozesse” geht. Zwar mag, im Rahmen der sog.
“Prozessorientierten Prävention” durch “gezieltes systematisches Einwirken
auf gewaltbereite Akteure und eskalationsdynamische Faktoren, beispielsweise
durch Präventive Diplomatie, Mediationsbemühungen, positive Anreize,
vertrauensbildende Maßnahmen, Hilfe bei der Suche nach Kompromisslösungen,
gegebenenfalls jedoch auch durch negative Sanktionsmaßnahmen” einer
“Entfesselung von eigendynamischer Gewalt vorgebeugt werden”. Um jedoch
in langfristiger Perspektive und mit nachhaltiger Wirkung der Eskalation
von Gewalt erfolgreich vorbeugen zu können, muss es auch immer darum
gehen, “an den “tieferliegenden Ursachen, Nährböden und Strukturen gewaltträchtiger
Verhältnisse und Entwicklungen anzusetzen”. Ziel dieser sogenannten
“Strukturorientierten Prävention ist daher der langfristige Aufbau friedensfähiger
Strukturen in und zwischen einzelnen Gesellschaften und im Weltmaßstab”.
Krisenprävention, so wie Matthies sie versteht, “will also nicht nur
direkte, physische oder personale Gewalt beim Austragen von Konflikten
verhindern, sondern zugleich auch einen friedlichen Wandel gesellschaftlicher
Gewaltstrukturen befördern, also zur Transformation gewaltträchtiger
Verhältnisse im Sinne von Friedensförderung beitragen”. Anders formuliert:
Krisenprävention ist als ressortübergreifende Querschnittsaufgabe jedweder
verantwortungsbewussten Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik
zu interpretieren. “Kernbestand des Konzeptes der Prävention” ist jedenfalls
“das anspruchsvolle Projekt einer friedenspolitischen Beeinflussung,
wenn nicht gar Steuerung und Kontrolle komplexer, weithin eigendynamischer
und gewaltträchtiger gesellschaftlicher Entwicklungs- und Wandlungsprozesse”:
“Durch globale Strukturpolitik, Entwicklungszusammenarbeit sowie die
Förderung von Demokratie und Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und
sozialer Gerechtigkeit will sie zur Schaffung prosperierender Ökonomien,
sozial ausgeglichener demokratisch legitimierter Gemeinwesen sowie zum
friedlichen Wandel fähiger Gesellschaften und zu gesunden Umweltbedingungen
beitragen”. Eine Programmatik, die aus dem entwicklungspolitischen Diskurs
bekannt sein dürfte: Skepsis hinsichtlich ihrer Realisierungschancen
sind allzu berechtigt.
Angesichts bitterer entwicklungspolitischer Lehren und
Erfahrungen beschränkt sich Matthies auch keineswegs auf einen normativ-idealistisch
gefärbten Appell an das humanitäre Gewissen bzw. Verantwortungsbewusstsein
relevanter Akteure der internationalen Gemeinschaft. Zu sehr ist er
sich bewusst, dass das Hauptproblem erfolgreicher Krisenprävention mitnichten
das Fehlen entsprechender politischer Ideen und Instrumente ist, sondern
der mangelnde politische Willen der Akteure (der externen ebenso wie
interner Akteure vor Ort). Auf Seiten der externen Akteure kommt der
fehlende politische Willen dabei besonders in der “Diskrepanz zwischen
erfolgender Frühwarnung und ausbleibendem präventivem Handeln” zum Ausdruck.
Auch die Bundesregierung bleibt diesbezüglich von Kritik nicht verschont:
So wirft Volker Matthies etwa dem deutschen Außenminister Fischer vor,
seine “nach der Kosovo-Krise vorgetragenen durchaus plausiblen Plädoyers
für eine ‚Kultur der Prävention’ anstelle der bisherigen
‚Kultur der Reaktion’ (...) hätten ein wenig den Beigeschmack von nachgeschobenen,
aus schlechtem Gewissen gespeisten Lippenbekenntnissen ... Ein tatsächlicher
Paradigmenwechsel von der Reaktion zur Prävention würde einen tiefgreifenden
Wandel im Denken und Handeln politischer Entscheidungsträger und anderer
relevanter Akteure voraussetzen, dessen Anzeichen allerdings immer noch
nicht so recht erkennbar sind.” Dabei läge ein entsprechender Paradigmenwechsel
durchaus im wohlverstandenen Eigeninteresse der Staatenwelt: Jedenfalls
sollte die “wachsende Einsicht in die immensen Kosten reaktiver Konfliktbearbeitung
in Gestalt der Vernichtung jahrelanger Entwicklungsinvestitionen, der
Destabilisierung ganzer Regionen, von Massenfluchtbewegungen, humanitärer
Hilfe, teurer Militäreinsätze und umfangreichen Wiederaufbaumaßnahmen”
ebenso zu einem erhöhten Interesse an Krisenprävention beitragen wie
“die wachsende Besorgnis vor weiteren, neuen schrecklichen Gewaltkonflikten
im Gefolge prekärer Staaten- und Nationenbildungsprozesse in den Gesellschaften
des Südens und im Gefolge fundamentaler Transformationsprozesse in den
Gesellschaften des ehemaligen Ostblocks”.
Zusammenfassend gelangt der Autor mithin zu einer sehr
nüchternen und illusionslosen Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen
präventiver Krisenbearbeitung: “Die Machbarkeit von Prävention bleibt
problematisch”. Insbesondere ließen sich die weithin eigendynamischen
“Prozesse der Transition und Transformation von Gesellschaften (...)
nur begrenzt von außen beeinflussen, geschweige denn steuern und kontrollieren”.
Gleichwohl: “Zumindest zu dem Versuch konsequenter Prävention gibt es
keine vernünftige Alternative”. Wirklich glaubwürdig wäre das politische
Bekenntnis zur präventiven Krisenbearbeitung für Matthies aber erst
dann, “wenn ein konsequentes Engagement und entsprechende Investitionen
an politischen Energien und materiellen Ressourcen in die Prävention
erkennbar würden, wenn deren Institutionalisierung erfolgte, wenn krisenpräventive
Kriterien im politisch-bürokratischen Routinehandeln fest verankert
wären und wenn die verschiedenen Politikbereiche im Sinne des Vorbeugungsgedankens
ein größeres Maß an Kohärenz ihres Handelns aufweisen würden.
”Insofern mag der Balkanstabilitätspakt zwar in die richtige
Richtung weisen. Ob allerdings die äußerst kostenintensiven Anstrengungen
der Europäischen Union, ihre militärischen Fähigkeiten im Rahmen einer
Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik weiter auszubauen
(allein im Transportsektor handelt es sich um eine Größenordnung von
125 Mrd. DM), mit dem Ziel der Krisenprävention vereinbar sind, scheint
indes sehr zweifelhaft.
Insgesamt hat Volker Matthies ein sehr
gut lesbares, mit vielen weiterführenden Literaturhinweisen versehenes
und materialreiches Buch geschrieben, das sehr sachlich die Schwierigkeiten
und Probleme, aber eben auch die Chancen und Möglichkeiten, wenn nicht
sogar die zwingende Notwendigkeit von Krisenprävention beschreibt und
analysiert. Nicht nur Studierenden einschlägiger Fächer und Journalisten,
sondern auch Mitarbeitern von Akteuren der Krisenprävention, auf Seiten
des staatlich-administrativen Apparates wie auf Seiten von Nichtregierungsorganisationen,
sowie einer an dieser Frage interessierten Öffentlichkeit kann das vorliegende
Buch daher als äußerst informative und aktuelle Übersicht zur Präventionsdebatte
empfohlen werden.
Bernhard Rinke
Universität Münster
VICTOR A. UTGOFF
(ED.):
The Coming Crisis. Nuclear
Proliferation, U.S. Interests, and World Order
Cambridge, MA 2000
MIT Press, 319 S.
Die
Verbreitung von atomaren, chemischen und biologischen Waffen sowie
Raketen und anderen weitreichenden Trägermitteln stellt ein gravierendes
Problem für die internationalen Beziehungen dar. Das hat sich mittlerweile
auch in Deutschland herumgesprochen. Doch ist hierzulande die Debatte
um die Ursachen und Folgen dieses Phänomens noch weit weniger entwickelt
als in den USA. Dort wird zunehmend ein Aspekt diskutiert: Die Folgen
der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen für die internationale
Ordnung. Ein Fragenkomplex, der für die USA als Führungsmacht natürlich
von zentraler Relevanz ist, gleichwohl aber auch von Deutschland und
seinen europäischen Partner nicht weiter so stiefmütterlich behandelt
werden sollte, wie dies bisher der Fall ist. Denn wie es Stephen M.
Walt, einer der Autoren, ausdrückt: Die Welt steht an einem Scheideweg.
Am Ende des einen Weges bleiben Massenvernichtungswaffen in der Hand
nur weniger Staaten und werden nicht eingesetzt; am Ende des anderen
Weges gibt es viele Staaten, die über diese Waffen verfügen und sie
als wichtige Machtressourcen ansehen, und die Wahrscheinlichkeit ihres
Einsatzes steigt. Es geht also um wichtige Fragen der künftigen Weltpolitik,
so dass die Lektüre des hier vorzustellenden Buches sehr zu empfehlen
ist, gerade weil dort teilweise Fragen aufgeworfen werden, die für
den deutschen Leser zunächst sehr ungewohnt sind.
Eine
zentrale Frage betrifft das Verhältnis der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen
und der Zukunft militärischer Allianzen. Gelingt es künftig Staaten,
die sich Kernwaffen verschafft haben und in ihrer Region andere Staaten
unter Druck setzen oder gar überfallen, die USA von einer militärischen
Intervention abzuschrecken, hätte dies vermutlich schwerwiegende Konsequenzen.
Amerikas Verbündete könnten sich dann nicht mehr auf dessen Schutz
verlassen. Sie würden daher das Bündnis mit den USA nicht mehr als
Grundlage ihrer Sicherheit ansehen und sich selbst möglicherweise
Massenvernichtungswaffen zu ihrem Schutz verschaffen.
Immer
wieder wird in dem Band der Frage nachgegangen, wie der Golf-Krieg
gegen Saddam Hussein unter Allianzgesichtpunkten verlaufen wäre, wenn
der irakische Alleinherrscher bereits sein in der Entwicklung befindliches
Kernwaffenprogramm zur Einsatzreife gebracht hätte. Möglicherweise
hätte dann Saudi-Arabien nicht die massive Stationierung amerikanischer
Streitkräfte auf seinem Territorium erlaubt, da es irakische Nuklearschläge
gegen diesen Truppenaufmarsch gefürchtet hätte. Vielleicht wären die
amerikanischen Militärs wegen der damit verknüpften Gefahren aber
auch selbst vor einer Stationierung in Saudi-Arabien zurückgeschreckt.
Stephen Peter Rosen erwartet vor diesem Hintergrund in einer Welt,
in der Kernwaffen weit verbreitet sind, eine massive Schwächung militärischer
Allianzen.
Auch Barry R.
Posen spielt in seinem Beitrag den Golf-Krieg noch einmal unter der
Annahme durch, Saddam Hussein habe bereits zu Beginn des Krieges über
eine begrenzte Anzahl von Kernwaffen verfügt. Trotz dieser Situation
hätten die USA seiner Empfehlung nach den Krieg gegen den Aggressor
führen sollen, da ein Nichteingreifen schwerwiegende Folgen für die
internationale Stabilität nach sich gezogen hätte. Posen schlägt zwei
Strategieelemente vor, die die USA hätten befolgen sollen: „Abschreckung
im Krieg“ durch eine klare Drohung in Richtung Bagdad, dass jeder
irakische Kernwaffenseinsatz einen amerikanischen nuklearen Gegenschlag
zur Folge habe; und „begrenzter Krieg“, so dass Saddam nicht die Besetzung
des eigenen Landes hätte befürchten müssen und nicht geneigt gewesen
wäre, Kernwaffen als letztes Mittel einzusetzen.
