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Rezensionen:
Elmar Riegel / Stephan Leibfried:
Grundlagen der Globalisierung. Perspektiven
des Wohlfahrtsstaates.
(Michael Dauderstädt)
Anthony Giddens:
Die Frage der sozialen Ungleichheit
(Michael Ehrke)
David P. Calleo:
Rethinking
Europe’s Future
(Michael Dauderstädt)
(Karin Waringo)
(Jürgen Kahl)
Elmar
Riegel / Stephan Leibfried:
Grundlagen der Globalisierung. Perspektiven
des Wohlfahrtsstaates.
Frankfurt a. M. 2001
Suhrkamp, 410 S.
Globalisierungsgegner und Globalisierungsbefürworter haben eines
gemeinsam: Sie halten die Globalisierung für eine gewaltige Kraft,
die vor allem den Wohlfahrtsstaat verändert. Das ist für die Demonstranten
von Genua, Seattle und Barcelona Anlass, gegen die (weitere) Liberalisierung
der Weltwirtschaft zu protestieren, und für Unternehmer und Politiker
Vorwand, Einschnitte ins soziale Netz zu fordern, das angeblich
nicht mehr tragbar und zeitgemäß ist. Der gemeinsame Nenner ist
aber – wenn man einer vom Rezensenten etwas verschärften Essenz
des hier rezensierten Buches folgt – ganz falsch: Nicht der Hund
der Globalisierung wedelt mit dem Schwanz des so gebeutelten Wohlfahrtsstaats,
sondern der Hund Wohlfahrtsstaat liegt bequem im Körbchen und
wedelt sich mit der Globalisierung ein bisschen frische Luft zu
und verscheucht bestenfalls ein paar lästige Parasiten.
Wie rechtfertigt sich dieser überraschende Befund? Erst einmal
historisch: Es sind die demokratischen Wohlfahrtsstaaten, deren
demokratisch gewählte Regierungen aus freien Stücken und zur Bewältigung
bestimmter Probleme im Interesse zumindest großer Minderheiten
ihrer Bürger die Globalisierung, d.h. die Liberalisierung grenzüberschreitender
ökonomischer Aktivitäten betrieben haben. Zweitens ökonomisch:
Der Staat kommandiert immer (noch) und mit eher (wenn auch langsamer)
zunehmender Tendenz einen gigantischen Teil des Bruttosozialprodukts.
Drittens politisch: Der Staat hat immer noch eine weitreichende
Regelkompetenz, die er mittels internationaler Abkommen, Regime
und Organisationen auch deutlich über die eigenen nationalen Grenzen
hinaus verlängert hat. Jedwede Liberalisierung ist begleitet von
zusätzlicher Regulierung, schon im Interesse der beteiligten Akteure,
die in der globalen Wirtschaft nicht auf den rechtlichen Flankenschutz
verzichten wollen, der die Geschäfte zuhause so risikoarm macht,
aber auch im Interesse der beteiligten Regierungen, die sich weiter
wohlfahrtsstaatliche Handlungsspielräume erhalten wollen.
Riegel und Leibfried können das auf über 400 Seiten natürlich
differenzierter darstellen und belegen. Sie gehen einmal historisch
vor und verfolgen die Wurzeln der Debatte um Standortkonkurrenz
und Widersprüche zwischen globaler Wirtschaft und nationalen Verteilungsinteressen
ins 19. Jahrhundert zurück. Sie können eine Dominanz der Politik
nachweisen, die sich von einer „konservativen Wohlfahrtsfunktion“
leiten lässt, die primär zu vermeiden versucht, dass wichtige
Wählergruppen rasch deutlich schlechter gestellt werden. Statistisch
können sich die Autoren auf bekannte Fakten stützen, die belegen,
dass außenwirtschaftliche Öffnung und sozialstaatliche Expansion
meist Hand in Hand gehen. Weniger bekannt und deshalb interessanter
ist der Nachweis, dass internationale Regime (z.B. GATT und WTO)
von wohlfahrtsstaatlichen Vorbehalten durchsetzt (wenn nicht gar
durchlöchert) sind.
Einen wichtigen Teil ihres Buches nimmt der Vergleich zwischen
USA und Europa ein. Bei gleicher Grundrichtung setzen aber die
USA stärker auf Protektionismus (eine These, die durch die jüngsten
Stahlzölle vom März 2002 bestätigt wird) und betriebliche Leistungen,
während die Europäer eher ihre nationalen öffentlichen Transfersysteme
ausbauen (Ausnahme Agrarsektor). Mit der verstärkten Öffnung des
US-Marktes im Rahmen der NAFTA haben aber auch neue Formen der
Umverteilung, vor allem in Gestalt der negativen Besteuerung (Earned
Income Tax Credit) an Bedeutung gewonnen. Im Ergebnis stehen die
von Globalisierungsgegnern verteufelten USA aber gar nicht schlechter
da: Bei Arbeitslosigkeit und Alter ist die Deckung des sozialen
Sicherungssystems besser als in Deutschland, bei Krankheit und
Unfall dagegen schlechter. Trotzdem sind in der Einkommensverteilung
mit einer höheren Spreizung der Einkommen in den USA deutliche
Unterschiede zu beobachten.
Aus all diesen empirischen Befunden und theoretischen Überlegungen
(belegt in einem Literaturverzeichnis mit schätzungsweise fast
1000 Einträgen!) leiten die Autoren die Vorhersage ab, dass die
Politik in demokratischen Gesellschaften keine simple Optimierung
des Sozialstaats nach den Anforderungen der Globalisierung hervorbringen
wird. Der Anpassungsprozess wird primär politischen Kriterien
folgen, deren Ergebnis durchaus dysfunktional sein kann. So vermuten
die Autoren gleich zu Beginn, dass bei einer Kollision von Wohlfahrtsstaat
und Globalisierung eher die letztere gefährdet sei (S.18). Ja,
sie gehen noch weiter und nehmen die Globalisierung gegen ihre
Gegner, denen sie elitäre Haltungen unterstellen, in Schutz und
behaupten „Die Globalisierung ist die neue Form der sozialen Demokratie“
(S.48), da sie eben (als Produkt demokratisch gewählter Regierungen)
demokratisch legitimiert sei und die entgrenzten Märkte der Konsumentensouveränität
mehr Macht einräumten.