Sieht
Posen also durchaus Möglichkeiten, militärische Allianzen auch gegen
Aggressoren zu nutzen, die schon über Kernwaffen verfügen, so ist
auch Walt der Auffassung, die Wirkung sogenannter „Schurkenstaaten“
auf Allianzen sollte nicht überschätzt werden. Letztlich seien diese
Staaten oft isoliert und trotz des Besitzes von Kernwaffen so schwach,
dass deren Einsatz extrem unwahrscheinlich sei, zumal die Herrscher
dieser Länder damit die eigene Existenz auf Spiel setzen würden.
Was
aber - so eine weitere wichtige Fragestellung des Bandes - wenn doch
einmal Kernwaffen oder andere Massenvernichtungswaffen von einem „Schurkenstaat“
eingesetzt werden? Da eine solche Situation die weitere Entwicklung
der internationalen Beziehungen entscheidend beeinflussen dürfte,
hält George H. Quester in diesem Fall den Krieg bis zur bedingungslosen
Kapitulation für absolut zwingend. Um dieses Ziel zu erreichen, könne
auch der Einsatz eigener Kernwaffen erforderlich werden. Konzepte
der „Abschreckung im Krieg“ und des „begrenzten Krieges“ könnten nicht
mehr verfolgt werden, nachdem ein gegnerischer Einsatz von Massenvernichtungswaffen
bereits erfolgt sei. In diesem Zusammenhang fordert Brad Roberts,
dass die USA mit ihren Verbündeten über Strategien nachdenken müssten,
wie Kriege zu beenden seien, bei denen auf einem regionalen Schauplatz
Massenvernichtungswaffen eingesetzt wurden.
Wie
der Herausgeber Victor A. Utgoff in seinem abschließenden Kapitel
bemerkt, ist die Mehrzahl der Autoren aus unterschiedlichen Gründen
der Auffassung, dass sich die USA auch in einer Welt, in der immer
mehr Staaten über Massenvernichtungswaffen verfügen, nicht völlig
zurückziehen würden. Diese These selbst hat natürlich enorme politische
Rückwirkungen, denn wäre es umgekehrt, würden die Anreize für manche
Staaten, sich ABC-Waffen zu verschaffen, um ihre Ziele auch gegen
den Willen und die Interessen der USA durchzusetzen, enorm steigen.
Dennoch
bedarf es weiterer Debatten für den Umgang mit dem Problem der Proliferation,
und vor allem müssen diese Debatten auch in Deutschland vertieft geführt
werden. Denn es käme einem Irrglauben gleich, ginge man davon aus,
die in diesem Buch diskutierten Probleme würden Deutschland bestenfalls
am Rande betreffen. Daher sollte der Band nicht nur von Experten,
sondern auch von politisch Interessierten zur Hand genommen werden.
Oliver Thränert
Friedrich-Ebert-Stiftung
AMIN MAALOUF:
Mörderische Identitäten
Frankfurt a. M. 2000
Suhrkamp, 144 S.
Der seit Jahrzehnten in Frankreich lebende libanesische
Schriftsteller und Essayist Amin Maalouf ist in Deutschland vor
allem durch seine historischen Romane bekannt geworden, unter denen
der Roman „Samarkand“ herausragt. Dort geht es – wie auch in den
meisten anderen seiner Bücher – um eine historische Figur, die sich
in und zwischen verschiedenen Gesellschaften, Kulturen und Sprachen
bewegt, um Persönlichkeiten also mit einer gespaltenen Identität,
wie dies landläufig bezeichnet wird.
Doch genau gegen diese „Landläufigkeit“ setzt sich
Maalouf in seinem Essay zur Wehr, und auch gegen die ebenso landläufige
Zwanghaftigkeit, sich für eine dieser Identitäten als allein dominierende
entscheiden zu müssen. Er geht dabei von seiner eigenen Lebenssituation
aus: im Libanon geboren ist seine Muttersprache Arabisch und dies
verbindet ihn mit der überwiegend islamischen arabischen Welt von
Casablanca bis Bagdad. Doch gleichzeitig ist er von Geburt griechisch-katholischer
Christ und diese Tatsache verknüpft ihn mit der gesamten christlichen
Welt, die bekanntermaßen in einem gewissen – über die Jahrhunderte
mal stärkeren, mal geringeren – Antagonismus zum Islam steht. Und
schließlich ist er französischer Staatsbürger und schreibt auf französisch,
ist geprägt vom Geist der Aufklärung und der Toleranz, der bis heute
auf der Hut sein muss vor den Verlockungen und Gefahren religiöser,
ideologischer und ethnisch-chauvinistischer Rattenfänger.
Diese persönliche Prägung macht die Stärke, aber
auch die Schwäche seines Essays aus. Wie kaum jemand anders, gelingt
es Maalouf, die Einsamkeit, Verzweiflung und Gefährdung des von
verschiedenen Identitäten geprägten Einzelnen zu verstehen und darzustellen.
Die Forderung der Außenwelt, sich für eine seiner Identitäten –
Religion, Sprache, Volksgruppe, Ideologie – zu entscheiden, stürzt
ihn in ein fast auswegloses Dilemma, dem viele nur dadurch zu entkommen
glauben, indem sie sich zu fundamentalistischen Verfechtern nur
einer Komponente machen oder als „Konvertiten“ zu den fanatischsten
Verfolgern ihrer einstigen Brüder mutieren. Geschichte und Gegenwart
bieten viele Beispiele dafür, und wie verquer die Trennlinien von
Identität verlaufen, macht Maalouf an einigen aktuellen Beispielen
klar: „Türken und Kurden sind Muslime, unterscheiden sich jedoch
durch die Sprache; ist ihr Konflikt deswegen weniger blutig? Hutus
und Tutsis sind katholisch und sprechen die gleiche Sprache; hat
sie das daran gehindert, sich gegenseitig abzuschlachten? Tschechen
und Slowaken sind gleichermaßen Katholiken; war das ihrem Zusammenleben
förderlich?“
Der Titel des Buches – „Mörderische Identitäten“
– verweist auf die fatalen Folgen einer (erzwungenen) Reduzierung
der Identität auf eine einzige Zugehörigkeit, „die Menschen in eine
parteiische, sektiererische, intolerante, herrische, manchmal selbstmörderische
Haltung treibt und sie nicht selten zu Mördern oder Gefolgsleuten
von Mördern werden läßt.“ Dabei sind Täter und Opfer nicht ein für
allemal auf ihre Rolle festgelegt, wie die Beispiele der jungen
Nationalstaaten in der Dritten Welt und in Osteuropa beweisen: kaum
hat man den „gerechten“ Kampf um Eigenstaatlichkeit gewonnen, beginnt
man mit der Unterdrückung der auf seinem Territorium verbliebenen
Minderheiten. Aktuelle Beispiele dafür liefern Algerien, Sri Lanka,
Mazedonien und die baltischen Staaten.
Maalouf wendet sich sodann der Frage zu, warum
ausgerechnet in unserer heutigen, „modernen“ Zeit archaisch anmutende
Konflikte mit so großer Vehemenz aufbrechen und er stößt dabei -
wenig überraschend - auf zwei zentrale Punkte: die Folgen der Globalisierung
und die daraus resultierende Hinwendung zur Religion. Daß die in
den letzten Jahren und Jahrzehnten rasant fortschreitende Globalisierung
bei vielen Menschen geradezu existentielle Ängste hervorruft, ist
ein allgemein bekanntes Phänomen und auch unseren gefestigten Wohlstandsgesellschaften
nicht fremd. Um so mehr gilt dies natürlich für die Länder der Dritten
Welt und die jungen Nationalstaaten Osteuropas, die sich nahezu
hilflos der Wucht globalisierender Tendenzen mit all ihren Folgen
– Verlust wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit, Zusammenbruch sozialer
Sicherungssysteme, Verschwinden herkömmlicher Werte – ausgesetzt
sehen. Die Flucht in die Religion ist angesichts dieser Entwicklung
ein von immer mehr Menschen eingeschlagener (Aus-) Weg, der scheinbare
Sicherheit, auf jeden Fall aber spirituellen Trost bietet.
In der westlichen Wahrnehmung spielen dabei die
zunehmenden fundamentalistischen Tendenzen im Islam die größte und
bedrohlichste Rolle, da sie sich quasi vor unserer Haustür – auf
dem Balkan, im Mittelmeerraum und im Nahen Osten – entfalten. Maalouf
als unmittelbar Betroffener, der im Spannungsfeld von Islam und
westlicher Welt groß geworden ist, wendet sich denn auch folgerichtig
der Frage zu, ob der Islam unvereinbar sei mit Freiheit, Demokratie,
Menschenrechten und Gleichberechtigung, kurz: mit der Moderne insgesamt.
Er kommt dabei zu dem Schluss, dass es seit einigen Jahrhunderten
eine entgegengesetzte Entwicklung in Christentum und Islam gegeben
hat: war das erstere zunächst die eher intolerante, repressive und
vielfach grausame Form religiöser Äußerung, so hat sich das Christentum
seither „zu einer Religion der Offenheit“ verwandelt. Beim Islam
verhält es sich genau umgekehrt: von der Blüte der Offenheit und
Toleranz – symbolisiert vor allem in der maurischen Kultur Andalusiens
– ist eine stetige Regression bis hin zu den heutigen Auswüchsen
der Taliban in Afghanistan zu konstatieren. Doch Maalouf warnt vor
simplistischen Schlußfolgerungen: Die radikal-islamistischen Bewegungen
unserer Zeit seien „kein reines Produkt der islamischen Geschichte,
sie sind ein Produkt unserer Epoche mit ihren Spannungen, ihren
Verwerfungen, ihren Gepflogenheiten und zerstörten Hoffnungen.“
Zu diesen zerstörten Hoffnungen hat der Westen
nicht wenig beigetragen und für Maalouf symbolisiert das Scheitern
des Modernisierers Mehmet Ali in Ägypten – ein Scheitern, das vor
allem dem hegemonialen Streben der Kolonialmächte zuzuschreiben
ist – die Wende in den potenziell hoffnungsvollen Beziehungen zwischen
westlicher und islamisch-arabischer Welt: „Die Araber zogen – und
ziehen bis heute – aus dieser Episode den Schluss, dass der Westen
nicht möchte, daß man ihm ähnelt, er will nur, daß man ihm gehorcht.“
Und zu bedenken ist auch, „daß die schlimmsten Greuel des zwanzigsten
Jahrhunderts in Sachen Despotismus, Zerstörung jeglicher Freiheit
und Menschenwürde nicht dem religiösen Fanatismus zuzurechnen sind
sondern ganz anderen Fanatismen, die gegen die Religion zu Felde
gezogen sind – wie etwa der Stalinismus – oder ihr den Rücken gekehrt
haben – wie der Nazismus und einige andere nationalistische Doktrinen.“
Welche Lösung bietet sich an, um mit den teilweise
mörderischen Identitätskonflikten unserer Tage umzugehen? Dies ist
zweifellos der schwächste Teil von Maaloufs Essay, denn außer dem
Appell, die positiven Seiten der Globalisierung zu nutzen und eine
multikulturelle Gesellschaft im Weltmaßstab zu errichten, in der
jeder „ohne innere Zerrissenheit“ zu einer mehrfachen Zugehörigkeit
stehen und die Bindung an Traditionen bewahren kann, fällt ihm nicht
viel mehr ein. Doch wer hat schon angesichts der komplizierten Gemengelage
von ethnischen, religiösen, ideologischen und sozialen Konflikten
unserer Zeit ein Patentrezept? Die gegenwärtigen Diskussionen um
ein Einwanderungsgesetz in Deutschland zeigen, wie schwierig es
selbst in einem vergleichsweise friedlichen Umfeld und unter stabilen
politischen Verhältnissen ist, zu einer sachgerechten Lösung eines
Problems zu kommen, das sich im Vergleich zu anderen Ländern als
geradezu lächerlich einfach darstellt.
Winfried Veit
Friedrich-Ebert-Stiftung
Tel Aviv
HEINER BUSCH:
Polizeiliche Drogenbekämpfung -
eine internationale Verstrickung
Münster 1999
Westfälisches Dampfboot, 338 S.
„Kein anderer Bereich
polizeilicher Tätigkeit als die Drogenbekämpfung hat ein ähnliches
Gewirr an internationalen Gremien und Organisationen hervorgebracht“,
schreibt der Politikwissenschaftler Heiner Busch in seinem neuesten
Werk über europäische Polizeikooperation. Es ist die Fortsetzung
seiner ersten Studie über polizeiliche Zusammenarbeit in Europa
- das 1995 erschienene Buch „Grenzenlose Polizei?“-, diesmal konzentriert
auf die internationale Drogenbekämpfung. Busch glaubt aufgrund seiner
Forschungsergebnisse der Jahre 1993 bis 1995 vor allem eine internationale
„Verstrickung“ der Polizeien zu erkennen. Auf 338 Seiten ist er
bemüht, den Werdegang der gegenseitigen Polizeihilfe - angefangen
von den ursprünglichen Beweggründen bis hin zu deren „Verselbständigung“ jenseits politischer und gesellschaftlicher
Kontrolle - zu dokumentieren.
In der Mitte der sechziger
Jahre ein Randproblem im Umgang mit einer jugendlichen Subkultur
Mitte, wurde das Drogenproblem neben dem internationalen Terrorismus
zu einem Bereich, der den Auf- und Ausbau internationaler Strukturen
der polizeilichen Fahndung und Bekämpfung veranlasste. Die Anfänge
signifikanten Drogenmissbrauchs in der Bundesrepublik macht Busch
in den Jahren 1969/70 aus: Unter sogenannten „Gammlern“ und „Hippies“,
die laut damaliger Polizeiberichte Marihuana und Haschisch vor allem
von Ausländern (Gastarbeitern und amerikanischen Soldaten) bezogen.
Stellte die Polizei 1968 lediglich nur etwas mehr als eintausend
Verstöße gegen das Opiumgesetz fest, waren es 1969 bereits 4000,
1970 16.000 und 1971 25.000.
Ab 1963/64 begann die Polizei
in Westdeutschland allerdings schon mit gezielten Observationen
der „Lokalitäten der Szene“, wie es damals hieß. Auch begann man
Busch zufolge V-Leute und Polizeibeamte im Untergrund einzusetzen.
Ab 1970 sprach die deutsche Polizei von einer „Professionalisierung“
des Drogenhandels und machte türkische und persische Händlerringe
aus, die wie Spionagedienste organisiert gewesen seien. Auf dieses
Phänomen reagierten die Drogenfahnder in der Bundesrepublik mit
der internationalen Zusammenarbeit. Wichtiger noch als Interpol
war damals für die deutsche Polizei die bilaterale Kooperation mit
amerikanischen Stellen gewesen, insbesondere mit den kriminalpolizeilichen
Einheiten der US-Militärpolizei. „Der Kontakt ergab sich vor allem
daraus, dass US-Soldaten bereits in den frühen 60er Jahren zur Klientel
der beginnenden Drogenbekämpfung zählten.“ Von den amerikanischen
Militärpolizisten lernten die deutschen Fahnder die „verdeckte oder
gezielte Ermittlung“ und wurden im Laufe der Zeit selbst Lehrmeister
für die Polizei anderer Staaten.
Ausgerichtet an den USA, die
„zweifellos die führende Rolle in der Drogenbekämpfung spielen“,
vollzieht Busch nach, wie auch die europäischen Staaten zunehmend
den Drogenhandel als einen Staatsschutzfall erkannten, der besondere
Bekämpfungsmethoden und internationale Zusammenarbeit erforderte.
Diese Entwicklung nennt Busch eine „internationale Verstrickung
der Drogenpolitik mit der Polizei“. Aufgrund der Kooperation europäischer
Drogenfahndern und gefördert von der europäischen Integration sei
„eine Art europäische Polizeielite“ entstanden, „deren Mitglieder
sich aus einer Fülle von persönlichen Kontakten kennen und über
eine eigene corporate identity verfügen“.
Im Ergebnis habe die erfolgreiche
internationale Kooperation in der Drogenfahndung aber auch hohe
„Undurchsichtigkeit“ erzeugt, „sowohl in organisatorischer als auch
praktischer Hinsicht“, die die „tradierten Formen der politischen
und gerichtlichen Kontrolle der Polizei außer Kraft“ setzt, wie
Busch bemüht ist, anhand einer Reihe von Beispielen nachzuweisen.
Schon längst sei die politische Entscheidung über die Drogenpolizei
und ihre Fahndungen auf eine internationale Ebene verlagert worden,
wo sie sich nationalstaatlichen Einwänden problemlos entziehen könne.
Busch kommt zu dem Schluss: „Die Polizeikooperation hat sich verselbständigt.
Ihre Lösung heißt „more of the same“ - auch dann, wenn sich die
Konzepte längst als unbrauchbar oder schädlich herausgestellt haben.“
Trotz zahlreicher einleuchtender
Beispiele und einer Fülle an Quer- und Quellenverweisen ist Buschs
Aufbereitung der internationalen polizeilichen Zusammenarbeit am Beispiel
der Bekämpfung des Drogenhandels politisch zielgerichtet. Dessen
muß man sich bei der Lektüre bewußt sein. Busch über sich selbst:
Das Buch liefert „Materialien für diejenigen, denen an einer Legalisierung
von Drogen und einer Entpolizeilichung der Drogenpolitik gelegen
ist.“ Auch offenbart der Autor, dass ihm aus dem Mitarbeiterstab
des grünen Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele zugearbeitet
und die Veröffentlichung seines Werkes finanziell u.a. vom schweizerischen
„Komitee Schluss mit dem Schnüffelstaat“ ermöglicht wurde. Diese
Informationen sprechen für sich, aber auch für die Ehrlichkeit des
Autors. Seine Polizeistudie ist wissenschaftlich und politisch klar
einzuordnen. Und seine Quintessenz aus dem umfangreichen Material,
das nach seinen Worten „zeigt, wie die Polizei, indem sie ... als
Politikersatz gebraucht wird, lähmend auf politische Veränderungen
wirkt“, muss vor dem oben genannten Hintergrund relativiert werden.
Die im Buch zusammengetragenen
Fakten wohl kaum zu widerlegen. Es bleibt lediglich die Frage, ob
man daraus die - für Polizei und Politik negativen - Schlüsse ziehen
muss, die Busch zieht. Es bleibt aber auch die Empfehlung des Rezensenten:
Selten ein so spannendes Sachbuch aus den schwer zugänglichen Tiefen
der polizeilichen Ermittlung gelesen wie dieses; deshalb: Don't
miss it!
Josef-Thomas
Göller
Freier Journalist
Washington
KEITH
E. MASKUS:
Intellectual Property Rights in the Global Economy
Washington,
D.C. 2000,
Institute for International Economics, 266 S.
Welche ökonomischen Implikationen hat die globale
Einführung von vergleichsweise hohen immaterialgüterrechtlichen
Mindeststandards (Patente, Urheberrechte usw.) insbesondere für
den „Süden“? Diese Fragestellung steht im Mittelpunkt des Buchs,
das zugleich in die wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen geistiger
Eigentumsrechte einführt.
Etliche Länder haben den Schutz geistigen Eigentums
in den 1990er Jahren deutlich ausgedehnt. Der Prozess wird sich
fortsetzen, wenn das Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte
geistiger Eigentumsrechte (TRIPS) umgesetzt wird. Das Abkommen
über TRIPS (trade related intellectual property rights) verpflichtet
alle (derzeit 140) WTO-Mitglieder, relativ hohe Mindeststandards
zum Schutz geistiger Eigentumsrechte (IPR) zu implementieren.
Während Industrieländer die Standards bis 2000 umsetzen mussten,
gilt für Entwicklungsländer eine Übergangsfrist bis 2005, mit
der Option auf Verlängerung für die ärmsten Staaten. TRIPS regeln
im einzelnen den Schutz technischer Erfindungen (Patente), Urheberrechte,
Marken und geographischer Angaben, Muster und Modelle, Halbleitertopographien,
Pflanzenzüchtungen und nicht offenbarter Informationen. Außerdem
muss die effektive Durchsetzung der Standards gesichert werden.
Insgesamt gehen die TRIPS weit über die Vereinbarungen der traditionell
zuständigen Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) hinaus,
und zwar insbesondere in Bezug auf das Patentwesen und seine Durchsetzung.
Für Industrieländer bedeuten die TRIPS-Bestimmungen vergleichsweise
geringe Änderungen ihres Immaterialgüterrechts. Für viele Entwicklungsländer
ergibt sich hingegen enormer Reformbedarf, da sie bislang über
niedrigere Standards, großzügigere Ausnahmebestimmungen, in manchen
Bereichen (zum Beispiel pharmazeutische Produkte und Software)
keinen oder nur rudimentären Schutz und/oder ineffektive Durchsetzungsmechanismen
verfügten.
Ursächlich für diesen „push“ ist der rapide wachsende
Anteil von Gütern an der Wertschöpfung und am internationalen
Handel, bei deren Entwicklung, Herstellung und Vertrieb geistige
Eigentumsrechte eine wesentliche Rolle spielen. Diese Tendenz
veranschaulicht Maskus anhand der sektoralen Struktur von Produktion
und Handel sowie anhand von Patentstatistiken. Eine weitere Ursache
ist die Expansion und Internationalisierung von Sektoren, in denen
die Forschungs-, Entwicklungs- und Vermarktungskosten hoch sind
und weiter steigen, während die Imitationskosten nicht zuletzt
wegen des technischen Fortschritts immer niedriger werden. Die
USA als der größte Nettoexporteur IP-intensiver Produkte haben
das Ihrige zum Zustandekommen der TRIPS beigetragen. Sie setzten
bereits in den 1980er Jahren die Handelspolitik ein, um ihrer
IP-intensiven Wirtschaft zur Anerkennung geistiger Eigentumsrechte
im Ausland zu verhelfen.
Das Buch enthält einen knappen Überblick über
die Ökonomie der jeweiligen Schutzrechte. In seinen Ausführungen
erörtert der Autor die Argumente für und wider geistige Eigentumsrechte.
Vereinfachend können die meisten dieser Rechte auf Marktversagen
zurückgeführt werden, das infolge des Kollektivgut-Charakters
von Informationen eintritt. Einerseits spricht aus Gründen der
statischen Effizienz vieles für einen völlig freien Zugang zu
neuem Wissen und dessen Verwendung, andererseits haben dann die
Unternehmen keinen Anreiz zu Kreation und Innovation. Zeitlich
befristete geistige Eigentumsrechte sind eine Möglichkeit, das
Dilemma zwischen statischer und dynamischer Effizienz abzuschwächen.