Die politische Ökonomie der Wohlfahrtsstaaten ist durch die Einkommensansprüche
definiert, die fast alle Bürger – wenn auch in Form und Umfang
sehr unterschiedlich – haben. Diese Interessen sind politisch
kaum auszuhebeln, da die entsprechenden Wählergruppen zu groß
und stark sind. Die Umverteilungswirkungen der Globalisierung
schneiden sich mit diesen Strukturen. Sie werden dadurch zwar
nicht völlig machtlos, aber abhängig von einem politischen Prozess,
auf den die Verlierer und Gewinner der Globalisierung ebenso Einfluss
nehmen wie die Verlierer und Gewinner der staatlichen Umverteilung.
Es ist sicher eine Verdienst der Autoren, diese Perspektiven zurechtgerückt
zu haben.
Michael
Dauderstädt
Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn
Anthony Giddens:
Die Frage der sozialen Ungleichheit
Frankfurt a. M. 2001
Suhrkamp, 193 S.
Anthony Giddens ist akademischer Wegbereiter und Propagandist
des „Dritten Weges“ sozialdemokratischer Politik. Der vorliegende
Band ist eine Replik auf die Kritik, die ein erstes programmatisches
Büchlein (Der Dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie,
Frankfurt 1999) ausgelöst hatte. Giddens zitiert unter anderem
den Economist, für den die Auseinandersetzung mit dem Dritten
Weg dem berühmten „Ringkampf mit einer aufblasbaren Puppe“ gleicht:
„Sobald man sie an einem Ende zu fassen bekommt, entweicht die
ganze heiße Luft in das andere“. Mit diesem Zitat hat der Autor
sein vorliegendes Werk ziemlich exakt beschrieben: Es liefert
eine Vielzahl von Stichworten und wirft jede Menge wichtiger Fragen
auf, doch sowie sich der Leser etwas gründlichere Aufklärung erhofft,
ist der Autor auch schon wieder mit etwas anderem beschäftigt.
So wird – ein Beispiel – das Thema Rentenversicherung aufgeworfen,
nur um den Leser mit der mageren Erkenntnis zu füttern, dass das
Altern „im Zeitalter der Globalisierung“ nicht vorgegeben sei,
sondern „gesellschaftlichen Entscheidungen“ unterliege. Dem folgt
die rettende Einsicht, dass es heute „um eine Politik der Lebensführung“
anstatt um eine „emanzipatorische Politik der Linken“ gehe. Die
prosaischen Detailfragen, wie die Rentenversicherung zu finanzieren
sei, zu welchen Anteilen die Vorsorgeleistungen öffentlich oder
privat zu erbringen sind oder wie die Alterssicherung in einer
alternden Gesellschaft aussehen könnte, werden durch die Flucht
in nicht weiter erläuterte Allgemeinplätze elegant umspielt.
Auch politisch-philosophische Themen werden nur angerissen, nicht
ausgeführt. So formuliert Giddens den möglicherweise weitreichenden
Satz: „Die Unterscheidung zwischen Links und Rechts war Ausdruck
einer Welt, in der man glaubte, den Kapitalismus überwinden zu
können“ (S. 48). Diese Welt ist Giddens zufolge untergegangen,
doch anstatt Rechts und Links konsequent zum alten Eisen zu werfen,
möchte er auf das Attribut „links“ auch nicht verzichten und besteht
wiederholt darauf, dass die Politik des Dritten Weges „eindeutig
eine linke Politik“ sei.
Giddens startet sein Buch mit einer Darstellung der linken Kritik
am Konzept des Dritten Weges, und diese ist – so muss man einräumen
– überaus fair. Die Kritik erscheint als so „stark“, dass der
Leser nun eine noch „stärkere“ Replik erwartet – um dann deren
Ausbleiben mit Enttäuschung zu registrieren. Statt mit der „traditionellen
Sozialdemokratie“ setzt sich Giddens mit einer selbst gezeichneten
Karikatur derselben auseinander, in deren verzerrten Zügen sich
nicht einmal Old Labour in seinen schlimmsten Exzessen wiedererkennen
lässt. So soll die (sozialdemokratische) Linke durch einen „Egalitarismus
um jeden Preis“ gekennzeichnet sein – eine Charakterisierung,
die vielleicht auf Che Guevara, kaum aber auf Helmut Schmidt oder
Neil Kinnock zutrifft. Ein radikales Gleichheitspostulat lässt
sich – so zitiert Giddens Michael Walzer – nur durchsetzen, wenn
„man die Menschen durch unablässige Eingriffe in ihr tägliches
Leben tyrannisiert“. Eine derartige Tyrannei hat die Sozialdemokratie
nicht einmal im 19., geschweige in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts befürwortet. Sie hat sich stattdessen lange vor Giddens
mit dem Kapitalismus und der in diesem sich erweitert reproduzierenden
Ungleichheit arrangiert. Geradezu absurd erscheint daher Giddens’
Forderung, die moderne Sozialdemokratie müsse „ihr Verständnis
von Gleichheit mit Pluralismus sowie der Vielfalt der Lebensstile
in Einklang ... bringen“ (S. 96) – als hätte die traditionelle
Sozialdemokratie nicht nur exakt vorgeschrieben, wie viele Hüte
jeder Bürger besitzen darf bzw. muss, sondern auch, welche Farbe
diese Hüte haben müssen.
Der deutsche Titel des Buches führt etwas in die Irre, da die
Frage der sozialen Ungleichheit nur eines von drei Hauptkapiteln
ist (die beiden anderen befassen sich mit Regierung, Staat und
Wirtschaftsstrategie sowie mit der „ernstgenommenen Globalisierung“).