Temporär wird eine möglicherweise suboptimale Marktversorgung
in Kauf genommen, um Innovation und Wachstum zu fördern (der Schutz
von Marken und Ursprungsbezeichnungen wird im Wesentlichen anders
begründet). Inwieweit zum Beispiel Patente tatsächlich notwendig
oder geeignet sind, die Innovationstätigkeit zu fördern, ist jedoch
umstritten. Empirische Untersuchungen deuten zwar darauf hin,
dass Patente diese Funktion nur in den Sektoren ausüben, in denen
Innovation sehr hohe Kosten verursacht und zugleich die Imitationskosten
sehr gering sind. Angesichts der wachsenden Zahl und Bedeutung
dieser Branchen sollte der volkswirtschaftliche Innovationseffekt
aber nicht unterschätzt werden.
Die Diskussion der weltwirtschaftlichen Auswirkungen
von TRIPS beschränkt sich nahezu ausschließlich auf die Nord-Süd-Beziehungen.
Die Befürworter von TRIPS sehen in einem fehlenden oder schwachen
IPR-Wesen in einem Land eine Handelsverzerrung, Gegner bewerten
hohe IPR-Standards als Protektionismus. Kritiker befürchten einen
Rückgang der Technologiediffusion im Süden, wenn die Möglichkeiten
der Imitation durch geistige Eigentumsrechte beschnitten werden
und die Preise steigen. Demgegenüber steht das Argument, dass
Unternehmen aus Industrieländern ihre Investitionstätigkeit und
die Lizenzvergabe in Entwicklungsländern steigern werden, wenn
sie ihr geistiges Eigentum vor unerwünschter Imitation geschützt
wissen. Besonders umstritten ist der weltweite geistige Eigentumsschutz
für pharmazeutische und biotechnologische Verfahren und Produkte.
Die Befürworter halten ihn angesichts der hohen Forschungs- und
Entwicklungs- und niedrigen Kopierkosten für erforderlich, um
zu ausreichender Innovationstätigkeit anzuregen. Außerdem wird
argumentiert, angesichts des Fehlens eines ausreichenden Patentschutzes
würden private Unternehmen kaum in die Forschung für Medikamente
gegen Krankheiten investieren, die besonders die Bevölkerung im
Süden bedrohen. Gegner rechnen hingegen mit deutlichen Preissteigerungen
für Medikamente und Saatgut in den Entwicklungsländern mit verheerenden
sozialen Folgen. Schließlich sehen die Befürworter in TRIPS einen
weltweiten Innovations- und Wachstumsmotor, während deren Gegner
sie als Umverteilungsmaschine zugunsten der Nettoexporteure (Norden)
und zulasten der Nettoimporteure (Süden) von Technologie einstufen.
Der Autor fügt diesen Argumentationssträngen
zum Teil originäre Differenzierungen und Ergänzungen hinzu. Angesichts
der widersprüchlichen Einschätzungen, die auf unterschiedlichen
und oftmals heroischen Annahmen beruhen, plädiert er dafür, sich
stärker auf die empirische Forschung zu konzentrieren. Unglücklicherweise
gibt es aber nur wenige einschlägige empirische Untersuchungen.
Gilt dies - zumindest jenseits des Patentschutzes - bereits für
national angelegte Studien, so war die empirische Forschung zu
den internationalen Effekten lange Zeit noch weniger entwickelt.
Dies hat sich im Laufe der 1990er Jahre geändert. Die Ergebnisse
der mittlerweile vorliegenden Untersuchungen - die ebenfalls mehrheitlich
auf Patente abstellen und zum Teil vom Autor selbst durchgeführt
wurden - werden in dem Buch zusammengefasst. Darüber hinaus präsentiert
der Autor neue Schätzungen.
Die Auswertung bestätigt, dass das Schutzniveau
geistiger Eigentumsrechte in etlichen Industrie- und Entwicklungsländern
im Zeitraum von 1985 bis 1995, d.h. bereits vor dem Inkrafttreten
von TRIPS, gestiegen ist. Verschiedene ökonometrische Schätzungen
der Ursachen lassen u.a. vermuten, dass der (Patent-)Schutz ab
einem gewissen Pro-Kopf-Einkommen steigt und umso höher ist, je
offener eine Volkswirtschaft ist.
Die Ergebnisse empirischer Schätzungen über die
Wirkungen des zunehmenden IPR-Schutzes auf die o.g. internationalen
Aktivitäten verwendet der Autor, um die Effekte von TRIPS zu simulieren.
Bei allen Abstrichen, die wegen erheblicher methodischer und Datenbeschaffungsprobleme
gemacht werden müssen, gelangt Maskus zu dem Schluss, dass die
Einführung der TRIPS-Bestimmungen für die Entwicklungsländer mittel-
bis langfristig von Nutzen sein kann. Sie können eine Zunahme
der Importe technologiehaltiger Produkte, der Direktinvestitionen
und des Technologietransfers durch Patente und Lizenzen hervorrufen.
Diese Effekte führen allerdings nicht zwingend, sondern nur unter
bestimmten Rahmenbedingungen zu Wachstumssteigerungen. Zu diesen
Rahmenbedingungen zählt Maskus die Fähigkeit zur Absorption und
Kommerzialisierung neuer Technologien, offene und flexible Märkte
sowie wettbewerbspolitische Vorkehrungen gegen den Missbrauch
geistiger Eigentumsrechte.
Zugunsten der Implementierung von IPR-Standards
in Schwellenländern führt der Autor auch an, dass sie auch einheimischen
Unternehmen Innovationsanreize bieten. Schließlich gebe es in
Schwellenländern zunehmend Branchen, die entsprechende Forderungen
erheben. Empfehlenswert seien der Innovationskapazität angepasste
IPR-Systeme, wie beispielsweise ein Patentwesen, das zunächst
inkrementelle Innovationen besonders fördert und den Schutzumfang
so gestaltet, dass Umgehungserfindungen angeregt werden. Mit steigendem
Einkommen und zunehmender Technologieintensität der Wirtschaft
sollte das Schutzniveau ausgedehnt werden. Erfolgreiche Beispiele
für diese Strategie bietet nicht nur Japan, sondern auch verschiedene
europäische Staaten. Maskus wirkt vergleichsweise optimistisch,
dass TRIPS genügend Spielraum für eine solche Politik enthalten.
Es wird sich allerdings erst in einigen Jahren zeigen, ob die
USA und andere Industrieländer derart großzügig sein werden.
Maskus negiert keineswegs die wirtschaftlichen
Nachteile, die ein strengerer Schutz geistiger Eigentumsrechte
mit sich bringt. Dies sind zum einen die Kosten der Implementierung
und Aufrechterhaltung eines effektiven IPR-Wesens. In Entwicklungsländern
kann die Umlenkung der erforderlichen Sach- und Personalressourcen
ein Ausmaß annehmen, das den potenziellen Nutzen nicht rechtfertigt.
Zum anderen entstehen Kosten in der Form von Umsatz- und Beschäftigungseinbußen
in imitierenden Unternehmen sowie in Form steigender Preise. Verschiedene
Schätzungen des Ausmaßes der Umverteilung zwischen den Ländern,
die durch TRIPS verursacht wird, lassen deutliche Rentenzuwächse
für die meisten Industrieländer und Verluste für nahezu alle Entwicklungsländer
erwarten.
Resümierend sieht Maskus gute Chancen, dass langfristige
Vorteile die kurzfristigen Anpassungs- und Umverteilungskosten
übersteigen werden, wenn die Entwicklungsländer begleitend eine
richtige Bildungs-, Wirtschafts-, Infrastruktur- und Wettbewerbspolitik
durchsetzen. Allerdings hegt er große Zweifel, dass vor allem
die ärmeren Entwicklungsländer dazu in der Lage sind. Technische
und finanzielle Hilfe bei der Umsetzung von TRIPS und begleitender
Politik sei ebenso geboten wie internationale Maßnahmen zur Förderung
des Technologietransfers. Darüber hinaus skizziert Maskus Elemente
einer internationalen Politik gegen Wettbewerbsbeschränkungen.
Handlungsbedarf sieht er bei der Förderung und Entwicklung von
Impfstoffen gegen die am weitesten verbreiteten Infektionskrankheiten
im Süden sowie bei geistigen Eigentumsrechten und globaler Umweltpolitik
(übrigens wirkt die Argumentation hier im Vergleich zu den anderen
Ausführungen etwas blass und oberflächlich).
Alles in allem bewertet Maskus TRIPS als adäquaten
und ausreichend flexiblen Mechanismus zum Ausgleich der Interessen
zwischen Nord und Süd, Innovatoren und Imitatoren, Privatwirtschaft
und Gesellschaft. Ausblickend sieht er keinen Bedarf, die TRIPS-Standards
zu erhöhen.
Es würde dem Autor nicht gerecht, wenn der hier
versuchten Zusammenfassung nicht hinzugefügt würde, dass er sehr
differenziert argumentiert und zu Vorsicht gegenüber allen, einschließlich
seinen eigenen Schätzungen und Interpretationen rät. Es spricht
für seine Seriosität, dass er immer wieder auf die vielen Ungereimtheiten
und Lücken hinweist, die sowohl die theoretisch-analytische als
auch empirische Forschung zur Ökonomie der geistigen Eigentumsrechte
kennzeichnen.
Maskus zählt zu den ersten Ökonomen, die sich
mit der komplexen und schwer zugänglichen Materie der internationalen
geistigen Eigentumsrechte beschäftigen. Man merkt auf nahezu jeder
Seite, dass dem Buch rund zehn Jahre intensiver Forschung zugrunde
liegen. Ergebnis ist eine umfassende und wissenschaftlich fundierte
Studie, die - wie ein amerikanischer Rezensent bemerkt - eine
wahre „tour de force“ ist. Das Buch ist im Großen und Ganzen verständlich,
aber ausgesprochen dicht geschrieben. Obwohl die Argumentation
primär wirtschaftswissenschaftlich ausgerichtet ist, kann ich
dieses Buch allen empfehlen, die sich mit der Thematik des internationalen
Schutzes geistigen Eigentums auseinandersetzen.
Margareta
E. Kulessa
Johannes Gutenberg-Universität
Mainz
HANS
GÜNTER BRAUCH / ANTONIO MARQUINA / ABDELWAHAB BIAD:
Euro-Mediterranean
Partnership for the 21st Century
Houndmills / London 2000
Macmillan, 477 S.
Ein Blick auf die in den letzten fünf Jahren erschienenen,
zumeist englischsprachigen Publikationen zu den Aussenbeziehungen
der EU macht deutlich, dass die Mittelmeerpolitik der EU gegenwärtig
ein konjunkturelles Hoch erfährt. Seit die Aussenminister der
fünfzehn EU-Staaten und der zwölf südlichen Mittelmeeranrainerländer
auf der Konferenz von Barcelona im November 1995 die Euro-Mediterrane
Partnerschaft (EMP) in das Leben riefen, überwiegen Studien,
die sich primär auf einen der drei Zusammenarbeitsbereiche dieses
multilateralen Ansatzes konzentrieren. Entweder stand bislang
Korb I, die Zusammenarbeit im (sicherheits-)politischen Bereich
im Mittelpunkt, oder aber es erfolgt – jeweils isoliert voneinander
– eine Analyse der wirtschaftlichen (Korb II) bzw. sozialen
und kulturellen Zusammenarbeit (Korb III). Arbeiten, die den
sogenannten Barcelona Prozess unter Berücksichtigung aller drei
Körbe im Sinne des ihnen zugrundeliegenden Kohärenzgebotes untersuchen
oder gar der Frage nachgehen, welche Rückwirkungen die strukturelle
und institutionelle Ressourcenausstattung der EU auf deren Mittelmeerpolitik
hat, sind bislang hingegen noch immer Mangelware oder schlichtweg
nicht existent.