Doch ganz zweifellos steht das Problem der Gleichheit/Ungleichheit
im Zentrum des Dritten Weges und seiner Kritiker. Man hätte also
erwarten können, dass Giddens sich diesem Thema systematisch –
etwa nach dem Vorbild von Michael Walzers „Sphären der Gleichheit“
– nähert. Dies ist jedoch nicht der Fall. Gleichheit wird auf
der einen Seite als ein linker „Wert“ gefasst, und das Attribut
„links“ kommt dem Dritten Weg zu, weil er an diesem Wert festhält.
Auf der anderen Seite wird Gleichheit immer wieder mit einer
etwas unschicken Uniformität assoziiert. Wenn freilich Gleichheit
und die „Vielfalt der Lebensstile“ als Gegensätze gefasst werden,
wird ausgeblendet, dass Lebensstile nicht immer das Ergebnis einer
freien Wahlhandlung sind – als könne sich jeder selbst aussuchen,
ob er lieber Golf spielt oder Müll sortiert –, sondern von ungleich
verteilten Ressourcen diktiert werden.
Besonders ärgerlich ist der von Giddens (wie von anderen Vertretern
des Dritten Weges) immer wieder hervorgehobene Ersatz der (altmodischen)
Gleichheit durch (moderne) Chancengleichheit. Ärgerlich hieran
ist, dass der Ersatz eines scheinbar radikalen durch ein scheinbar
realistischeres Konzept suggeriert wird. In Wirklichkeit sind
die Chancen in kapitalistischen Gesellschaften zu jedem Zeitpunk
ungleich verteilt. Wenn einige Millionen erben und andere nichts,
kann von Chancengleichheit keine Rede sein. Giddens spricht diesen
Sachverhalt selbst an: „Chancengleichheit ist mit der unbeschränkten
Übertragung von Reichtum von einer Generation auf die nächste
nicht zu vereinbaren“ (S. 114). Es handelt sich aber eher um eine
der vielen verstreuten Einsichten als um eine programmatische
Aussage. Eine auch nur annähernd gleiche Verteilung der Chancen
aber wäre ein derart radikales Programm, dass es nicht nur die
Protagonisten des Dritten Weges, sondern auch die traditionelle
Sozialdemokratie drastisch überforderte. Anstatt Chancengleichheit
auch nur anzuvisieren, begnügt sich Giddens auch folgerichtig
und in Übereinstimmung mit der traditionellen Sozialdemokratie
mit der Forderung nach „Inklusion“ (etwa durch Ausbildungsmaßnahmen)
und der Konzentration der Sozialpolitik auf die kleine Problemgruppe
der dauerhaft Armen. Giddens thematisiert allerdings auch das
Gegenstück zur unfreiwilligen Exklusion der dauerhaft Armen –
die freiwillige Selbstexklusion der Eliten. Doch er fasst diese
Selbstexklusion eher als moralisches denn ökonomisches oder gar
als politisch zu verarbeitendes Problem.
Giddens’ Buch ist – wie bereits seine Vorläufer – eine schwach
strukturierte Mischung aus klugen Fragen, intelligenten Formulierungen,
gut gewählten Zitaten, ausufernden Sprechblasen und unausgeführten
Annahmen. Das Buch ist weder eine Analyse, die bestimmten Stringenzkriterien
folgte, noch ein Programm, das Wege für die Erreichung bestimmter
Ziele aufzeigte, sondern eine Art gelenkten Wortschwalls, der
der realen Unübersichtlichkeit sozialdemokratischer Politik das
Surrogat historischen Sinns zu unterschieben sucht. Die Tragik
nicht nur dieses Werks, sondern des Dritten Weges als intellektueller
Politikbegleitung schlechthin liegt in dem erwähnten Bedeutungsverlust
des Rechts-Links-Dualismus in einer Welt, in der – wie erwähnt:
auch laut Giddens – zur herrschenden kapitalistischen Ordnung
keine Alternative mehr sichtbar ist. In dieser Welt hat linke
Politik bzw. Politik überhaupt ihr „Narrativ“, ihren historischen
und systematischen Sinn verloren. Der Dritte Weg versucht diesen
Sinn nachzuliefern, kann aber angesichts der Entsubstanzialisierung
der Politik wenig mehr bieten als dünne Abstraktionen. Die Politik
selbst kann auf diesen Sinnersatz gut verzichten, dies zeigt die
eher negative Karriere, die der Dritte Weg in der europäischen
Sozialdemokratie (von New Labour abgesehen) hinter sich gebracht
hat. So historisch und intellektuell anspruchslos der Dritte Weg
auch auftritt, er überinterpretiert bereits die realen Gestaltungschancen
sozialdemokratischer Politik. Die Politikdeutung nach der Art
des Dritten Weges steht daher vor der unglücklichen Alternative,
entweder die politische Substanz so weit ausdünnen zu müssen,
dass sie nicht mehr wahrnehmbar (und die Interpretation nicht
mehr nützlich) ist, oder selbst einen Überschuss an historischer
Substanz zu liefern, den der reale politische Prozess längst nicht
mehr absorbieren kann.
Michael
Ehrke
Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn
David P.
Calleo:
Rethinking
Europe’s Future
Princeton/Oxford
2001
Princeton University Press, 381 S.
Calleo ist einer der großen alten amerikanischen Politikwissenschaftler,
die sich seit Jahrzehnten mit internationalen Beziehungen beschäftigen.
Dieses Buch strahlt über weite Strecken eine Souveränität in der
Behandlung seines Gegenstandes aus, die von tiefer und
breiter Durchdringung des Stoffes zeugt. Sie wird belegt durch
die eher unaufdringlichen Literaturverweise, die jedem Kapitel
folgen. Hier gibt Calleo eine kurze kommentierte Bibliographie
für die Leser, die entweder selbst weiter einsteigen wollen oder
Belege für die vorher dargelegten Thesen suchen. Diese Literaturverweise
zeugen nicht nur von Calleos eigener Belesenheit, sondern schließen
auf so diversen Gebieten wie europäischer Integration, amerikanischer
Außenwirtschaftspolitik, transatlantischen Beziehungen und Sicherheitspolitik
eigene Werke des Autors ein, die auf die lange und profunde forschende
Beschäftigung mit verschiedensten Dimensionen des Themas verweisen.
Calleos Analyse gibt dem Leser vor allem Strukturen an die Hand,
um vergangene Entwicklungen zu verstehen und zu interpretieren
und daraus die mögliche Zukunft zu erhellen. Unter Strukturen
sind dabei Denkschulen internationaler Politik oder nationaler
Wirtschaftspolitik ebenso zu verstehen wie Grundmuster von Interessenstrukturen
und -konflikten zwischen Nationen. Dabei gelingt es Calleo, die
Entwicklung von Theorien und Perzeptionsmustern mit der realen
Entwicklung von Problemen und Politiken schlüssig zu verknüpfen.
Diese Abschnitte zeichnen sich durch eine didaktische Klarheit
aus, die schematisch erscheinen mag, aber vor allem Lesern, die
mit der Dogmen- und Realgeschichte der Weltpolitik und Weltwirtschaft
weniger vertraut sind, extrem erhellend sind. Mit wenigen Strichen
werden Liberalismus und romantischer Nationalismus, List, Marx,
Keynes und Hayek als Exponenten wichtiger Denkrichtungen auf den
Punkt gebracht, gegeneinander abgegrenzt und in ihre Beziehung
zur wirklichen geschichtlichen Entwicklung eingebettet. Gerade
nach dem 11. September 2001, den Calleo zwangsläufig nicht mehr
behandelt, tut es gut, sich auf die langfristigen Basiskräfte
weltpolitischer Entwicklung zurückzubesinnen, bevor man eine ganz
neue Welt postuliert, in der „nichts mehr so ist, wie es einmal
war“.
Auf diesem Hintergrund entwickelt Calleo seine Analyse der europäischen
Entwicklung, vor allem der letzten Jahre seit dem Umbruch in Osteuropa,
der sowohl die politischen wie die ökonomischen Bedingungen des
europäischen Integrationsprozesses fundamental verändert hat.
Calleo macht deutlich, wie dieser historische Systemwechsel alle
mühsam gefundenen Lösungen und Balancen der westeuropäischen Einigung
und ihrer transatlantischen sicherheitspolitischen Fundierung
und globalen wirtschaftlichen Abhängigkeit in Frage stellt. Dabei
gelingt es Calleo, die Schubladenstruktur der meisten akademischen
Analysen aufzubrechen und sicherheitspolitische und wirtschaftliche
Probleme und Lösungen in ihrem inneren Zusammenhang darzustellen.
Auch dabei bewährt sich die längere Perspektive: Wer erinnert
sich noch an die Debatte des „burden sharing“ und die sicherheitspolitischen
Ursachen des Anstiegs und Falls amerikanischer Defizite? Fundamentale,
fast selbstverständliche, aber gerade deswegen oft übersehene
Zusammenhänge werden bei Calleo klar und explizit herausgearbeitet.
Angesichts dieser für den Leser so befriedigenden und bildenden
ersten zwei Hauptteile fällt – zumindest aus der Sicht des Rezensenten
– der letzte Teil, Calleos Überlegungen zur Zukunft Europas, etwas
ab. Zwar werden auch hier Bedingungen und Interessen brillant
analysiert, aber in der Szenarioanalyse bleibt es doch eher im
naheliegenden „main stream“, dessen Plausibilität durch Abarbeitung
zweier eher unwahrscheinlicher Szenarien in den Augen des Lesers
gesteigert werden soll. Weder ein „bipolares Paneuropa“, das Russland
ausgrenzt und EU und NATO bis an dessen Grenzen ausdehnen, noch
ein „vereinigtes Paneuropa“, bei dem NATO und EU sogar Russland
einschließen, scheint aus heutiger Sicht machbar. Auch im transatlantischen
Verhältnis sind dramatische Veränderungen kaum vorstellbar. Calleos
eigene „Vision“, ein erstarkendes Europa, das sich langsam erweitert
und seine sicherheitspolitische und weltwirtschaftliche Rolle
bei enger Bindung an die USA und in friedlicher Koexistenz und
Kooperation mit Russland intensiviert, scheint die logische, aber
auch wenig überraschende Entwicklung. Trotzdem haben seine Alternativszenarien
die nützlich Funktion, Risiken und Chancen, für und gegen das
Mittelwegsszenario drängende Interessen zu erhellen.
Michael Dauderstädt
Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn
Karl Kaser:
Freundschaft und Feindschaft auf dem Balkan
Klagenfurt 2001
Wieser Verlag, 353 S.
Wolfgang Libal / Christine von Kohl:
Der Balkan. Stabilität oder Chaos in Europa
Hamburg/Wien 2000
Europa Verlag, 157 S.
Viktor Meier:
Jugoslawiens Erben. Die neuen Staaten und die Politik des Westens
München 2001
Verlag C.H. Beck, 156 S.
„Yugoslavia as History“ heißt ein Buchtitel, der sich 1996 mit
dem Zerfallsprozess im ehemaligen Jugoslawien auseinandersetzte.