In dieser Hinsicht ist auch der im Wesentlichen aus einer ECPR-Konferenz im
Jahre 1998 hervorgegangene und von Hans Günter Brauch, Antonio
Marquina und Abdelwahab Biad zwei Jahre später herausgegebene
Sammelband eine Fortschreibung des Status quo und muss zunächst
all jene enttäuschen, die beim Griff zu dieser Studie auf ein
solches Forschungsdesign hoffen. Dazu trägt auch der etwas irreführende
Titel des in sechzehn Kapitel und einem fünfzigseitigen Anhang
untergliederten Sammelbandes bei, assoziiert er doch bereits
ausschliesslich eine Auseinandersetzung mit der von der EU
initiierten EMP.
Dass der vorliegende Band aber dennoch von hohem Gewinn für Politikwissenschaftler,
Entscheidungsträger und andere am Grossraum Mittelmeer Interessierte
ist, liegt primär an dem von den Herausgebern gewählten Analyseansatz,
der das Konzept der Vertrauensbildenden Massnahmen (VBM) – ein
Konzept, das mit dem „Open Skies“-Vorschlag des US-Präsidenten
Eisenhower 1955 erstmals und mit der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte
in Helsinki zwanzig Jahre später endgültig zum Gegenstand politikwissenschaftlicher
Beschäftigung wurde – zum Ausgangspunkt eines jeden Beitrages
erhebt.
Nach der Einleitung (zugleich Kapitel 1), die im Wesentlichen die seit 1989/90
zu konstatierenden Veränderungen des internationalen Systems
und die sicherheitspolitisch bedeutsamen Instabilitäten und
Konfliktformen im Mittelmeerraum beleuchtet, werden ausgehend
von der in Kapitel 2 von Hans Günter Brauch detailliert und
kenntnisreich vorgenommenen Schilderung der Entwicklung, des
Inhalts und der praktisch-politischen Wirkungskraft des VBM-Konzeptes
die verschiedenen Mittelmeer-Initiativen von EU, WEU, NATO und
OSZE aus arabischer, europäischer und amerikanischer Sicht analysiert.
So ist Teil II des Buches, der die Kapitel 3-5 umfasst, den
VBM aus europäischer Perspektive gewidmet, während sich der
wesentlich umfangreichere Teil III –die Kapitel 6-9 – der in
den südlichen Mittelmeerländern geführten Debatte um die gegenwärtig
existierenden VBM im Mittelmeerraum zuwendet. Ergänzt wird die
Beschäftigung mit diesen vier sicherheitspolitisch motivierten
und transmediterran angelegten Kooperationsansätzen durch drei
Fallstudien (Kapitel 10-12), die die Erfahrungen der OSZE und
der NATO mit VBM in Bosnien bzw. aus einer historischen Perspektive
den Zypern-Konflikt analysieren. Abgerundet wird der Band schliesslich
durch vier Beiträge der Herausgeber (Kapitel 13-16), die Vorschläge
für künftige Partnerschaftsbildende Massnahmen (PBM) im Kontext
des Barcelona-Prozesses enthalten.
Zu den Kapiteln im einzelnen: Antonio Marquina, Professor für Internationale
Beziehungen an der Complutense Universität in Madrid, gibt in
Kapitel 3 einen ersten Überblick über die zwischen 1990 und
1996 initiierten und zum Teil – wie die Idee einer Konferenz
für Sicherheit und Zusammenarbeit im Mittelmeerraum – nie realisierten
Ansätze für VBM im Mittelmeerraum. Hier werden die WEU-, NATO-
und EU-Initiativen einer ersten, jeweils knapp bemessenen Bewertung
unterzogen, es bleibt aber unklar, warum der Autor nicht den
von Malta 1992 eingebrachten Vorschlag eines Mittelmeer-Rates
einbezieht. Unabhängig davon ist Marquina aber in seinem Gesamturteil
über die gegenwärtig existierenden VBM im Mittelmeerraum beizupflichten:
es existiert noch immer kein klar erkennbares, alle Mittelmeeranrainer
einbeziehendes und zufriedenstellendes Sicherheitskonzept (S.
75). Diese Einschätzung schliesst auch die Deklaration von Barcelona
mit ein, die zwar – zusammen mit der im November 2000 verabschiedeten
Charta für Frieden und Stabilität – den bislang am weitesten
reichenden Ansatz zur Bekämpfung der im Mittelmeerraum erkennbaren
Gemengelage liefert, angesichts des stagnierenden Friedensprozesses
im Nahen Osten aber noch immer nicht über einen deklaratorischen
Charakter hinausreicht.
Die Beziehungen der OSZE zu den drei Maghreb-Staaten Algerien, Marokko und
Tunesien sowie zu Ägypten, Jordanien und Israel sind Thema des
folgenden Beitrags von Monika Wohlfeld und Elizabeth Abela,
die beide für das OSZE-Sekretariat in Wien tätig sind. Vor dem
Hintergrund stark voneinander abweichender Einschätzungen der
Rolle der OSZE im südlichen Mittelmeerraum diskutieren sie die
sicherheitspolitische, wirtschaftliche und humane Dimension
der VBM und der OSZE gegenüber den sechs Partnerstaaten. Da
auch sie die bisherige Substanz der OSZE-Initiative in Frage
stellen (S. 91) und die Einführung traditioneller VBM im südlichen
Mittelmeerraum gegenwärtig für unwahrscheinlich halten, können
sie sich eine stärkere Konzentration auf lediglich einen der
drei Körbe, den Dialog im humanen und sozialen Bereich, vorstellen.
Neben dem Plädoyer, in enger Abstimmung mit dem Barcelona Prozess
weitere Schritte zu vollziehen, werden sie damit auch der an
anderer Stelle mehrfach geäusserten Forderung nach klar umrissenen,
aber auf einige wenige begrenzte Kooperations- und Dialogfelder
gerecht.
Jean-Francois Daguzan, Senior Research Fellow an der Fondation pour la Recherche
Stratégique, der ebenfalls die Auffassung vertritt, dass die
Absorptionsfähigkeit der südlichen Mittelmeerländer hinsichtlich
VBM gegenwärtig äusserst gering ist, beleuchtet in seinem Aufsatz
zunächst die seit Ende der sechziger Jahre vollzogenen Abrüstungsinitiativen
im Mittelmeerraum, bevor er der Frage nachgeht, ob der in der
Deklaration von Barcelona enthaltene Katalog an VBM im Rahmen
der Stabilitätscharta Sicherheit und Stabilität zu eröffnen
vermag. Wenngleich die Ausführungen Daguzans zur Charta mittlerweile
überholt sind, ist seiner Bewertung zuzustimmen; in der Tat
bieten sowohl die Charta als auch die Deklaration von Barcelona
prinzipiell Ansatzpunkte zur Vertrauensbildung und Reduzierung
der im Mittelmeerraum existierenden Spannungen, gleichwohl ist
es der fehlende politische Wille auf beiden Seiten des Mittelmeers
(und nicht nur am südlichen Rand!), der bislang einer Nutzbarmachung
dieser Potenziale entgegen steht (sowie die vom Autor nicht
erwähnte eingeschränkte Ressourcenausstattung der EU in der
Aussen- und Sicherheitspolitik). Die von ihm vorgestellten Vorschläge
für VBM seit 1995 sind im Wesentlichen eine Zusammenfassung
der seither diskutierten Ideen. Bedenkenswert ist aber der vom
Autor selbst aufgeworfene Vorschlag, die periodischen Treffen
der Aussenminister aus den 27 EMP-Staaten durch einen Vertragsakt
zu institutionalisieren (S. 105), um sowohl die Regelmässigkeit
dieser Treffen zu garantieren als auch Teilnahmeboykotten –
wie jüngst beim Aussenministertreffen in Marseille im November
2000 geschehen – entgegenzuwirken.
Während Abdelkader Sid Ahmed die ökonomischen Entwicklungen in den Ländern
des Maghreb und Maschreck nachzeichnet und mit seinen daraus
abgeleiteten Handlungsempfehlungen (Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens,
Eingliederung in den Weltmarkt, Steigerung der internationalen
Wettbewerbsfähigkeit und Abbau der Arbeitslosigkeit, verstärkter
Fokus auf lokale und regionale Entwicklung) einen Teil der Weltbank-Forderungen
wiederholt, orientieren sich die übrigen Aufsätze im dritten
Teil des vorliegenden Bandes erneut an sicherheitspolitischen
Fragestellungen. So sind sich Abdelwahab Biad von der Universität
Rouen und Mohammad El-Sayed Selim, Direktor des Center for Asian
Studies an der Universität Kairo, in ihren Aufsätzen darin einig,
dass VBM und sicherheitspolitische Kooperation bestimmte Rahmenbedingungen
voraussetzen (militärische Balance und territoriale Integrität),
die im südlichen Mittelmeerraum noch nicht gegeben sind. Biad
gelangt zu dieser Einschätzung, indem er die bisherigen VBM-Versuche
in der arabischen Welt sowie die dortige Kontroverse über militärische
VBM nachzeichnet. Zugleich spricht er sich für die Ausweitung
bestehender Kommunikationskanäle (Einrichtung einer Krisen-„Hot
Line“) aus. El-Sayed Selim hingegen beschreibt den in den südlichen
Mittelmeeranrainern geführten Diskurs über kooperative Sicherheitsstrukturen
und nähert sich nach einer Erläuterung der drei von ihm identifizierten
Faktoren ‚territoriale Konflikte’, ‚strategisches Ungleichgewicht
zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn’ sowie ‚unausgewogenes
Engagement des Westens im Nahen Osten’ den arabischen Perzeptionen
der Rolle der NATO im Mittelmeerraum. Hier erarbeitet er ein
asymmetrisches Meinungsbild, das zwischen den – positiven –
Perzeptionen der am NATO-Mittelmeer-Dialog beteiligten gouvernementalen
Eliten und der ablehnenden Haltung der Mehrheit der arabischen
Gesellschaften einschließlich ihrer scientific community differenziert.
Letztere kritisiere insbesondere das Fehlen eines klaren Sicherheitskonzeptes
für den gesamten Mittelmeerraum sowie die Exklusivität des Dialogs.
Lediglich eine Initiative, die die Beilegung des Nahost-Konfliktes
unter Einhaltung der einschlägigen UN-Resolutionen sowie neuer
Ansätze zur Beseitigung der Waffenproliferation im südlichen
Mittelmeerraum in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellt, kann,
so El-Sayed Selim, einen Wandel des bislang negativen Images
der NATO in der arabischen Welt herbeiführen (S. 145).
In dem mit „Sicherheitspartnerschaft und Demokratisierung: Die Wahrnehmung
der Aktivitäten nördlicher Sicherheitsinstitutionen im Süden“
überschriebenen Folgekapitel unternimmt der an der Universität
Tunis tätige Politikwissenschaftler Bechir Chourou den Versuch,
anhand eines Diskurses über Ausprägungen und Voraussetzungen
von Demokratisierung die These zu belegen, dass die Politiken
der EU-Staaten, einzeln oder kollektiv, in unterschiedlichem
Ausmass für die fortdauernde Existenz autoritärer Regime im
südlichen Mittelmeerraum verantwortlich zu machen sind. Wenngleich
er an einigen Stellen die Doppeldeutigkeit (EU-)europäischer
Politik im Bereich der externen Demokratieförderung und Konditionalisierung
aufzeigen kann, gelingt ihm dieser Nachweis nur bedingt. Zu
einseitig ist die Gewichtung auf das südliche Mittelmeer, zu
oberflächlich der Rekurs auf die Politik der einzelnen EU-Mitgliedstaaten.