Nach wie vor wird die Region des ehemaligen Jugoslawien überwiegend
in der Vergangenheit behandelt. In den vorliegenden drei Büchern
ist die Vergangenheit, wenn auch in unterschiedlichem Maße, bestenfalls
am Rande Thema. Für alle drei gilt, dass sie, wie Karl Kaser in
seinem Vorwort betont, zukunftsgewandt sind, für die Bücher von
Libal/von Kohl und von Kaser außerdem, dass sie sich - implizit
im ersten Fall, explizit im zweiten - an ein Publikum wenden,
dem „eine friedliche Lösung von gegenwärtigen und zukünftigen
Problemen [auf dem Balkan] ein besonderes Anliegen ist“ (Kaser,
S. 11). Viktor Meier verfolgt ebenfalls einen politischen Anspruch
(7), auch wenn er sich, im Gegensatz zu den drei anderen AutorInnen,
nicht unmittelbar an ein bestimmtes Publikum wendet. Wolfgang
Libal, Viktor Meier und Christine von Kohl schreiben aufbauend
auf ihrer langjährigen Erfahrung als Südosteuropa-korrespondentInnen
deutscher, österreichischer und schweizerischer Medien, doch auch
der Grazer Historiker Kaser, der sein Buch als ein „wissenschaftliches
Sachbuch“ konzipiert, visiert eine breite LeserInnenschaft, und
kommt größtenteils ohne den Rückgriff auf ein spezifisches Fachjargon
und einem nichtwissenschaftlichen Publikum schwer zugängliche
Verweise aus.
Libal und von Kohl befassen sich in einer Reihe von Einzelstudien
mit der Problemlage in verschiedenen Ländern Südosteuropas, den
jugoslawischen Nachfolgestaaten sowie Rumänien und Bulgarien.Im
Fall Bosnien untersuchen sie auch, inwieweit die Konfliktlösungsstrategien
der „internationalen Gemeinschaft“ tatsächlich ihrer Zielsetzung
gerecht werden. Leider fallen ihre Darstellungen denkbar knapp
aus, so dass man keine tiefgreifende Analyse erwarten darf. Hinzu
kommt, dass das Buch bereits vor dem Rückzug Milosevics fertiggestellt
wurde, der erhebliche Veränderungen nicht nur für Serbien und
Jugoslawien, sondern für die gesamte Region mit sich brachte.
Die Lage der albanischen Minderheit in Mazedonien wird zwar als
Ausgangspunkt einer möglichen neuen Eskalation benannt. Aber auch
hier gilt, dass die Zuspitzung der Spannungen zwischen der albanischen
Minderheit und der mazedonischen Regierung, wie auch die Verschärfung
des Konflikts in Südserbien die Problemlage weiter verschoben
haben und folglich in die Erstellung eines Gesamtkonzeptes für
eine Krisenlösung miteingehen müssen. Selbst die Analyse der Zielsetzung
des Balkanstabilitätspakts fällt dünn aus. Im Wesentlichen halten
sich die AutorInnen hier an die offiziellen Verlautbarungen. Daher
hat dieses Buch leider wenig mehr als einen Aktualitätswert und
droht mit jedem Tag mehr von neuen Entwicklungen überholt zu werden.
Anders ist dies für den Band von Karl Kaser, da er tatsächlich
versucht, Denkmuster zu entwerfen, anhand derer die Konflikte
in der Region erklärbar werden. Hierzu dient ihm das bereits im
Titel enthaltene Gegensatzpaar Freundschaft und Feindschaft. Kaser
sieht die Balkangesellschaften dadurch bestimmt, dass Freundschaft
und Feindschaft eine wesentlich größere Rolle spielen als in den
mittel- und westeuropäischen Ländern, welches zum einen heißt,
dass ihre Bedeutung über die reine Privatsphäre hinausreicht und
dass sie „die Entfaltung von Konflikten mit[bestimmen] und … deren
Austragung [charakterisieren]“. (28) Im Unterschied zu den west-
und mitteleuropäischen Gesellschaften sei die Institutionalisierung
in den Balkanländern nur schwach ausgeprägt, weshalb persönliche
Beziehungen einen höheren Stellenwert erhielten, eine Tendenz,
die Kaser auch im Entstehen von Parallelstrukturen im Zuge des
Transformationsprozesses bestätigt sieht. Kaser führt einige Gründe
hierfür an: die osmanische Herrschaft mit einer vergleichsweise
geringen Rolle des Staates im gesellschaftlichen Alltag, die spät
einsetzende Industrialisierung, die auch eine späte und vergleichsweise
geringe Urbanisierung mit sich brachte. Eine wesentliche Konsequenz
sei, dass die Menschen stärker für sich selbst sorgen müssten,
wobei sie auf eine schützende Gemeinschaft angewiesen seien, was
wiederum eine Polarisierung begünstige.
Kaser stellt die These auf, dass der geringere Institutionalisierungsgrad
für die gewalttätige Entladung von Konflikten in dieser Region
verantwortlich sei. Zur Untermauerung verweist er auf Montenegro
- hier dient ihm Djilas „Land ohne Recht“ als reichhaltiger Fundus
- und Albanien, wo er sich offensichtlich auf seine früheren Arbeiten
stützt. Beide Länder gelten jedoch aufgrund spezifischer Gegebenheiten
als in besonderem Maße durch traditionelle Strukturen und Denkweisen
geprägt und eignen sich daher kaum zu einer Verallgemeinerung.
Im übrigen scheint auch Kasers Bild westeuropäischer Gesellschaften
sehr stark durch spezifische Ländermodelle geprägt.
Kaser betont, dass es ihm nicht darum gehe, Wertigkeiten festzustellen,
dass sich aber das „westliche Modell“ nun mal als siegreich herausgestellt
habe, dass „Gesellschaften von hohem … solchen von geringem Institutionalisierungsgrad
… im allgemeinen überlegen“ seien (334). Die gedankliche Folie,
die dabei durchscheint, ist die Gleichsetzung von westlichen Gesellschaften
mit einer urbanen und säkularen Kultur, während die Länder Südosteuropas
als ländlich geprägte, traditionelle Gemeinschaften charakterisiert
werden. Dies trägt allerdings weder den Differenzen innerhalb
der Länder, zum Beispiel zwischen Stadt und Land, noch denen zwischen
den Ländern - Kaser fasst den Balkan von Ungarn und Slowenien
bis zur Türkei! - Rechnung. Die historischen Kapitel fallen wesentlich
dichter und differenzierter aus. Die Originalität Kasers besteht
dabei darin, dass er eine Verbindung herstellt zwischen einer
mikrosoziologischen Analyse, der Analyse zwischenmenschlicher
Beziehungen, und gesamtgesellschaftlichen, politischen Phänomenen
sowie den Beziehungen zwischen Staaten.
Im Gegensatz zu den drei anderen AutorInnen befasst sich Viktor
Meier ausschließlich mit den Nachfolgestaaten des ehemaligen
Jugoslawien. Jeder der früheren Teilrepubliken ist ein Kapitel
gewidmet. Obwohl heute erneut Teil eines gleichen Gesamtstaates
werden auch Serbien und Montenegro getrennt behandelt und auch
der unter UN-Protektorat stehenden jugoslawischen Provinz Kosovo
ist ein gesondertes Kapitel gewidmet. Dies ist in beiden Fällen
mehr als nur eine Frage der Praktikabilität: Im Falle Kosovos
rechtfertigt Meier seine Vorgehensweise damit, dass die ehemals
autonome Provinz durch die Unterstellung unter eine internationale
Zivilverwaltung faktisch von Serbien getrennt sei und „Aussicht
[hat], ein unabhängiger Staat zu werden.“(9) Im Gegensatz zu den
Länderstudien bei Libal und von Kohl fallen hier die Beschreibungen
sehr detailliert aus und vermitteln tatsächlich einen Überblick
über die aktuelle wirtschaftliche und politische Lage in den jeweiligen
Ländern oder Regionen. Allerdings zeichnet sich Meiers Analyse
durch eine starke politische Voreingenommenheit aus. Der Autor
tritt uneingeschränkt für das Recht auf Sezession ein, das er
nicht nur für Montenegro, dem dies auf Grundlage des Berichts
der Badinter-Kommission von 1991 zusteht, sondern auch für Kosovo
reklamiert. Sicher hat Meier insofern Recht, dass der derzeitige
Status des Kosovo keine langfristige Perspektive bietet und eine
Mehrheit innerhalb der (albanischen) Bevölkerung die Unabhängigkeitsbestrebungen
der politischen Führung unterstützt. Dass die Dinge im Falle Montenegros
anders stehen, hat Meier in dem entsprechenden Kapitel sehr wohl
dargelegt. Trotzdem stellt er sich auch hier vorbehaltlos auf
die Seite der politischen Führungselite. Die Feststellung, „dass
dieses Staatsgebilde [das ehemalige Jugoslawien] definitiv der
Vergangenheit angehört“, welches seiner Meinung nach „auch dem
Willen der betroffenen Völker entspricht“ (152), lässt ihn auch
jeden Versuch, eine regionale Kooperation wieder in Gang zu bringen
und alte Kontakte wiederzubeleben, zurückweisen.
Meiers Sympathien und Antipathien stehen von Anbeginn an fest.
Sympathien genießen Slowenien, Kroatien und Montenegro, wobei
das offizielle Montenegro gemeint ist. Klare Antipathien empfindet
Meier gegenüber Serbien. Seine, möglicherweise berechtigten, Bedenken
gegenüber Koštunica stehen in keinem Verhältnis zur Kritiklosigkeit,
die er gegenüber anderen Machthabern an den Tage legt. Sogar Tudjman
und das HDZ-Regime werden eher mit Verständnis bedacht. Meier
unterstellt beispielsweise die Bereitschaft der kroatischen Regierung
(hier ist sogar unklar, ob damit die alte oder die neue gemeint
ist) zu einer Kooperation mit dem Haager Tribunal. Er rechtfertigt
diesbezügliche Vorbehalte in Kroatien und zweifelt an, ob die
Operationen „Blitz“ und „Sturm“, in deren Zuge die kroatische
Armee die von der jugoslawischen Volksarmee besetzten Gebiete
in Westslawonien und der Krajina zurückeroberte, als eine gewissermaßen
interne Angelegenheit Kroatiens überhaupt vor ein internationales
Gericht gehören. Damals wurden 250 000 SerbInnen vertrieben und
einige hundert serbische ZivilistInnen umgebracht. Meier würde
der gleichen These, übertragen auf das Kosovo, wohl kaum zustimmen.
Zu Tudjman vermerkt er lapidar, er habe „die demokratischen Spielregeln
nur ungenügend [beachtet]“ (35). Aus seinen Vorbehalten gegenüber
den SerbInnen macht Meier keinen Hehl. Er sieht seine Antipathien
dadurch gerechtfertigt, dass die SerbInnen insgesamt Miloševićs
Politik „der Vertreibung und Ermordung von Angehörigen anderer
Nationalitäten“ unterstützt hätten, solange sie erfolgversprechend
war (48), und betont, das Problem sei eben nicht nur Milošević,
sondern das politische Denken in Serbien überhaupt (ebd.).
Dementsprechend ist auch Meiers Haltung gegenüber den westlichen
Regierungen, beziehungsweise der internationalen Gemeinschaft
von vorneherein festgelegt. Da sind auf der einen Seite die, die
die Unabhängigkeitsbestrebungen Sloweniens und Kroatiens unterstützt
haben, namentlich Deutschland und Österreich, auf der anderen
Seite, diejenigen, die sich solchen Bestrebungen widersetzten
und auch heute noch, im Falle Montenegros, sezessionistischen
Ambitionen entgegenstehen. Insgesamt sieht der Journalist die
westlichen Staaten in einem „Serbozentrismus“ (sic!) gefangen,
eine These, die er beispielsweise auch in dem „diplomatischen
Lemmingzug“ nach Belgrad (45) unmittelbar nach dem Rückzug Milosevics
bestätigt sieht. Demzufolge sind auch Bestrebungen der EU, eine
regionale Zusammenarbeit zwischen den Staaten wiederherzustellen,
für ihn nichts weiter als ein Versuch, „Serbien wiederum eine
neue hegemoniale Rolle im ehemaligen Jugoslawien zu geben“ (146).