Chourou diskutiert zwar den Terminus Demokratie unter verschiedenen
Gesichtspunkten, eine genaue Definition, typologisch saubere
Trennschärfe oder den Verweis auf das von Robert Dahl zu Beginn
der siebziger Jahre erarbeitete minimalistische Polyarchie-Konzept
sucht man jedoch in diesem ansonsten durchaus lesenswerten Beitrag
vergeblich.
In seiner Analyse der Rolle der OSZE in Bosnien präsentiert der an der Universität
Rouen lehrende französische Jurist Philippe Guillot zunächst
die vertraglichen Grundlagen der von der OSZE in Bosnien durchgeführten
VBM, bevor er letztere selbst zum Gegenstand seiner informativen,
jedoch an vereinzelten Stellen etwas trocken und deskriptiv
anmutenden Bestandsaufnahme macht. Diese Bilanz ist neu und
hilfreich, deckt sie doch systematisch und detailliert die OSZE-Aktivitäten
im Menschenrechtsbereich sowie die seit 1996 vorgenommenen Wahlbeobachtungen
ab. Nüchtern, jedoch äusserst realitätsgetreu, ist auch das
Urteil des Autors über den Bosnien-Einsatz der OSZE. Sie hat
unbestritten dazu beigetragen, dass ein erneuter Kriegsausbruch
bislang verhindert wurde, einen Beitrag zur Aussöhnung der drei
Konfliktparteien (Serben, Kroaten und Muslime) konnte aber auch
sie angesichts der unüberwindbar scheinenden Gräben zwischen
ihnen nicht leisten (S. 208).
In ungewohnter Deutlichkeit und geprägt von langjährigem praxisorientiertem
wie akademischem Engagement auf dem Balkan skizziert Peter Liotta,
Professor für nationale Sicherheitsfragen am US Naval War College,
in Kapitel 11 auf spannende Weise die Wirkung des im November
1995 geschlossenen Dayton-Abkommens. Er geht von der These aus,
dass NATO und SFOR bei der Entmilitarisierung und Abrüstung
in Bosnien zwar Rahmenbedingungen schaffen können, innerhalb
derer sich ein friedlicher Wandel vollziehen kann, sie aber
nicht als Instrumente, die diesen Wandel implementieren, interpretiert
werden dürfen. Dayton hat, so Liotta, zweifellos die Erwartungen
vieler Beobachter überstiegen, das im früheren Jugoslawien vorhandene
Geflecht sozialer, ökonomischer, politischer und historisch-religiöser
Problemlagen aber nicht zu lösen vermocht (S. 214). So stellt
er fest, dass eine vollständige Implementierung des Dayton-Abkommens
zumindest auf absehbare Zeit äusserst unwahrscheinlich und die
Schaffung eines unter primär US-amerikanischer Aufsicht stehenden
„Protektorats Bosnien“ die gegenwärtig wohl aussichtsreichste
Stabilitätsoption, aber keine dauerhaft befriedigende Lösung
sei (S. 216f.). Vielmehr müssten die drei Konfliktparteien in
Bosnien erkennen, dass ein nachhaltiger Frieden ausschliesslich
über dauerhafte Koexistenz oder aber aber überhaupt nicht zu
erreichen ist. Da diese Auffassung in Bosnien jedoch bislang
nicht auf fruchtbaren Boden gestossen ist, plädiert Liotta für
eine Fortsetzung des europäisch-amerikanischen „involvements“
und die Ingangsetzung eines die gesamte Region einbeziehenden
dynamischen Friedensprozesses. Ferner fordert er von den Entscheidungsträgern
und der lokalen Bevölkerung, das Dayton-Abkommen lediglich als
ersten Schritt auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden anzusehen
und eine mögliche Teilung Bosniens nur als allerletzten Ausweg
(„last resort“) in Betracht zu ziehen.
Einen explizit historischen Ansatz wählt hingegen der an der Universität Mannheim
ansässige Historiker Heinz Richter in Kapitel 12 zur Analyse
des Zypern-Konfliktes. Dadurch offeriert er dem Leser zwar eine
hochinformative Gesamtschau der Genese und Evolution des Konfliktes,
verlässt aber leider den von Brauch in Kapitel 2 vorgegebenen
Analyserahmen und widmet dem Potenzial von VBM als Beitrag zur
Konfliktlösung so gut wie keinen Raum.
Im abschliessenden fünften Teil des Buches greifen insbesondere die beiden
Beiträge von Antonio Marquina und Hans Günter Brauch auf bereits
früher von beiden Autoren veröffentlichte Arbeiten zurück. Während
Hans Günter Brauch die langfristigen nichtmilitärischen Herausforderungen
im Mittelmeerraum erneut aufgreift und ihnen nun breiten Raum
einräumt – eine solche Beschäftigung wäre evtl. im Hinblick
auf die mit dem Thema nicht vertrauten Leser zu Beginn des Buches
sinnvoller gewesen –, um daraus Handlungsempfehlungen für zukünftige
PBM in den Bereichen Regenerierbare Energien, Desertifikation,
Klimawandel und Migration abzuleiten, stellt Marquina einige
Vorschläge für kurzfristig zu realisierende PBM in allen drei
Körben der EMP zur Debatte. Zwar sind auch diese Vorschläge
zum überwiegenden Teil altbekannt, überzeugend wirken sie dennoch
(so der Vorschlag, das intransparente und für Drittstaaten schwer
zu verstehende Institutionengefüge der EMP zu reformieren),
da es dem Autor gelingt, die unterschiedlichen Präferenzen der
nördlichen und südlichen EMP-Teilnehmer herauszuarbeiten.
Im Mittelpunkt dieses fünften Teils steht jedoch der von Abdelwahab Biad entwickelte
„Code of Conduct“, der nach Ansicht des Autors das im Mittelmeerraum
auffindbare Fehlen allgemein anerkannter Prinzipien und Regeln
zur Steuerung der vielfältigen bi- und multilateralen Beziehungen
überwinden könne (S. 270). Dieser „Code of Conduct“ soll, so
Biad, aus zwei Komponenten bestehen: Erstens, aus Richtlinien,
welche die Gleichheit aller an der EMP beteiligten Staaten,
das Prinzip der Gewaltfreiheit, die friedliche Konfliktbeilegung,
das Selbstbestimmungsrecht der Völker, die Anerkennung der Menschenrechte
sowie Kooperationsbereitschaft festlegen. Zweitens aus einer
Prinzipien-Deklaration, die in Anlehnung an den OSZE-Code den
Kern der euro-mediterranen Sicherheitspartnerschaft bilden soll.
Der dahinterstehende Grundgedanke besteht darin, über die traditionellen
militärischen Bedrohungsperzeptionen hinauszugehen und sich
so auf (wenigstens) ein Minimum an gemeinsamen Sicherheitsinteressen
verständigen zu können. Eckpfeiler dieser im Rahmen der Zusammenarbeit
in Korb I immer wieder diskutierten Massnahme wären gemäss Biad
die Anerkennung der Unteilbarkeit umfassender Sicherheit, Gemeinsame
Verantwortung, Dialog, Transparenz sowie das Prinzip ausreichender
militärischer Kapazitäten. Obwohl ein solcher Prinzipien-Katalog
bei den meisten südlichen Mittelmeeranrainern kurz- und mittelfristig
auf Skepsis, wenn nicht sogar auf Ablehnung stossen wird, enthält
er dennoch das Potenzial, die sicherheitspolitischen Intentionen
sowie die militärischen Kapazitäten zumindest der fünfzehn an
der EMP beteiligten EU-Staaten transparenter werden zu lassen
und einen Beitrag zu grösserer Vertrauensbildung zu leisten.
Die drei Herausgeber machen in dem gemeinsam verfassten Schlusskapitel schliesslich
erneut auf Unzulänglichkeiten des Barcelona Prozesses aufmerksam
und weisen auf Widersprüche in den formalen Schlussfolgerungen
des Gipfelvorsitzenden des dritten EMP-Aussenministertreffens
in Stuttgart im April 1999 hin. Anhand der ernüchternden Bilanz
der bisherigen Errungenschaften der EMP und des von Hans Günter
Brauch bereits in Kapitel 15 skizzierten „survival dilemmas“
im Mittelmeerraum geben die Autoren nun einen finalen Überblick
über das Potenzial kurz-, mittel- und langfristiger Vertrauens-
und Partnerschaftsbildender Massnahmen (VPBM) in allen drei
Körben des Barcelona-Prozesses. Nur deren konsistente Berücksichtigung
gepaart mit einem Bewusstseinswandel der relevanten Entscheidungsträger
sowie die Bereitschaft zu antizipatorischem Lernen, so das Fazit
der Autoren, könne den gegenwärtig identifizierbaren Fehlperzeptionen
sowie dem Scheitern der EMP entgegenwirken.
Sieht man davon ab, dass an vereinzelten Stellen die Gesamtkohärenz abhanden
zu kommen droht, sich verschiedentlich Kapitel inhaltlich überschneiden
und einige Autoren zum Teil auf bereits früher publizierte Vorarbeiten
zurückgreifen, bietet dieser Band einen guten und interessanten
Überblick über die Genese und das Wesen von VPBM, ihrer konkreten
bzw. versuchten Übertragung auf den Mittelmeerraum sowie den
seit Beginn der neunziger Jahre auf beiden Seiten des Mittelmeers
geführten Diskurs über transmediterrane sicherheitspolitische
Initiativen. Damit ist der Sammelband eine empfehlenswerte Lektüre
für einen Leserkreis, der thematische Vorkenntnisse besitzt,
sich mit sicherheitspolitischen Fragestellungen in diesem konfliktbehafteten
Grossraum befasst oder aber nach den Gründen existierender Fehlperzeptionen
zwischen den südlichen und nördlichen Mittelmeeranrainern bzw.
Lösungsansätzen zu deren Überwindung sucht.
Tobias Schumacher
Universität Mainz
HUBERT
GABRISCH /RÜDIGER POHL (EDS.):
EU
Enlargement and its Macroeconomic Effects in Eastern Europe.
Currencies, Prices, Investment, and Competitiveness
Houndmills / London 1999
Macmillan, 227 S.
Dieser
Sammelband vereinigt eine Reihe von Beiträgen zu einem Seminar,
das das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle Anfang
1997 organisierte. Die Teilnehmer und Beitragsautoren kommen
aus einem kleinen Kreis von Ökonomen im Umfeld des Wiener
Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche und des
gastgebenden Instituts. Sie zeichnen sich alle durch eine
Orientierung etwas außerhalb des mainstreams aus – meist stärker
monetär-keynesianisch ausgerichtet. Sie sind alle einschlägig
bekannte Experten zu Fragen der Wirtschaftsentwicklung und
Transformation in Mittel- und Osteuropa. Dank dieser relativen
Homogenität des Teilnehmerprofils ist es den Herausgebern
gelungen, ein ziemlich kohärentes Buch zu produzieren, womit
sich dieser Band angenehm von anderen Tagungsbänden abhebt.
Die knappe Einführung von Hubert Gabrisch liefert eine weitere
Klammer, die den Leser gut orientiert, ohne allerdings die
Lektüre der Artikel zu ersetzen.