Dass es eine Fixierung des Westens auf Belgrad gegeben hat, ist
nicht von der Hand zu weisen. Die Ursachen hierfür gehen jedoch
sicherlich über die reine Feststellung hinaus, dass eine Eingliederung
Serbiens in die westliche Einflusssphäre unerlässlich für die
regionale Stabilität in Südosteuropa ist. Meier hat auch Recht,
wenn er beispielsweise den Umschwung der westlichen Politik gegenüber
Montenegro nach dem politischen Wechsel in Belgrad anprangert.
Nur tritt in seinem Buch die Voreingenommenheit an die Stelle
einer Analyse der Beweggründe westlicher Politik, die letztlich
auch einen Schlüssel für das, was er als Versagen bezeichnet,
liefern könnte.
Wie eingangs dargestellt geht es allen vier AutorInnen um politische
Schritte, die geeignet sind, die Stabilität in der Region wiederherzustellen.
Für Kaser, wie auch für das AutorInnenpaar Libal und von Kohl
ist klar, dass Europa in diesem Kontext eine besondere Verantwortung
zukommt. Kaser stellt fest, „dass sich die Gesellschaften des
Balkans nicht allein aus der Situation befreien können, in der
sie sich befinden“ (37) und fordert eine Abkehr von der derzeitigen
Balkanpolitik und die Etablierung einer „nachhaltigen Friedensordnung“
(30). Libal und von Kohl fordern eine Revision der jetzigen „Balkanpolitik“.
Obwohl keines der beiden Bücher eine wirkliche Analyse vorlegt,
wird der Stabilitätspakt in seiner derzeitigen Form nicht als
Lösung gesehen. Kaser befürchtet, dass er „mittelfristig zu einer
Erhöhung der gesellschaftlichen Spannungen in den Balkanstaaten
führen“ könnte (30). Wie die beiden anderen AutorInnen fürchtet
er die sozialen Kosten der wirtschaftlichen Liberalisierung. Jenseits
der Kritik fehlt es in beiden Büchern an konkreten Vorschlägen.
Aus Kasers Analyse wird noch am ehesten offensichtlich, dass der
Aufbau von Institutionen zu fördern ist. Den diesbezüglichen Verdiensten
westlicher NGOs bleibt er dennoch skeptisch gegenüber, auch wenn
er mit der etwas befremdlich anmutenden Formulierung schließt,
„dass die Tätigkeiten der verschiedenen NGOs keine nachhaltig
negativen Auswirkungen hatten.“ (312) Die Konflikte in Südosteuropa
sind für Kaser eine „euro-balkanische Herausforderung“, die beiden
Seiten Anstrengungen abverlangt. Zusammen mit Libal und von Kohl
fordert er EU-Europa auf, Verantwortung in Südosteuropa zu übernehmen.
Die mittelfristige Perspektive für Südosteuropa sehen die drei
AutorInnen im Rahmen der Europäischen Union. Viktor Meier gibt
sich an diesem Punkt weniger optimistisch. Er stellt fest, dass
„’Europa’ gegenwärtig in fast allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens
das Zauberwort [ist], das über alle Probleme hinweg in eine leuchtende
Zukunft weisen soll.“ (152) Er weist darauf hin, dass es nötig
sei, den Politikern dieser Länder klar zu machen, dass die europäische
Perspektive nicht von eigenen Anstrengungen entbindet. Auf der
anderen Seite kritisiert er die europäischen Mitgliedstaaten dafür,
dass sie die Bedingungen für einen tatsächlichen Beitritt stets
höher schrauben.
Am Schluss bleibt noch eine fachliche Bemerkungen nachzutragen:
Die Auseinandersetzung mit Südosteuropa war lange Zeit überwiegend
eine Sache der Kultur- und Geschichtswissenschaften. Offensichtlich
verhinderte das vermeintliche oder tatsächliche Gewicht von Kultur
und Tradition, dass die Soziologie und mehr noch die Politologie
eine Annäherung an die Strukturen der vielschichtigen Gesellschaftsformationen
dieser Region wagten. So hat die Wissenschaft vor allem Elemente
zusammengetragen, die die These der Andersartigkeit des „Balkan“
untermauerten, die dann mit den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien
zusätzliche Substanz gewann. Libal, von Kohl und Kaser verfangen
sich alle drei in einer oberflächlichen und durch subjektive Werturteile
geprägten Betrachtung. Aber Libal und von Kohl versuchen stärker,
die Gesellschaften aus sich selbst heraus zu verstehen und zu
erklären und lassen sich weniger von kultursoziologischen Stereotypen
leiten. Trotzdem kommen auch sie nicht ohne pauschalierende Charakterisierungen
aus. Als „Gemeinsamkeiten gegenüber der nichtbalkanischen Welt“
stellen Libal und von Kohl fest, dass die „Balkan-Menschen“ dazu
neigen „die übrige Welt unter dem Freund-Feind-Schema zu betrachten.“
(52) Gemeinsam sei ihnen auch, „dass sie nicht zuhören können.“
(ebd.) Eine angemessene Auseinandersetzung mit Südosteuropa scheint
nach wie vor ein unbewältigtes Problem.
Karin Waringo
Wien
Joe Studwell:
The China Dream.
The Elusive Quest for the Greatest Untapped Market on Earth
London 2002
Profile Books, 359 S.
Im Herbst 1994 erschien in der Zeitschrift Foreign Affairs unter
dem Titel „The Myth of Asia`s Miracle“ ein Aufsatz, der sich als
bemerkenswert klarsichtig erweisen sollte. Drei Jahre vor dem
Ausbruch der Asiatischen Finanzkrise klopfte der amerikanische
Ökonom Paul Krugman den damals so beeindruckenden Höhenflug der
asiatischen „Tigerstaaten“ auf seine Tragfähigkeit ab. Nach einer
kritischen Analyse, etwa zum Missverhältnis von Investitionsaufwand
und Produktivitätsgewinn, kam er zu dem Schluss, dass die Wachstumsdynamik
kaum von langer Dauer sein würde.