Wie wirkt sich der EU-Beitritt auf die
künftigen neuen Mitgliedstaaten in Mittel- und Osteuropa aus?
Dieser Fragestellung widmen sich die Autoren und arbeiten
damit an der Schliessung einer bizarren Lücke. Denn im Gegensatz
zur Süderweiterungsdebatte in den 1970er und - 80er Jahren
gibt es kaum Analysen, die die Beitrittswirkungen für Mittel-
und Osteuropa untersucht haben. Die meisten Studien konzentrieren
sich auf die Effekte für die „alte“ EU-15. Vor allem in den
Kandidatenländern selbst bestand lange nahezu ein Denkverbot
in dieser Frage, um nicht das Dogma des überwältigenden Nutzens
einer EU-Mitgliedschaft zu hinterfragen. Spätestens mit der
wachsenden Beitrittskepsis in vielen Ländern und dem Fortschritt
der Verhandlungen steht aber diese Frage unabweisbar auf der
Tagesordnung, und sei es nur, um präventive Politiken (Übergangs-
und Ausnahmeregeln, spezielle Programme) vorzubereiten, um
den zu erwartenden Problemen Rechnung zu tragen.
Aber
welche Probleme könnte es geben? Viele neoklassisch-liberal
geprägte Analysen gehen davon aus, dass die Liberalisierung
und Integration in einen großen Markt automatisch einen gewaltigen
Wohlfahrtsgewinn verspricht. Zur Überprüfung dieser fast axiomatischen
Aussage tut es gut, die in dem hier besprochenen Band vorgelegten
Beiträge zu lesen, die dank ihres eher heterodoxen Ansatzes
eine spannende neue Perspektive eröffnen. Dabei handelt es
sich nicht immer um leichte Kost. Vor allem die Beiträge von
Laski und Podkaminer, aber auch von Gabrisch, verlangen eine
gewisse Resistenz gegenüber mathematischen Formeln, bieten
allerdings auch verbale Erläuterungen der mathematisch formulierten
Zusammenhänge.
Die Autoren widmen sich den – leider meist
wenig beachteten – makroökonomischen Konsequenzen eines EU-Beitritts
bzw. der wirtschaftlichen Integration, von denen einige schon
in der Vor-Beitrittsphase dank der im Assoziationsverhältnis
erfolgten Liberalisierung aufgetreten sind. Um zentrale Punkte
zu nennen: Wie passen sich die Preisstrukturen an? Noch heute
unterscheiden sich Kaufkraftparität und Wechselkurs zwischen
EU und Mittel- und Osteuropa erheblich – wenn auch vielleicht
weniger als Anfang der 1990er Jahre, als Podkaminer seine
Daten sammelte. Eine Anpassung des Preisniveaus der handelbaren
Güter an das Niveau der EU erscheint zwingend und hat Auswirkungen
auf Inflation, Realeinkommen, Einkommensverteilung und Wettbewerbsfähigkeit.
Diesen komplexen Zusammenhängen widmen sich die ersten drei
Beiträge von Gabrisch, Laski und Podkaminer. Überraschend
ist das Resultat von Podkaminer, wonach der Freihandel in
einigen Fällen auch die Abstände zwischen Wechselkurs und
Kaufkraftparität vergrößern kann. Eine zweite wichtige Frage
ist die Reaktion der mittel- und osteuropäischen Ökonomien
auf die zu erwartenden EU-Transfers. Diesem Problem widmen
sich vor allem die beiden polnischen Wirtschaftswissenschaftler
Witold und Lucjan Orlowski, wobei Witold einen Vergleich mit
den Süderweiterungsländern anstellt, Orlowski eher formal-theoretisch
arbeitet und die Geldpolitik Ungarns, Tschechiens und Polens
untersucht. Eine Fallstudie zur ungarischen Krise der mittneunziger
Jahre von Jens Hölscher und Johannes Stephan demonstriert
die spezifische Verwundbarkeit kleiner offener Volkswirtschaften.
Zwei Studien zu den mehr sektoralen Aspekten schließen den
Band ab, eine zur Landwirtschaft und eine zur Industriestruktur.
Insgesamt
ist dies ein Band, den alle mit der Vorbereitung der Osterweiterung
befassten Berater zur Kenntnis nehmen sollten. Es ist wohl
nicht zu erwarten, dass Politiker selbst sich den Mühen unterziehen.
Aber die Verhandlungsteams der Beitrittsländer und die Brüsseler
Erweiterungsverwaltung täten gut daran, diese Aspekte bei
der Ausgestaltung des Einigungsprozesses Europas zu berücksichtigen.
Es wäre allerdings hilfreich gewesen, wenn die Autoren ihrerseits
konkretere Schlussfolgerungen angeboten hätten.
Michael Dauderstädt
Friedrich-Ebert-Stiftung
Bonn
LARRY
SIEDENTOP:
Democracy
in Europe
London 2000,
Penguin Books, 254 S.
Ein
sperriges Buch. Nicht vom Umfang her – da hat es eine durchaus
noch erträgliche Länge, wenn man nicht zu den Vielbeschäftigten
gehört, die ein gestörtes Verhältnis zur zweiten Seite haben.
Aber sonst kriegt man es nicht so leicht in die Schubladen,
die man sich im Kopf eingerichtet hat:
·
Ist
es ein akademisches Werk? Vom Autor und Anspruch her sicher
– aber wo sind Belege und Fußnoten? Erst am Ende stößt man
auf die kurze Bibliographie, die einen beruhigt, dass die
ganzen Überlegungen wohl fundiert und nicht die einseitigen
Interpretationen eines Autors sind, der sich nicht auf die
Mühen breiterer Lektüre und empirischer Arbeit einlassen wollte.
Trotzdem wirkt es insgesamt eher wie ein Essay. Entsprechend
ist es auch gut lesbar, oft grenzt es fast an eine Kampfschrift.
·
Ist
der Autor konservativ oder links ? Er ist sicher ein Liberaler.
Das Buch ist getränkt in die Werte der Freiheit, Selbstregierung
und Demokratie. Aber kein Wirtschaftsliberaler im Sinne Hayeks
oder Thatchers. Im Gegenteil: In seinen Augen droht die Betonung
der Märkte und der Wirtschaft die führende Rolle der Politik
zu untergraben, die in seinen Augen allein Freiheit garantieren
kann. Um zu zitieren: „So are we simply making Europe safe for bankers, consultants
and managers? Has the West seen off the communist challenge
only to fall victim to an unelected élite, in its own way
as arrogant and exploitative as the communist élite, though
relying on a different rhetoric and managing in a different
style?” (S.34).
Kaum ein Sozialdemokrat hätte in Zeiten des Dritten Weges
noch den Mut, so kritisch mit unserer Wirtschaft umzuspringen.
·
Ist
er für oder gegen die europäische Integration oder – noch
schärfer gefasst – eine politische Union, ein vereintes Europa,
einen europäischen Bundesstaat? Über lange Strecken des Buches
bleibt dies dem Leser unklar. Er spürt zwar Sympathie, aber
analytisch scheinen beim Autor die Zweifel zu überwiegen.
Doch die beiden letzten Sätze am Ende des Buches geben eine
ganz klare Aussage, die auch diese Spannung erklärt: „Federalism
is the right goal for Europe. But Europe is not yet ready for federalism.“ (S.231)
·
Zäumen
wir das Buch von hinten auf: Siedentop analysiert und argumentiert,
warum Europa eine föderale politische Organisation braucht
und welche Hindernisse dem im Weg stehen. Dazu betrachtet
er verschiedene Dimensionen: die unterschiedlichen Staatsformen
und –verständnisse in Europa, die Rolle einer Verfassung,
die Problematik einer europäischen politischen Klasse und
die kulturelle Wertebasis der europäischen Demokratie. In
vielen Bereichen packt er dabei heiße Eisen an, die in der
offiziellen europäischen Debatte einem wenn nicht Denk-, so
doch Artikulationsverbot nach Art der „political correctness“
unterliegen. So kritisiert er deutlich das französische Staats-
und Demokratieverständnis, das eine hohe Autonomie der Exekutive
erlaubt, die dann aber durch periodische „Volksaufstände“
(Blockaden etc.) zurückgepfiffen wird. Die Übertragung dieses
Modells auf Europa erscheint ihm um so gefährlicher, als der
Einigungsprozess aus seiner Sicht bisher von der französischen
politischen Klasse dominiert wird, die diesen Prozess seit
1990 angstvoll beschleunigt, um einer deutschen Hegemonie
in Europa zuvor zu kommen.
Ebenso
deutlich lehnt er aber auch das englische Modell einer „culture
of consent“ ab, da sie als Basis für eine europäische Demokratie
nicht ausreiche. Umgekehrt können Staat und Demokratie ohne
eine solche Kultur kaum funktionieren. Um noch mal Siedentop
in einem Absatz zu zitieren, der es bemerkenswert auf den
Punkt bringt: „The old unwritten constitution made it clear
that social habits and attitudes are the bedrock of law. When positive laws depart
too far from or run against such habits and attitudes, they
are unlikely to prevail. That is the truth which the British
recognize instinctively. And that truth informs their criticisms
of over-rapid European political integration. For the British
notice the way in which a culture of consent, which is the
legacy of self-government in Britain, leads to the conscientious
observance of regulations emanating from Brussels, while the
same regulations are often ignored or circumvented in Greece,
Spain or even France – in countries where the roots of a culture
of consent, like self-government itself, are more recent and
fragile.
The confidence in the law which is the primary
attribute of a culture of consent cannot be created overnight.
And it is far easier to lose than to gain. That is the plausible
heart of the British case against over-rapid construction
of a federal Europe, a sudden move away from the political
culture of nation-states.” (S.80)
Was
aus Siedentops Sicht als Lösung bleibt, ist eine Verfassung
– weniger in ihrer Funktion als positives Recht denn als ein
Instrument sozialer Kohäsion. Verfassungspatriotismus (ohne
das Wort) ist der beste Ersatz für und Gegengift gegen völkische
oder klientelistische Identitätsbande in Zeiten großer Anpassungszwänge
durch die Globalisierung. Das Bewusstsein gleicher Freiheit,
das durch eine Verfassung garantiert ist, liefert „Sicherheit
im Wandel“. Aber auch dabei ist klar, der erzieherische Effekt
wird lange Zeit in Anspruch nehmen, bevor er wirklich massenhaft
Haltung und Verhalten der europäischen Bürger bestimmt. Und
es ist alles andere als ausgemacht, dass man angesichts der
gegenwärtigen nationalen Unterschiede überhaupt eine europäische
Verfassung, die nationales Recht bräche, zustande bringt.
Siedentops
eigener Vorschlag zur institutionellen Reform, ein „Senat“,
wie ihn inzwischen auch Blair in seiner Rede in Warschau oder
der „Economist“ vom 28.11.2000 in seinem Verfassungsvorschlag
gemacht haben, wirft dabei eher mehr Fragen auf als er beantwortet:
Wie ist sein Verhältnis zu den anderen Organen der Union –
vor allem zum Rat, der jetzt die Nationen repräsentiert? Wie
sind die einzelnen Mitgliedsstaaten in ihm vertreten ?
Aber
das sind kleinere Schwächen. Auch sonst hat er einige Lücken
gelassen: die Konzentration auf Frankreich, Deutschland und
Großbritannien ist gerechtfertigt, vernachlässigt aber zwölf
andere Mitgliedsstaaten – von Beitrittskandidaten ganz zu
schweigen. Doch Siedentops Stärke liegt in der Identifizierung
der fundamentalen Probleme der europäischen Demokratie. Währungsunion
und Erweiterung werden die Machtfragen in der Neuen Union
mit aller Härte stellen. Wenn sie nicht alte und gefährliche
Konfliktrituale wiederbeleben sollen, bedarf es demokratischer
Institutionen, um diese Konflikte zu lösen. Dazu ist Geduld
und Zeit nötig, vielleicht mehr als verfügbar ist. Vor allem
aber muss Europa vor sich selbst ehrlich Rechenschaft über
die wahren Probleme und ihre Ursachen ablegen, wenn es tragfähige
Lösungen entwickeln will. Siedentop’s Buch ist ein wichtiger
Schritt auf diesem Weg.
Michael Dauderstädt
Friedrich-Ebert-Stiftung
Bonn
OECD:
EMU. One Year On
Paris 2000,
OECD, 190 S.
Seit Einführung
des Euro im Januar 1999 steht ein Thema im Vordergrund der
Diskussion um die Europäische Währungsunion (EMU): der überraschend
schwache Außenwert der europäischen Währung insbesondere
im Vergleich zum US-Dollar. Dies mag eine verengte Perspektive
sein, aus ihr spricht gleichwohl ein nicht von der Hand
zu weisender Erklärungs- und Handlungsbedarf. Denn auf lange
Sicht können weit von den fundamentalen Verhältnissen entfernte
Wechselkurse durchaus zu realwirtschaftlichen Verwerfungen
führen.
Für
die überraschende Entwicklung des Euro in Relation zum Dollar
wird üblicherweise ein breites Spektrum unterschiedlichster
Gründe angeführt, die auf wirtschaftliche, institutionelle
oder politische Faktoren verweisen. Zunächst sollten das
Vorauseilen des amerikanischen Zyklus und damit einhergehende
Zinsdifferentiale zwischen Dollar- und Euro-Anlagen das
Auseinanderlaufen der Wechselkurse plausibel machen. Die
stärkere US-Konjunktur und die von ihr ausgelösten Kapitalzuflüsse
wurden durch die außerordentlichen Produktivitätssteigerungen
einer ‚New Economy’ erklärt, die in Europa noch auf sich
warten lassen. Verantwortlich hierfür wird nicht zuletzt
die regelmäßig beklagte Inflexibilität der europäischen
Arbeitsmärkte gemacht. Eine zweite Erklärung verweist auf
die außergewöhnlichen Herausforderungen, vor denen die europäische
Geldpolitik zweifellos steht. Die Europäische Zentralbank
(EZB) ist eine neuartige multilaterale Institution, die
sich kaum auf Erfahrungen mit einer supranationalen Geldpolitik
stützen kann. Ihre erst noch aufzubauende Reputation wurde
durch intransparente Entscheidungen und widersprüchliche
Aussagen nicht gerade befördert. Grundsätzlichere Zweifel
am Erfolg des Euro werden allerdings an der mangelnden Handlungsfähigkeit
der europäischen Politik, insbesondere an der nach wie vor
unklaren Finalität der europäischen Integration festgemacht:
Sollten die steuer-, haushalts-, arbeitsmarkt- und sozialpolitischen
spill over-Effekte der Währungsunion
zunächst im nationalen Rahmen der Mitgliedsstaaten verarbeitet
und die im Wettbewerb der Problemlösungen ermittelten „best
practices“ dann auf Gemeinschaftsebene übertragen werden?
Oder artikuliert sich in der Unterbewertung des Euro, dass
zentrale Bereiche der europäischen Politik unzureichend
koordiniert und unterinstitutionalisiert sind?
Die
OECD-Autoren interpretieren die Kursentwicklung des ersten
Jahres, die den Euro an die Parität mit dem Dollar heranführte,
einerseits als Folge seiner anfänglichen „europhorischen“
Überbewertung, andererseits aus zyklischen Divergenzen.
Orientierungen an einem (langfristigen) Wechselkursgleichgewicht
erscheinen ihnen aus methodischen Gründen verfehlt und geldpolitisch
unpraktikabel: die in verschiedenen Modellen errechneten
Relation würde zwischen €0.80 und €1.43 je Dollar liegen.
Wichtiger sei die Frage, wie sich die Regularien und die
Politik des Euro-Systems auf die strukturelle Verfassung
der europäischen Wirtschaft auswirken, die seit drei Jahrzehnten
hinter der US-Entwicklung zurückgeblieben sei. Aus dieser
Sicht erscheint der Euro weniger als Problem denn als Chance,
nach wie vor bestehende Segmentierungen der Arbeits-, Produkt-
und Kapitalmärkte zu überwinden und den heilsamen Druck
zur Haushaltskonsolidierung langfristig aufrecht zu erhalten.
Wenig
überraschend, stehen die Arbeitsmärkte im Mittelpunkt der
Analyse: Trotz aller Fortschritte bei der Umsetzung der
OECD Jobs Strategy im Rahmen nationaler Aktionspläne und
eines makroökonomischen Dialogs zwischen Politikern und
Sozialpartnern habe die erreichte Lohnzurückhaltung das
Niveau der Arbeitslosigkeit nicht deutlich genug senken
können. Die Autoren führen dies auf eine strukturelle Besonderheit
des Euro-Raums zurück: Produktivitätsfortschritte und technischer
Wandel gehen hier zu Lasten der Beschäftigung. Durchaus
kräftige Produktivitätszuwächse (je Arbeitsstunde) werden
durch Arbeitslosigkeit, kürzere Arbeitszeiten und stagnierende
Partizipationsraten gedämpft, wobei insbesondere jüngere
und ältere Personen (beiden Geschlechts) im transatlantischen
Vergleich unterrepräsentiert sind (S. 33-36, 88-94 u. 115-119).
Weiterhin segmentierte Arbeitsmärkte und eine niedrige Mobilität
aber erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sich länder- oder
branchenspezifische Schocks zu regionalen Problemzonen verfestigten.
Die
Integration der Produktmärkte könnte nach Auffassung der
Autoren durch den Abbau der Monopolrenten geschützter Sektoren
zugleich auch die Arbeitsmarktintegration befördern. Erstaunlicherweise
aber seien zehn Jahre nach Einrichtung des europäischen
Binnenmarkts, der durch die gemeinsame Währung vervollkommnet
werden sollte, immer noch starke Grenzeffekte zu verzeichnen:
der „home bias“,
d.h. die Präferenz für inländische gegenüber ausländischen
Gütern, beläuft sich in der EU auf 3 zu 1; die Preisvariationen
(für ein bestimmtes Gut) zwischen den Mitgliedsstaaten übersteigen
deutlich die Schwankungsbreiten innerhalb eines Landes,
da die Regulation der Produktmärkte weiterhin nationale
Prärogative ist. Bemerkenswert ist ferner die Persistenz
nationaler Segmentierungen des Finanzsektors, wie ja auch
die Kreditaufsicht weiterhin dezentral erfolgt. Die Anforderungen
an Kreditnehmer, die Auflagen an Pensionsfonds, Rechenschaftspflichten
und Gebühren schwanken von Land zu Land erheblich, der Wertpapierhandel
ist auf verschiedene Plattformen verteilt, und selbst der
Geldhandel unterliegt abweichenden Standards (S. 63ff).
Dieser Befund sollte insbesondere jenen zu denken geben,
die sich bereits in einer globalisierten Wirtschaft wähnen.
Für
die EZB ergibt sich aus den fortbestehenden Marksegmentierungen
und Asym-metrien der monetären Transmissionsmechanismen
(der Kanäle, über die ihre geldpolitischen Entscheidungen
realwirtschaftlich wirksam werden) das Problem, ihre Operationen
zielgenau zu steuern. Die OECD weist zu Recht darauf hin,
dass die Erfahrungen des D-Mark-Systems nicht einfach in
die Zukunft fortgeschrieben werden können (S. 58ff). Als
problematisch haben sich insbesondere die Abgrenzung der
Geldmenge M3, die Schätzung einer europäischen Geldnachfragefunktion
und ein eurozonenweit sinnvolles Inflationsmaß erwiesen.
Die Einführung des Konzepts der „Kerninflation“, das besonders
schwankungsträchtige Güter ausklammert, halten die Autoren
für methodisch fragwürdig. Die Befürchtung, ein europaweites
Inflationsziel von durchschnittlich 2 Prozent könne deflationäre
Gefahren heraufbeschwören, wird allerdings nicht kommentiert.
Viele Einwände, die die EZB auf sich gezogen hat, werden
der neuartigen Situation zugeschrieben: “The first year
of EMU has been a period of learning by doing“, S. 61).
Tatsächlich habe sich die EZB durchaus pragmatisch auf die
zweite Säule ihres Ansatzes, das heißt eher auf ein breites
Spektrum gesamtwirtschaftlicher Indikatoren als auf die
störanfällige Geldmengenentwicklung gestützt.
Die
Thesen der vorliegenden Studie sind stringent, geben eine
Übersicht des Forschungsstands und der einschlägigen Kontroversen.
Instruktive Tabellen, Schaubilder und Boxen verschaffen
einer bisweilen modellhaften Argumentation die nötige Konkretion.
Enttäuschend bleiben dagegen die politischen Einschätzungen.
Zwar bestehen die Autoren mit guten Gründen darauf, den
Euro-Raum als eine eigene Entität zu betrachten, die ein
spezifisches Verhältnis zwischen institutionellen und gesamtwirtschaftlichen
Erfordernissen aufweist - „stressing that what may take
place for the area as a whole is not simply the sum of what
goes on in each country“ (S. 87). Sie sind jedoch nicht
bereit, die auf dieser Ebene entstandenen politischen Herausforderungen
als solche zu thematisieren, so dass eben doch der der Eindruck
entsteht, europäische Wirtschaftspolitik sei nicht mehr
als Summe nationaler Implementierungen des Stabilitätspakts.
Die nachdrücklich geforderte Integration der Arbeitsmärkte
soll auf institutionelle und politische Flankierungen verzichten,
sozialpolitische Harmonisierungen werden abgelehnt. Die
immensen Herausforderungen, die aus der Osterweiterung folgen,
werden zu knapp gestreift.
Das
ist umso bedauerlicher, als gerade hier der Defekt liegt,
der für die aus wirtschaftlichen Gründen heraus schwer erklärbare
Schwäche des Euro verantwortlich sein dürfte, nämlich die
Unsichtbarkeit einer gemeinsamen europäischen Politik. Während
Politiker aus wahltaktischem Kalkül die Illusion der Kostenneutralität
der EU-Erweiterung pflegen, hätte man von den OECD-Autoren
mehr erwartet, etwa die Sinnhaftigkeit einer Europasteuer
zu erörtern (die nebenbei den unschätzbaren Vorteil der
Transparenz mit sich brächte). Denn die fortwährenden Unklarheiten
über die Finalität des Integrationsprojekts betreffen nicht
nur die Umwelt einer autonom betriebenen europäischen Geldpolitik,
sondern schlagen auf deren Kern durch. Mit der Erweiterung
wird sich die Zusammensetzung der EZB-Gremien ändern, so
dass etwa Estland das gleiche Stimmgewicht hätte wie die
Bundesrepublik. Zugleich werden die regionalen Disparitäten
im erweiterten Europa schärfer hervortreten und die allgemeinen
wirtschaftspolitischen Zielsetzungen der Union, denen auch
die europäische Geldpolitik verpflichtet ist – nämlich den
sozialen Zusammenhalt und die Solidarität zwischen den Mitgliedsstaaten
zu fördern – mit größerem Nachdruck zu Bewusstsein bringen.
Klaus Müller
Berlin
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