Wer heute ähnlich nüchtern Schein und Sein des
chinesischen Wirtschaftswunders hinterfragt, wie es Joe Studwell
in „The China Dream“ tut, bewegt sich in guter Gesellschaft. Trotz
unverdrossen propagierter Wachstumszuversicht fällt auf, dass
sich die Pekinger Führung in jüngster Zeit häufig und besorgt
zu den Krisenstichworten (Massenarbeitslosigkeit, Staatsverschuldung
und soziales Aufbegehren) vernehmen lässt. Noch kritischer hat
sich die OECD in ihrem kürzlich veröffentlichten Bericht „China
in the World Economy. The Domestic Policy Challenges“ warnend
zu Wort gemeldet: Die Hauptursache der erkennbar nachlassenden
Entwicklungsdynamik sei in einem wirtschaftlichen Strukturmix
zu suchen, den der Report als „badly fragmented and segmented“
beschreibt.
Unvermeidliche Übergangsprobleme in einem schwierigen,
aber gleichwohl auf sicherer Spur voranschreitenden Transformationsprozess
von der sozialistischen Plan- zur Marktwirtschaft? Oder doch Reform
in der Sackgasse mit dem Ausblick auf Katastrophenszenarien, wie
sie der amerikanische Autor Gordon Chang in seinem Buch „The Coming
Collapse of China“ (2001) ausgemalt hat? Bei der Neigung, das
Pendel im Falle Chinas mal euphorisch optimistisch, mal in Richtung
Apokalypse ausschwingen zu lassen, fällt ein Buch aus dem Rahmen,
das sich innerhalb des Beobachtungszeitraums (1990-2001) an das
empirisch Fassbare hält. Der Autor, der eine beachtliche (auch
gut dokumentierte) Material- und Fallsammlung aus zehn Korrespondentenjahren
für „China Economic Quarterly“ und ökonomisches Urteilsvermögen
einbringt, seziert den „China Dream“ unter drei Hauptaspekten:
dem bei keinem anderen Land der Welt so konstant – von Marco Polo
über die englischen Textilfabrikanten des 19. Jahrhunderts bis
zu den CEOs multinationaler Unternehmen - zu beobachtenden „gap
between market perceptions and Chinese reality“; den Untiefen
des chronisch unzuverlässigen chinesischen Statistikwesens, dessen
fragwürdige, von Wunschdenken inspirierte Extrapolation durch
Weltbank und IWF das kurzlebige Rechenabenteuer mit völlig überzogen
angesetzten Kaufkraftparitäten hervorgebracht hat; und im Blick
auf die Systemgegensätze, etwa zwischen den künstlich am Leben
gehaltenen Staatsunternehmen („power and patronage“) und den Privatbetrieben
(„driven by profit“), die sich zu einer handfesten Reformblockade
verfestigt haben.
Studwell verschweigt die Erfolgsbeispiele unternehmerischen
Engagements in China (Mobilfunk, Fast Food, verarbeitende Exportindustrie)
nicht. Aber in dem komplexen Kontext, aus dem sich zum Verhältnis
von Kapitalaufwand und Ertrag ein ziemlich ernüchterndes Bild
ergibt, erscheinen sie eher wie Ausnahmen von der Regel. Am greifbarsten
sind die Fehlschläge dort, wo ausländische Gesellschaften in den
Bereichen (etwa in der Energieindustrie) Fuß zu fassen versuchten,
in denen nach wie vor der sozialistische Plan regiert und wo von
marktkonformen Relationen zwischen Erzeugerkosten und Verbrauchspreisen
kaum die Rede sein kann.
Eine der am schwersten zu überwindenden Hürden
für den Marktzugang sieht der Autor darin, dass China parallel
zur außenwirtschaftlichen Öffnung ein bürokratisches Steuerungssystem
aufgebaut hat, das er „the biggest commercial licensing regime
in the world“ nennt und das nach seiner Einschätzung auch den
WTO-Beitritt noch lange überdauern wird. Vor allem die internationale
Versicherungswirtschaft kann ein Lied davon singen, wie das Schlangestehen
um die Zulassung zu einem, gemessen an der Kaufkraft von Privatkunden,
überdies noch sehr bescheidenen Markt, Unsummen verschlingt und
der schiere Andrang der Bewerber die lokalen Kosten (Mieten, Service)
ins Astronomische getrieben hat.
Droht der „China Dream“ zu platzen? Nach Studwells
Einschätzung ist es die Kombination aus der überproportional gestiegenen
Abhängigkeit von wachstumsfördernden Konjunkturprogrammen und
den tief sitzenden „structural maladies“, die Chinas Wirtschaft
bei einem verlängerten Reformstau in einen gefährlichen Abwärtsstrudel
reißen könnte. Einen Zusammenbruch des Finanzsystems unter der
enormen Last der Binnenverschuldung hält er dabei solange für
vermeidbar, wie das Vertrauen von Chinas Sparern noch hält, der
Staat die Anlagemöglichkeiten kontrolliert und die Kapitalflucht
ins Ausland durch die beschränkte Konvertierbarkeit des Renminbi
eingrenzen kann. Für realistischer hält der Autor ein anderes, für die
chinesische Bevölkerung wie für ausländische Investoren nicht
minder folgenschweres Krisenszenario: „A failure to conduct structural
reform of the economy is more likely to translate into falling
growth, as government borrows from the banking system to make
low-return investments and forces savers in turn to accept low
returns on savings deposits and stock and bond purchases.“ Vor
diesem Hintergrund wird das Maß an Tatkraft, mit dem die in diesem
Herbst und im Frühjahr 2003 zu bestellende neue Partei- und Regierungsspitze
ans Werk geht, zur entscheidenden Frage für Chinas künftige Entwicklung.
Jürgen Kahl
Erkrath
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